10 Dezember 2010

Amakanee – eine Reise in die Vergangenheit

Walter Laserer berichtet von seiner Dschungelexpedition zur Carstensz Pyramide

Wie der Spot eines Scheinwerfers auf einer Musical Bühne leuchtete der Schein unseres Lagerfeuers weit in die Dunkelheit, und wir saßen genau wie die Stars in der Mange im Lichtkegel, umringt von einer scheinbar undurchdringlichen rabenschwarzen Mauer. Die einzelnen, in mühevoller Arbeit wundervoll geschmückten Pfeile unserer Träger, sowie die ihre Körper an Länge weit überragenden Bögen konnten wir im flackernden und zuckenden Licht genau erkennen, dafür war es uns unmöglich, auch nur den kleinsten Grashalm außerhalb der uns umgebenden schwarzen Mauer zu sehen. Plötzlich durchdrang ein markerschütternder Schrei den leisen monotonen Singsang unserer Träger. Wie elektrisiert rissen wir die Augen auf, und versuchten zu eruieren, was da passierte. Ein fast völlig nackter Mann, ich schätzte ihn vielleicht auf 25 Jahre, sprang mit gespanntem Bogen und eingelegtem Pfeil aus der uns umgebenden schwarzen Mauer mitten in den Lichtschein des uns beleuchtenden Spots des Lagerfeuers. Dabei schrie er – wie uns schien äußerst wütend und aggressiv – für uns völlig unverständliche Worte in Moni, der Sprache des örtlichen Stammes. Spontan zog sich mein Bauch zusammen und ein äußerst unangenehmes Gefühl breitete sich immer schneller in meinem Körper aus: Angst. Meine Gedanken begannen zu rasen, zahlreiche „was ist wenn….“ Fragen schienen gleichzeitig durch mein Gehirn zu jagen. „What happens, why is that guy so aggressive? “ bestürmte ich natürlich sofort neugierig und doch auch besorgt Amy.

Wir waren erst heute hier in Bulapa angekommen, einer kleinen Siedlung eines Klans der sich zum Stamm der Monis zählt. Die Monis wiederum gehören zu den Papuas, wie man die meist eher kleinwüchsigen Eingeborenen hier im Hochland von Neu Guinea nennt. Die Mentalität dieser eigentlich freundlichen Menschen hier entspricht in vielen Bereichen irgendwie „Halbstarken“ Jugendlichen bei uns. Schnell sind sie fröhlich und bei jedem Unsinn dabei, aber auch ebenso schnell wütend und mit einer alles zerstörenden Aggressivität ausgestattet.

Unsere kleine Expeditionsgruppe bestand aus Amy Grace, einer in Amerika lebenden Ärztin, die bei den Monis aufgewachsen ist und deren Sprache wie ihre Muttersprache spricht, sowie Renate Schachinger aus Österreich, mit der ich schon viele anspruchsvolle Expeditionen, unter anderem zum Mt. Everest, überstanden hatte, und mir. Mein erster Besuch hier im Hochland von Neu Guinea datiert bereits aus dem Jahre 1995, als wir von Illaga her in rund einer Woche Anmarsch in das Basislager der legendären Carstensz Pyramide kamen. Diesmal wollen wir den Monis helfen einen sanften Tourismus aufzubauen. Zu diesem Zweck planen wir erstmals das Basislager der Carstensz Pyramide über das Tal des Kemabu rivers und danach über den legendären Neuseelandpass zu erreichen. Auch hatte ich es mir zum Ziel gesetzt, die alten Gletschermessungen von Heinrich Harrer zu verifizieren bzw. eventuell auch ein paar der heute fast 50 Jahre alten Steinmänner wieder zu finden. Immerhin befinden sich in dieser einzigartigen Region einige der am schnellsten schmelzenden Gletscher der Tropenregion.

„He hasn´t been hired as a porter, but he wanted to, because he also wants to earn money,“ antwortet mir Amy. Massmus, unser Kontaktmann und Chef der Träger, beruhigt mich sogleich: “I will talk to him, no problem, no problem” wiederholt er einige Male. Und tatsächlich, einige Minuten später beruhigt sich der zornige Eingeborene unter intensivem Zureden von Seiten Massmuss. Für unsere erste Nacht im Dschungel haben wir unsere Zelte auf einer kleinen Lichtung hoch oben in den steilen Flanken des ersten bewaldeten Berges aufgebaut. Die Nacht jedoch ist sehr kurz, schon um 05 00 Uhr früh geht es mit dem Frühstück machen los. Um sieben Uhr ist alles verpackt und wir sind Abmarschbereit. Über einige Baumstämme müssen wir nun balancieren, bevor wir nach einigen Stunden ein kleines Gehöft mitten in einer Lichtung erreichen. Eine alte Frau hat scheinbar noch nie in ihrem Leben eine blonde Frau gesehen und beginnt Renate immer wieder im Gesicht und über die Haare abzutasten.

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Jeder Tag jedoch wird anstrengender als der vorhergehende. Am ersten Tag müssen wir nach der Überquerung des Kemabu über eine enge Lianenbrücke zweimal über extrem steiles Gelände aufsteigen und kürzen so einige „Schlingen“ des hier doch rund 40 m breiten Flusses ab. Je weiter wir dem Lauf des Kemabu Richtung seines Ursprungs verfolgen, umso wilder tost der Fluss. Einen halben Tag schlagen wir uns durch einen wunderbaren Auwald mit zahlreichen Orchideen, während der Kemabu daneben wild schäumt und lärmt. Das Rauschen wird zeitweise so stark, dass wir uns nur schreiend verständigen können. Durch zahlreiche Felsbrocken und unterschiedlich große Steine presst sich eine gigantische Wassermasse talwärts. Ich schätze sicher im Schwierigkeitsgrad WW 5. Am nächsten Tag müssen wir den wirklich gefährlichen Kemabu auf einigen umgestürzten Bäumen überqueren. „Really? Via those trees? For me just with protection with our climbing rope,“ antworte ich Amy. Sie redet in unglaublichen Tempo nochmals mit unseren Trägern auf Moni – “realy, it’s the only way, we have to go!” Ich kann mir beim besten Willen kaum vorstellen über diese vom Wildwasser unterspülten Äste und glitschigen nassen Baumstämme zu balancieren. Auch Renate ist besorgt, „ ich hab da echte Todesangst, ich geh da nicht hinüber!“ ist ihr Kommentar. „Wir müssen halt mit dem Seil sorgfältig sichern. Wenn du dich, falls du hineinfällst, auf den Rücken legst, Füße flussabwärts drehst und wartest, bis wir dich bergen, kann dir nichts passieren.“

Am nächsten Morgen ist zum Glück der Wasserstand deutlich gesunken. Wir ziehen die Schuhe aus, um barfuß ein besseres Gefühl für die Baumstämme zu haben. Mit Seilsicherung gelingt uns die Überquerung zwar mit viel Adrenalin aber doch ohne Zwischenfälle.

Fast idyllisch ist der Weiterweg entlang des wilden Kemabu, nur leicht ansteigend durch einen fast romantischen Regenwald. Renate fotografiert immer wieder wunderschöne Orchideen und wir erreichen eine verlassene Siedlung: Tambua. Normalerweise wurden diese Hütten, als sie noch genutzt wurden vom Weg von Ugimba – Bakopapass her erreicht. Wir gehen weiter und unser nächstes Camp steht am Ufer eines idyllischen Bachs, der später, weiter unten in den Kemabu mündet. Wieder waren wir zehn Stunden unterwegs und Amy erscheint heute sehr müde, Renate kocht wunderbare Spaghetti und wir schlafen bei beruhigendem Nieselregen und dem unglaublich melodischen Gesang der Träger ein. Was wird der nächste Tag bringen? Wir hoffen sehr, endlich das waldfreie, aber sumpfige Kemabu Plateau zu erreichen, aber an welcher Stelle werden wir ankommen?

Der nächste Tag beginnt gleich mit der Querung des rund 5 m breiten Baches. Amy fällt hinein, verletzt sich zum Glück nicht, Renate und ich queren weiter oben über größere Steine. Aber das Gelände wird schwieriger als gedacht. Stauden, etwa 3 bis 4 m hoch stehen extrem dicht beisammen, der Boden ist von dichtem ca. 20 cm dicken Moos bedeckt und darunter lauern ähnlich wie Fallgruben immer wieder kleine oder größere Dolinen. Nachdem ich schon um 7 Uhr früh bis zum Hals in so einem Karstloch verschwinde, und mir zum Glück nur Prellungen zuziehe, balancieren wir meistens von Ast zu Ast bzw. Wurzel zu Wurzel. Zu Mittag beginnt ein Nieselregen und wir erreichen einen waldfreien Kessel umringt von riesigen Felswänden. Das ist eindeutig, wir müssen die Nordabstürze der Ngga Pulu Kette erreicht haben.

Wir schlagen unter einem schwarz – weiß gestreiften Überhang unser Camp auf. Einige Arbeit ist notwendig um genug Platz für die Zelte aus dem Lehm zu graben, aber bald knistert ein Feuer - natürlich mit immensen Rauchschwaden – und die Träger beginnen wieder unglaublich melodiös zu singen.

Am nächsten Morgen wird es wirklich spannend. Wo werden wir ankommen? Nach kurzer Zeit schon erreichen wir endlich das so lang ersehnte Kemabu Plateau und ich erkenne die beiden Dugundugu Seen eindeutig. Nun kann ich mich mit der Karte von Heinrich Harrer gut orientieren. Die Überraschung ist groß, sind wir doch schon um „eine Stufe“ höher als gedacht, und nach einem weiteren steilen Berghang erreichen wir die „Autobahn“ von Illaga. Natürlich ist es keine wirkliche Autobahn sondern nur ein schmaler Gebirgspfad, ausgetreten von Danis, die in die Mine zur Arbeit gehen bzw. von Touristen auf dem 7 tägigen Anmarsch von Illaga. Immer wieder finden wir zurück gelassenen Müll, was uns irgendwie traurig stimmt. Im vergleich zu dem was hinter uns liegt, kommt uns dieser Weg tatsächlich wie eine „Autobahn“ vor.

Die Stimmung ist ähnlich wie in den Alpen bei nebeligem Spätherbstwetter, ein schön ausgetretener Wanderweg führt über den 4 500 m hohen Pass. Vom Gletscher, der hier noch vor 50 Jahren kaum ein Durchkommen erlaubte, ist heute nichts mehr zu sehen, und so erreichen wir ohne Probleme schon nach kurzer Zeit das Basislager im Merental. Die Verantwortlichen der nahen Freeportmine organisieren jedes Jahr um den 1. Jänner eine Säuberungsaktion, und unter tatkräftiger Mithilfe von Freiwilligen und Helikoptern der Mine wird das Gelände so sauber gehalten. Wir stellen an den idyllisch gelegenen Seen unsere einsamen Zelte auf. Eigentlich benötigen wir alle einen Rasttag. Da Amy jedoch schon zweimal am Gipfel war und eine wohlverdiente Pause einlegt, beschließen Renate und ich gleich am nächsten Tag auf den Gipfel zu gehen. Nach einer schlechten Nacht, immer wieder gestört von den vielen Mäusen, die sich ohne Scheu fast direkt hinter unseren Köpfen am Zelt Rand bewegen, brechen wir schon um 3 Uhr früh auf. Von meinen vorangegangenen Expeditionen hier her kenne ich die Route gut und wir sind schon nach einer guten Stunde Kletterzeit in rund 600 m Wandhöhe – wirklich rekordverdächtig. Über die Schlüsselstelle haben Studenten der Universität von Jakarta ein Stahlseil gespannt, dass wir aufgrund der enormen Kälte- wir sind immerhin schon auf gut 4 750 m Höhe und die Sonne ist immer noch nicht aufgegangen- als „Tyrolienne“ Brücke benützen. Bei strahlendem Sonnenschein sind wir schon nach kurzer Zeit endgültig am höchsten Punkt zwischen Himalaja und Anden angekommen. Sicher unsere schönste gemeinsame Expedition bisher.

Bald sind wir wieder ohne Probleme am Wandfuß und es ist erst ca. zehn Uhr am Vormittag bei strahlendem Sonnenschein. Leider sind wir viel zu erschöpft um noch an die eine oder andere Kletterei zu denken. Dafür packe ich die alte Karte mit den eingezeichneten Steinmännern aus. Und tatsächlich, in der Nähe der Reste des alten Basislagers von 1936 entdecken wir einen uralt wirkenden Steinmann. Ich untersuche die stark bemoosten Fugen zwischen den Steinen und entdecke eine alte vom Rost völlig zerfressene Blechdose. Von wem ist die? Von der Collin Expedition 1936, oder von Heinrich Harrer 1962? Bei genauerer Untersuchung finde ich ein zusammengefaltetes Stück Papier, eindeutig uralt in der Dose. Wieder im Camp stellt sich heraus, dass wir die Botschaft von Heinrich Harrers Ergebnis seiner vor fast 50 Jahren gemachten Gletschermessungen gefunden haben.

Für den Rückweg entscheiden wir uns für eine andere Route. Durch die Überschreitung des Bakopa Passes erreichen wir den Weg, der von Ugimba zur Goldmine führt. Dieser Weg ist relativ viel begangen, da diese Strecke ein uralter Handelsweg der Monis zu den Stämmen im Tiefland des Südens ist. Heute gehen viele Monis auf diesem Weg zur Mine in die Arbeit. Der erste Tag bringt Nebel und Nieselregen, unser Camp liegt mitten zwischen Baumfarnen in einer sumpfigen Wiese. Der zweite Tag führt uns dann über eine riesige Sumpfstrecke zu einer sehr markanten Geländekante. Schon glauben wir Ugimba zu erkennen, aber wie sollten wir uns täuschen. Typisch Neu Guinea kommt alles Anders als wir denken. Der Abstieg von unserer Geländekante entpuppt sich als „Wurzelkletterei“ in fast senkrechtem Gelände. Die Wurzeln sind stabil und gute Griffe, ein Sturz hätte aber wirklich fatale Folgen. Endlich sind wir die 150 Hm unten, aber was erwartet uns nun? Anstatt eines schönen, aus dem Dschungel ausgeholzten Weges, folgen wir einem mit märchenhaft bemoosten Steinen gebildeten Bachbett. Die ersten Stunden sind wir begeistert, nach dem x-ten Überqueren und durchs Wasser waten sind wir schließlich wirklich wieder völlig fertig als wir endlich Ugimba in der Dämmerung erreichen. Heute brauchen wir nicht mehr in unser feuchtes Zelt schlüpfen, wir können die Schlafsäcke im mit Wellblech gedeckten Schulgebäude ausbreiten.

In Ugimba schließt sich der Kreis unserer „Urwaldwanderung“ wieder, und nach einem weiteren Tag fliegen wir von Bilogai wieder über die Berge nach Süden in die große Stadt Timika. Vor unserem Abflug wird es natürlich wieder spannend, denn eine dichte Wolkendecke verhindert beinahe unseren Flug. Im letzten Moment schaffen wir es mit einem großen Umweg über den lake Paniai nach Westen über die Bergkette zu kommen.

Ach ja, Amakanee ist Moni, hat mehrere Bedeutungen wie „Willkommen“ und „Vielen Dank“ oder „Paßt schon“.

Laserer Alpin

Nordwand der Carstensz Pyramide
Flussüberquerungen sind die Würze eines Dschungeltrips
Der Anmarsch oder Abenteuer pur
Grossartige Flora
Orchideen, jeden Tag wieder eine neue Bereicherung
Eine Überraschende Begegnung
...hat der wirklich an "Vogel"??
am höchsten Punkt zwischen Himalaja und Anden


Kommentare

Neuer Kommentar
Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren.