19 Januar 2005

Am Wahrzeichen Frankreichs - Crazy Climbs

Stefan Gatt über seine Klettererlebnisse am Eiffelturm - "siehst Du den irren Überhang unterhalb der dritten Plattform...."

Die riesigen Stahlbögen, des „Tour d´Eiffel“

Staunend stehe ich unter einem der riesigen Stahlbögen, des „Tour d´Eiffel“ in Paris. In Gedanken klettere ich einem Faultier gleich an der Unterseite des Stahlträgers entlang. Die affenartigen Bewegungen unterbreche ich nur von Zeit zu Zeit, um eine Hand lässig zum Nachchalken nach hinten baumeln zu lassen. Am höchsten Punkt steige ich oben aus und klettere locker weiter in Richtung erster Plattform. Plötzlich höre ich die Stimme von Markus, die mich aus meinem virtuellen Kletterfluss reißt: „Siehst Du den irren Überhang unterhalb der dritten Plattform?“

Gemeinsam mit Bernd haben wir gerade bei einem märchenhaften Schloss in der Nähe von Paris ein Outdoorseminar durchgeführt. Vor dem Heimflug entschlossen wir uns, Paris noch ein wenig zu erkunden. Natürlich nicht ohne Hintergedanken.

Mehr als 300m überragt die Spitze die Dächer von Paris

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Turm in der Überzeugung gebaut, dass Technik im Leben des Menschen alles ermöglichen kann. Mehr als 300m überragt die Spitze die Dächer von Paris. Zu dieser Zeit sicherlich eine Meisterleistung im Stahlbau, die mit den großen gotischen Kirchen Europas vergleichbar ist. Auf vier riesigen granitenen Fundamenten ruhen hunderttausende Tonnen Stahl, die in mühsamer Handarbeit verschraubt worden sind.

Wir kaufen uns ein Ticket zur Spitze, um von ganz oben auf die Stadt zu blicken. Die Beine des Stahlmonsters laufen in einem harmonischen Bogen zu den Fundamenten. Leider ist es nicht möglich die oberste Sektion zu Fuß zu bewältigen. Ich kann mich noch an meinen ersten Besuch in Paris als Schüler erinnern, wo dies noch möglich war. Damals war das Klettern an solchen Gebäuden aber noch nicht in meiner Vorstellungswelt.

Blitzschnell wie Diebe huschen sie nach oben

Beim Abendessen in einem typischen französischen Bistro hecken wir unseren Plan aus. Nach einer kurzen Nacht in meinem nagelneAuuen schleichen wir in der Dämmerung durch die Parkanlagen am Fuße des Turms. Der Fels des glatt polierten Steinsockels ist kalt, obwohl wir Sommer haben. Blitzschnell wie Diebe huschen wir über die ersten Stahltraversen nach oben, um nicht von den Überwachungskameras gefilmt zu werden. Bei der ersten Fotosession ist das Licht noch so schwach, dass ich ein Stativ brauche.

Markus klettert seilfrei, als Ersatz hat er seinen Napoleonhut am Kopf. Hinter ihm verfärbt sich der Himmel allmählich – ich bin begeistert von der Silhouette. Während der Morgen langsam hinter den Häusern herauf kriecht, mache ich eine Einstellung nach der anderen. Plötzlich ertönt eine Polizeisirene. Der Ton trifft mich wie ein Schlag. Kurze Zeit bin ich wie gelähmt. Mit unterdrückter Stimme zische ich Markus zu, dass er sofort herunter in die Querstreben kommen soll.

Die Sirene wird indessen lauter. Während Markus herunterklettert saust eine Zivilstreife an der nahen Straße parallel zur Seine vorbei. Vorbei – ich atme auf. Markus kommt zu mir auf die Querstrebe und setzt sich. Unser Herzen schlagen wie wild. Plötzlich taucht ein weißer Streifenwagen auf der gleichen Straße auf und biegt zum Turm ein. Der Puls rast wieder nach oben. „Rühr Dich nicht, Markus! Bleib ganz ruhig, vielleicht sehen sie uns nicht!“ flüstere ich Markus zu.

Ein Polizeibeamter steigt aus dem Auto und schaut zu uns herauf. So ein Mist – ein Passant hat uns also verpfiffen. Aber noch sieht uns der Polizist nicht. Seine Augen suchen den Turm ab. Ich habe das Gefühl, ihm in die Augen zu schauen, obwohl er fast hundert Meter entfernt steht. Die Spannung ist unerträglich. Nach fünf Minuten, die sich wie Stunden anfühlen steigt der Beamte erfolglos in den Wagen und beginnt um den Turm herumzufahren. Als die Kante die Turmes die Sicht zur Streife versperrt, quetschen wir uns in ein dunkles Eck auf der Querstrebe, womit wir von unten völlig unsichtbar werden.

„Houston we have a problem!“

Mit zittrigen Fingern krame ich mein Handy hervor und rufe Johannes, unseren Verbindungsmann am Boden an. „Houston we have a problem!“ witzle ich. Wir vereinbaren, dass er mir ein SMS sendet, sobald die Bullen weg sind. Eine viertel Stunde später piepst mein Handy: „Die Luft ist rein!“

Vorsichtig krabbeln wir aus unserem Versteck. Kurz überlegen wir, ob wir unsere Aktion fortsetzen sollen. Die drohenden Probleme mit den französischen Behörden bewegen uns aber zu einem „ein anderes Mal nur in der Nacht!“

Ruckzuck sausen wir über den Stahlträger nach unten. Es wird mehr ein kontrolliertes Rutschen als ein Klettern, springen vom Sockel und laufend davon. Erst ein paar Querstraßen weiter wechseln wir Schuhe und Kleidung und gehen frühstücken.

Der Autor

Stefan Gatt begann seine Laufbahn mit 19 Jahren als Bergführer in Südamerika. Mittlerweile liegen zahlreiche erfolgreiche Expeditionen auf die höchsten Berge Südamerikas und Tibets hinter ihm. Als Fotograf ist Stefan Gatt Autodidakt. Seit seiner ersten Expedition ist die Kamera ein fester Bestandteil seines Reisegepäcks. Regelmäßig veröffentlicht er gemeinsam mit dem Vater Erich seine Bilder im großformatigen Kalender „Abenteuer Berg“. Die Kombination aus langjähriger Erfahrung als Leiter von Teams unter extremen Bedingungen und seiner akademischen Ausbildung in wirtschaftlicher und psychologischer Richtung machen ihn zu einem gefragten Berater und Coach in Wirtschaftskreisen. Bei seinen Workshops für Team- und Persönlichkeitsentwicklung wird der hohe Lerntransfer unter anderem durch den Einsatz von erlebnisorientierten Lernmethoden von den Kunden sehr geschätzt. Die Seminare werden auf Wunsch auch in alpinen Regionen oder Ländern wie Ägypten, Jordanien, Bhutan und Patagonien durchgeführt.

Seine Firma „GATT – challenging experiences“ leitet er seit vielen Jahren erfolgreich.

Kontakt:www.gatt-ce.com oder (+43) 664-210 50 95.

Info:

Das Buch Crazy Climbs ist im Rosenheimer Verlagshaus erschienen.

Auch in Wien hat Stefan Gatt zugeschlagen - hier bei einer Begehung der Votivkirche.
Alle Bilder © Stefan Gatt
Klettern an den Wassertürmen im Osten von Paris
"Napoleon" bei der Eroberung des Eifelturms.
Crazy Climbs - das neue Buch von Stefan Gatt. Darin geht es aber nicht nur um Buildering - das Buch ist vielmehr eine Sammlung von Erlebnissen dieses Österreichischen Ausnahmealpinisten.
Am Wahrzeichen Frankreichs - Crazy Climbs


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