18 Mai 2007

Lawine am Dhaulagiri: Aktueller und offizieller Bericht von Gerlinde Kaltenbrunner

Gerlinde Kaltenbrunner schildert den Schneebrettunfall am Dhaulagiri...

Erster Situationsbereich direkt von Gerlinde Kaltenbrunner 17.5.

Am 13. Mai starben Santiago Sagaste und Ricardo Valencia, nur wenige Meter von mir entfernt. Sie wurden von einem Schneebrett begraben, ich konnte mich mit viel Glück selber ausgraben. Es waren furchtbare Stunden. Ich frage mich immer wieder: „Wieso habe ich das überlebt?“

Am Freitag bin ich noch bei gutem Wetter zum Lager I aufgestiegen, wo ich einige spanische Bergsteiger traf. Außer uns war niemand mehr unterwegs, alle anderen Expeditionen waren bereits abgereist. Nachts hat es geschneit, etwa 25 bis 30 Zentimeter. So war es am Samstag hilfreich, dass ich mich mit 2 von den 3 Spaniern beim Spuren abwechseln konnte.

Nachmittags erreichten wir Lager II auf 6650 Meter. Der Platz – da direkt am Grat gelegen – galt bisher als sicher. Dort stellen alle ihr Lager II hin, wenn sie über den Nordost-Grat gehen. Wenn hier Lawinen abgehen, rauschen die eigentlich in die Ostflanke. Wir schliefen in drei Zelten: Santiago Sagaste und Ricardo Valencia zusammen in einem und Javi Serrano und ich jeweils in einem anderen.

Die Nacht auf Sonntag war eiskalt und sternenklar, wir hofften auf einen schönen nächsten Tag. Doch um sechs Uhr früh kam ein Sturm auf. Es hat nicht geschneit, aber sehr stark gestürmt. Wir mussten erst einmal in unseren Zelten bleiben. Ich lag auf der Matte in meinem Daunenanzug, habe Schnee geschmolzen, um möglichst viel zu trinken und habe immer gehofft, dass der Sturm nachlässt, damit wir endlich starten können. Gegen 8.30 Uhr sah ich noch, wie Javi zum Zelt der anderen beiden rüber ging. Um 9 Uhr – ich hatte kurz vorher auf die Uhr geschaut – spürte ich, wie es ohne jede Vorwarnung mein Zelt wegriss. Ich dachte instinktiv: „Das war’s! Jetzt ist alles vorbei!“ Dann aber wurde es still. Ich hatte noch einen kleinen Raum. So konnte ich atmen und mich wenigstens noch ein bisschen bewegen. Mit meinem Messer, das ich am Sitzgurt hatte, schnitt ich das Zelt auf und schaufelte erst einmal Schnee herein. Ich dachte immer, dass ich mich nicht zu viel bewegen darf, sonst rutsche ich weiter. Das Geländer ist dort ziemlich steil. Irgendwann sah ich ein kleines Loch, konnte endlich den Schnee nach draußen schieben und kam hinaus. Es hat bestimmt eine halbe oder eine dreiviertel Stunde gedauert, bis ich endlich draußen war. Es lag ca. ein halber Meter Schnee über mir.

Ich hatte nur Socken an, fand meine Schaufel und grub meine Schuhe, Handschuhe und Sonnenbrille aus. Dann begann ich zu schaufeln. Mein Zelt stand ursprünglich rund fünf Meter schräg unterhalb von Santiago Sagaste und Ricardo Valencia. Es waren sicher zwei Meter Schnee über ihrem Zelt. Mir war klar, dass die beiden nicht mehr leben konnten, wollte es jedoch nicht wahr haben. Die beiden waren völlig einbetoniert.

Ein Stück links unterhalb stand das dritte Zelt, das nur etwas eingedrückt war. Javi ist Gott sei Dank unversehrt geblieben und wir stiegen gemeinsam ins Lager I ab. Dort haben wir gewartet, bis es unter uns einigermaßen lawinensicher war und sind dann weiter. Direkt vor dem Basislager kamen uns zwei Spanier entgegen und haben Javi Steigeisen gebracht (seine waren beim Lawinenabgang verloren gegangen). Um 19.00 Uhr kamen wir im Basislager an.

Am Dienstag bin ich mit dem Rest der spanischen Mannschaft nach Marpha gelaufen. Der lange Marsch hat gut getan. Ich weiß noch nicht, wie lange ich hier bleibe. In Pokhara, wo der nächste Flugplatz liegt, regnet es und es starten keine Flugzeuge. Aber hier in Marpha scheint zumindest die Sonne.

Liebe Grüße

Gerlinde

Ralf Dujmovits aus dem Manaslu Basislager: 14. Mai. 2007

Alles hatte vielversprechend begonnen: mit unserem Japaner Hirotaka und den beiden Sherpas Pasang und Karma war ich vor vier Tagen gestartet um vorzuspuren und noch die Fixseile nach Lager III anzubringen. Bei schönstem Wetter und besten, inzwischen stark gesetzten Schneeverhältnissen waren wir nach Lager I aufgestiegen. Am nächste Morgen dann die knapp 1000 Höhenmeter nach Lager II (6750 m), das wir schon um 11:00 Uhr bei zunächst noch perfektem Wetter erreichen konnten. Überraschend gut hatte sich die vielen steilen bis mittelsteilen Einzelhänge präsentiert - die Sonne in der Höhe hatte doch eine gute Verfestigung der Schneedecke herbeigeführt und so konnten wir ohne zu große Anstrengung aufsteigen.

Die Teilnehmer hatten sich inzwischen in Lager I eingefunden, um uns am nächsten Tag nach Lager II zu folgen. Leider fing es nachmittags stark an zu schneien was dann auch bis auf kurze Unterbrechungen 24 lange Stunden anhielt. Den beiden Sherpas, Hiro und mir blieb nichts anderes übrig als immer wieder die Zelte in Lager II auszuschaufeln und zu schauen, dass uns der einsetzende starke Wind nicht die Zelte völlig zuwehte. Die Teilnehmer

waren von Lager I während dessen zwar von Lager I aufwärts gestartet, sehr schnell war aber klar, dass mit den schnell mehr werdenden Neuschneemengen nicht zu spaßen war. Der Abstieg ins Basislager stand schon nach 200 Höhenmetern fest.

Auch wir in Lager II hatten zunächst noch gehofft, dass die Schneefälle im Laufe des Vormittags wieder aufhören würden um dann noch absteigen zu können. Leider wurde er aber immer dichter und die Sicht immer schlechter und so entschieden wir uns noch eine Nacht auszuharren.

Tatsächlich klarte es abends endlich auf und eine kalte, windige Nacht stand bevor. Mit dem gleichen Frust, der uns im Laufe des Neuschneetages ins Gesicht geschrieben stand, freuten wir uns gestern morgen über einen glasklaren Tag mit einer geschlossenen Wolkendecke über dem Tal und wir zum Sonnenaufgang nochmals eine Etage höher. An einen weiteren Aufstieg war bei insgesamt 60 cm Neuschnee aber nicht zu denken. Nachdem wir einen Teil der Zelte in Lager II abgebaut hatten, begann für uns ein langer Abstieg.

Der viele neue Schnee war mit dem starken Wind erheblich verfrachtet worden und so konnten wir an fast jeder zweiten Geländekante im Übergang vom flacheren zum steilen mit dem Abgang eines Schneebrettes rechnen. Nicht ganz ungefährlich und sicher auch mit einer gehörigen Menge Glück bewegten wir uns langsam nach unten. An den ganz gefährlichen Passagen liess ich mich von Hiro von oben in die Steilhänge sichern bis sich das zu erwartende Schneebrett gelöst hatte.

Als wir Lager I erreicht hatten und wir damit auf der sicheren Seite waren, fiel mir ein riesen Stein vom Herzen. Es dürften einige meiner gefährlicheren Hochgebirgsstunden gewesen sein.

Die nächsten Tage werden im Basislager sicher mit umfangreicher Planung vergehen. Reicht die Zeit - wenn das Wetter sich überhaupt nochmals stabilisieren sollte - für einen zweiten Versuch? Wenn ja, ist das vorgesehene Trekking zurück nach Kathmandu noch möglich? Jeder im Team hat andere zeitliche Möglichkeiten - alles unter einen Hut zu bekommen wird bei dem wechselhaften Wetter sicher nicht möglich sein.

Während ich diese Zeilen schreibe, haben wir hier im Basislager das allerschönste Wetter - wie vorgesehen wäre heute der perfekte Gipfeltag gewesen. .... wenn da nicht 60 cm Neuschnee gewesen wären.

Für heute beste Grüsse aus Nepal,

Ralf Dujmovits und das Manaslu Team

Webtipp:

Gerlinde Kaltenbrunner

Amical - die "Expeditions"-Bergsteigerschule von Ralf Dujmovits mit zahlreichen Achttausendern im Programm.

Die meisten Fotos sind vom Aufstieg zum Manaslu © Amical.de

Kurz nach dem Verlassen des Basislagers
Hiro am 2. Tag kurz nach Lager I vor der eisschlaggefährlichen Traverse
Perfekte Verhältnisse für den Aufstieg nach Lager II
Noch gute Wetteraussichten nach Ankunft in Lager II
Das Schaufeln auf 6750 m geht los  - 24 Stunden Höhensport
Abends endlich, endlich zähes Aufklaren
Hiro freut sich auf sonnige Aussichten morgens um 4:45 Uhr
Erste Sonnenstrahlen hinter dem Ganesh Himal - Erleichterung
Ein letztes Mal morgendliches Ausschaufeln
Letzte Schaufeleinheit morgens vorm Abstieg
Die beiden Sherpas folgen im Tiefschnee nach unten
Eigentlich wäre heute Gipfeltag gewesen - ....
AMICAL alpin, einer der professionellsten Expeditionsanbieter Europas.
Gerlinde Kaltenbrunner hatte unwahrscheinliches Glück...


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