16 August 2010

Monster Bigwall

Daniel Kopp, Roger Schäli und Simon Gietl gelingt 1300 m Bigwall an der Westküste Grönlands....

„Wir sind alle irgendwie sprachlos, stehen da eng aufeinander, der Gipfel misst etwa vier Quadratmeter“, beschreibt Roger Schäli seine Emotionen. Die Big Wall misst vom Einstieg bis auf den Gipfel exakt 1325,5 Meter. Die Route verläuft über 40 Seillängen – alle 40 konnte das Team rotpunkt begehen, zwei davon sogar onsight!

Das Team und seine Mission

Das Expeditionsteam besteht aus den SALEWA alpineXtrem Team-Mitgliedern Daniel Kopp (A), Roger Schäli (CH) und Simon Gietl (I), dem Basecamp-Manager Jost von Allmen und dem Fotograf, Expeditionsleiter und Kletterer Thomas Ulrich. Sie haben sich aufgemacht im Osten von Grönland eine anhaltend senkrechte 1325,5 Meter hohe Big Wall zu erklimmen.

Vor der Abreise gibt es viel zu tun

Die Materialbeschaffung ist eine echte Herausforderung. Um durch die Big-Wall zu steigen, braucht es eine umfangreiche Ausrüstung. 120 Kilo wiegt alleine das Klettermaterial, das die Kletterer mit sich hochziehen. Luxus kommt da keiner ins Gepäck.

Zürich – Kopenhagen – Reykjavík – Kulusuk – Constable Point

Mit 200 Kilo Gepäck checkte das Expeditionsteam im Flughafen Zürich ein. Weitere 250 Kilo Ausrüstung für Klettern und Basislager waren bereits mit FedEx nach Island geschickt worden. Nach einem Zwischenhalt in Reykjavik flog das Expeditions-Team nach Kulusuk in Ostgrönland und von dort weiter nach Constable Point. Das ist ein Stützpunkt ohne Einwohner. Es gibt nur eine nicht asphaltierte Schotterflugpiste und sechs Hangars. Thomas nahm die beiden Zodiac Schlauchboote in Betrieb. Jost versuchte, die Verbindung zur Aussenwelt einzurichten. Simon, Daniel und Roger verstauten das Material in wasserdichte Säcke.

Bergsteiger sind auch Seefahrer

Alle Details waren geprüft, das Gepäck lag in den Schlauchbooten. Die Expeditionsteilnehmer verliessen Constable Point und brausten zum Berg. Ab sofort waren sie nur noch auf sich alleine gestellt. Und schon gab es erste Komplikationen. Nach nur 50 Kilometern Seefahrt strandeten sie im Niemandsland.

Eines der beiden Boote lief nicht richtig. Nachdem den Schlauchbooten mit der Fusspumpe mehr Luft spendiert und das Gepäck anders verteilt worden war, hüpften die schwerbeladenen Schlauchboote wieder über die Wellen. Die Bergsteiger-Seefahrer wurden nass bis auf die Unterwäsche.

Die 60 PS-Motoren der Boote brauchen viel Treibstoff und das Team musste immer wieder an Land gehen, um die Bezintanks aufzufüllen. Die Boote fuhren vorbei an riesigen Eisbergen. Einer krachte zusammen; nur wenige Sekunden nachdem die beiden Schlauchboote an ihnen vorbeigefahren waren. Die Bergsteiger manövrierten die Boote vorbei an Eisschollen.

Ankunft im Basislager

Der Berg befindet sich in einer schroffen und völlig entlegenen Gegend. Diese Expedition musste übrigens ohne genaues Kartenmaterial in Angriff genommen werden. Offenbar ist es ganz schwierig, detaillierte Karten zu bekommen – der Berg liegt so abgelegen. Das Team entschied sich, das Basislager auf einem Platz rund 50 Meter über dem Meer einzurichten.

Nach dem Aufstellen des Ess- und der beiden Schlafzelte kümmerten sich Simon, Daniel und Roger sofort um die Aufteilung des Klettermaterials, Thomas und Jost um das umfangreiche weitere Material, die Boote und die Aussenkommunikation. Das Camp bietet eine fantastische Aussicht auf die Fjordlandschaft.

Die Big Wall liegt weitgehend im Schatten

Simon, Daniel, Thomas und Roger stiegen gleich über den Gletscher empor zum Wandfuss. Sie konnten es kaum noch erwarten, die Big Wall endlich von unten zu begutachten. Die Höhendifferenz vom Basislager zum Einstieg in die Big Wall beträgt 590 Meter, der Fussmarsch dauert knapp zwei Stunden.

Das Team stieg heute mehrmals rauf und runter, schleppten viele Kilo Klettermaterial hoch. Die Jungs kletterten bereits siebeneinhalb Seillängen. Simon und Thomas hüpften zur Abkühlung tatsächlich kurz ins Meer. Roger ersparte sich diesen Kälteschock, hatte er doch in den vergangnen Tagen auf der Seefahrt genug gefroren. Das Wasser war 3 Grad, die Lufttemperatur erreichte in der Sonne 20 Grad. Sehr aussergewöhnlich für Grönland. Um Material hochzutragen, sogar etwas heiss.

Der Berg wird Grundtvigskirken genannt

Spuren einer vorherigen Begehung haben die Kletterer in der Big Wall soweit keine entdeckt. Nachdem sie vor ein paar Tagen herausgefunden hatten, dass der Berg Grundtvigskirken heisst, erreichte sie die Information, dass 1999 ein schwedisches Team in diesem Massiv kletterte. Die Schweden bestiegen zwei Gipfel via Südost-Seite in 25 Seillängen. Die Big Wall befindet sich jedoch auf der auf Nordost-Seite.

Gipfelsturm

Die zwanzig Seillängen, die die Kletterer in den vergangenen Tagen vorbereitet hatten, durchstiegen sie in fünf Stunden. Danach folgten 150 Höhenmeter durch eine vereiste Rinne über ein Schneefeld. Die Kletterschwierigkeit liegt im 8. alpinen Grad und beinhaltet viel Riss- und Reibungskletterei. Zum Teil fast glatte Felsstruktur. Oben stellt sich die Gipfelwand dann noch mal auf und wird für das Team zunehmend schwieriger.

Mittlerweile haben sie insgesamt 250 Kilo Kletterutensilien sowie Essen und Trinken für fünf Tage auf einer kleinen Kanzel in gut 600 Meter Höhe deponiert. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Täglich live aus der Big Wall

Daniel, Roger und Simon berichten täglich über ihre Erstbesteigung in Grönland - live und via Satellit aus der Big Wall. Fotograf Thomas Ulrich übermittelt dazu Bilder und Videos. Begleiten Sie das Expeditionsteam auf ihrem Abenteuer – auf

blog.tagesanzeiger.ch/outdoor

Webtipp:

www.salewa.at

Der Grundtvigskirken mit der geplanten Route. 1 = Einstieg, 2 = Materialdepot, 3 = Headwall © Thomas Ulrich
Unermüdlicher Simon Gietl in der Wand © Thomas Ulrich
In der Head Wall © Thomas Ulrich
Unsere Hängezelte in der Big Wall © Thomas Ulrich
Roger im Portaledge © Thomas Ulrich
Auf dem Gipfel! Ein Granitturm und eine Aussicht wie im Märchen © Thomas Ulrich
Rasten und geniessen. Der Gipfel misst vier Quadratmeter. Daniel Kopp, Simon Gietl, Roger Schaeli (v.l.). © Thomas Ulrich
Abseilen © Thomas Ulrich
Abstieg vom Wandfuss mit schwerem Material auf dem Buckel. © Thomas Ulrich
Roger lenkt eines der beiden Schlauchboote. Gar nicht so einfach! © Thomas Ulrich


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