Foto © Hermann Erber
11 Oktober 2004

Harald Berger klettert "Des Kaisers neue Kleider"

Harald Berger schafft nach "End of Silence" 8b+ auch das Kaiser-Testpiece "Des Kaisers neue Kleider" 8b+

Pilgerfahrt zum Fleischbankpfeiler

Nachdem ich letztes Jahr "End of Silence" Reiteralm/Deutschland klettern konnte, war ich dieses Jahr, nicht zuletzt aufgrund der ständigen Bewertungsdiskussionen, extrem motiviert "Des Kaisers neue Kleider" Wilder Kaiser/Österreich zu probieren.

Anfang Juli startete ich zum ersten mal in die Route und wurde gleich mit strömenden Regen begrüßt. Obwohl die Route stellenweise sehr lange nass blieb, lies ich mich nicht abschrecken und pilgerte Wochenende für Wochenende zum Fleischbankpfeiler. Alle berufstätigen Kletterer können wahrscheinlich sehr gut mitfühlen, wenn ich erwähne, dass es an 7 Wochenenden, zumindest einmal am Tag, regnete. Wurde ich mal ausnahmsweise nicht aus der Wand geschwemmt, durfte ich mich über viele nasse (wichtige) Griffe freuen.

Motivation ist alles

Motivation ist alles, dachte ich mir und gab nicht auf. Anfang August war ich soweit, dass ich alle Passagen klettern konnte und die zwei schwersten Schlüsselstellen zumindest jedes zehnte mal(!) ziehen konnte. Doch so nah sollte das Ziel noch nicht sein, denn mit viel Pech knöchelte ich bei einer Landung beim Basejumpen am linken Fuß um, und durfte mich über ein fast vollständig gerissenes Innen- und Außenband und einem Knorpelschaden freuen. Im Krankenhaus "machten sie auf Horrorshow" und kündigten Operation, 6 Wochen Gips und 2 Monate Ruhe an! Gott sei dank kannte ich einen guten Physiotherapeuten, der mich, so dachte ich, wahrscheinlich auch in 4 Wochen wieder zum Laufen bringt. Tatsächlich konnte ich nach mühevollster Genesungszeit und Einbein-Klettertraining nach 4 Wochen wieder zu meinem Projekt humpeln. Die Wand war aber inzwischen wieder viel steiler, höher und vor allem die Griffe wieder viel kleiner geworden.

Fit genug, um den ersten Vorstiegsversuch zu starten

Motivation ist der einzige Schlüssel zum Erfolg und ein Zeitlimit, es war noch mitten im Sommer, hatte ich zum Glück nicht. Bis Ende August war ich nach mittlerweile insgesamt 17 Tagen in der Wand endlich wieder fit genug, um den ersten Vorstiegsversuch zu starten. Leider musste ich sofort realisieren, dass mich die ersten SL (6b, 7c+, 8a+ und 7c) noch so aufpumpten, dass ich die erste 8b+ bei weitem nicht durchklettern konnte. Die darauf folgende 8a+ und 6b+ SL hatte ich zwar schon gut drauf, jedoch die vorletzte SL 8b+ machte mir noch großes Kopf zerbrechen, da ich die Schlüsselstelle als Einzelpassage nur jedes 5.mal ziehen konnte.

Mit viel Motivation verbrachte ich die wahrscheinlich beste Schönwetterphase beim Arbeiten und abends (bei 30°) an der Kunstwand, um am 11. September fitter als zuvor in die Route zu starten.

Fühlte mich stark genug für den Durchstieg

Zum ersten mal war jeder Griff und Tritt staubtrocken und ich fühlte mich stark genug um zumindest einmal bis zur letzten SL durch zu steigen.

...dann die erste Schlüssellänge.. die ganze SL inkl. Schlüsselzug ist im trockenen Zustand tatsächlich leichter als im Nassen. Ziemlich leichtfüßig klettere ich bis zum letzten schweren Zug, doch dannnn bricht plötzlich der letzte Untergriff weg und ich segle ins Seil. Mein fluchen lässt den ganzen Pfeiler inkl. Wanderer erzittern (ich war fast ungepumpt bis zum letzten Riss geklettert!). Völlig schockiert check ich mir schlampig eine Notvariante aus, seile nochmals ab, und starte nach 20 Minuten von neuen. Am letzten Rotz zittere ich mich über den letzten Überhang und rette mich zum Stand. Nun glaub ich eigentlich schon nicht mehr an einen Durchstieg, da ich die letzte SL überhaupt noch nie durchklettern konnte. Die 8a+ SL, die ich normalerweise auswendigst herspatzieren kann, wirft mich mit meinen dicken Unterarmen fast nochmals raus. Völlig erschöpft gelange ich zur letzten SL, wo ich (während Markus nachjümart) gleich eindöse.

Nach wenigen Minuten Schlaf fühlen sich meine Arme und mein ganzer Körper keineswegs besser an. Ich kann nicht zu lange warten, sonst werden meine Finger kalt. Den Kopf ganz leer steige ich ohne Erwartungen in die SL ein, um erwartungsgemäß vor dem Zwicker wieder abzutropfen... doch wie ein Wunder erwache ich aus meinem Film und sehe mich am ersten Henkel wieder. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.. bei der zweiten schweren Stelle zieht es mir plötzlich am Knieklemmer eine Nähmaschine auf, ich schnauf tief durch und realisiere, dass ich jetzt ja nicht die Nerven schmeißen darf. Gott sei dank hab ich den Ausstieg in und auswendig drauf und ich finde mich am Stand wieder, wo ich durch meinen Urschrei den ganzen Kaiser erbeben lasse.. komplett erledigt kann ich erst am Tag darauf meinen Durchstieg realisieren und ich schau aus dem Fenster, es regnet in Strömen..

"Und wie schwar is jetz wirkli?"

Vielleicht würden die einzelnen SL im Klettergarten als "leichte" 8b+ durchgehen, jedoch muss ich sagen, dass ich einige 8b+ im Klettergarten deutlich schneller klettern konnte, als beispielsweise die zweite 8b+ in dieser Route.

Meine gefühlsmäßige Bewertung: 6b, 7c+, 8a+ (keine leichte!), 7b+, 8b+ (vielleicht hart 8b), 8a (vielleicht leichter), 6a+, 8b+, 6b Gratulation an die Erstbegeher!!

Berichte über Harald Berger:

Harry Berger: Solo durch Mordor

The End Of Silence - 4te Begehung durch Harald Berger !

Top-Webtipp:

Outdoor-Foto - die Bilder von Hermann Erber

Sponsor:

Petzl - Stirnlampen, Hardware und Eiskletterausrüstung.

Foto © Hermann Erber
Foto © Hermann Erber
Foto © Hermann Erber
Foto © Hermann Erber
Harald Berger in "Des Kaisers neue Kleider" (8b+)alle Fotos © Hermann Erber


Kommentare

Neuer Kommentar
Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren.