02 Januar 2009

Alle 102 Andensechtausender und der K2

Der Skyrunner Christian Stangl möchte alle 102 Anden-Sechstausender besteigen und im Sommer 2009 geht’s für Stangl wieder zum K2...

Es sollte Ende 2008 eine Erstbegehung der 2000-Meter hohen Westwand des Mount Tyree werden - des schwierigsten Berges der Antarktis mit 4.897 Metern. Doch Stangl und seine Kollegen Walter Laserer (Österreich) und Damien Gildea (Australien) sahen sehr schnell: Das ging gar nicht. Brüchiges Felsgestein, starker Wind und Temperaturen um die Minus 45 Grad: Gefahr für Leib und Leben.

Stangl und seine beiden Kollegen versuchten es dann über die Westgratroute. Die gab’s aber nicht mehr. „Auf dem Grat war alles weggeblasen. Blanker Felsen. Bei Aufkommen einer Sturmfront auf 4.200 Metern brachen wir ab und retteten uns ins Basislager“, so Stangl. „Ein 8000er im Himalaya ist ein Kinderspiel gegen die schwierigen Berge in der Antarktis: keine Seile, keine ausgetrampelten Routen, kein ausgebautes Basislager. Man ist komplett auf sich allein gestellt“.

So „machte“ Stangl zwei Gipfel rund um den Mount Tyree: den 4.660 Meter hohen Mount Shinn und en passant – auf dem Weg zum Mount Tyree – den 4.487 Meter hohen Mount Gardner. Nur wenige Bergsteiger standen bisher auf den Eisriesen. Gefährlich sind sie allemal: Auf dem Weg zum Gipfel des Mount Shinn vereiste Stangl ständig die Schneebrille. Darum nahm er sie ab und putzte sie. Mit fatalen Folgen: „Ich konnte 30 Stunden nichts sehen anschließend. Zum Glück war ich fast schon im Basislager als ich blind wurde“.

Am Wandfuß fanden sich die „Überreste“ der amerikanischen Erstbesteiger aus dem Jahr 1967/68: Erdnüsse, Kartoffelchips und Instand Coffee. Tiefgefrostet seit 40 Jahren. „Schmeckte alles noch recht lecker und eine willkommene Abwechslung für uns“, so Stangl über die kulinarischen Erfahrungen mit dem natürlichen TK-Food.

Auf in die Anden

Als sich das Wetter weiter verschlechterte beschloss Stangl die Zelte in der Antarktis abzubrechen. Seine Kollegen begaben sich auf dem Heimweg; Stangl zog es in die Anden. Dort „fehlte“ im noch der dritthöchste Andenberg, der Monte Pissis - im Skyrunstil. Nach Flug und zweitägigem Anmarsch erreichte er den Fuss des Pissis. „Ich war dort vollkommen allein. Keine Bergsteiger, kein Lager, keine Wege, Routen oder Begehungsspuren. Bergsteigen wie ich es mag und es ehrlicher nicht sein kann“, so Stangl. Start auf 4.600 Meter Höhe, Ziel auf 6.795 Meter. Kurz nach Mitternacht lief Stangl los. 7,5 Stunden später stand er auf dem Gipfel. Ein neuer fabelhafter Skyrunning-Rekord.

Auf dem Gipfel merkte Stangl, dass er gerade seinen 52. Sechstausender in Südamerika erlief. Damit hatte er über die Hälfte der 102 registrierten Andensechstausender. Nur ein Schweizer hat mehr auf dem Konto. Und Stangl gebar eine neue Idee. Ziel für die kommenden Jahre: Allen 102 Andensechstausender aufs Dach steigen. Das hat sich noch keiner vorgenommen.

Utopisch für ein Bergsteigerleben? „Nein“, meint Stangl, „ 20 bis 30 der leichteren Andenberge kann man in einer Saison machen. Für die drei, vier wirklich schwierigen – der Chacraraju etwa ist härter als jeder Achttausender, den ich kenne – und die entlegenen braucht man mehr Zeit und muss auch das Scheitern in einer Saison einkalkulieren. Jeden Berg werde ich im Skyrun-Stil machen: Nonstop vom Basislager bis zum Gipfel und retour“, so Stangls Einschätzung zur Realisierung des neuen Planes. Im Herbst soll’s losgehen.

Vor der „Tour des Andes“ steht jedoch noch der K2 im Sommer auf dem Programm. Stangl hatte 2008 nur knapp das K2-Bergsteigerdrama überlebt. Elf Bergsteiger kamen dort in der Hölle des K2 ums Leben. „Ich werde eine neue Route legen für den K2. Um die 2008er-Unglücksstelle herum. Das verringert das Risiko für die nachkommenden Bergsteiger und natürlich auch meines“, so Stangl abschließend zu seinen Plänen für 2009.

Christian Stangl:

Profi-Bergsteiger und Skyrunner seit 2002, aus Hall bei Admont in der Obersteiermark, 42 Jahre alt. Lebensmotto: „Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche“. Skyrunning ist die neueste und sportlichste Form des Höhenbergsteigens: ohne Helfer zum Gipfel, ohne künstlichen Sauerstoff, kein Zelt oder Lagerkette. Und möglichst schnell vom Basislager zum Gipfel – ein Rennen gegen die Uhr. 2007 hat Stangl seine „Seven Summits Speed-Tour” erfolgreich abgeschlossen: Die sieben höchsten Berge der Kontinente jeweils als Tagestour. Darunter den Everest als Tagestour: vom Basislager über die Nordroute zum Gipfel in 16 Stunden und 42 Minuten. Zurück im Basislager unter 24 Stunden. 2008 entkam er nur knapp dem Bergsteigerdrama am K2, als elf Bergsteiger ums Leben kamen.

Webtipp:

www.skyrunning.at

Und „eingefroren“ in der Antarktis
Mount Gardner
Stangl auf dem Mount Gardner
Der Mount Shinn – der zweite Berg, den Stangl diesen Südsommer in der Antarktis bezwang
Auf dem Weg durchs ewige Eis
40 Jahre alte Kekse schmecken noch recht lecker -- Weihnachtsgrüße aus vergangenen Zeiten
Stangl auf dem Monte Pissis in den Anden
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