18 Februar 2020

Jakob Schubert - 180 Tage bis Olympia

180 Tage - Sechs Monate - ein Ziel - Klettern wird olympisch und ich bin dabei.

Der Name Jakob Schubert steht seit Jahren für Ausrufezeichen im internationalen Klettersport, sowohl im Wettkampf als auch beim Felsklettern. Der 29-jährige Innsbrucker ist 3-facher Weltmeister, 7-facher Gesamtweltcupsieger in unterschiedlichen Disziplinen, hält den Rekord für die meisten Weltcupsiege hintereinander und ist Medaillenkandidat beim Olympia-Debut der Kletterer in Tokio 2020. In seinem Newsletter ‚Destination Rotpunkt‘ informiert er über seinen Weg zu den Spielen, die Vorbereitungen und Herausforderungen auf und abseits von Wand und Fels.

‚Destination Rotpunkt‘ verknüpft das Sonnensymbol der japanischen Flagge als Austragungsort mit Jakobs Ziel bei den Olympischen Spielen: den erfolgreichen Durchstieg seiner Route in einem Zug. 

Dem Titel  - Destination Rotpunkt – kommt in diesem Jahr eine ganz einzigartige Bedeutung zu. Für mich und meinen Sport beginnt mit der Premiere bei den Olympischen Spielen eine neue, aufregende Zeitrechnung. Den Startplatz fix in der Tasche, möchte ich meinen Weg in den kommenden Monaten via Newsletter festhalten und interessante wie persönliche Momente teilen. Dafür gibt es keinen besseren Auftakt als eine Reise nach Tokio, sechs Monate vor den Spielen.

 

Der Bekleidungsausrüster des Kletterverbandes hat Jessica Pilz und mich ins Land der aufgehenden Sonne geflogen, damit uns das Olympia-Outfit via digitaler Körpermessung auf den Leib geschneidert werden kann. So kommt es, dass ich genau ein halbes Jahr vor der olympischen Kletterpremiere in Tokio sein darf. Damit sich der Trip auch wirklich auszahlt, haben wir’s mit einem Trainingslager kombiniert.

 

Die Stimmung in unserem kleinen Team - Heiko Wilhelm, unser langjähriger Teamcoach, Physio Markus Schauer, Nikolai Uznik, ein jüngerer Athlet, der zum ersten Mal in Japan ist, Jessica und Sandra Lettner - ist sehr gut und vertraut.

 

Natürlich gibt es schon eine olympische Vorfreude. Wir waren am Odaiba Aomi Areal, auf dem die Kletterbewerbe stattfinden werden. Direkt auf den Platz konnten wir nicht, aber das Gerüst für die Vorstiegswand steht bereits.

 

Die Ausrichtung der Wand stimmt. Als wir um 16 Uhr dort waren, war die Sonne schon auf der Rückseite. Die Bewerbe starten um 17 Uhr, also klettern wir nicht in der Sonne. Das sind gute Nachrichten. Ich freu mich schon aufs Klettern dort! Definitiv ein cooler Platz, direkt an der Tokio Bay.

 

Ansonsten ist da auch die generelle Freude hier zu sein, Japan ist immer wieder eine Reise wert. Sehr freundliche Leute, das Essen ist gut, das Training ist abwechslungsreich. So viele kletterbegeisterte Menschen auf so engem Raum- das ist wirklich einzigartig. In der Stadt selbst machen sehr viele Reklametafeln bereits auf die Spiele aufmerksam.

 

Beim Sushi essen am ersten Abend wurden wir von Gästen und Belegschaft als Olympiastarter erkannt und durften gleich Fotos mit allen machen. Die Köche haben das auch mitbekommen und waren dann besonders darauf aus, uns ein kulinarisches Highlight zu bereiten. Ich selbst bin vorerst noch ganz ruhig. Es ist doch noch länger hin, darüber bin ich auch froh, weil noch einiges zu tun ist und ich mich im Moment noch nicht bereit fühle, aber der Prozess läuft recht gut, bin sehr zufrieden mit dem Training.

 

Stichwort Training: Die japanischen Kletterwände kommen meinem Stil nicht ganz so entgegen. B-Pump Ogikubo ist die größte und beste Halle in Japan. Dort ist die Ausrichtung sehr wettkampfspezifisch – viel offene Griffe, viele Volumen und große Aufleger. Komplett anders als zu Hause, hier kann man mit Fingerpower wenig erreichen. Die Griffe sind sehr rutschig, die Japaner bauen auch gerne auf Beweglichkeit, weil ihnen das selbst sehr zugute kommt. Oft ist auch für eher kleine Leute geschraubt – hohe Tritte und viel zum Schieben und Stemmen. Damit tu ich mir schwer. Am Ende helfen diese ungewöhnlichen Trainingsbedingungen aber wieder meiner Entwicklung.

 

In diesen Situationen lerne ich immer wieder, es mir nicht ganz so zu Herzen zu nehmen, wenn ich hier in den Hallen nicht ganz so fit bin wie zu Hause oder vor allem im Vergleich zu den Japanern, die immer hier trainieren. Umgekehrt geht’s den Japanern bei mir zu Hause in Innsbruck genauso. Immer dort, wo man am meisten trainiert fühlt man sich am wohlsten.

Fotos: Jakob Schubert bei einem Besuch in Tokio - Fotos: H. Wilhelm

Bereits bei der WM im Vorjahr und jetzt für Olympia habe ich gelernt, mich nicht zu viel zu vergleichen, wenn es in Richtung Bewerb geht und man viel Selbstvertrauen braucht. Heimvorteil für die Japaner bei den Spielen wird es dennoch nicht geben, weil die Wand eigens für die Spiele aufgebaut wird, die Routensetzer sind keine Japaner und somit gibt’s gleiche Chancen für alle. 

Wir testen auch das Apartment, das wir für die Zeit der Spiele ins Auge gefasst haben. Da überlegt man natürlich, wie man das in der Woche vor dem Olympia-Bewerb angehen wird. Will man ähnlich essen? Will man ähnlich wohnen, die Tagesabläufe ähnlich gestalten? Das ist aktuell im Kopf präsent. Alles möglichst perfekt machen, optimal vorbereitet sein – sowohl physisch als auch psychisch.

 

Das Apartment ist nicht unbedingt das luxuriöseste, aber so habe ich das auch erwartet. Wohnen ist in Tokio unglaublich teuer und der Platz sehr gering. Das ist schon mal der erste Vorteil vom Apartment – mehr Platz als in einem Hotelzimmer, und es ist auch sehr gemütlich. Im Moment sind wir ein Männerapartment mit Nikolai, Heiko und Markus. Das ist schon cool, man teilt Eindrücke und Gedanken doch etwas mehr als wenn man sich sofort allein in seinem Hotelzimmer verkriecht.

 

Mit dem Frühstück ist man flexibler, man kann auch mal mittags kochen – haben wir aktuell zwar noch nicht getan, aber im Hinblick auf Olympia ist das gut. Wichtig ist auch die Lage, man ist relativ schnell bei der wichtigsten Kletterhalle. Bis zum Wettkampfgelände sind es ca. 45min mit der U-Bahn. 

Auch wenn in den ausländischen Medien von Überwachungswahn für die Spiele gesprochen wird, empfinde ich das aktuell keineswegs so. Wie immer in Japan ist alles sehr geordnet und für alles gibt es viel Personal, aber man fühlt sich nicht überwacht.

 

Alles in allem war das ein super Trip, wir haben sehr gut trainiert, zum Ende hin ging es immer besser und ich hatte richtig gute Trainingseinheiten! Jetzt freu ich mich auf Daheim! Tokio wird mit der Zeit anstrengend, aber die Länge des Aufenthalts war genau richtig. Die Motivation nehme ich auf jeden Fall mit nach Hause! 

Text Jakob Schubert; Fotos: KVÖ-M.Liebhaber und H. Wilhelm



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