01 Mai 2001

Mit dem Snowboard am Everest 8848m

Stefan Gatt macht die erste Snowboard-Befahrung vom Everest - hier sein Bericht mit einigen Fotos.

Mit dem Snowboard am Everest

Am 12.4.01 fliegen wir (20 Personen) aus verschiedenen Destinationen Europas unter meiner Leitung in Richtung Nepal ab.

Drei Personen wollen direkt zum Mount Everest und dort ihre Akklimatisierung durchführen. Sie werden von 7 Sherpas begleitet, die in der Zwischenzeit Zelte und Sauerstoffflaschen in die Hochlager transportieren sollen.

Nach einem organisatorischen Tag in KTM geht es am 14.4. mit dem Flieger nach Lhasa (3.780m), wo wir nach Besichtigung einiger markanten Sehenswürdigkeiten - Jokang-Tempel und Potala-Palast zur weiteren Akklimatisierung 2 Tage nach Tsethang reisen. Auch dort stehen kulturelle Aspekte im Vordergrund. Nach diesem Ausflug fahren wir von Lhasa nach Nordwesten ins ca. 130km entfernte Yangbajing auf 4.300m.

Leider verschlechtert sich der Gesundheitszustand eines Teilnehmers gravierend. Eder Ewald muss die Reise vorzeitig abbrechen. Nach einigen Wanderungen in den umgebenden Bergen bis auf 5.700m fühlen wir uns soweit akklimatisiert, dass wir unser Basislager am 22.4. im Tal unter den 7.000-ern von Nyanchen Thanghla errichten. Mit Hilfe von Yaks wird das ganze Gepäck ins Tal getragen. Ein Marsch von ca. 23km Länge. Das Basislager liegt idyllisch auf einer Wiese mit riesigen Felsklötzen.

Erste Besteigung des noch unbestiegenen Südostgipfels (7.080m)

Nach fünf Tagen können wir trotz Schneefall und Sturm zwei Hochlager einrichten. Am 29.4. besteigen trotz widriger Umstände die ersten vier Bergsteiger unter meiner Leitung den Nyanchen Thanglha Zentralgipfel (7.117m). Der Bann scheint gebrochen. Weitere acht Teilnehmer folgen in den nächsten Tagen. Unter ihnen Theo Fritsche, der 1989 bei der Erstbesteigung des Zentralgipfels dabei war. Am 2.5. realisieren mein Vater und ich erste Besteigung des noch unbestiegenen Südostgipfels (7.080m) in zwei Tagen und kehren am 3.5. um 01:00h ins Basislager zurück.

Am 4.5. verlassen wir unser Basislager unter den 7.000-ern und marschieren aus dem Tal hinaus zurück in die Zivilisation. Allradfahrzeuge bringen uns zurück nach Lhasa, wo wir uns drei Tage lang von den Strapazen erholen können.

Von Lhasa in Richtung Everest

Acht Personen verlassen die Gruppe in Lhasa. Damit bleiben noch 9 Personen, die zum höchsten Berg fahren werden. Am 7.5. bringen wir von Lhasa in Richtung Everest auf. Drei Tage Fahrt mit Allradfahrzeugen stehen bevor, bis wir am 9.5. abends das Basislager in Rongbuk erreichen. Dort sitzen wir 2 Tage fest, da durch den massiven Schneefall (ca. 60cm) in den Tagen davor kein Yaktransport möglich ist.

Am 12.5. ist es dann soweit. Wir können bei schönstem Wetter den zweitägigen Marsch ins Advanced Base Camp (ABC) antreten. Am zweiten Tag wandern wir durch eine beeindruckende Allee von Eistürmen zum ABC hinauf. Wie riesige Haifischzähne ragen dort bis zu 30m hohe Berge aus Eis vom Gletscher auf. Am Nachmittag erreichen wir das ABC. Eine kleine Zeltstadt mit über 100 Zelten am Fuße der Chomolungma - der Göttin Mutter Erde.

Es geht los

Der nächste Tag ist der Rast gewidmet. Ab jetzt geht es darum, auf das Schönwetterloch zu warten, das uns unser Wetterfrosch Dr. Karl Gabl von der Wetterdienststelle in Innsbruck ausfindig machen soll. Es dauert bis zum Freitag, dem 18.5., bis er grünes Licht gibt. Am 19.5. werden die Sachen gepackt und am 20.5. bricht die gesamte Mannschaft auf. Theo Fritsche (Bludenz) und ich erreichen in zwei Tagen das letzte Lager auf 8.200m.

Philippe Perlia (Luxemburg) und Mario Kastner (Kitzbühel) sind bereits hier, da sie einen Tag früher gestartet sind.

Der Gipfeltag

Die Nacht ist klar und kalt - das Thermometer zeigt -28°C. Ich schlaf hervorragend. Um 03:15 beginnen wir mit den Vorbereitungen für den Aufstieg. Philippe und Mario sind bereits aufgebrochen. Zuerst geht es darum möglichst viel Flüssigkeit durch Schneeschmelzen zu gewinnen, um das Flüssigkeitsdefizit des letzten Tages auszugleichen. Nach ca. 2 Litern geben wir auf. Kochen bei diesen arktischen Temperaturen ist nicht ganz einfach. Mittlerweile ist es 4:30. Wir beginnen uns langsam aus dem Schlafsack herauszuschälen. Als ich vor das Zelt trete, ist es 5:45 - alles braucht mehrmals so lange, als sonst. Beim Anlegen der Steigeisen, habe ich dann Probleme. Die große Übergamasche passt nicht mit den Steigeisen zusammen. Ich fange an zu basteln. Plötzlich kommt Mario zu mir. Er hat auf 8.400m umdrehen müssen, weil er einen Handschuh verloren hat. Unser Abmarschzeitpunkt verschiebt sich durch meine Bastelei auf 06:45. Bei Morgengrauen stapfen wir los. Ab jetzt kommen die technischen Schlüsselstellen des Aufstieges über die Nordseite. Vor allem die Querungen von der ersten zur zweiten Stufe sind an Ausgesetztheit kaum zu überbieten - und das auf 8.600m. Ich quere auf fenstersimsbreiten, leicht geneigten Steinplatten eine Strecke von ca. 150m. Hier braucht man gute Nerven. Ein Fehler würde Dich fast 3.000m die Nordwand hinunterbefördern. Die zweite Stufe bietet Schwierigkeiten im Fels von UIAA V.Grad. Philippe kommt mir entgegen. Er war an diesem Tag um ca. 01:00h am Gipfel. Für mich sind es noch fast zwei Stunden bis zum Gipfel.

Die Abfahrt

Das Gipfeleisfeld lässt sich dann schnell überwinden. Auf hartem windgepresstem Schnee gewinne ich schnell an Höhe. Über Fels mit abermals heiklen Passagen umgeht man dann den Vorgipfel. Theo kommt mir bereits entgegen. Als wir uns treffen, kann ich ihn aber überreden, nochmals aufzusteigen. Auf dem stark überwächteten Gipfelgrat geht es dann nochmals eine halbe Stunde bis zum Gipfel. Um 15:20 erreichen wir den Gipfel. Ich stehe am Dach der Welt. Ganz oben. Als erster Mensch mit Snowboard und ohne künstlichen Sauerstoff am Mount Everest 8.848m.

Nach einigen Bildern am Gipfel schnalle ich das Snowboard an - der mühsamste Teil. Das Gleiten geht dann sehr leicht. Das Gipfeleisfeld ist bockhart gefroren. Der Sturm bläst mir den abgekrazten Schnee ins Gesicht. Das macht keinen Spaß. Ursprünglich wollte ich das Nortoncouloir bis ins Lager II hinunterfahren. Irgendwie habe ich aber das Gefühl, als ob das nicht passt. Also schnalle ich ich das Board unter der dritten Stufe wieder ab (8.650m) und montiere es auf meinem Rucksack.

Ich werde es bis 7.600m hinuntertragen. Nach einer Nacht auf 8.200m steigen wir weiter ab, während unsere Kollegen Josef Streif (Allgäu), Sherpa Nowang (Nepal), Erich Gatt (Igls), Wolfgang Fasching (Lambach) am 23.5. zum Gipfel steigen.

Ab 7.600m kann ich das Snowboard dann endlich wieder einsetzen und schwinge so gut es geht mit meinem 25kg-Rucksack die Hänge hinunter zum ABC. Am 24.5. sind alle wieder im ABC vereint.

Der 26.5. ist unser Abmarschtag mit den Yaks hinaus ins Basislager nach Rongbuk. Wir säubern unseren und andere Zeltplätze vom Müll, werfen wie bereits im Nyanchen Thanglha-Gebirge den ganzen Abfall in unsere roten Saubermacher-Säcke und laden diese auf die Yaks.

Am 27.5. werden die Zelte getrocknet und die Ausrüstung zusammengepackt. Am 28.5. verlassen wir Rongbuk und fahren mit den Allradfahrzeugen bis zur Grenze nach Zangmu. Dort hängen wir 2 Tage fest, da in Nepal Generalstreik herrscht.

Am 30.5. um 03:30 fahren wir im Schutze der Dunkelheit nach Kathmandu. Am 31.5. sollte es über Delhi nach Hause gehen. Aber der Flieger geht nicht von Kathmandu - erst um Mitternacht. Also versäumen wir unseren Anschlussflug und verbringen eine Nacht am Flughafen in Delhi. Innsbruck erreichen wir um 16:00. Endlich wieder daheim.

Webtipp: Horizont-Reisen von Dr. Erich & Dr. Stefan Gatt

Text von: Dr. Stefan Gatt, Leiter der Everest Nordgrat-Expediton im Frühjahr 01



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