17 Januar 2011

Free Ski Mountaineering Glacier de la Noire

Weißes Vergnügen am Glacier de la Noire - Freeriden in einem 50°-Couloir im Glacier de la Noire...

Die Westalpen gelten als Mekka der Freerider. Jedes Jahr folgen Tausende Breitskifahrer aus ganz Europa und Übersee ihrem Ruf. Wer heute abseits von Liften und Off-Piste-Tourismus das pure Bergerlebnis wünscht, muss ordentlich suchen. Fündig wurden wir in einem 50°-Couloir im Glacier de la Noire, Freeski-Legende Glen Plake sei dank.

God is a Freeskier

„God is a Freeskier“ behauptet das T-Shirt eines guten Freundes. Heute ist einer dieser Tage, an dem ich denke: ganz genau! Weißgold strahlt die Sonne vom tiefblauen Himmel. Granitgipfel und schillernde Gletscher heben sich kontrastreich ab. Willkommen in den Westalpen. Langsam ruckelt sich die Gondel nach oben. Von La Palud über das Refugio Torino bringt sie uns zur Bergstation am Pointe Helbronner (3.462m). Gerne gestatten wir uns diese Aufstiegshilfe, denn Glen hat uns einen echten Brocken serviert: die Traverse „Glacier de la Noire“. Hinauf, hinab, hinauf, hinab. Viele Meter zu Fuß, Gegenanstiege, Steileis- und Harsch-Aufschwünge warten auf uns, doch dann kommt die Belohnung: ein – hoffentlich unberührtes - Couloir, bis zu 50° steil und laut Glen einer der lohnenswertesten Runs im gesamten Mont-Blanc-Gebiet.

Apropos Glen: Ja, es ist Glen Plake, Mr. Freeski himself, der legendäre Skipunk aus Kalifornien. Ab durch den Tunnel unter dem höchsten Berg der Alpen und mit uns in die erste Gondel in Courmayeur. Auch an Bord: Martin „McFly“ Winkler, Freeski Profi, Filmemacher und Judge bei der Freeskiing Worldtour sowie Profi-Kollege Björn Heregger. Gemeinsam folgen wir dem „Free Ski Mountaineering“ Gedanken: climb to ski. Also hinauf aus eigener Kraft, ohne Heli oder Skido, zum Teil mit technisch sehr anspruchsvollen Klettereien, Gradüberschreitungen usw. in kompletter Hochtourenausrüstung. Hinunter dann im freien Gelände. Nur der Berg, die ausgesuchte Linie und Du.

Bergstation. Wir lassen die Zivilisation und die Infrastruktur der Skiindustrie hinter uns. Eine kurze Abfahrt. Danach der erste ernsthafte Aufstieg. Mit metertiefen Gletscherspalten ist nicht zu spaßen. „Hier oben musst du genau wissen, was du tust“, ruft uns Glen über die Schulter zu. Zum Glück sind wir hier in seinem Revier, er kennt jede Rinne, jeden Zwischengipfel, ja fast jede Gletscherspalte beim Vornamen. Während wir uns schnaufend nach oben arbeiten, denke wir laut über unseren Beruf und die Entwicklung dieses Sports der letzten Zeit nach.

Vor einigen Jahren wurden eingestaubte Skifahrer mit breiten Brettern am Fuß und einem fetten Grinsen im Gesicht noch irritiert von ihren Pistenkollegen betrachtet. Freeskiing, also das Befahren unverspurter Hänge jenseits präparierter Abfahrten, galt als Randgruppensport. Gewohnt war man höchstens ein paar Tourengeher, die mit schmalen, weil leichteren Skiern einsam ihre Zöpfe in das weiche Weiß flochten. Nach und nach tauchten die ersten Verrückten auf. Skifirmen bauten Bretter mit mehr als 100mm unter der Bindung. Die Software, also Hosen, Jacken etc. erinnerten an den Style der Snowboardszene. Überhaupt verdankt das Freeriden auf Ski seiner Schwesterdisziplin, dem Snowboarden, sehr viel. Heute ist es mit dem Geländeskifahren wie so oft im Sport: die Vorreiter haben sich in die Welle gestürzt, kommerziell abgeritten wird sie von der Industrie. So wie die durchschnittliche Breite der Ski in den letzten Jahren kontinuierlich ansteigt, wächst auch die Zahl derer, die – fasziniert von einschlägigen Videos und dem Stil der Profis – auf den Imagezug aufspringen wollten. Doch für unerfahrene und ungeübte lautet die Endstation leider oftmals: Krankenhaus. Wenn sie Glück haben. Denn der Berg, die Gletscherspalten und Lawinen warten nicht, bis die Novizengruppe fröhlich gen Tal gerauscht ist. Wer sich im hochalpinen Gelände nicht auskennt, setzt sich der Gefahr um Leib und Leben aus.

Knapp drei Stunden später. Wir stehen am „Drop in“, der Einfahrt in ein atemberaubendes Couloir. Glen hat nicht zuviel versprochen. Links und rechts ziehen messerscharfe Granitgrade nach oben. Doch vor uns eröffnet sich ein kleines Paradies. Ein Paradies, das wir uns mit unserer eigenen Kraft und Ausdauer, unserem eigenen Können erschließen. Der Firn ist perfekt, doch wir müssen uns beeilen. Mit jeder Minute wird es wärmer, die Gefahr vor allem durch Steinschlag steigt.

Macht sich der Tiefschneefahrer in den erschlossenen Skigebieten oftmals keine Gedanken über die dort lauernden Gefahren, geschweige denn über Nachhaltigkeit und den Lebensraum Natur, nehmen wir beim Free Ski Mountaineering jeden einzelnen Moment bewusst und achtsam wahr. Auf der einen Seite, um die Einzigartigkeit der Natur, ihre wilde Schönheit und Kompromisslosigkeit in uns aufzunehmen. Auf der anderen Seite, weil das unsere Lebensversicherung ist. Jedes Knacken beim Traversieren eines Séracs, jedes Glucksen des Gletschers, jedes kleine „fffftttttt“, wenn wir mit unseren Skiern ein kleines Schneebrett ins Rutschen bringen, muss wahrgenommen und sofort eingeschätzt werden.

„Wenn ich mit dem Rad durch eine schöne Landschaft fahre und die Gräser rieche, die Stimmung und Schönheit in mir aufsauge, ist es etwas total anderes, als wenn ich mit 220 auf der Autobahn entlang rase“, vergleicht McFly unsere Bergbegegnung mit der Art und Weise, wie der Off-Piste-Tourismus sich heute oftmals darstellt. Hier zählt die Einzigartigkeit der gefahrenen Linie, das volle Vertrauen auf das eigene Können und die Zuverlässigkeit der Freunde. Dort geht es leider oftmals nur um die gefahrenen Höhenmeter pro Tag und darum noch einen Run mehr auf dem Konto zu haben als der Buddy.

Free Ski Mountaineering steht nach unserem Verständnis für Herausforderung, Individualität und ökologische Nachhaltigkeit. „Als Freerider habe ich großes Interesse daran, dass auch die nachkommenden Generationen diese Leidenschaft noch erfahren dürfen. Deshalb übe ich diesen Sport möglichst schonend für die Natur aus. Das ist die Grundaussage von Climb to Ski. Ein eindeutiges Statement für Nachhaltigkeit!“ philosophiert Björn, während er seine Skiboots vom Gehmodus zum Skimodus knalleng schnallt, um bei der folgenden Abfahrt volle Kontrolle zu haben.

Dann ist es soweit: Glen schwingt sich als Erster in die Tiefe. Björn, McFly und ich lassen uns ebenfalls nicht lange bitten. Mit einem breiten Grinsen und strahlenden Augen ziehen wir unsere Spuren. Am Ende des steilsten Stückes halten wir an, um die Weiterfahrt zu besprechen. Plötzlich hören wir Schreie von oben. Zwei Jungs, die sich offenbar auch unsere Tour ausgesucht haben, erkennen Glen. Wie ferngesteuert stürzen sie sich nach unten. Dabei schicken sie uns jede Menge Schnee und einige gar nicht so kleine Klumpen durch das Couloir. Zum Glück wissen wir, wie wir uns in so einer Situation zu verhalten haben und alles geht gut. Trotzdem: am Berg sind Respekt, Wertschätzung und Vorsicht gefragt, gegenüber der Natur ebenso wie gegenüber den Mitmenschen.

Doch dieses Ereignis kann unseren Tag nicht trüben. Firnhänge wie aus dem Bilderbuch, eisige Abbrüche, Sprünge, enge Turns und weite Radien – wir genießen diese Abfahrt, saugen jede Sekunde in uns auf und geben uns dann ganz der Ruhe hin, die uns und unsere klopfenden Herzen unterhalb der Seracs im flachen Gelände willkommen heißt. Ich denke noch einmal an das T-Shirt meines Skifreundes und erzähle dem Team davon. Einstimmiges Nicken ist die stille Antwort. Danke.

Björn Heregger

Nach eigener Aussage ist Björn zum Glück nicht die Rennsau, die er gerne gewesen wäre. Konsequent tauscht er also nach einigen Jahren im Alpinrennsport eisige Pisten gegen unverspurten Pulver ein. Seine Freerider-Contest-Karriere beginnt er mit einem zweiten Platz beim „Weißen Rausch“ in St. Anton (Arlberg), 2007 gewinnt der das Snowfever Bigmountain in Fieberbrunn (Tirol) und qualifiziert sich damit erstmals für das legendäre XtremeVerbier, das er mit einem respektablen achten Platz beendet. Damit dem jungen Wahl-Innsbrucker während der wenigen schneefreien Tage der Saison nicht langweilig wird, studiert er Volkswirtschaft, die Tiroler Partyszene und die Kunst des Kletterns.

Martin „McFly“ Winkler

McFly führt ein Leben in vielen Dimensionen. Sein Name ist einer der renommiertesten in der europäischen Freeski-Szene, er ist Judge bei der Freeski World Tour, er fährt als Athlet bei Filmen wie „Higher Ground“ und „Off the Grid“ von Warren Miller, er ist Firmeninhaber, Filmproduzent, Veranstalter des Austrian Freeski Open, Surfer, Sänger und Sinnsucher. Doch wenn man seine Großmutter fragt, was ihr Enkel Martin tut, hört man eine Antwort, die aus einem einzigen Wort besteht - und vielleicht genau deshalb so treffend ist: Geländeskifahren.

Glen Plake

Er gilt in der Free und Big Mountain Skiing Szene als lebende Legende. Er ist dreifacher Weltmeister im Freeskiing, meistert auch mit über 40 noch 60° steile Eisflanken in über 6.000m Höhe und hat mit seinem bunten Irokesen-Schnitt die Welt des Free- und Big Mountain Skiing in den letzten zwei Jahrzehnten eindrucksvoll gefärbt. Das berühmte „Powder Magazine“ wählte ihn 2006 zum „Most influencial skier of 35 years Powder Magazine“.

Eva Walkner

Manche Spitznamen erhält man nicht ohne Grund. Eva heisst in der Szene „Walki“. Ob das mit ihrem unbändigen Drang nach Freiheit, Frischluft und Freeriden zu tun hat? Vermutlich schon. Sicherlich auch damit, dass sie die wichtigen Schritte ihres Lebens ganz bewusst und mit viel Respekt und Wertschätzung nimmt. Denn nach unzähligen Verletzungen während ihrer Rennläuferkarriere im Skiweltcup und einem lebensgefährlichen Sturz während Freeride-Filmaufnahmen in Davos, geht die lebenslustige Sportjournalistin aus dem Salzburger Land nicht etwa vom Gas. Sie achtet nur noch besser auf das Gelände.

Video:White thrills on the Glacier de la Noire (3 Min.)

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Webtipp:Salewa

Bilder: Yves Garneau
Free Ski Mountaineering Glacier de la Noire


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