Der Abseilvorgang am Hintersee Eisschild (Felbertal)Der Abseilvorgang am Hintersee Eisschild (Felbertal)
28 Februar 2022

Alpine Lehrstunde - Eispickel steckt im Rücken

Unfall beim Abseilen über den Eisfall mit falsch an den Gurt gehängten Eisgeräten - man lernt nie aus ...

Unfallhergang am Hintersee-Eisschild

Eine Zweierseilschaft klettert im Felbertal die Route Hintersee Eisschild (100 m, WI 1-2 und WI 4). Nach erfolgreichem Durchstieg wird über den Eisfall abgeseilt und in der oberen WI 4-Seillänge ist noch eine Eisschraube, die man beim Abseilen entfernen will. Eine Person seilt ab, die andere Person wartet oben am Standplatz (Baum). Die zweite Person seilt ab, ein dreifacher Prusikknoten wird als Absturzsicherung zusätzlich zum Tuber (Abseilgerät) angebracht - beide Eisgeräte hängen mit der Haue nach unten auf der rechten Seite des Klettergurtes (siehe Bild). Als der zweite Eiskletterer bei der noch verbliebenen (beim Nachstieg nicht entfernten) Eisschraube ankommt, nimmt er beide Hände vom Seil (mit dem Gedanken, die Prusik-Absturzsicherung blockiert), um die Eisschraube zu entfernen. Der Prusik blockiert nicht, der Kletterer rauscht mit überhöhter Geschwindigkeit die letzten Meter abwärts (die belassene Eisschraube war die erste Zwischensicherung in der Seillänge). Im flachen Gelände hatten die Steigeisen unkontrollierten Eiskontakt, es folgt ein Überschlag, der Kletterer kommt zum Glück (nur noch mit einem Seil im Abseilgerät, an diesem blockierte der Prusikknoten wieder) zu liegen. Leider hatte er sich aber einen der am Gurt hängenden Eispickel mit der Haue in seinen Rücken gerammt. 

Bergung des Verunfallten

Der Seilpartner konnte das Seil erreichen, er sicherte den Kameraden und setzt die Rettungskette in Gang. Es kam der Rettungs-Hubschrauber und machte eine Taubergung. Der Verletzte wurde am Tau zur Straße geflogen, dort erstversorgt und - immer noch mit dem Eispickel im Rücken - ins Krankenhaus nach Schwarzach im Pongau geflogen. Glücklicherweise wurden keine wichtigen Organe durch den Pickel verletzt - oh Ton des Verletzten: Im Krankenhaus haben sie alles aufgeschnitten, die Gore-Tex Jacke und sogar den neuen Klettergurt : -)

Der Abseilvorgang am Hintersee Eisschild (Felbertal)
Ungefähre Position der Unfallbeteiligten am Hintersee Eisschild
Das letzte Bild vor dem Absturz am Hintersee Eisschild
Das Eiskletterparadies im Hinterseetal (Felbertauern Nordseite)
Da war die Welt noch in Ordnung - zweite Seillänge Hintersee Eisschild (mit der belassener Eisschraube).
Selbstsicherung mit Dyneema-Bandschlinge und 2.5-fachem FB-Kreuzklemmknoten

Abseilen mit Prusik und Eisgeräte am Klettergurt

Die Eisgeräte - mit den Hauen nach unten - hängt man so in der Regel nicht an den Klettergurt. Man hängt diese an den Hauen ein (meist ist dort eine Öse für den Karabiner), die Spitzen der Hauen schauen nach hinten. Der Verunfallte war zum ersten Mal Eisklettern, dieser "Fehler" kann passieren. Das komplette Loslassen der leicht vereisten Kletterseile - im guten Glauben, dass der Prusikknoten blockiert - wollten wir aber genauer hinterfragen und haben deshalb Eiskletterprofi Vitto Messini um einen Kommentar gebeten und dieser meinte: "Ein kapitaler Fehler war sicher das Fehlen des Knotens an den beiden Seilenden. Wenn die Seile oder die Prusikschlinge ganz neu sind, kann es schon sein, dass der Prusik nicht sofort blockiert. Auch sollte man sich anschauen, wie dick das Seil war und ob der Tuber für die Seilstärke geeignet war (wenn das Seil zu dünn für den Tuber ist, ist die Reibung beim Abseilen naturgemäß viel kleiner). Die Eisgeräte hängt man in der Regel beim Abseilen mit den Hauen an die Materialschlaufen - Spitze zeigen nach hinten."

Wir haben beim Verunfallten nach gefragt: Das verwendete Doppelseil war jeweils 8 mm dick, die Prusikschlinge war 6 mm dick und der Tuber war wirklich nur von 8,1 bis 11 mm ausgelegt (also lt. Hersteller für die Verwendung mit 8 mm Seil um 0,1 mm ungeeignet). Die beiden Halbseile und 6 mm Prusikschlinge waren aber nicht neu, sondern ca. 4 Jahre alt und somit schon länger im Einsatz. Evtl. hätte man für die bessere Blockierfunktion der Prusikschlinge eine 5 mm Schlinge nehmen können. Man findet wenig Informationen über das Dickeverhältnis Seil/Prusikschlinge - wenn man die Prusikschlinge vom Durchmesser her zu dünn wählt, hält (bevor sie reißt)  diese naturgemäß nicht so viel wie eine dickere, aber wenn die zu dicke Prusikschlinge fast gleich dick wie das Seil ist, wirkt sich das auch sehr negativ auf das Blockierverhalten aus. 

Fazit bergsteigen.com: Eisgeräte mit der Haue an den Gurt, Spitzen zeigen nach hinten, Hammer bzw. Schaufel (Schaufel ist am Eisgerät aber beim Klettern wegen der Verletzungsgefahr nicht ideal) nach vorne. Knoten unten in das Seil und dieses,  wenn möglich, nie komplett loslassen. Wenn doch erforderlich, die Absturzsicherung (z.B. Prusik) vor dem Loslassen auf die Blockierfunktion kontrollieren (festziehen). 

In der aktuellsten (2020) Untersuchung der DAV Sicherheitsforschung wird auch eine Dyneema-Bandschlinge (mind. 10mm) mit 2.5-fachem FB-Kreuzklemmknoten als sicherste Methode angeführt, um das Durchrutschen zu verhindern. Dies ist sicher den wenigsten bekannt, aber reduziert genau dieses Risiko. Sehr kritisch sind die vernähten Kevlarschlingen, dort ist das Durchrutschen noch wahrscheinlicher.



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