27 Mai 2010

Tamara Lunger - die jüngste Frau auf dem Lhotse

Die Südtirolerin besteigt als jüngste Frau und zweite Italienerin den 8.516 m hohen Lhotse...

Die letzten zwei Monate waren auch für mich nicht immer einfach. Man hat zwar das Ziel im Kopf, aber man muss so lange darauf warten, immer wieder vor dem Gipfel umkehren, einige Tage im Basislager warten, schöne und auch schlechte Tage an sich vorbeiziehen sehen...

Für den einen Gipfel kann man wirklich nur warten und warten. Und dazu muss die Freude, die einen da hinauf treibt schon groß sein, denn sonst bekommt man es schneller mit dem Heimweh zu tun als es einem lieb ist.

Mit 7 Aufstiegen zum Gipfel

Ursprünglich planten wir nur drei Aufstiege zur Akklimatisation durch den Eisbruch - zum Einen, weil es recht gefährlich ist, zum Anderen, weil man einfach mit der Zeit genug bekommt von immer demselben Anblick.

Für mich wurden es dann schlussendlich 7 Aufstiege, da der 6. Versuch dann auch noch als Akklimatisation gegolten hatte, weil ich den Gipfelversuch noch einmal abbrechen musste und mit einem anderen Sherpa erneut aufbrach.

Für den ersten Gipfelversuch war ich körperlich bereit, aber ich spürte, dass es heute nicht sein sollte. Mein Sherpa Dawa war nicht sonderlich motiviert, der Weg war sehr lang und dann trafen wir noch auf den kürzlich verstorbenen Russen, den man einfach zu den Fixseilen gebunden hatte, an denen die Leute hoch mussten.

Dieser Anblick hat mir dann wieder schwer zu denken gegeben und ich musste mich nur so seitwärts am Toten vorbeizwängen. Mein Sherpa hatte mit Kopfschmerzen zu kämpfen und seiner Meinung nach reichte sein Sauerstoff nicht aus für den ganzen Weg.

Ich traute mich dann aber auch nicht alleine weiter zusteigen, weil ich nicht wusste ob noch Menschen auf dem Weg waren. Zweitens war der Weg noch sehr lang und drittens wusste ich, dass die schwierigen Passagen erst am Schluss kommen würden, wo ich wahrscheinlich schon fix und fertig sein würde.

Aufbruch bei "Gut-Wetterfenster"

Also entschied ich mich mit meinem Sherpa abzusteigen. Ich war von erstaut, dass ich mich mit der Situation relativ gut abfand. Ich empfand es als gute Akklimatisation und ruhte mich wieder ein paar Tage aus. Das nächste „Gut-Wetterfenster“ war für den 21.-24. Mai angesagt und ich entschied mich zum Aufbruch am 23. Mai, da an diesem Tag auch einige andere zum Lhotse Gipfel aufsteigen würden.

Lager 3 war noch ganz ok. Ich fühlte mich frisch, da ich mich auch immer gezwungen habe langsam zu gehen, damit ich meine Energiereserven auf den letzten Tag aufsparen konnte. Am Vorletzten Tag - in Lager 4 - war ich schon recht müde und erschöpft, aber mein Sherpa kümmerte sich gut um mich.

Wir entschlossen uns also am 23 Mai um 1.00 Uhr aufzubrechen, zusammen mit den meisten Anderen, damit unsere Sherpas noch die fehlenden Fixseile anbringen konnten. Sie machten gute Arbeit, aber wir mussten immer wieder anhalten und warten, bis de Fixseile montiert waren und somit hatte ich auf einer Höhe von 8100 m so an der Kälte zu leiden, dass ich mich dann doch entschlossen habe die Sauerstoffflasche anzuschließen ( schweren Herzens!!!!!!!!!!!!!).

Schnell mal für eine Stunde auf dem Klo

Was mich aber in diesen Höhen am meisten stört ist, dass man doch so viel trinken soll, aber da das Gelände so steil und gefährlich ist, dass man sich bei dem auf Klo gehen immer die Steigeisen und den Gurt anziehen muss. Mit dem Daunenanzug noch dazu ist das dann perfekt. Ich habe sogar einen gesehen, der sich 15 m unter das Zelt abgeseilt hat, um sein Geschäft zu erledigen, da ist man dann schnell eine Stunde auf dem Klo unterwegs :-)

Also stellte ich den Sauerstoff auf die Stufe 1 ein und versuchte mich an der Maske. Aber ich war einfach nicht in der Lage aus dem Ding zu atmen und habe dann meine eigene Atemtechnik (Nase oberhalb des Atemgeräts und Mund innerhalb) gefunden. Vielleicht hat es mir wegen meiner kalten Füße nicht mal etwas gebracht, aber versucht ist versucht.

Steile Rinne vor dem Gipfel

Die Rinne hat sich schön hinauf geschlängelt, bis er am oberen Ende wieder etwas weiter geworden ist und dann schließlich auf felsigem Gelände bis auf dem Gipfel geführt hat. Wir waren zu dem Zeitpunkt zu siebt auf dem Gipfel und es war gerade mal 10:23 Uhr, aber die Wolken ringsum waren schon aufgezogen.

Nach ca. einer Stunde auf dem Gipfel sind wir in dass Lager 4 abgestiegen, wo ich mich überhaupt nicht mehr ausgekannt habe. Ich habe versucht Englisch zu sprechen, habe aber keinen Satz heraus gebracht. Hilfe, Hilfe. So haben wir und dann entschieden noch ins Lager 2 abzusteigen, welches wir dann bei finsterer Nacht, torkelnd und langsam erreicht haben.

Warten vor dem Eisbruch

Den ganzen Tag über mit nichts zu essen und nur einen Liter zu trinken bin ich im Lager 2 angekommen, wo mir mein Sherpa dann erklärte, dass wir kein Gas hätten um uns etwas zu kochen - ich ging schlafen.

Am nächsten Morgen wachten wir auf, und draußen hatte es ca. 20 cm Schnee den wir im Eisbruch nicht gebrauchen konnten. Der Sherpa sagte, heute werden wir nicht absteigen können, weil es zu gefährlich ist mit den verdeckten Spalten. Ich legte mich wieder hin, mit meinem Schädel, der wegen des Wasser und Energiemangels brummte.

Nach einer Weile sind dann doch einige Sherpas aufgebrochen und wir sind ihnen gefolgt. Ca. 4 Stunden durch den Eisbruch, der am 23. Mai besonders gefährlich war. Ich bin dann wieder torkelnd mit einen sehr schweren Rucksack im Basislager angekommen.

Wieder gesund im Base Camp

Es war geschafft und ich war sehr froh darüber. Ich dachte nicht sofort daran, dass ich mir jetzt wirklich meinen Traum erfüllt habe, sondern eher, dass ich diese Prozedur jetzt endlich hinter mich gebracht habe.

Aber mittlerweile realisiere ich, dass das wirklich mein Ding ist. Dass ich wirklich als jüngste Frau und als 2. Italienerin da oben gestanden bin, ich kann es fast nicht glauben. Hier in Katmandu angekommen, würde ich schon gleich wieder irgendwo anders hin fahren, aber ich hoffe das geht für September.

Die ganzen 6 Monate vor der Expedition habe ich so viel gelitten, mein Körper hat einfach nicht immer bei meinen Vorhaben mitgespielt und hat mich oft in ein moralisches Tief hinunter gerissen. Die Doktoren und Physiotherapeuten haben meinen Start in den Himalaja schon in Frage gestellt, aber ich habe gesagt: „Nein, ich werde fahren, das geht sich aus, weil wenn ich etwas will, dann klemme ich mich auch dahinter!“

Und so war es dann schlussendlich auch, obwohl ich nicht super vorbereitet nach Nepal gekommen bin, nicht immer in meinen Gedanken 100% von mir überzeugt war, auch noch im 1. Monat der Expedition große Probleme mit meiner Gesundheit hatte (Knie, Achillessehnen, Rücken…) - so habe ich meine positiven Gedanken trotzdem nie aufgegeben und an meiner Einstellung zum Guten immer gearbeitet.

Und jetzt bin ich hier, 23 Jahre, habe schon den 4. Höchsten 8000er bestiegen, obwohl ich es Monate zuvor selbst nicht für möglich gehalten hatte. Und das freut mich sehr, weil ich weiß, man kann auch im Kopf so stark auf etwas hinarbeiten, dass mit dieser mentalen Stärke das Körperliche beim Bergsteigen manchmal nur mehr Nebensache ist.

Ich bin über glücklich, und freue mich, den ersten. Schritt erfolgreich abgeschlossen zu haben, Dank Simone, meinen Eltern und allen die an mich geglaubt und gedacht haben. Ich bin an so vielen Erfahrungen reicher, und freue mich auf meine nächsten, die ich hoffentlich bald machen werde.

Tamara Lunger aus Katmandu

Webblog von Tamara Lunger

Unterstützt wurde die Lhotse Besteigung von:

Land SüdtirolThe Nort Face

LaSportivaMetzgerei PlonerSchutzhaus Latzfonser KreuzBrandspotMountainspirit

Lhotse - auf dem 8.516 m hohen Gipfel
Auf dem Gipfel mit der Südtirolfahne
In der steilen Rinne auf am Gipfeltag
Auf der letzten Etappe zum Gipfel
Auf dem Weg zum Lager 3
Das Basislager
Everest, Lhotse und der Nuptse
Tamara Lunger im Zelt von Lager 3
Im Eisbruch unterhalb von Lager 1
Tamara mit der Südtirolfahne auf dem Islandpeak
Auf dem Cho la Pass
Die steile Flanke des Lhotse
Glücklich auf dem Gipfel
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