Hari Berger; Foto: Mike Jäger
01 Februar 2006

Kastlhupfn in Spicak

Harald Berger mit kritischen Worten zum Eiskletter-Weltcupbewerb im tschechischen Spicak...

Kastlhupfn in Spicak

Seitdem wir wissen, dass der Eiskletterweltcup nun unter den Fittichen der UIAA, genauer gesagt des ICCIC läuft, erhofften wir alle mehr Regelkonformität, ein Mindestmaß an Strukturvoraussetzungen, Erfahrungsausstausch unter den einzelnen Veranstaltern, kurzum eine Verbesserung und Steigerung der Qualität der Eiskletterwettkämpfe zu erfahren. Hochmotiviert bezahlte ich heuer den Mitgliedsbeitrag bei meinem alpinen Verein, denn ich wusste, das Geld ist auch von Nutzen für uns Eiskletterer.

Leider mussten wir in Spicak erkennen, dass dem nicht so ist. Da keine im IWC erfahrene Person(en) im Vorfeld die Struktur für den Weltcup beurteilt hatte, war diese für einen professionellen Weltcup eher ungeeignet. Obwohl es seit etlichen Tagen Temperaturen bis -20°C hatte (eigentlich perfekt zum Vereisen einer Konstruktion), bestand die „Vereisung“ zu 70% aus Schnee. Schon vor 6 Jahre konnten IWC Veranstalter die Erfahrung machen, dass eine Schneekanone (alleine) nicht zum Vereisen geeignet ist. Die Drytoolingpassagen spielten sich auf ca. 30cm breiten Brettern ab, was zur Folge hatte, dass nicht nur die Schnee-, sondern auch die Kunstgriffpassagen mit Zonen (unterschiedlichster Farbgestaltung) von ca. 30cm Durchmesser eingegrenzt waren. Ein Klettern innerhalb der Zonen war aber definitiv nicht möglich, da man ständig mit dem Körper außerhalb der Zonen streifte oder lehnen musste. Also entschieden die Judges, dass mit den Knien außerhalb der Zonen geklettert werden darf!

Der erfahrener Ausdauerathlet Simon Wandeler bewies während dieses „Tempelhupfns auf Knien“ die stärksten Nerven und die größte Schmerztoleranz, jedoch ist sein Gazellenknie jetzt so dick, wie das von Hermann Maier. Trotzdem war er eindeutig am weitesten geklettert und kassierte verdient die „Goldenen“. Zweiter wurde unser „Tequillaboy“, seines Zeichens Paradeathlet mit hoher Tendenz zum Abfeiern. (Die Rede ist von Markus Bendler-Superfit). Die Bronzene durfte ich einstreichen, wobei eigentlich Samuel, Evgeny und ich bei dem gleichen Schneeloch durchgerutscht sind...

Leider wurden viel starke Kletterer, wie Gerd, George, Toni, etc. Opfer höchst undurchsichtigen Linienentscheidungen. Eines der irreführenden Zitate der Judges: „Ein Fehlschlag neben die Linie ist erlaubt“ ?!

Wirklich unspaßig war aber, dass ein paar Tempelhupfa nur haarscharf nicht am Boden stürzten, dafür umso effektvoller einen Pfeiler touchierten. (und wieder ein blauer Fleck mehr!)

Bei den Mädls lief es ganz ähnlich, ein Haufen blauer Knie, ausgerissener Hooks, viele Stunden im Isolationszelt und Gott sei Dank kein Groundfall. Resultat: Ines - Xenia – Anna.

Richtig lachen musste ich, als ich vom warmen Gasthaus „Stodola“ dem Speedbewerb zusah: Auf der schrägen Schneerampe sollten die Athleten den Turm hochlaufen! „Bitte nicht Stürzen!“ war die Devise, denn ein akrobatischer Touchdown war vorprogrammiert. Bei diesen Voraussetzungen beschränkte sich das Teilnehmerfeld dieser Speed-Weltcupveranstaltung auf drei Kletterer.

Stellt sich nur mehr die Frage, was unsere russischen Kletterkollegen dazu meinen? Sie bereiten sich doch, neben dem Difficulty-, auch sehr gezielt auf den Speedbewerb vor und investieren mind. 200-300€ an Visum, Startgeld, Anreise, Hotel, etc. pro Bewerb (für so manchen russischen Kletterer oft ein kleines Vermögen)! Diese Kosten können sie oft nur durch das Preisgeld finanzieren, welches bei diesem Bewerb in beiden Disziplinen ganz ausblieb.

Bleibt noch zu erwähnen, dass sich die tschechischen Organisatoren dann doch richtig Mühe gegeben haben, das Beste aus der Situation zu machen und die vielen Mängel durch gute Laune und Enthusiasmus auszugleichen.

Die Hauptfrage für mich ist aber vielmehr: Welche Funktion hat nun die UIAA/ICCIC?? Ist Antidoping ein entscheidendes Element zur Qualitätssicherung von Eiskletterbewerben?

Ich kann mir leider folgenden Vergleich nicht verkneifen: Als FIS sichere ich den Ostfriesischen Inseln einen Weltcup im Schifahren zu, gehe sicher, dass auch Antidopingkontrollen gemacht werden, vergesse aber, dass man zum Schifahren auch Berge benötigt!

Hurra, Olympia wir kommen!

Text: Harald Berger; Fotos: Mike Jäger

Download Video: Finale Ines Papert und Simon Wadeler: Video 320x240 (60MB!! 15 min)

Ergebnisse von Spicak:

Herren:

1 Simon Wandeler CH

2 Markus Bendler AUT

3 Harald Berger AUT

4 Yevgen Kryvosheytsev UKR

5 Samuel Anthamatten CH

6 Israel Blanco Rodríguez ESP

7 Jack Müller CH 7

8 Gerd Dönhuber DE

9 Jan Doudlebský CZ

10 Jirí Pelikán CZ

Damen:

1 Ines Papert DE

2 Ksenia Sdobnikova RUS

3 Anna Torretta IT

4 Petra Müller CH

5 Jitka Mázlová CZ

6 Franziska Dönhuber DE

7 Julia Oleynikova RUS

8 Jaroslava Melounová CZ

Webtipps:

www.icebreaker.cz - die Page der Veranstaltung in Spicak

www.czechclimbing.com - mit Infos zum Bewerb

www.haraldberger.at - die Page von Hari Berger

www.felsenwelt.de - die Page von Mike Jäger

Hari Berger; Foto: Mike Jäger
Simon Wandeler; Foto: Mike Jäger
Yevgen Kryvosheytsev; Foto: Mike Jäger
Ines Papert; Foto: Mike Jäger
Der Zillertaler Bernhard Schiestlm; Foto: Mike Jäger
Markus Bendler; Foto: Mike Jäger


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