03 Juni 2006

Es geht auch mit Kind!

Bergsteigen mit Kleinkind ist gut möglich - Vicki Bolterauer berichtet über ihren tollen Dolomitentripp mit ihrer 16 Monate alten Tochter Amira

„Ich muss wieder einmal in die Berge“ war mein Gedanke im Nov. 2004

, raus aus der Wohnung, Papa war beruflich unterwegs. Mein Plan waren die Sextener Dolomiten in Südtirol, also schon eine recht alpine Unternehmung.

Nun war meine Packkunst gefragt, denn neben der Ausrüstung für eine sechstägigen Aufenthalt auf drei verschiedene Hütten war da noch das über 10 Kg schwere Kleinkind namens Amira, die natürlich auch Action wollte, denn zu Hause war ihr langweilig. Die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände für meine 16 Monate alte Tochter waren natürlich Windeln, ein paar Feuchttücher und wirklich warmes Wintergewand. Nun war die Rückentrage ja eigentlich schon voll, aber mit der Komprimierungskunst ging noch viel mehr hinein. Darüber hinaus war Erfindungsgeist gefragt, wie z.B. Babyflasche und Trinksack draußen am Rucksack anbringen und die Jacken hinter die Gurte stopfen. Aber der wichtigste Trick war der Verzicht auf Überflüssiges.

Dreischusterhüttenrunde

So an die 25kg werden es schon gewesen sein, als ich Frohenmutes von Innichen auf die Dreischusterhütte (1626m, Klettergarten!) aufstieg. Mein Ziel für den nächsten Tag war die Lückele Scharte (2550m). Eigentlich wollte ich ja auf den Birkenkofel mit seinen 2922m, aber fünf Stunden Aufstieg und dann noch eine halbe Stunde ausgesetzte Kletterei, das konnte ich mir mit Kind am Rücken wohl aus den Kopf schlagen. Das Matratzenlager war fast leer, nur noch eine Familie mit zwei Kindern im Alter von etwa 10 Jahren teilten das Lager mit uns. In dieser Nacht schliefen wir tief und fest.

Gut ausgeschlafen marschierte ich auch schon um sieben Uhr aus der Tür, voll motiviert wollte ich mal schauen, wie weit ich mit einem Kleinkind so komme. Der Aufstieg war fast ein wenig unheimlich, Nebelschwaden zogen umher, mir triefte der Schweiß von der Stirn. Amira schlief zufrieden. Keine Menschenseele war hier weit und breit in Sicht. Ich ging an den letzten Latschen vorbei bis mich das Grau des Karstes ganz und gar umhüllte. Es war wunderbar. Um neun gab’s Frühstück, ich verzehrte einen Kanten Brot mit Salami. Amira bekam ihren Brei, den ich in der Früh noch mit warmen Wasser angerührt hatte.

Etwa um zehn Uhr erreichten wir die Lückelescharte, wo wir uns nur eine kurze Pause mit Windelwechseln vergönnten. Hier trafen wir den einzigen Bergsteiger der von der anderen Seite über den Mitteralpsee auf dem Weg zum Hochebenkofel war, der dem Birkenkofel vorgelagert ist. Das Wetter schien nicht prächtig, Wolken zogen umher. Ich machte mir etwas Sorgen wegen eines möglichen Gewitters. Doch hier auf der Scharte gab es eine kleine Höhle, also ein guter Schutz, es stand uns nichts im Wege weiterzumarschieren.

Über schrofiges Gelände, welches teils mit Drahtseilen abgesichert ist, ging es hinauf zur Hochebene. Amira lallte Unverständliches in mein Ohr und hatte ihren Spaß daran herumgeschaukelt zu werden. Die Luft wurde merklich dünner, meine Schritte langsamer, mein neues Ziel hieß nun Hochebenkofel. Der Aufstieg zog sich dahin, das Gewicht auf meinen Rücken schien immer schwerer zu werden. Doch ich ließ mich von der atemberaubenden Landschaft verzaubern bis ich unter dem etwas merkwürdigen Gipfelzeichen stand. Jetzt sah ich auch den höhergelegenen Birkenkofel mit seinem Gipfelkreuz, irgendwie schien er so nah. Ich inspizierte die Kletterstellen, ein paar Drahtketten und eine Steilstufe zum Hinaufschwingen. Amira ließ sich schlafend zur Seite hängen, was den Rucksack nach hinten zog - aber noch ein kräftiger Zug und Juhuu ich stand nach 1300 Höhenmeter Aufstieg auf dem Gipfel, es war erst viertel vor zwölf.

Ohne Zeit zu verlieren machte ich kehrt bis zur Scharte, wo wir pausierten, ehe ich zurück zur Hütte abstieg. Das Lager war heute merklich voller, draußen schüttete es, nur die Familie von gestern fehlte! Amira turnte die ganze Nacht auf mir herum. In der Früh gab es Grossalarm, mit Hubschrauber und Bergrettern wurden die Vermissten gesucht, die über den Haunold in die Birkenscharte wollten! Später erfuhren wir, dass sie wegen des Schlechtwetters biwakiert hatten und wohlauf gefunden wurden.

Währendessen marschierte ich gemütlich zur Dreizinnenhütte mit wunderschönen Aussichtspausen. Amira winkte fröhlich allen Wanderern zu. Auf der Dreizinnenhütte lernte ich zwei Frauen, Nicole und Cordula kennen. Die beiden Alpinistinnen sind vor allem auf Klettersteige aus. Zufälligerweise deckten sich unsere Pläne, was die Hüttenübernachtung betraf. So beschlossen wir am nächsten Tag gemeinsam einen Klettersteig zu bestreiten.

Obwohl ich mir ein Zimmer genommen hatte und mir daher keine Sorgen machen musste, dass Amira die Leute von der Nachtruhe abhält, schliefen wir wieder schlecht. Ein schmales Bett mit einem turnfreudigen Baby. Da war an eine erholsame Nacht nicht zu Denken. Das Gitterbett vermisste ich wirklich.

Über einen ehemaligen Kriegssteig auf den Paternkofel (2744m)

Nach einem guten Hüttenfrühstück mit Brot, Butter und Marmelade, Windelwechseln und packen, ging es los: Wir wollten den Paternkofel (2744m) über einen ehemaligen Kriegssteig bezwingen. Dieser Steig führte durch alte, abschnittsweise stockfinstere Tunnels. Sie waren so niedrig, dass ich teilweise auf allen vieren kroch. Ich musste extrem aufpassen, dass sich Amira nicht den Kopf anhaute, da wir keine Helme mithatten. Der Kleinen gefiel es außerordentlich gut. Mit ihren dunklen Augen betrachtete sie genau ihre Umgebung und was Mama da so alles tat. Ich hatte mir einen Brustgurt, ein paar Schlingen und Karabiner für den Steig geborgt. Zwar war das nicht ideal für die Absicherung, aber stürzen durfte ich mit Lebendfracht sowieso nicht, und als erfahrene Kletterin traute ich mir das ohne weiteres zu.

Die Steinschlaggefährdung war zum Glück relativ gering, kaum mehr, als auf den Wanderwegen auch. Durch die abwechslungsreiche Kletterei verging die Zeit wie im Flug, das Gewicht am Rücken war kaum zu spüren. Am Paternkofel blies ein eiskalter Wind, ich packte Amira ein, es war das erste mal, dass sie weinte, es war wirklich kalt. Unten am windgeschützten Steig wurde sie zuerst einmal mit warmer Muttermilch versorgt und gewärmt. Zur Not hatte ich auch Fußwärmer und eine Rettungsdecke dabei, da durch das reglose Hängen der Beine in der Rückentrage sind Kinder um einiges empfindlicher, was das Auskühlen betrifft.

Super gutes Frauenteam

Mit Cordula und Nicole waren wir ein super gutes Frauenteam. Ich war sehr erfreut mich unter einem hellen Tuch getarnt dieser bayrischen Blondinengruppe anschließen zu dürfen. Es gab keine Möchtegernführer(in) oder Besserwisser(in). Wir waren eine harmonische Gruppe. Weiter ging es auf den Schützensteig zum Refugium Lavaredo und auf den stark frequentierten Rundwanderweg um die drei Zinnen. Amira war unglaublich brav, kein nörgeln und jammern, wie ich es von ihr zu Hause gewohnt war. Nein, sie genoss jedes bisschen Getragenwerden, plapperte und sang vor sich hin oder schwelgte im holprigen Schlaf. Wir waren wirklich ein tolles Team. Nach insgesamt neun Stunden kamen wir müde aber überglücklich über unsere sportliche Leistung wieder in der Hütte an. Abends konnte Amira dann ihrem Bewegungsdrang nachgehen und gleich ihre neuerworbenen Kletterkünste unter Beweis stellen.

Am nächsten Tag marschierten wir unschwer weiter auf die Zsigmondy-Comici Hütte (2235).

Auf der Hütte war mir schrecklich kalt, meine Nase lief, ich wollte mich ausruhen. Dies war natürlich nicht so einfach, denn es war ja ein erkundungsfreudiges Kind dabei. Während ich mich frierend versuchte im Bett aufzuwärmen, kletterte Amira zig mal auf mir herum, packte Unmengen aus meinem Rucksack aus und machte fast so viel Unordnung wie zu Hause. Auch hier merkte ich wieder wie vorteilhaft es war, nur wenig Gepäck zu besitzen. Cordula war noch nicht ausgelastet und musste noch ein wenig ihre Beine vertreten und einen Pass erklimmen. Wieder kam ein Hubschrauber und transportierte diesmal wirklich einen Verletzten ab.

Alpinisteig

Mein letztes Ziel hieß Alpinisteig, ein Überbleibsel vom grauenvollen Gebirgskrieg. Dies wurde nochmals ein langer Tag. Amira und alles übrige Gepäck wurden geschultert und los ging es. Wir mussten einige hundert Höhenmeter hinauf, ehe es auf dem landschaftlich eindrucksvollen Höhenweg auf grandiosen Felsbändern dahin ging. Die Querungen einiger Schneefelder erwiesen sich als problemlos, auch das mit Drahtseilen exponierte, aber abgesicherte Salvezaband war unschwierig. Mitten drinn dann ein gemütlicher Rastplatz, wo sich auch die jüngste Bergsteigerin die Füße vertreten konnte. Ein schmäler werdender Geröllpfad führte uns dann zur Elferscharte (2650m). Weiter folgten wir den sehr steilen Serpentinen über Geröll hinunter Richtung Rotwandwiesen. Ich ging bewusst sehr vorsichtig, um ein Ausrutschen zu vermeiden, auch wenn dies für Amira wahrscheinlich kein Problem gewesen wäre. Es geht bergab, die Vegetation ändert sich, aus den spärlichen farbenfreudigen Gebirgsblumen werden Latschen und Wiesen. Wie man sich über so viel Grün nach der kargen Landschaft plötzlich freuen kann. An einer flachen Blumenwiese machten wir eine lange verdiente Rast gemacht und auch Amira freute sich wieder über Abwechslung und über das hier warme sonnige Klima. Unsere Wege trennten sich nun, nachdem Nicole und Cordula unweit zur Rotwandwiesenhütte weitermarschierten, um am nächsten Tag noch ein paar Klettersteige zu erklimmen. Nicole meinte noch, sie werde die piepsige Stimme aus dem Rucksack vermissen. Ich machte mich mit Amira müde auf den langen Abstieg Richtung Fischleinboden (1454m), um zu meinem Auto zurückzustoppen. Auf dem Heimweg nach Graz verbrachten wir noch ein paar Tage an einem Kärntner See. Zu guter Letzt leere ich noch mal meinen Rucksack aus, was da alles drin war...

Ausrüstungsliste Amira:

Sonnencreme, Sonnenbrille, Strumpfhose, Wollsocken, Wechselgewand, Wollpullover, Regenjacke, Regenhose, Winterjacke, Windeln 3-4 pro Tag +1 Feuchttuch pro Windel, Regendach für die Rückentrage, Babyflasche, Schnuller, Milchbrei, Behälter für Brei, Löffel

Head Mützentuch, warme Mütze, warme Schuhe, Fußwärmer, Rettungsdecke, erste Hilfe,

Nicht zu vergessen die immer vorhandene und warme Muttermilch!

für mich: Sonnenbrille, Regenjacke, Fleecejacke, Softshelljacke, Hüttensocken, Skistöcke, Brot, Wurst und Müsliriegel, Teesackerln, Trinkwassersack + Schlauch, Wollmütze, Hüttenschlafsack, Geld, Ausweise, Kamera + Handy mit Taschenlampe, Klappmesser, Haartuch, Karte, Wanderführer, Kontaktlinsenmittel, Zahnbürste, Höhenmesseruhr mit Kompass, Hüfttasche, T-Shirt und kurze Legging als Wechselgewand für die Hütte, verschiedene bunte Packsäcke, sowie Schöller Hose und T-Shirt, Bergsschuhe und Wollsocken am Körper getragen.

Anmerkung: Mit Kind unterwegs zu sein, wurde meist mit Begeisterung und Zustimmung angenommen. Ich weiß, dass es auch andere Meinungen gibt. Ich habe das Risiko so gering wie möglich gehalten, wenn es natürlich auch ein gewisses Restrisiko birgt. Ich bin eine erfahrene Alpinistin, auch was Höhenbergsteigen und Klettern betrifft. Ich weiß auch wie fatal ein Wettersturz sein kann, und war diesbezüglich sehr wachsam. Ich habe mich deswegen immer in der Nähe von Hütten oder Unterschlüpfe gehalten. Diese Tour ist auch nicht unbedingt für jedermann zur Nachahmung empfehlenswert!

Aber Kinder lieben es getragen zu werden und neue Dinge zu sehen. Zu Hause habe ich um einiges mehr Stress als wenn ich mit meinem Kind unterwegs bin. Es geht viel mehr als man glaubt, aber natürlich nicht alles. Meiner Meinung birgt jede Autofahrt gleichviel, wenn nicht mehr Risiko.

Facts & Figures Dolomitenbericht

Kaum zu übertreffende Landschaftserlebnisse bildet diese Rundtour in den Sextener Dolomiten. Hier kommt jeder Alpinist auf seine Kosten. Durch die einsamen atemberaubenden Panoramen am Weg zum Gipfel des Birkenkofels, bis zum abenteuerlich zerklüfteten Zentralbereich der touristischen Drei Zinnen. Auf den gemütlichen Hüttenzustiegen oder auf den unheimlichen Klettersteig durch den alten Kriegsstollen bis hin zum berühmten Höhenweg der Alpen kommt auch sportlich niemand zu kurz.

Hütten:

Dreischusterhütte (1626m) Klettergarten in der Nähe

58 Schlafplätze Bew. 1.Juni-10. Okt.

Tel. +39/0474/966610

Rif. Zsigmondy Comici (2235m)

Bew. 20. Juni bis Anfang Oktober, 80 Schlafplätze

Tel. +39/0474/710358

Drei Zinnen Hütte: (2405m)

Bew. Anfang Juli bis Ende September, 150 Schlafplätze

Tel.: +39/0474/972002

Talorte:

Innichen (1174m) Bahnhof, Bushaltestelle

Sexten/Moos (1339m), Bushaltestelle

Toblach (1241m), Bushaltestelle

Karten:

Freytag + Berndt Sextener Dolomiten Blatt s10 1:50000

Tabacco Wanderkarte Sextener Dolomiten Blatt 010 1:25000

Führer:

Rother Wanderführer Dolomiten 5

Rother Sextener Dolomiten Haydn/Goedeke

Hüslers Klettersteigatlas Alpen Eugen e. Hüsler

Anforderungen:

Bei der gesamten Tour sind neben alpiner Erfahrung Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt notwendig.

Schwierigkeit bei den Klettersteigen: A / B

Ausrüstung:

Klettersteigset, Taschenlampe für den Tunnel und die normale alpine Ausrüstung, eventuell bei schlechten Bedingungen (Schneefelder) beim Alpinisteig Steigeisen.

Rundtour Sextener Dolomiten Routenverlauf:

1.Tag: Innichen (1174m) – Dreischusterhütte (1626m) Weg Nr. 105, Anstiegszeit: 2 ½ h von Innichen, ½ h vom oberen Parkplatz.

2.Tag: Dreischusterhütte (1626m) – Lückele Scharte (2550m) Weg Nr. 9,10,11 bis Schwarzboden (Brunnen), dann rechts hinauf Weg Nr.9, Anstiegszeit: 3h

Lückele Scharte (2550m) – über Hochebenkofel – Birkenkofel (2922m) Letzter Teil leichte Kletterei mit einem Aufschwung (Drahtseile) 1 ½ h, insgesamt 4 ½ h Aufstiegszeit, Gesamtgehzeit: 7 ½ -8 h

3.Tag: Dreischusterhütte (1626m) – Drei Zinnen Hütte (2504m) Weg Nr. 105, Anstiegszeit: 3h

4.Tag: Drei Zinnen Hütte (2504m) – Paternkofel (2744m) über den De-Luca Steig (Tunnel) Aufstiegszeit: 2 ½ h, im Tunnel kann man nur gebückt gehen, eine Taschenlampe ist unerlässlich.

Paternkofel (2744m) – Rif. Lavaredo (2344m) über den Schützensteig Abstiegszeit: 2 ½ h

Rif. Lavaredo (2344m) – Drei Zinnen Umrundung – Dreizinnenhütte (2504m) Umrundung: 3h. Gesamtgehzeit dieser Tagesetappe: 8h

5.Tag: Dreizinnenhütte – Rif. Zsigmondy Comici (2235m), Gehzeit: 2 ¼ h

6. Tag: Rif. Zsigmondy Comici (2235m) – Alpinisteig über das Salvezzaband – Elferscharte (2650m) Weg Nr. 101, Gehzeit: 2 ½ h

Elferscharte (2650m) – Fischleinboden (1454m)/Dolomitenhof (Parkplatz mit Bushaltestelle) Weg Nr. 124, Gehzeit: 2h

Zurück per Autostopp oder mit Bus nach Innichen



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