Es wurde noch keine alpine 8b+ von einem Kletterer begangen, der im Sportklettern nicht als solider 8b+ oder sogar 8c+ Kletterer bekannt ist.
28 Oktober 2004

Diskussion um die Bewertung von alpinen Sportkletterrouten

Harald Berger hat ein paar Gedanken zur Diskussion um Bewertungen alpiner Sportkletterrouten niedergeschrieben.

Diskussion um die Bewertung von alpinen Sportkletterrouten

Nachdem ich am 11.September 2004, kurz vor dem erneuten "Monsuneinbruch" die Route "Des Kaisers neue Kleider" punkten konnte und ich wieder mit der ewigen Diskussion um Bewertungen konfrontiert war, nahm ich dies als Anlass ein paar Gedanken niederzuschreiben.

Als Ausgangssituation ist hier sicher das Jahr 1994 zu sehen, wo mehr oder weniger gleichzeitig drei alpine Sportkletterrouten im Grad 8b+ erstbegangen wurden. Obwohl es schon Route(n) in diesem Schwierigkeitsgrad gab, war wahrscheinlich das Jahr der Begehung Anlass, diese Routen als "Trilogie" zu bezeichnen. Schon damals stellte man sich die Frage, ob es sinnvoll wäre, eine Gesamtbewertung einzuführen, nur die schwerste Seillänge als Bewertungskriterium heranzuziehen oder wie technisch anspruchsvolle Wandkletterei hier überhaupt zu bewerten ist.

Meinen Beobachtungen zufolge ist die Diskussion darüber vielleicht durch die rasante Entwicklung in anderen Spielformen des Kletterns, wie dem Bouldern, professionellen Wettkampfklettern oder Eröffnen von harten Sportkletterrouten, wieder ein wenig verstummt.

Durch das inzwischen wieder gesteigerte öffentliche aber auch individuelle Interesse an alpinen Sportklettereien ist gerade zur Zeit die Diskussion wieder voll im Gange.

Einige Faktoren oder Argumente, die hier immer wieder zur Sprache kommen, würde ich folgender Maßen beurteilen:

1. Würde die Bewertung der schweren Seillängen auch im Klettergarten dieselbe sein?

Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die einzelnen SL in einem frequentierten Sportklettergebiet den Bewertungen standhalten würden, klettert trotzdem nicht jeden Tag ein starker Sportkletterer - von denen es ja wirklich einige gibt - eine schwere Alpinroute. Im Gegenteil, viele probieren es zwar, müssen aber feststellen, dass sich die Begehungsstrategie des Klettergartens hier nicht anwenden lässt. Folglich müsste man annehmen, dass auch noch andere Faktoren in die Bewertung einfließen sollten...

2. Die Absicherung entspricht nicht der des Klettergartens.

Vor jeglicher Diskussion bezüglich der Absicherung sollten wir den Hut vor denen ziehen, die alpine Routen vor allem jenseits der 8b Grenze von unten erstbegangen haben.

Für eine spätere Begehung spielt die Absicherung sicher in der ersten "Auscheckphase" eine sehr große Rolle, verliert aber an Bedeutung, je öfter man in der Route klettert.

Ich persönlich kann nach einer dementsprechenden Phase des Ausboulderns diesen Faktor sehr gut ausblenden.

3. Länge der Gesamtroute und Anzahl der schwierigen SL.

Die Gesamtlänge einer Route ist sicher ein Faktor, der vielleicht auch ungewollt immer wieder einberechnet wird. Viel wichtiger ist aber, wie viel schwere SL sich in welcher Reihenfolge anordnen.

Angenommen, eine Alpinroute hat in der ersten Länge eine 8b+ und danach zehn SL unter 7c. Nach derzeitigem Schema müsste sie die gleiche Bewertung bekommen, wie eine Route mit zehn anspruchsvollen 7c SL und abschließend drei harten 8b+ SL.

Ich glaube, dass bei zweiter Situation der Erst- aber wahrscheinlich auch die nachfolgenden Begeher, die zehn 7c SL in die Bewertung der letzten 8b+ SL einfließen lassen.

Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit würde die letzte Länge einer kritischen Bewertung im Klettergarten nicht standhalten oder umgekehrt mit 8c veranschlagt.

4. Zustieg, Höhe und Gesamtanforderung.

Für den klassischen Sportkletterer mögen sowohl ein ein- bis zweistündiger Zustieg als auch die Höhe und Exponiertheit zwar nicht gerade wünschenswerte Umstände sein, jedoch bin ich der Meinung, dass dies unter keinen Umständen in die Bewertung einfließen soll. Die resultierende Gesamtanforderung kann hier aber sehr stark variieren.

5. Ob die Route lange Zeit nass bleibt oder ob oft mit Schlechtwettereinbrüchen zu rechnen ist.

Ein Thema, welches auch nicht in die Bewertung einfließt, jedoch der Vollständigkeit halber genannt werden muss, ist, ob die Route lange Zeit nass bleibt oder oft mit Schlechtwettereinbrüchen zu rechnen ist. Ein Umstand, der nämlich auch die Schwierigkeit mit sich bringt, immer wieder einen Kletterpartner für ein solches Projekt zu begeistern.

Eine Frage, die ich mir zuletzt oft gestellt habe, ist, warum nicht viel häufiger einer der heutzutage unzähligen leistungsstarken Sportkletterer oder auch Boulderer eine dieser schwierigen aber einmaligen phantastischen Linien in den Alpen punktet?

Und hier gelangt man unweigerlich zum wichtigsten Faktor, der für die Begehung eine Rolle spielt: Die Technik, Taktik und Konsequenz und nicht zuletzt die Erfahrung, die man bei einer solchen Route anwendet.

Betrachtet man die Einzelstellen der schwersten SL, so würde ein starker Boulderer darüber nur schmunzeln. Jedoch die ganze SL zu punkten, erfordert diesen ganz speziellen Kletterstil, den man anwenden muss, um einerseits möglichst ökonomisch, fast trance-artig bis zur Schlüsselstelle zu schleichen, um dann zu erwachen und gleichzeitig zu explodieren.

Der klassische Alpinkletterer ist Spezialist im vertikalen technisch anspruchsvollen Gelände, ist aber boulderartige Einzelstellen oder große kraftausdauernde Überhänge nicht gewohnt. Den klassischen Sportkletterer oder Boulderer wiederum bringen die langen "Großzehsteherpassagen" völlig aus dem Konzept. Zusätzlich ist für den endgültigen Durchstieg extreme Konsequenz und Disziplin gefragt, was sich nur allzu oft als Ausscheidungskriterium herauskristallisiert.

Das es auch hier so manche Spezialisten und auch Ausnahmetalente, wie Iker Pou (nach dem Motto "veni, vidi, vici") gibt, ist glaub ich vielen bekannt.

Zurück zur eigentlichen Bewertungsdiskussion möchte ich folgendes Resumé ziehen:

Wenn sich auch nach einem Durchstieg gerade einer eher vertikalen technisch anspruchsvollen Kletterei alles sehr leicht anfühlt, sollte man trotzdem die Sache möglichst objektiv sehen:

Beispielsweise benötige ich für eine 8b+ im Klettergarten (vorausgesetzt, der Liegfaktor passt halbwegs) zwischen zwei und 10 Tagen. Vergleiche ich dies mit der letzten (schwersten) SL von "Kaisers neue Kleider", würde die Bewertung mit 8b+ stimmen, da ich insgesamt 10 Tage in diese SL investiert habe.

Rechnet man alle oben genannten Faktoren oder Störgrößen ein, würde sie vielleicht im Klettergarten auf 8b/8b+ abgewertet werden, jedoch klettert man zuvor fünf harte SL bis 8b/8b+!

Generell stellen vertikale Routen in der Bewertung immer ein gewisses Problem dar, da sie unweigerlich bei gesteigertem "Einstreberfaktor" leichter werden.

Will man in Zukunft eine knallharte "Klettergarten"-Bewertung einer Alpinroute nach der schwersten Einzelseillänge, alle Störfaktoren ignorierend, so stellt sich unweigerlich die Frage, ob nicht in Folge viele derzeitige alpine Sportkletterklassiker auch abzuwerten sind?

Tatsache ist jedoch, dass (meines Wissens) noch keine alpine 8b+ von einem Kletterer begangen wurde, der im Sportklettern nicht als solider 8b+ oder sogar 8c+ Kletterer bekannt ist.

Da die Bewertung nach wie vor sehr subjektiv ist, sollte man vielleicht nicht so viel Wert auf einen halben Grad legen. Liegt der Berwertungsvorschlag einen ganzen Grad daneben, so wird dies sowieso durch die Wiederholer korrigiert.

Bleiben wir vielleicht bei der Bewertung anhand der schwersten Einzellänge unter Berücksichtigung der vorangehend erläuterten Störfaktoren, denn der Gesamtanspruch ist hier einfach nicht wegzudenken. Auch wenn wir gerne die schwerste SL der Alpinroute zur Detailanalyse in den Klettergarten stellen würden, sie wird bleiben, wo sie ist...

Kommentare zum Thema Bewertung von alpinen Sportkletterrouten in unserem Forum

Berichte:

Die Trilogie und ihre Folgen - Stefan Glowacz wiederholt als erster 2001 die drei Toprouten der Alpen

E wie Effort - Effortbewertung - Gedanken zu Bewertungsmodellen

Top-Webtipp:

Outdoor-Foto - die Bilder von Hermann Erber

Sponsor:

Petzl - Stirnlampen, Hardware und Eiskletterausrüstung.

Es wurde noch keine alpine 8b+ von einem Kletterer begangen, der im Sportklettern nicht als solider 8b+ oder sogar 8c+ Kletterer bekannt ist.
Zustieg, Höhe und Gesamtanforderung...
Ob die Route lange Zeit nass bleibt oder ob oft mit Schlechtwettereinbrüchen zu rechnen ist...
Liegt der Bewertungsvorschlag einen ganzen Grad daneben, so wird dies sowieso durch die Wiederholer korrigiert.
Meist ist es am Ausstieg nicht zu Ende - ein langer Abstieg oder Abseilen über die Route gehört auch dazu...
Der Gesamtanspruch ist hier einfach nicht wegzudenken
Länge der Gesamtroute und Anzahl der schwierigen Seillängen.


Kommentare

Neuer Kommentar
Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren.