Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
27 November 2018

Russisches Roulette

Matthias Wurzer über seine Erstbegehung (550, WI5, M6) an der Kristallwand, die eigentlich nur als Plan B gedacht war...

Mitte November 2018 gelang meinem Bruder, Peter Wurzer, und mir, Matthias Wurzer, eine sehr schöne Tour an der NO-Wand der Kristallwand im Venedigergebiet.

Die Idee dorthin zu gehen kam mir in den Tagen zuvor, denn aus vielen Berichten und eigenen Erfahrungen aus anderen Nordwänden in Osttirol dachte ich mir, es könnten durchaus auch in der Kristall-NO-Wand gute Verhältnisse herrschen.

Mit dem Plan die Route „Hobby Strahler“ von Vitto, Isidor und Simon wiederholen zu wollen, starteten Peter und ich mit einem guten Sortiment an Schlaghaken, Pecker, Friends und Keilen. Sicherheitshalber nahmen wir auch 4 kurze Eisschrauben mit - man weiß ja nie!

Am Freitag, dem 16.11.2018, nachmittags ging‘s mit den E-Bikes los und wir fuhren bis zur Brücke, an der der Gletscherlehrweg zum Schlaitenkees abzweigt. Vorbei am Salzbodensee und dem Auge Gottes kamen wir in guten 2 Stunden zu unserem gemütlichen Kühlschrank-Biwakplatz. Dort angekommen fühlten wir bereits beim Hinaufstapfen der letzten 200 Hm, dass die Schneeverhältnisse in der Wand wahrscheinlich nicht optimal sein werden, da wir tief einbrachen und der Schnee sehr pulvrig war. Daher ließ uns ein Blick zur Wand gleich vom ursprünglichen Plan abkommen, als wir die Mega-Eislinie im rechten Bereich der Wand sahen.

Egal ob da schon mal jemand raufgeklettert ist, oder nicht. Da wollten wir hin!

"Hmm, Moths, wie viele Eisschrauben hast du mit?", fragte mich Peter. Ich antwortete: “Teifl i hon ma gedenkt, dass wir in der Hobbystrahler sowieso keine Eisschrauben brauchen werden und deswegen hab i nur 4 kurze mitgenommen.“ 

"Ja wurscht, des werden wir schon schaffen."

Nach dem leckeren Abendessen verkrochen wir uns in unseren Schlafsäcken und zumindest ich bibberte die ganze Nacht, denn es war echt verdammt kalt. Die erste kalte Nacht in diesem Jahr und ausgerechnet in der sind wir beim Biwakieren… super gmocht.

Nicht nur ich zog mich zusammen durch die Kälte, nein auch der Gletscher über dem Einstieg unserer morgigen Tour bemerkte die Kälte und es krachte 4-mal ganz gewaltig.

Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer
Russisches Roulette - Kristallwand (c) Matthias Wurzer

Am nächsten Tag diskutierten wir lang, was wir machen sollten nach dem nächtlichen Eisschlag. Wir sagten uns, zumindest gehen wir mal hin und schauen es uns aus der Nähe an. Gesagt getan. In einer sicheren Nische am Einstieg vom Eis wägten wir ab: Hobby Strahler war keine Option, denn der Schnee war nicht kletterfähig. Einfach viel zu pulvrig und aus Erzählungen von Vitto und Isidor, die schon 2 mal wegen solchen Verhältnissen umdrehen mussten, wussten wir, warum das keine Option ist.

Bei den uns bevorstehenden 150 Hm im Schwierigkeitsgrad WI3 würden wir genau in der Eisschlagzone sein. Also entweder gleich mit Gas durch, oder umdrehen und nach Hause gehen.

Wir schlossen beide die Augen und hörten auf unseren Bauch. Dann schauten wir uns an, klatschten ab und kletterten mit Vollgas die gefährliche Passage bis zum Beginn des steilen Eises, wo wir in Sicherheit waren.

Geil, geschafft und der Serac ließ uns in Ruhe. Jetzt, Seil raus und rauf ins jungfräuliche Eis. Nach 4 genialen Eislängen im Grat WI 4 – 5 kamen wir zu einer Passage, die richtig genial aussah. Uraltes Gletschereis, das aussah wie Fels auf der rechten Seite, bildete mit dem Fels vom Berg auf der linken Seite einen Kamin, der sich super klettern ließ.

Danach folgte für 100 Hm Stapferei auf den Nordgrat der Kristallwand. Von dort konnten wir in 5 langen, anspruchsvollen Mixed Seillängen bis zum Gipfel klettern.

Glücksgefühle pur! Jetzt nur noch absteigen… leichter gesagt als getan. Der lange Abstieg forderte uns nochmals ziemlich.

Nach insgesamt 1 Stunde Zustieg, 6 Stunden in der Wand und 3 Stunden Abstieg kamen wir verschwitzt bei unserem Auto beim Matreier Tauernhaus an. Gleich darauf fuhren wir mit unseren Freundinnen zum alljährlichen Bergführer Gungl nach Kals, feierten eine gute Bergführer Sommersaison und stießen auf die zum Teil neue Tour an!

Text: Mattias Wurzer

Routeninfos Russisches Roulette gibt mit Wandübersicht, GPS und Topo hier:

www.bergsteigen.com/touren/eisklettern/russisches-roulette-kristallwand-nordostwand/

Tipp: Matthias ist morgen, 28.11.2018, ab 16:30 mit den ICEGUIDES für einen Vortrag im Boulderclub Graz 

http://www.iceguides.at

www.bergfuehrer-kals.at/

eisparkosttirol.wordpress.com  

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