Das Dreamteam in Lapz bei erste Akklimatisation auf 3600m
12 März 2006

High heels on high hills

Die Geschichte von vier Frauen, die auszogen, um in Südamerika im Alleingang ohne Führer ihre Grenzen zu spüren...

Wir sagten uns “Why not?“

Es begann irgendwann im Frühling 2004 mit der Idee, eine Frauengruppe zusammenzustellen, die selbstorganisiert und ohne Führer einen 6000er besteigt. Ein flappsiges „Why not“ löste eine lange Suchbewegung aus: Mit wem? Auf welchen Berg? Wann und wie? Schnell und unkompliziert fanden wir uns zu viert mit scheinbar gleichen Vorstellungen. Beim genaueren Hinsehen kamen aber auch die unterschiedlichen Motive zum Vorschein: Abenteuerlust, das Bedürfnis sich mit den eigenen Kompetenzen und Grenzen auseinanderzusetzen und diese zu erweitern, eine Auszeit nehmen und die Schönheit Südamerikas. Eines verband uns aber von Anfang an: Die Freude am Bergsteigen.

Am 24. Juni 2005 flog unser 4er Frauenteam mit dem Vorsatz, möglichst selbstorganisiert und ohne Führer „unseren“ 6000er zu besteigen, von Wien nach La Paz.

Wir hatten den Huyana Potosi in der Nähe von La Paz in Bolivien ausgewählt: Vielbegangen, gut selbst organisierbar, optisch ansprechend und technisch unserem Sicherheitsbedürfnis entsprechend, aber doch mit dem gewissen Kick.

In den Wochen vor dem Abflug hatten wir auf der Rudolfshütte, am Dachstein, im Monte Rosa Gebiet und am Großglockner Kondition und Technik trainiert. Da wir uns nur teilweise kannten, wollten wir einander vor allem auch am Berg kennen lernen und Vertrauen in die Fähigkeiten der jeweils anderen entwickeln. Dabei stellte sich bald heraus, dass aus vier Individualistinnen nicht so ohne weiteres ein Team wird. Uns verband ein gemeinsames Ziel, von dem sich jedoch jede ein anderes Bild machte.

Huyana Potosi, die unbekannte Größe

Unsere Vorstellungen änderten sich schlagartig mit unserer Ankunft in La Paz: Nach einem Winter ohne Schneefall fanden wir unerwartete Bedingungen vor. Der Huyana Potosi präsentierte sich uns als unbekannte Größe mit einer Eiswand ungeklärten Schwierigkeitsgrades und Höhe. Ganze Gebiete in der Cordillera Real waren für das Bergsteigen gesperrt. Erneut standen wir vor der Entscheidung: Welcher Berg? Erneut stellte sich die Frage: Wie sollen wir es angehen?

Andererseits war unsere Fähigkeit, bereits Entschiedenes neu zu überdenken, nicht nur durch unsere Bergerfahrung bestens erprobt: Bolivien, oft als Bettler auf goldenem Thron bezeichnet, ist politisch instabil. Kurz vor unserem Abflug hatte ein Generalstreik La Paz lahmgelegt, sodass noch 7 Tage vor unserem Abflug nicht sicher war, ob der Flughafen überhaupt angeflogen werden konnte. Doch die Menschen von La Paz, dem Schleudersitz zahlreicher Regierungen, sind erfahren im Umgang mit Regierungswechsel.

Wir landeten planmäßig auf 4100 m. Der Anflug auf den höchsten internationalen Flughafen der Welt ist atemberaubend, im wahrsten Sinn des Wortes. Die braune, kalte Altiplano bricht ab in den Häuserkessel der Stadt und ist umgeben von den Eisriesen der Königskordelliere, deren Spitzen seltsam abgeschnitten wirken. Bereits der erste Eindruck vermittelte extreme Gegensätze, die sich nicht ganz greifen ließen. Und trotz Ankündigung im Reiseführer lösten die eilig herbeigebrachten Sauerstoffflaschen für kollabierende Mitfliegende Beklemmungen aus. Unser mentales Höhenanpassungsprogramm hatte, noch im Flieger stehend, begonnen. Körperlich trainierten wir zu Beginn in Form kurzer Spaziergänge durch die steilen Gassen von La Paz. Unsere Langsamkeit wies uns als Neuankömmlinge aus und nur die Vorstellung, permanent „4000er zu ersteigen“ ließ uns unsere Schwerfälligkeit ertragen. Später sollten wir, bedingt durch Krankheit in der Gruppe, La Paz bei weitem länger als uns lieb war, leichtfüßig durchschreiten.

Noch gesund brachen wir bald zum Titicaca See auf. In unserer Gruppe stellte sich eine Heiterkeit und Unbeschwertheit ein, bewegten wir uns doch in einer umwerfend schönen Landschaft und ließen wir uns vom unglaublichen Blau des Sees, den Inkavorkulturen als Nabel der Welt bezeichneten, verzaubern. Lange noch nährte uns die Wärme der Sonneninseln und die Unbeschwertheit unserer leicht frischen Badevergnügen auf 3800 Meter.

Das ungreibare Extreme der Situation

Doch nicht Schwimmen sondern Bergsteigen war unser Ziel. Die unbeschwerte Fröhlichkeit, wich einer leicht angespannten Stimmung. Trainiert in Flexibiliät änderten wir krankheitsbedingt unser Trainingsprogramm und fuhren ohne Bergtour von Sorata, einem BergsteigerInnenzentrum, über La Paz in das Condoriri Gebiet. Kondore sind die größten, lebenden Neuweltgeier mit einer Flügelspannweite von bis zu 3,2 Metern, die stundenlang auf ihrer Aassuche dahinsegeln können. Im Condoriri Gebiet leben noch einige Exemplare dieser vom Aussterben bedrohten Geierart. Benannt wurde das Gebiet aber nach einem Berg, dessen Haupt- und Nebengipfel in ihrer Schönheit an einen Kondorkopf mit Flügel erinnern. Am Fuße befindet sich ein Basislager zu dem wir unser schweres Gepäck trugen. Die ungewohnte Höhe, die Kälte, der Wind nach Sonnenuntergang und die engen Zelte setzten uns zu. Die Nudeln blieben trotz guter Kochausrüstung selbst nach langer Kochzeit etwas sehr al dente. Dennoch: Wir erklommen unseren ersten 5000er. Da der Berg technisch nicht schwierig war, blieb das Extreme der Situation seltsam ungreifbar und äußerte sich hauptsächlich in körperlichen und psychischen Symptomen: Jede fand sich zurückgeworfen auf ihre ureigensten Ängste und Bedürfnisse. Unsere sozialen Kompetenzen reduzierten sich. Konflikte in der Gruppe entzündeten sich und blieben unauflösbar. Kleine Hautkratzer heilten nicht mehr. Der eigene Körper wurde unberechenbar: Der Wechsel von toller körperlicher Verfassung zu Schwächeanfällen vollzog sich blitzschnell und unvorhersehbar.

Tag X im Basislager

Zurück in La Paz zwangen uns Krankheiten zu einem längeren Stadtaufenthalt. Doch die Entscheidung war nach viel Recherchearbeit gefallen. Wir wollten den Anstieg auf den Huyana Potosi probieren und endlich war er da - der Tag X im Basislager.

Wir starteten im Dunkeln vertrauend auf unsere Kräfte und im Bewusstsein unserer Schwächen, mit dem Ziel so weit zu kommen wie möglich. Im Schein der Stirnlampen suchten wir unseren Weg. Der Berg präsentierte sich uns als Eislandschaft. Nach 3 Stunden hatten wir einen fantastischen Sonnenaufgang, das Lichtermeer von La Paz in der Ferne und stark unterkühlte Zehen, die an der Motivation zerrten.

Im Morgengrauen erreichten wir die Schlüsselstelle, jene Eiswand, die uns bei unserer Ankunft in La Paz verunsichert hatte. Alles lief wie geschmiert. Die Eisschrauben hielten perfekt, der Vorstieg bedurfte keiner Diskussion und so standen wir bald auf dem nächsten steilen Grat.

Die Höhe setzte uns zu, wenn auch nicht allen gleich und gleichzeitig. Jede kämpfte mehr oder weniger, zwar in der Gruppe aber für sich allein, mit ihren persönlichen Herausforderungen: Die bleierne Müdigkeit, die eiskalten Zehen, die langsam schmerzhaft auftauten und den ständigen Druck auf den Darm. Wir waren langsam, aber wir stapften, jede in ihrem Rhythmus weiter, einen kleinen Schritt vor den anderen setzend, immer höher hinauf, vorbei an glitzernden Eisschneeformationen. Am Einstieg des 50 Grad steilen Gipfelhanges stellten wir fest, dass die Zeit knapp wurde. Ein kurzes Stück kletterten wir noch im scharfkantigem Büßerschnee, den riesigen, aus dem Gletscher gewachsenen, aufrecht stehenden Zacken aus Blankeis, die uns bis zu den Hüften reichten. Dann beschlossen wir auf 5900 m umzukehren um kein Risiko einzugehen.

Zunächst war diese Entscheidung eine Erleichterung und wir hatten ein bisschen Muße, die unglaubliche Schönheit dieser Landschaft zu genießen, auf die Kondensstreifen der Flugzeuge hinunterzublicken und ein wenig innezuhalten.

Zurück in La Paz waren wir trotz der Befriedigung, alles gesund überstanden und den Anstieg alleine probiert zu haben, über den fehlenden Gipfel sehr enttäuscht!

Unsere Expedition führte jede von uns und uns gemeinsam an unsere Grenzen. Was bleibt ist unser Weg durch Schnee und Eis in neue Facetten unserer Persönlichkeiten.

Unsere Gruppe, die nie ein harmonisches Team wurde, löste sich wieder auf. Dennoch haben wir gemeinsam etwas Wertvolles und Einmaliges geschafft.

Natalie Khom |Barbara Oberwasserlechner | Birgit Martini |Birgit Hermann-Kraft

Bolivien Tipps:

Brain Yossi, Bolivia a Climbing guide, Taschenbuch

Robert Lessmann, zum Beispiel Bolivien, Süd Nord Lamuv Verlag, Göttingen 2004. Das Buch enthält eine interessante Sammlung gut lesbarer Artikel über die politische und kulturelle Geschichte Boliviens.

Reiseführer Lonely Planet, Bolivia

Natur Reiseführer, Peru/Bolivien/Ecuador/Galapagos, Kosmos Verlag, Stuttgart 2001. Eine Kombination aus Reiseführer und Bestimmungsbuch für Pflanzen und Tiere. Interessant ist der Bestimmungsteil des Buches.

Elmar Tours in der Sagarnagastreet/La Paz bietet verlässlich und zu guten Preisen Gasolina Blanca (nur dort erhältlich !), Transport mit und ohne Träger sowie geführte Touren an.

Eine sehr empfehlenswerte Unterkunft in La Paz ist die Casa de Huespedes Arthy´s, Av. Montes 693, eMail: arthyhouse@hotmail.com; Web : arthyshouse.tripod.com. Hausherr Rubens spricht mehrere Sprachen und ist genauso wie sein Sohn ein äußerst liebenswürdiger Vermieter, der sich auch um kranke Gäste kümmert.

Sponsoren:

Austria Alpin

Carinthia

Ortovox

Berghaus

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