12 Mai 2006

IBEX - Im Tal des Steinbocks

Bouldern im Gebiet Ibex in der Wüste Utahs bietet fantastische Kletterei in einer grandiosen Landschaft fern jeder Zivilisation

Stop vor dem Salzsee

Ob das hält? Skeptisch stehen wir im Licht der Schweinwerfer unseres Campers und beäugen die rissige Lehmoberfläche des ausgetrockneten Salzsees vor uns. Das andere Ufer liegt in der undurchdringlichen Finsternis der Wüstennacht verborgen vor uns.

Die Wegbeschreibung bis hierher war denkbar einfach. Von Delta, der letzten Ansammlung menschlicher Behausungen fuhren wir 50 Meilen, das sind gut 80 km, westwärts auf dem schnurgeraden Highway 6/50 durch die ausgebrannte und öde Steppenlandschaft des Great Basins bis eine leichte Steigung und die anschließende Abfahrt ins Tal dahinter die Monotonie unserer Reise unterbrach.

Wie beschrieben bogen wir links ab auf die Dirt Road und folgten ihr im letzten Licht der untergehenden Sonne für weitere 3 Meilen. Noch einmal bogen wir rechts ab und nach weiteren hundert Metern standen wir vor dem was die Amerikaner als Dry Lake bezeichnen. Wenn selbst im Führer darauf hingewiesen wird in dieser Gegend besser keine Autopanne zu haben, sollte man vorsichtig sein.

Die Bodenoberfläche scheint hart wie Beton zu sein, alte Reifenspuren haben aber, nur ca. 10 cm unter der getrockneten Kruste, Wasser und Schlamm zum Vorschein gebracht. Wir haben keine Eile und so beschließen wir erstmal die Nacht an Ort und Stelle zu verbringen.

Minusgrade und der Generator streikt

Der Generator läuft auf Hochtouren und das wohlige Surren der Heizung lässt uns die frostigen Temperaturen, die hier Mitte November herrschen, rasch vergessen. Wach werden wir trotzdem weil es uns vor Kälte schüttelt. Schnell raus aus den Federn, Generator anwerfen und wieder zurück in den Schlafsack, denke ich mir, aber die gefrorene Pet Colaflasche am Camperboden lässt mich nichts Gutes erahnen. Und tatsächlich, der Generator streikt bei den arktischen Minusgraden beharrlich und ich verfluche insgeheim den Tag als ich, um einige Dollars zu sparen, das ältere Campermodell buchte.

Gundi, ob Ihres Geschlechts noch wesentlich sensibler was niedrige Temperaturen anlangt, gibt mir deutlich zu verstehen was sie von der Situation hält. Unter dem Vorwand, mal von außen nach dem Generator zu sehen und um meinem schlechten Gewissen aus dem Weg zu gehen, schnappe ich mir die Daunenjacke und erwarte schlotternd im Freien die ersten Sonnenstrahlen.

Die wärmen mich zwar nur wenig, bieten dafür aber ein grandioses Schauspiel. Am anderen Ende des trockenen Salzsees schälen sich gigantische Felstürme langsam aus der Dämmerung. Das erste Tageslicht übergießt sie mit einem warmen, goldgelben Farbton der langsam über die Schluchten und Grate des Gebirges streicht bis die Strahlen auch die Blöcke am Fuß der Felswand erreicht haben. Schlagartig wird die ganze unermessliche Weite und Großartigkeit dieser Landschaft, die wir gestern im Dunkeln nur erahnen konnten, spürbar.

Mit dem 250 PS Campermonster über den See

Das Frühstück ist gestrichen und nur wenige Minuten später brettern wir mit unseren 250 PS Campermonster über die knochenharte Lehmpiste. Unglaublich dass wir da gestern die Hosen voll hatten.

Unglaublich auch, dass wir offensichtlich die Einzigen sind, die heute hier Bouldern wollen. Seit gestern ist uns kein Auto mehr begegnet, einige alte Feuerstellen sind die einzigen Zeugnisse dass schon mal jemand vor uns hier war. Tatsächlich ist das Gebiet natürlich schon längst erschlossen und unter den Locals aus Utah eigentlich auch sehr beliebt, obwohl oder wahrscheinlich gerade weil es so weit ab vom Schuss liegt.

Go to Ibex, you’ll love that place

Gut 2 Stunden Umweg muss man schon einplanen abseits der Interstate zwischen Cedar City und Salt Lake City bzw. Moab, der Strecke die die meisten Besucher aus den Flughäfen der Städte zu den bekannteren Klettergebieten Utahs transportiert.

„Go to Ibex, you’ll love that place“, meinte Abby Watkins, die wir eine Woche vorher in Indian Creek trafen, und wir sind froh auf Ihren Rat gehört zu haben.

Beim Gestein in Ibex handelt es sich um Quarzit, einem metamorphen Gestein, das unter hohem Druck und Temperatur aus Sandstein entsteht und extrem widerstandsfähig ist. Leider lässt die Reibung zu wünschen übrig. Mit europäischem Granit, dem der Fels optisch etwas ähnelt, hat Ibex nur wenig zu tun. Hauptbestandteil von Quarzit ist eben Quarz und der schmiert. Das heißt, viele Probleme schauen leichter aus als sie sind. Spätestens als ich versuche an einer kleinen Quarzleiste loszustarten weiß ich es besser. Im Sommer muss ein eingeseiftes Ferkel leichter zu halten sein als dieses Kristallleistchen.

Die Kletterei ist trotzdem fantastisch. Hinter nicht wenigen Problemen ist im Führer ein kleines Herz mit Flügeln eingetragen, Symbol für Highballs die keine Fehler verzeihen.

Wir bouldern was das Zeug hält. Bei vollem Sonnenstand sind die Temperaturen angenehm, zum Sonnenbaden ist es aber trotzdem zu kalt und auch die Sonneneinstrahlung scheint uns intensiver als zuhause, fast wie in großer Höhe. Wahrscheinlich liegt das an der extrem niedrigen Luftfeuchtigkeit.

Auch zahlreiche Mehrseillängenrouten

Aber nicht nur für Boulderer ist Ibex einen Besuch wert, auch der Kletterer würde hier auf seine Kosten kommen, führen doch durch die zentrale Wand hinter dem Hauptsektor zahlreiche Mehrseillängenrouten.

Die Zeit verrinnt viel zu schnell, aber unser Rückflug ist schon gebucht und ein längerer Aufenthalt nicht drin. Dabei ist Ibex riesig. Die einzelnen Sektoren liegen oft mehrere Kilometer voneinander entfernt. In dieser menschenleeren Einsamkeit und Weite verschieben sich automatisch die Maßstäbe.

Im weiten Feld der Einzigartigkeit

Hier braucht man nicht zu meditieren, die Landschaft selbst ist Meditation. Das eigene Ich reduziert sich in Ibex rasch auf ein kleines Flämmchen im weiten Feld der Einzigartigkeit.

Aus dem Internet erfahren wir später, dass es angeblich Pläne gibt, Teile des Geländes an eine Minengesellschaft zu verkaufen. Damit würde wohl, nicht nur in den Augen von uns Kletterern, ein magischer Ort zerstört werden. Schweren Herzens verlassen wir diesen besonderen Platz mit dem festen Vorsatz, so bald wie möglich wiederzukommen.

Steinböcke (engl. Ibex) haben wir übrigens keine gesehen, womit uns der Grund der Namensgebung leider verborgen blieb.

Infos Ibex:

Anreise:

Ibex liegt in der westlichen Utah Wüste, südlich von Highway 6/50 und ca. 50 Meilen westlich von Delta bzw. 105 Meilen östlich von Ely in Nevada.

Infos:

Mehrere Boulderführer und ein kleiner Kletterführer in den meisten Kletterläden in Utah erhältlich. Wir verwendeten „Utah Bouldering“ von Dave Pegg. Er enthält eine genaue Anfahrtsbeschreibung und die Hauptsektoren Ibex Crags, Topus Mountain und Stagger

Beste Zeit:

Oktober bis April. Ibex wird als Wintergebiet gehandelt. Manche Sektoren geraten dann allerdings relativ früh in den Schatten und dann kann es empfindlich kalt werden. Es herrscht kontinentales Klima, das heißt die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind wesentlich größer als bei uns, in der Nacht friert es.

Camping:

Wildes Campen ist erlaubt, die besten und geschütztesten Plätze liegen bei den Sektoren Topus Mountain und Candyland. Campen am Dry Lake Bed bei den Ibex Crags ist ebenfalls möglich, der Ort kann allerdings der windigste Platz des Planeten sein. Das Zelten zwischen den Blöcken sollte man vermeiden.

Ökosystem Wüste:

Die Wüste ist ein äußerst sensibler Lebensraum und nur scheinbar leblos. Das fragile Gleichgewicht kann durch Besucher leicht und endgültig gestört werde. Besucht Ibex nach dem Motto der Amerikanischen National Parks „Leave no traces – Hinterlass keine Spuren“, also bringt euer eigenes Feuerholz, fahrt nur auf bestehenden Wegen, nehmt euren gesamten Müll wieder mit etc.

Überleben in der Wüste:

Man muss seine gesamte Verpflegung und Wasser selbst mitbringen. Der nächste Laden, das nächste menschliche Gebäude überhaupt liegen 80 km entfernt. Oft fährt am Highway für Stunden kein Auto vorbei. Normalerweise reicht 2-Rad Antrieb aus. Das Fahrzeug sollte aber auf jedem Fall in gutem Zustand sein, eine Panne hier draußen bedeutet ein bis zwei Tage Unannehmlichkeiten und einiges an Kosten. Eine Schaufel schadet keinesfalls um sich im Fall der Fälle auszugraben.

Text & Fotos: Rudolf Schmidt

Webtipps:

Climb Utah

Killerclimbs.com

Climbing in Southern Utah

climbingsaltlake.com

Sponsor-Links

AustriAlpin

Berghaus

Julbo

Gundi Kraft trotzt der Schwerkraft beim Bouldern in IBEX. Alle Fotos: Rudolf Schmidt.


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