Gerhard beim Setzen von Bohrhaken am Beginn der 8. SL.
01 August 2005

Der längste Tag - Neutour in der Grüblwand

Gerhard Schaar konnte mit Seilpartner Josef Penker die Grüblwand in der Reisseckgruppe (Hohe Tauern) erfolgreich durchsteigen....

Grüblwand in der Reisseckgruppe erfolgreich erstbestiegen!

Vom 13. bis 15. Juli konnten Gerhard Schaar mit Seilpartner Josef Penker die Grüblwand in der Reisseckgruppe (Hohe Tauern) erfolgreich erstbesteigen. Die von den beiden größtenteils technisch gekletterte Route bekam den Namen „Der längste Tag“. Die Route wurde von unten erstbegangen, wobei Gerhard alle Längen vorstieg. Dabei versuchte er, seinem persönlichen Könnensstand entsprechend sowenig Bohrhaken als möglich zu verwenden. Die 12 Seillängen werden von ihm mit max. A2 / 6a bewertet.

Nachdem die Seilschaft bereits im Mai seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte und auch bereits drei Seillängen einrichten konnte, gelang es ihnen nun in einem dreitägigen Kraftakt die 350 m hohe Wand zu „knacken“. Sie haben somit wohl eines der letzten großen Wandprobleme in Ihrer Heimat - den Hohen Tauern – gelöst, und sich einen großen gemeinsamen Traum verwirklicht.

„Der längste Tag“ ist eine Anspielung an die Landung der alliierten Truppen in der Normandie im 2. Weltkrieg, da ihr letzter Tag bei der Erstbesteigung (inkl. Abstieg ins Tal) 14 ½ Stunden lang war, und sie an einer Stelle in die Wand einstiegen, wo diese den „Landungsversuch“ wohl am wenigsten erwartet hätte.

Im Folgenden der Bericht von Gerhard:

Nach 65 Jahren gelingt „Einheimischen“ die Erstbegehung

Im breiten Kontext der Alpingeschichte nimmt sich unsere Unternehmung sehr bescheiden aus. Allerdings sehen wir sie in der Historie der Erschließung der Hohen Tauern als einen Meilenstein, da die Grüblwand wahrscheinlich DAS letzte große Wandproblem dieser Gebirgskette ist. Ca. 65 Jahre nach dem Besteigungsversuch des Kolbnitzers Hias Kumnig, schaffen wir als Einheimische die Erstbesteigung.

Sie ist auch Ausdruck unserer persönlichen (Weiter)Entwicklung als Kletterer. Denn bei unserem ersten Versuch 1998, waren wir ohne einen Funken einer realistischen Chance, noch kläglich gescheitert.

Langwieriger als erwartet

Nach den Vorbereitungen Mitte Mai, wo wir bei schönstem Wetter auch gleich die ersten drei Seillängen einrichten konnten, gestaltete sich der Abschluss unseres Projektes als langwieriger als erwartet. Zuerst zwang uns die „Schafskälte“, mit Schneesturm und Temperaturen unter 0° zu einer mehr als 10tägigen Zwangspause.

Nach der Schafskälte geschah dann ein lehrreiches Missgeschick. Als ich mit meinem Freund Roli Sint die Route weitermachen wollte, riss die Bandschlinge mit der unser Materialrucksack beim „Haulen“ fixiert war, kurz vor dem 3. Standplatz ab. Der ca. 20 Meter frei fallende, 30 kg schwere Material Rucksack streift Roli, der am 2. Stand wartet, zum Glück nur leicht. Er zerreist dabei aber natürlich und das gesamte Material verteilt sich am Wandfuß. Wie die Schlinge reißen konnte war uns ein absolutes Rätsel. Jedenfalls beschließen wir, sehr verunsichert durch das Geschehene, unseren Versuch für diesmal abzubrechen.

Wie sich später herausstellte, war es eine Schlinge von „Minimax“ Stefan Lieb. Er hatte die Schlinge bereits oft zum Ausnageln von Haken in Technorouten verwendet, und sie dabei entsprechend beschädigt. An ihr war der Bund der von ihm an uns geliehenen Aliens fixiert, und ich hatte die Schlinge unachtsamer Weise ohne zu kontrollieren zum Einbinden des Materialrucksackes verwendet.

Ende Juli schloss ich dann mein Studium ab, was natürlich einiger Wochen intensiver Vorbereitungen bedurfte. Anfang Juli regnete es dann wiederum unaufhörlich und an ein Einsteigen war nicht zu denken. Ab dem 13. Juli war dann aber für mindestens drei Tage stabiles Hochdruckwetter vorhergesagt, welches wir dann schließlich auch voll ausnutzen konnten.

Route verlangte uns alles ab

Eine Erstbesteigung ist immer mit vielen Hindernissen, mit klettertechnischen Überraschungen aber auch mit dem Erkennen der eigenen Grenzen verbunden.

Alle diese Stationen wurden von uns klassisch durchlaufen. Persönlich sehe ich die erfolgreiche Auseinandersetzung mit, und die Überwindung der komplexen und vielschichtigen Widerständen als die größte Genugtuung und die eigentliche Leistung an.

Felstechnisch machten uns die durchwegs geschlossenen Risse schwer zu schaffen. Anstatt Klemmkeilen und Friends musste ich auf das mitgeschleppte Sortiment an Normalhaken zurückgreifen. Neben einigen Winkel- und Profilhaken, waren besonders alle Größen von Messerhaken sehr gefragt. Als absoluter Schlager erwies sich mein kleinster Messerhaken, den ich wohl an die 50 Mal anbringen konnte. Zwar reichte es oft nur zum Belasten mit dem Körpergewicht, und der Haken war dann wieder mit wenigen Hammerschlägen ausgenagelt, aber dennoch war er einfach die einzige technische Lösung. Dafür konnte ich in der gesamten Route keinen einzigen (!!!) Klemmkeil anbringen!

Einer der weiteren Widerstände waren kleine Grasbänder, welche sich reichlich in horizontaler aber auch direkt neben den Rissen vertikaler Lage befanden. Sie erschwerten durch ihre lose Beschaffenheit das Vorwärtskommen enorm. Festhalten konnte man sich daran nicht, dafür waren sie zu locker. Man konnte sie aber auch nicht einfach abreißen oder wegbrechen, um die darunter liegenden – vermuteten – Risse oder Felsritzen freizulegen. Einerseits nehmen diese Grasbänder der Route leider etwas vom felsigen Charakter, aber andererseits sind die natürlichen Bedingungen eine unveränderbare Größe die bei einer Realisierung einfach akzeptiert werden muss.

Das große Dach in der Mitte der Route, stellte die schönsten und schwersten Längen (7. und 8.SL.) dar. Einerseits hängen die Längen insgesamt an die 10 m über, und andererseits gab es große, lockere, nach unten geschichtete Granitschuppen, welche sich als eine große Gefahr für Vorsteiger und Sicherer herausstellten. Mit über 4 Stunden benötigte ich für die 7. Seillänge auch bedeutend am längsten.

Nach dem großen Dach wurde das Gelände wieder dankbarer, bevor in der 11. Seillänge das sehr brüchige Gestein in der vorhandenen Verschneidung zu einem Quergang zwang. Die letzte Länge war dann die einzige durchgehend frei kletterbare Länge in gutem Fels.

Auch das Glück des Tüchtigen wird uns zuteil, da sich mit dem letzten Standhaken am Ausstieg unser letzter Akku verabschiedet.

Die letzten drei Tage verlangten uns mit dem zweistündigen Zustieg am ersten Klettertag und 8 Stunden in der Wand, der zweite Tag mit 10 Stunden in der Wand und der letzte Tag mit 11 ½ Stunden in der Wand, 2 Stunden Abstieg zum Biwak und 1 Stunde Abstieg bei tosendem Gewitter und Regen zum Parkplatz alles ab.

Mir wurde die Ehre zuteil, den Abstieg vom Gipfel zum Biwak in Kletterschuhen hinter mich bringen zu müssen. Der Freddy weiß wovon ich spreche! Denn aufgrund der großen Müdigkeit und dem heraufziehenden Gewitter beschließen wir mit dem ganzen Material lieber etwas länger abzusteigen, als einen möglichen Fehler oder eine Komplikation – im zum Abseilen mit dem Materialrucksack teils unfreundlichen Gelände - zu riskieren.

„Geschundener“ Sicherungspartner

Einen ebenso wichtigen Teil wie ich als Vorsteiger, erledigte mein Partner „Seppi“ Penker aus Kolbnitz. Er brachte sich bei den gesamten Vorbereitungen, wie Materialtransport und Aufbau des Biwak ebenso ein, wie beim Klettern selbst.

Er sicherte an allen vier Tagen mit stoischer Gelassenheit, verbrachte Stunde um Stunde, in Hitze und in Kälte, verlässlich am Stand. Er kämpfte mit den Tücken versenkter Haken, mit den in Rissen verschwundenen Friends und scheinbar heillos verklemmten Aliens.

Er musste dabei einige sehr gefährliche Situationen überstehen, besonders, als ich am letzten Klettertag eine wohl 20 kg schweres Felsschuppe abtrat, welche direkt auf ihn stürzte. Glücklicherweise zerschlug die Schuppe nur seine Uhr, sein Arm blieb wundersamer Weise unverletzt.

Als Team, in welchem jeder seine Aufgabe hatte sind wir gestartet. Ein Erfolg wäre ohne die gleichbedeutende Leistung des Andern nicht möglich gewesen. Von der Unternehmung sind wir als Freunde, die gemeinsam einen Traum verwirklicht haben, zurückgekehrt.

Angaben zur Route:

Der längste Tag

(link zur Tour mit Topo und Fotos)

Text und Fotos: Gerhard Schaar

Sponsoren von Gerhard Schaar

www.kelag.at

www.sleeping-bags.at

www.beal-planet.com

www.austrialpin.at

www.pixelpoint.at

www.millet.fr

Gerhard beim Setzen von Bohrhaken am Beginn der 8. SL.
Gerhard im ca. 10 m ausladendem "großen Dach" in der 7. SL.
Speck am Morgen vertreibt Hunger und Sorgen!
3.SL.: rechts unter dem Vorsteiger die "Guillotine", eine große, extrem lockere Granitschuppe
Die beiden Erstbesteiger glücklich am Gipfel!
Morgenblick vom Biwak in die Kreuzeckgruppe
Immer guter Laune - Penker Josef - der rebellische Agrarphilosoph
..und auch immer optimistisch und motiviert!
Die gerissene Bandschlinge!
Mystische Morgenstimmung - die Sonne taucht durch den Nebel!
Der ausgesetzte 7. Standplatz über dem großem Dach
Der morgendliche Schatten der Grüblwand fälltin den im Riekengraben!
Gerhard im ca. 10 m ausladendem "großen Dach" in der 7. SL.
Manner mag man eben!
Biwakplatz
Sponsoren von Gerhard Schaar
Nach drei aneinanderfolgenden Klettertagen sind die Finger aufgeschunden!


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