18 Januar 2011

Interview Stefan Glowacz zur Venezuela Expedition

„Behind the rainbow“: Eine Besondere Route für besonderen Freund. Stefan Glowacz nach Venezuela-Expedition: „Kurt Albert war immer präsent“…

Kletterer Stefan Glowacz und Seilpartner Holger Heuber sind Profis. Auf Expeditionen bereiten sie sich akribisch vor, Unplanbares rechnen sie mit ein. An ihre körperlichen Grenzen zu gehen, ist fester Bestandteil ihrer Unternehmungen in unerkundete Ecken dieser Welt. Doch dieses Mal war etwas anders. Auf ihrer Expedition nach Venezuela, an den Tafelberg Roraima Tepui, begleitete die Kletterer eine emotionale Belastung. Keiner hat gewusst, wie sie es verkraften würden, wenn sie zu zweit eine Expedition vollenden, die sie eigentlich zu dritt hätten abschließen sollen: mit ihrem Freund Kurt Albert. Er war im Herbst 2010 tödlich verunglückt. In seinem Sinn haben Glowacz und Heuber ihr Ziel im Dezember 2010 erreicht: die Erstbegehung der Wand La Proa. Der Name der Route, „Behind the Rainbow“, steckt voller Erinnerungen an ein unbeschreibliches Erlebnis und einen unbeschreiblichen Freund. Stefan Glowacz erklärt, warum.

Stefan, du hast von Anfang an gesagt, du willst die Expedition im Sinne von Kurt Albert vollenden. Ein „Kurt-Albert-Gedächtnisweg“ als Routenname kam für dich aber nie in Frage. Was hat „Behind the Rainbow“ nun mit deinem Freund zu tun?

„Das war in erster Linie Holgers Idee. Er hat nach der Erstbegehung an ein Bild gedacht, das er auch bei seinen Vorträgen immer wieder verwendet. Es zeigt Kurt, wie er einen

Regenbogen nach oben stemmt. Und Holger meinte zurecht: ,Das Leben von Kurt war so

bunt und schillernd wie ein Regenbogen.’ Er war etwas Besonderes. Und das ist die Route

auch. ,Behind the Rainbow’ passt perfekt.“

Im Frühjahr hast du die ersten sieben Seillängen noch mit Kurt Albert durchstiegen. Als du die Expedition abbrechen musstest, hast du Material zurückgelassen. Wie bist du damit zurechtgekommen, an diese Stelle zurückzukehren?

„Es war nicht leicht. Kurts Helm hing noch in der Wand. Es war, als wäre er irgendwie da – und eben doch nicht. Holger und ich haben aber kaum über die Situation gesprochen. Als wir zur siebten Seillänge gekommen sind, herrschte Stille.“

Dieses Gefühl hat vermutlich die Expedition geprägt: Kurt Albert war dabei, aber nicht körperlich.

„Er war immer präsent. Schließlich war er ein tragendes Element der Expedition. Zu erkennen, dass er nie mehr dabei sein wird, war schmerzhaft. Manche Momente waren dabei melancholischer als andere.“

Welche?

„Im Biwak in der Wand denkst Du zum Beispiel an die vielen lustigen Momente, die Du noch vor ein paar Monaten mit Kurt an genau dieser Stelle hattest. Das macht traurig. Oder Du stehst am Standplatz beim Sichern nicht mehr zu dritt, sondern zu zweit. In solchen Situationen wurde uns der permanent leere, unaufgefüllte Platz neben uns stark bewusst.“

Hat diese Belastung die Expedition zu deiner vielleicht schwierigsten gemacht?

„Emotional sind wir bei jeder Unternehmung gefordert. Es zehrt an den Nerven, wenn zum Beispiel das Wetter nicht mitspielt oder ungeplante Schwierigkeiten auftreten. Das alles aber ist mit der Belastung in Venezuela nicht zu vergleichen. So gesehen war die Expedition mit Sicherheit eine der schwierigsten.“

Kurz nach deiner Rückkehr kannte deine Begeisterung kaum Grenzen.

„Das eine schließt das andere nicht aus. Holger und ich haben immer gesagt, wir wollen die Expedition im Sinne von Kurt vollenden. Das ist uns gelungen. Und das ist ein wunderbares Gefühl.“

Deinen ersten Besteigungsversuch musstest du wegen des schlechten Wetters abbrechen.

Hat dieses Mal nur die Sonne geschienen?

„Ganz im Gegenteil. Wir konnten die Uhr danach stellen: Täglich hat es ab Mittag geschüttet

und geschüttet. Sintflutartig schoss innerhalb von kürzester Zeit das Wasser vom Berg

herunter, in riesigen Wasserfällen. Es war permanent nass.“

Wie lässt sich da klettern?

„Wir waren jedes Mal froh, wenn wir in der Wand waren. Denn das war der einzig trockene Ort. Alles war nass und feucht: die Kleidung, die Haken, das Seil, nur nicht der Fels. Die Route, die wir durch die Wand gewählt hatten, war in den letzten neun Seillängen so überhängend, dass das Wasser hinter uns vorbeigeschossen ist. Zum Teil war es so laut, dass Holger und ich uns nur über lautes Schreien verständigen konnten. Es war bizarr.“

Und das war schön?

„Es war atemberaubend, wirklich unglaublich. Die Natur, der Fels, die Lichtverhältnisse. Einfach unbeschreiblich. Das war wohl die schönste Kletterei, die ich jemals gemacht habe. Auch wegen der Dramaturgie: Es wird kontinuierlich schwerer. Die Schlüsselstelle im zehnten Schwierigkeitsgrad kommt in der letzten, der 16. Seillänge.“

Deine Erfahrungen werden ab Herbst im Kino zu sehen sein. Ein achtköpfiges Filmteam hat dich dafür nach Venezuela begleitet. Inwiefern hat das die Expedition beeinflusst?

„Das diktiert den Ablauf. Wir waren etwa vier Wochen unterwegs, davon nur eine Woche in der Wand. Den Rest der Zeit standen Dreharbeiten auf dem Programm. Die Aufnahmen aber entschädigen für alles. Sie verraten einen weiteren Grund, weshalb der Name ,Behind the Rainbow’ so perfekt zur Route passt: Wenn die Sonne durchgedrungen ist, sind wir genau unter einem Regenbogen geklettert. Und das war fast jeden Tag.“

Hintergrund:

Im Frühjahr 2010 starteten Stefan Glowacz, Holger Heuber und Kurt Albert den ersten Versuch, die Wand La Proa im Dreiländereck von British Guyana, Venezuela und Brasilien zu durchsteigen. Nach sieben Seillängen im oberen neunten Schwierigkeitsgrad am Tafelberg Roraima Tepuis musste das Team seinen Versuch wegen des schlechten Wetters abbrechen. Im November 2010 reisten sie erneut an – zu zweit. Denn Albert konnte nicht mehr dabei sein. Die Kletter-Legende war im September 2010 an einem Klettersteig in der Fränkischen Schweiz abgestürzt und seinen schweren Verletzungen erlegen.

Stefan Glowacz – Erfolgreichster Wettkampfkletterer Deutschlands

Geburtsdatum: 22. März 1965

Größe/Gewicht: 1,80 m/70 kg

Beruf: Abenteurer, Kletterer, Referent, Unternehmer

Wettkampf-Erfolge:

1985: Sieger beim Sport Roccia (Bardoneccia, Italien)

1987, 88 und 1992: Gewinner Rock Master (Arco, Italien)

1992: Gewinner des inoffiziellen Demonstrationswettkampfs

bei den Olympischen Winterspielen (Albertville, Frankreich)

1993: 2. Platz bei der WM (Innsbruck, Österreich)

Kletter-Höhepunkte:

1994: Erstbegehung ”Des Kaisers neue Kleider” Wilder Kaiser, Österreich (X+), Grönland-Expedition, Erstbegehung ”Moby Dick” (IX+)

1995: Kanada-Expedition, Erstbegehung ”Fitzcaraldo” (VIII+)

1996: Erstbegehung mit Kurt Albert in den Dolomiten: Südwand der

Kleinen Zinne ”Gelbe Mauer” (IX)

1997: Ostgrönland-Expedition, Erstbesteigung ”Nordlicht” am Tupilak (VIII+)

1999: Segel-und Kletterexpedition in die Antarktis, Erstbesteigung

„Hart am Wind“ (IX)

2000: Kletterexpedition Vietnam; Kletterexpedition nach Baffin Island (IX)

2001: Kletterexpedition Mexiko „El Gigante“ (IX+)

2003/04/05: Patagonien Murallón „The lost world“ (VIII), „Vom Winde verweht“ (IX)

2004: Erstbegehung Titlis Engelberg/Schweiz „Letzte Ausfahrt Titlis“ (X-)

2006: Kletterexpedition nach Venezuela Tafelberge (IX-)

2008: Kletterexpedition nach Baffin Island „The Bastions“ (X-)

2009: Kletterexpedition Minas Gerais/Brasilien “Place of happiness” (IX)

2009: Non-Stop-Begehungsversuch von „Royal Flush“, Fitz Roy/Patagonien

2010: Erstbegehung der Route „Behind The Rainbow“ (X) an der La Proa am Roraima Tepui

im Dreiländereck von British Guyana, Venezuela, Brasilien

Webtipp: www.glowacz.de

Stefan in der Route "Behind the Rainbow" @ Klaus Fengler
In der Route "Behind the Rainbow" @ Klaus Fengler
Der Roraima Tepui @ Klaus Fengler
Stefan und Holger am Gipfel des Roraima Tepui @ Klaus Fengler
Stefan Glowacz @ Klaus Fengler
Der Roraima Tepui @ Klaus Fengler


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