Jakob Schubert klettert Ill Thrill (8b+) im Bouldergebiet Magic Wood
25 März 2021

Ill Thrill 8b+ im Bouldergebiet Magic Wood

Jakob Schubert klettert Ill Thrill (8b+) im Bouldergebiet Magic Wood - inkl. Video

Am Wochenende ist Zeitumstellung. Wir schalten die Uhren von Winter- auf Sommerzeit, die Tage werden länger und draußen wird es wärmer – klingt perfekt und nach Frühlingserwachen; doch müssen auch wirklich alle Komponenten harmonisch zusammenspielen damit sich dieses Gefühl bei mir einstellt und solange es draußen winterlich ist, mag mir das nicht so ganz gelingen.

In einem Versuch, dem Frühling nachzuhelfen, bin ich auf ein Boulderprojekt aus dem Vorjahr gestoßen, bei dem ich so richtig ins Schwitzen gekommen bin: ‚ill thrill‘ (8B+) im schweizerischen Magic Wood.

Dabei hat sich eine überraschende Parallele zum Jetzt aufgetan – im Leben muss schon immer ganz viel zusammenpassen, damit es sich anfühlt, als würde man mit einem warmen Messer durch Butter gleiten – schwerelos, mit einem unglaublichen Gefühl von Leichtigkeit.

Während aktuell die Wärme eher fehlt, um genau diesen Zustand zu erreichen, war es damals zu heiß und der Boulder hat mich unerwartet lange ‚gefuxt‘. Die einzelnen Züge haben gut funktioniert, es war das Aneinanderhängen aller Züge – der Durchstieg – das mir lange nicht gelingen wollte. Eigentlich ist das meine große Stärke:eine gute Physis und das Selbstvertrauen, dass ich jeden Zug für sich schaffe. Somit ist das Zusammenhängen meist Formsache. Dieser Boulder hat viele relative schwere Züge und keinen bestimmten Krux-Zug. Da besteht die Herausforderung darin, am Ende alle Züge aneinander zu hängen.Spätestens seit Perfecto Mundo, meiner ersten 9b+ Route, weiß ich, wie viele Kleinigkeiten zusammenspielen müssen, wenn man einen Boulder oder eine Route voll am Limit durchsteigen will. Die äußeren Bedingungen müssen passen, man muss an dem Tag physisch gut drauf sein, aber vor allem auch mental. Bei einer Kletterroute ist es mental noch schwerer, weil die Belastung länger ist, man muss noch viel länger extrem konzentriert sein. Andererseits ist beim Bouldern vielleicht ein Zug so am Limit und technisch so anspruchsvoll, dass es extrem schwierig ist, dass genau bei diesem Zug alles zusammenpasst.

Jakob Schubert klettert Ill Thrill (8b+) im Bouldergebiet Magic Wood
Jakob Schubert klettert Ill Thrill (8b+) im Bouldergebiet Magic Wood

Als Wettkämpfer lernt man genau das: Am Tag X zum Zeitpunkt X alles abzurufen. Sowohl am Vorstieg als auch beim Bouldern muss ich genau in dem Moment alles abrufen können, was ich draufhabe, um es physisch, aber auch mental zu schaffen; genau zum richtigen Zeitpunkt auf Vollgas-Modus umschalten und alles geben. Es spielen aber eben auch die Außenfaktoren eine Rolle oder ob man mal wegrutscht oder einfach Pech hat. Man hat nie immer alles selbst in der Hand. Auch wenn ich der Dirigent mit dem Taktstock bin, muss das ganze Ensemble im wahrsten Sinne im Einklang mitspielen.

Mein Teamkollege Nicolai Uznik trifft es im Video zum ‚ill thrill‘ Boulder punktgenau: „Es kann nicht immer laufen. Bei Jakob Schubert gibt’s selten solche Tage, aber heute scheint ein solcher Tag zu sein.“ Es war damals ganz sicher so ein Tag… Außentemperaturen über 25°C sind für schwierige Felsprojekte vor allem beim Bouldern deutlich zu warm und somit weit weg von ideal. Die Haut schwitzt und man hat dadurch keine gute Reibung zwischen Fingerkuppen und Fels. Mit jedem neuen Versuch verletzt man die Haut ein bisschen mehr, sie ist durch die Wärme aufgeweicht, gleichzeitig ist der Fels rau und die Griffe sind scharf. Deswegen bin ich immer wieder in das Loch unten reingekrochen; es war die einzige Stelle, an der die Luft kühler war und die Haut etwas abkühlen konnte. Natürlich konnte ich Nicolais Aussage nicht so stehen lassen...

Meine Motivation und meinen Ehrgeiz hat diese erschwerte Situation dafür umso mehr angestachelt. Das hilft, um gut fünf Stunden an so einem Durchstieg zu arbeiten. Wenn ich da mein Ziel nur halbherzig erreichen will, kann ich gleich wieder einpacken. Aufgeben ist zu leicht.

In solch einer Situation ist die Erfahrung der Schlüssel zum Erfolg. Man lernt mit der Zeit damit umzugehen. Natürlich helfen vergangene Erfolgserlebnisse auch in der Zukunft; zu wissen, dass es, auch wenn es mal fuxt, doch klappen kann. Gerade bei diesem Boulder zum Beispiel ist es wichtig, dass man mal alle Züge in dem Boulder geschafft hat und es eigentlich ums Zusammenhängen geht. Man weiß, dass es möglich sein sollte. Dann geht es um den physischen Aspekt, es zu schaffen, die Züge so leicht zu machen, dass man genug Kraft für den Durchstieg hat.

Wichtig ist auch das Relativieren – die Welt geht nicht unter, wenn man den Boulder nicht schafft. Außerdem kann man so einen Boulder, bei dem man bei jedem Versuch einige Züge macht, als richtig gutes Training sehen. Auch wenn es nicht klappt, steck ich alles rein, weil man zumindest daran arbeitet, besser zu werden.

   MOTIVATION A LA JAKOB SCHUBERT

  1. Erinnere dich an das Glücksgefühl!
    Es ist sehr wichtig, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, wie großartig das Glücksgefühl nach einer großen Anstrengung ist. Das ist einfach mega. Das ist es wert, so richtig ‘reinzubuttern’. Es motiviert, sich dieses Gefühl vorzustellen.
  2. Hab eine gute Zeit!
    Egal ob du dein Ziel erreichst, für mich ist es sehr wichtig, ist, eine richtig gute Zeit zu haben. Wenn man keinen Spaß bei der Sache hat, wird es immer schwieriger, motiviert zu bleiben.
  3. Umgib dich mit guten Menschen!
    Gute Freunde und eine gute Stimmung um mich herum sind entscheidend. In der Schweiz waren meine zwei guten Freunde Michael Piccolruaz und Nicolai dabei. Auch wenn der Boulder ‘fuxt’, hört man zwischendurch gute Musik, scherzt rum - das macht einfach Spaß und macht es extrem leicht, motiviert zu sein.

So wie grade auch noch der Frühling. Jeden Tag ein bisschen mehr Sonne und dann klappt es auch bald mit dem endgültigen Erwachen. Ich freu mich, wenn ich auch mal wieder im T-Shirt oder der kurzen Hose raus gehen kann und auch wieder mal gemütlich, ohne sich zu erkälten, mit dem Rad zum Klettertraining fahren kann. Draußen in der Wärme sein, darauf freu ich mich jetzt schon riesig!

Text: Jacob Schubert, Fotos: Michael Piccolruaz


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