26 Juli 2004

Kangchendzönga 8598 m - Der lange Weg

Einer österreichischen Bergführer Expedition gelang im Frühjahr die Durchsteigung einer der schwierigsten Achttausenderwände in einem Stil, wie er vorher nur selten angewendet wurde. Einhundert Höhenmeter vor dem Gipfel siegte jedoch die Vernunft. Der Weg war das Ziel, doch dieser war lang genug.

Ein Erlebnisbericht von Helmut Ortner.

18. Mai 2001, 16 Uhr, 8463 Meter über NN, allein auf dem Gipfel des Makalu: In allen Himmelsrichtungen geht es nur noch nach unten. Ich genieße das Erreichte und bin froh, dass ich nicht mehr aufwärts steigen muss. Zufrieden mit mir und der Welt gebe ich meinen Expeditionskollegen über Funk bekannt, dass ich für mich als Bergsteiger nun alles erreicht habe. Nur noch gesund herunter kommen. Nie wieder hohe Berge. Zweifel? Nein, obwohl in greifbarer Nähe Everest und Lothse magisch den Blick auf sich ziehen.

Zu diesem Zeitpunkt war es mir wirklich Ernst mit dem Gesagten. Doch schon beim Abstieg faszinierten mich Abendstimmung und Fernsicht. Selbst der Kangchendzönga zeigte sein Haupt in der Ferne. Von einem Moment auf den anderen waren meine guten Vorsätze wie vom Wind weggeblasen. Neue Ziele bauten sich gedanklich vor mir auf. Mount Everest und Kangchendzönga duellierten sich in meinen Kopf. Zurück im Hochlager war klar, einer der beiden musste es sein – das nächste Abenteuer wartet schon. Doch vorerst warteten meine Familie und die Arbeit in der Heimat.

Die Gedanken an die hohen Berge ließen mich jedoch nicht mehr los. Erste Wahl war dabei der Kangchendzönga, denn hier waren die Chancen groß, allein am Berg zu sein. Zudem schwebte mir eine schwierige Achttausender-Wand vor Augen, wie sie der Kantsch mit seiner Nordwand bietet. Bereits Mitte 2002 holte ich mir ein Angebot für eine Expedition ein, sprach mit möglichen Partnern und knüpfte erste Kontakte zu Sponsoren. Endlich, im Herbst 2003 war alles klar, die Mannschaft stand, das Unternehmen konnte finanziert werden und die Genehmigung hielt ich in Händen. Das Bergabenteuer 2004 konnte beginnen.

Für sechs Dollar am Tag mit 20 Kilogramm Last auf dem Buckel

Am 9. April starteten wir zu unserem Abenteuer. Mit dabei waren Leitner Sepp, Winkler Robert, Hanser Andreas, Gratz Thomas und Jud Christian. Von München ging es über Doha nach Kathmandu. Dort wurden wir von unserer Agentur freundlichst empfangen und im noblen Godovari Hotel untergebracht. Am nächsten Tag, einem Sonntag, kam extra der zuständige Beamte ins Ministerium, um uns das Expeditionsbriefing zu ermöglichen. Bereits am darauffolgendem Tag ging es per Flugzeug nach Sukketar in den Osten Nepals. Ein aufregender Flug mit spektakulärer Landung auf 2500 Meter Seehöhe. 56 Einheimische Träger warteten bereits auf uns, um unser Expeditionsgepäck in Empfang zu nehmen. Trägerdienste sind für die Einheimischen in den entlegenen Gebieten Nepals die einzige Möglichkeit, ein bisschen Geld zu verdienen.

Für sechs Dollar am Tag sind die Träger bereit, rund 20 Kilometer am Tag zu gehen. Mit 20 Kilogramm Last auf dem Buckel geht es pro Tag im Schnitt 1000 Höhenmeter auf und ab und das bei 30 Grad plus oder 10 Grad minus. Neben der Trägermannschaft begleitete uns auch ein Koch mit vier Helfern, die für unser leibliches Wohl sorgten. Über allem aber stand Passang, unser Sirdar. An ihm lag es, dass alles klaglos funktionierte. Er war eine starke Autorität und wenn er warnend den Finger erhob, gab es keine Fragen und kein Meckern.

Von Sukketar bis ins Basislager nach Pangbema sind acht Tagesmärsche erforderlich. Der Weg führte uns durch eine atemberaubend schöne Landschaft in das Reich der „Limbus“, wie der Volksstamm im Osten Nepals genannt wird. Herrliches Wetter ließ uns in eine Hochstimmung verfallen. Die schweren Lebensbedingungen der Einheimischen, die wir ständig vor Augen hatten, machten uns jedoch auch Nachdenklich.

Nach drei Tagen erreichten wir Amjilasa in 2500 Meter Höhe, eine kleine Siedlung, die von eingewanderten Tibetern bewohnt wird. Gebetsfahnen grüßten schon von weitem.

Bereits vor hunderten von Jahren sind die Tibeter vom kargen Norden ins fruchtbare Nepal gezogen. Den Höhepunkt erreichte die Zuwanderung in der Zeit der Chinesischen Kulturrevolution ab 1951. Die Tibeter sind sehr gastfreundlich, aber auch geschäftstüchtig. Dafür sprechen die Preise von Bier, Cola oder einem Marsriegel.

Ab Ghunsa, der größten Ortschaft auf unserem Weg, wurde nicht nur das Klima rauer, auch die hohen Berge kamen so nach und nach ins Blickfeld. Als erstes der Jannu (7710m), einer der formschönsten Gipfel im Himalaja. Seine undurchstiegene Nordwand war in diesem Jahr das Ziel einer Russischen Mannschaft. Am vorletzten Tag unseres Marsches kam endlich auch der Kantsch zum Vorschein. Fasziniert von der Größe des Berges erreichten wir am 20. April die Wiesen von Pangbema auf 5134 Meter Höhe. Wie schon große und berühmte Bergsteiger vor uns errichteten wir hier das Basislager für die kommenden 30 Tage.

Auf Ruhe am Anfang nicht verzichten

Die ersten drei Tage gönnten wir unserem Körper Ruhe. Darauf sollte am Anfang nicht verzichtet werden, um sich besser zu akklimatisieren.

Dann, endlich, waren wir bereit für den Einstieg in die Nordwand. Über Nacht fielen 30 Zentimeter Neuschnee und eine dicke Nebelsuppe behinderte die Sicht. Trotzdem gingen wir mit den Sherpas Singi und Dorje schwer bepackt den Pangbema-Gletscher aufwärts. Nach vier Stunden hatten wir genug, stellen ein Zelt auf und deponierten die Ausrüstung. Christian, Andreas und Thomas blieben über Nacht, während Sepp und ich sowie die Sherpas wieder zurück ins Basislager gingen. Die drei errichten auch am nächsten Tag das Lager 1 auf 5800 Metern und kamen dann ebenfalls zufrieden ins Basislager zurück.

Nach kurzer Ruhepause waren dann Sepp, Robert und ich an der Reihe, um den Weg vom Lager 1 zum Lager 2 zu erkunden und zu versichern. Große Hitze machte uns dabei zu schaffen. Auch die unsere Akklimatisation war bei weitem noch nicht zufriedenstellend. Oberhalb von Lager 1 war schließlich der erste Eisbruch zu überklettern. Hier ein Durchkommen zu finden, war gar nicht so Einfach. Robert mit seinem Pfadfinder-Instinkt fand trotzdem einen sicheren und guten Weg durch das Labyrinth aus Spalten. Der Schnee war tief und das Spuren anstrengend. Schließlich gelangten wir an den Beginn des zweiten Eisbruchs. Müde stapften wir jedoch zurück ins Basislager.

Senkrechten bis überhängende Meter im Eis

Starker Sturm verhinderte in den darauffolgenden Tagen sämtliche Aktivitäten am Berg. Als das Wetter besser wurde, versicherten Andreas, Thomas und Christian den senkrechten und teilweise überhängenden 200 Meter hohen zweiten Eisbruch. Dabei erwies sich Andreas als starker und perfekter Eiskletterer, der alles im Vorstieg bewältigte. Singi und Dorje errichteten schließlich Lager 2 auf 6600 Meter. Wir waren schon weit vorgestoßen und redeten schon vom Gipfel, doch bis dahin sollte es noch ein weiter und beschwerlicher Weg werden.

Mit dem Höherkommen wurde auch die Luft dünner und dementsprechend kleiner auch die Tagesleistung, wenn Fixseile zum Anbringen waren. Sauerstoff aus der Flasche kam für uns nicht in Frage. Trotzdem ließen wir von nun an Lager 1 links liegen und gingen immer die 1700 Höhenmeter in einem Ruck bis ins Lager 2 hinauf. Während Robert noch Probleme mit der Anpassung hatte und im zweiten Eisbruch umdrehen musste, brachte ich mit Sepp in der 60 bis 70 Grad steilen und 400 Meter hohen Eisflanke zum Nord-Col die Fixseile an. In den Alpen wäre das eine Genusstour. Im Himalaya stellte es uns Bergsteiger jedoch auf die Probe.

Lager 3 auf 7200 Meter

Christian und Thomas errichteten dann auf 7200 Meter Lager 3 und mussten dort eine Nacht ohne Schlafsack verbringen, denn die Sherpas wurden von der Dunkelheit überrascht und konnten das Zelt nicht mehr erreichen. Stürmischer Wind und die Kälte setzen den beiden ziemlich zu, so dass sie am nächsten Tag zum Abstieg gezwungen wurden.

Am 14. Mai hat Robert Geburtstag. Zusammen mit den Teilnehmern einer spanischen Expedition, die zwar nicht am Kantsch, jedoch auch in diesem Gebiet aktiv waren, bereiteten wir ihm ein großes Fest.

Probieren geht über Studieren

Schließlich verkündete der Wetterbericht für die nächsten zwei Tage Gipfelwetter. Danach sollte es wechselhaft werden und zu Niederschlägen kommen. So entschloss ich mich, mit Andreas einen Gipfelversuch in zwei Tagen zu wagen. In der Theorie schien alles ganz einfach zu sein: Am ersten Tag Aufstieg vom Basislager nach Lager 3, am nächsten Tag zum Gipfel und zurück nach Lager 3 und am dritten Tag Abstieg ins Basislager. Diesen Plan in die Praxis umzusetzen, war eine andere Sache und in dieser Wand noch nie gemacht worden. Aber wie heißt es so schön: „Probieren geht über Studieren“.

Also starteten wir am 15. Mai um vier Uhr vom Basislager. Bereits um acht Uhr erreichten wir Lager 1 und zu Mittag Lager 2. Wir waren übermütig und gönnten uns eine lange Pause, denn zum Lager 3 war es nicht mehr so weit. Auf 7000 Meter wurden die Rucksäcke noch einmal richtig schwer. Auf dieser Höhe waren die Schlafsäcke und Unterlegmatten sowie die Verpflegung deponiert und mussten bis zum Lager 3 mitgenommen werden. Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich das Lager und begannen sofort zu kochen. Bis 22.00 Uhr tranken wir Tee, soviel wie wir nur konnten. Leider nützte es bei mir nicht viel. Nach ein paar Stunden habe ich meinen Mageninhalt wieder gesehen. Ich sah es positiv: wenigstens kein Problem mit dem Gewicht!

Der erste Teil des Plans war uns trotzdem perfekt gelungen und wir hatten uns nicht verausgabt. Was nun folgte, war jedoch für uns absolutes Neuland. Informationen für den weiteren Weg hatten wir nur aus Erzählungen früherer Besteiger.

Tag X war der am 16. Mai

Unser Tag X begann am 16. Mai, um 5.30 Uhr Früh. Gleich am Anfang mussten wir durch tiefen Schnee spuren, was uns einiges an Kraft und Überwindung kostete. Auf 7400 Meter begann dann die 70-Grad-Steilflanke zum so genannten „Castle“. Durch die starken Westwinde war diese Ostflanke voll mit Schnee. Wir hatten ein mulmiges Gefühl und auch Angst, mit einer Lawine abzufahren. Der Ausstieg war felsig und nicht leicht zu klettern. Nach zwei Stunden Aufstieg gelangten wir schließlich auf das Plateau unter der Gipfelwand.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch überzeugt, spätestens 12.00 Uhr auf dem Gipfel zu stehen. Doch die Entfernung sollte uns täuschen. Die nächsten zwei Stunden vergingen, ohne viel an Höhe zu gewinnen. Unterhalb der Gipfelwand angelangt, waren wir gerade mal bei 7800 Metern. Immer noch zuversichtlich stiegen wir jedoch in die Gipfelwand ein.

Auf 8100 Meter ein trauriges Bild: Ein Koreanischer Bergsteiger saß scheinbar schlafend im Schnee. Noch mit dem Abseilachter am Seil verbunden, war er 1999 beim Abstieg vom Gipfel an Erschöpfung gestorben. Ein mahnendes Beispiel, das mich beim weiteren Aufstieg nicht mehr los ließ!

Ein kurzer Moment des Nachdenkens

Ich setzte mir ein Zeitlimit auf 16.00 Uhr. Sollte ich bis zu diesem Zeitpunkt den Gipfel nicht erreichen, würde ich umkehren.

Die Gipfelflanke, obwohl nicht steil, erforderte erst einmal meine ganze Aufmerksamkeit. Der kleinste Fehler beim Gehen hätte auf dem Blankeis fatale Folgen gehabt. Um 15.30 Uhr erreichte ich schließlich den Ausstieg aus der Wand am Südwest-Grat. 8500 Meter hatte ich überschritten. Andreas war etwa eine Stunde hinter mir. Zum Gipfel, so glaubte ich, noch mindesten eine Stunde zu brauchen. Ich dacht an den Koreaner und wusste auch, dass einige gute Bergsteiger am Gipfelgrat als vermisst galten. Ein Biwak kam wegen der fehlenden Ausrüstung ebenso wenig in Frage wie das Risiko, beim Abstieg in die Dunkelheit zu geraten. Ein kurzer Moment des Nachdenkens ließ mich schließlich mit dem Erreichten zufrieden sein. Nach einigen Minuten des Genießens der Fernsicht machte ich mich auf den Weg nach unten.

Auf 8400 Meter traf ich Andreas und auch er war mit der Entscheidung einverstanden. Gemeinsam erreichten wir in der Dämmerung das Zelt im Lager 3. Unsere Müdigkeit bestätigte den richtigen Entschluss, so knapp vor dem Gipfel umzudrehen.

Der Abstieg am nächsten Tag wurde noch einmal zur Tortur. Durch die Wärme der vorangegangenen Tage waren die Eisschrauben an den Standplätzen ausgeapert und auf dem Gletscher versanken wir teilweise bis zur Brust im Schnee. Am späten Nachmittag erreichten wir endlich das Basislager und waren froh, alles heil überstanden zu haben.

Christian, Thomas und Singi wollten noch einen Gipfelgang probieren. Doch aufkommendes Schlechtwetter lies sie bei etwa 8200 Metern umkehren.

Zurück in der Zivilisation

Der Rückmarsch in die Zivilisation war bei Dauerregen auch kein Honigschlecken. Und von Sukketar nach Kathmandu mussten wir einen Hubschrauber chartern, um unseren Linienflug zurück in die Heimat pünktlich zu erreichen.

Ein tolles Erlebnis ist zu Ende. Auch wenn der Gipfel nicht ganz erreicht werden konnte, gelang uns die Durchsteigung einer der schwierigsten Wände eines Achttausenders. Der Weg zum Kantsch ist vorerst zu Ende. Doch ich bin mir sicher, es ist nur eine Teisstrecke. Das Ende des langen Weges ist noch nicht in Sicht.

Berg Heil

Ortner Helmut

Webtipp:

Kantsch.com - die Page der Expedition 2004

Alpinschule Lesachtal - die Bergsteigerschule von Helmut Ortner

Sponsoren der Kantsch-Expedition

Hypo Tirol

Carinthia Schlafsäcke

Columbia Sportswear

Skinfit

Ortovox

Blizzard Ski

Adidas Eyewear

Suunto.com

Garmont

Intersport Lienz

Alpinzentrum Rudolfshuette

Verband der Österr. Berg- und Schiführer

Kals am Großglockner

Kleinezeitung

Basislager auf Pangbema 5100m
Trainingsausflug auf Sechstausender
Im 2 Eisbruch
Im ersten Eisbruch
Die Götter werden Gnädig gestimmt
Beim Frühstücken
Im 1 Eisbruch
Beim Aufstieg mit Ski
Erster Schlechtwettereinbruch
In der Eisflanke zum N-Col
Robert im 2 Eisbruch
Ausstieg aus dem 2 Eisbruch
Am Plateau unter der Gipfelwand
Kurz vor Lager 3
Schwierige Passage am Castl
Einstieg in die Gipfelwand
Helmut am höchsten erreichten Punkt ca. 8500m
Helmut und Andreas zurück im Lager
Sponsor Hypobank Tirol
Der Kangchendzönga mit seiner N-Wand


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