Bergführer und Landesgeologe von Salzburg, Gerald Valentin
01 August 2009

Klettersteige - vom alpinen Bergerlebnis zur Funsport-Anlage

… so lautete der Titel einer äußerst interessanten und spannenden Diskussion im Bergsport-Fachgeschäft von Extrembergsteiger Hans Kammerlander.

Bergführer und Moderator Heinrich Lechner hatte dazu die beiden Bergführer Gerald Valentin, Landesgeologe und Hans Gassner, Initiator des Drachenwandklettersteiges am Mondsee geladen. Der Klettersteig-Führerautor Axel Jentzsch-Rabl aus Kufstein ergänzte diese kompetente Runde.

Klettersteige wurden ursprünglich angelegt um in Kriegszeiten, vor allem in den Dolomiten, schwierige Versorgungswege abzusichern oder Übergänge zwischen Hütten oder auf ausgesetzte Gipfel besser begehbar zu machen. Unterstützt von Tourismus und Sportartikelindustrie werden aber immer mehr so genannte Sportklettersteige erbaut. Diese Anlagen sind oft durch Straßen oder Seilbahnanlagen für eine große Zahl auch weniger erfahrene Bergsteiger sehr leicht zu erreichen.

Axel Jentzsch-Rabl berichtet über einen neuen Steig, der sogenannten „Arenavariante“ in der Steiermark, der für eine sichere Begehung durchaus körperliche Fähigkeiten und ein Kletterkönnen erfordert, welches für den klassischen Kletterschwierigkeitsgrad 6 notwendig ist. Die anwesenden, erfahrenen Kletterer sind sich einig, dass hier das Ziel der Erbauer eindeutig falsch definiert worden ist. So würde das Emporhangeln an einem fixierten Stahlseil den klassischen Bergsteiger der extremeren Richtung schlichtweg nicht interessieren. Die breite Öffentlichkeit der Klettersteiggeher sei mit diesem Schwierigkeitsgrad ohnedies überfordert. Falsche Selbsteinschätzung und folglich Überforderung sind auch häufige Ursachen für Unglücksfälle auf Klettersteigen.

Wesentlich größeres Unfallpotenzial ortet Bergführer Valentin in der mangelhaften bzw. falschen Ausrüstung. Auch Hans Gassner kann aufgrund zahlreicher Routinebegehungen „seines“ Steiges bestätigen, dass ca. 50% der dort Angetroffenen völlig unzureichend ausgerüstet sind. Ausrüstungsexperte und Bergführer Heinrich Lechner erläutert anhand zweier Unfallbeispiele die oft unterschätzte Gefahr von selbst gebastelten Selbstsicherungs-Vorrichtungen. So reichen oft schon geringe Sturzhöhen von 2 – 3 Metern unter ungünstigen Verhältnissen aus, um bedingt durch die statischen Stahlseilsicherungen herkömmliche und für den Zweck des freien Kletterns entwickelte Band- oder Reepschnurschlingen zu zerreißen. Immer wieder sind laut Aussagen einiger Anwesender selbst erfahrene Alpinisten und selbst geführte Vereinsgruppen mit solchen „Selfmade-Behelfen“ anzutreffen.

Laut Sicherheitsexperten Valentin sind derzeit geprüfte Klettersteigsets mit „Y-förmig“ angeordneten Sicherungsschlingen und eingenähtem Karabiner sowie einem so genannten Band-Falldämpfer das Non-Plus-Ultra in dieser boomenden Sportart. Da die Wege sehr oft auch über brüchiges, von Bändern unterbrochenes Gelände führen und häufig stark frequentiert sind – Hans Gassner spricht von bis zu 400 Begehungen an schönen Wochenendtagen – ist ein Steinschlaghelm absolut notwendig.

Die Verwendung der üblichen Standardausrüstung, Bekleidung und Notfallausrüstung versteht sich von selbst, darüber sind sich alle Anwesenden, ob Klettersteig-Geher oder Extremkletterer einig.

Einen oft unterschätzten und sehr stark sicherheitsrelevanten Aspekt bringt der Pongauer Extrembergsteiger Sepp Brugger ein. Als Stahlbau-Unternehmer und Spezialist für Felssicherung erwähnt er die Problematik der Verwendung teils ungeprüfter Materialien zur Befestigung und Sicherung der Anlagen. So wurden bei häufig verwendeten Baustahl Verankerungen schon spontane Brüche festgestellt. Ein weiteres Sicherheitsrisiko sieht Landesgeologe Valentin im oft mangelhaften Klebeverbund zwischen Stahl-Ankern und Fels. Nicht immer sind eine ausreichende Bohrtiefe und eine zuverlässige Verklebung in unterschiedlichen Felsqualitäten genau prüf- bzw. erkennbar. Der Benützer ist also auch oder ganz besonders auf diesen künstlichen Anlagen in seiner auf persönlicher Erfahrung beruhenden Eigenverantwortung gefordert entsprechend wach und umsichtig zu sein. Den Betreiber trifft zwar die so genannte Wegeerhaltungspflicht, aber eben nur in einem zumutbaren Rahmen.

Ein weiterer Aspekt, der Umweltschutz, hat gerade im Land Salzburg durch den Königsjodler-Klettersteig auf den Hochkönig Aktualität erfahren. Der Steig wurde im Naturschutzgebiet als Trainingsanlage zeitlich beschränkt genehmigt. Mittlerweile hat sich der Steig aufgrund seiner Anforderungen an die Kondition zum Testpiece unter Klettersteigfreaks entwickelt. Bergführer Werner Bein aus Abtenau stellt die Frage in den Raum, wer denn darüber entscheidet ob ein Klettersteig genehmigt werden soll oder nicht. Seine Befürchtungen werden von vielen anwesenden Bergsteigern geteilt, dass durch externen Druck z. B. von Seiten des Tourismus oft die Grenzen der Vernunft und Verträglichkeit überschritten werden. Vorwürfe wie „Berge in Kette“ sind ebenso zu hören wie der oft nach Reinhold Messner zitierte „Mord am Unmöglichen“.

Hier stellt Moderator Lechner den Anwesenden die provokante Frage, ob es denn im Sinne eines vom Psychologen Abraham Maslow beschriebenen peak-experience, also Spitzen-Erlebnis oder Erfolgserlebnis Ziel führend oder wirklich befriedigend ist, sich mit aller Mühe und Anstrengung an einem gespannten Stahlseil hinaufzuhangeln. Alternativen kennt Gerald Valentin aus Frankreich. So wie den Franzosen allgemein aus der Historie heraus ein sehr feinfühliger, eleganter Zugang zum Klettersport nachgesagt wird, werden dort auch entsprechende Anlagen gebaut. Versehen mit einem zum Festhalten oft zu dünnen Sicherungsseil wird der Kletterer dort angehalten, ja fast gezwungen über natürliche und künstliche Haltepunkte zu klettern. Der natürliche und ökonomische Bewegungsablauf des Kletterns mit einem harmonischen Zusammenspiel von Greifen und Steigen wird so gefördert. Dazu kann die provokante Hypothese aufgestellt werden, dass durch die Art der Anlage der hiesigen Klettersteige eine biomechanisch völlig falsche Klettertechnik provoziert wird. Dies mag mit ein Grund sein, warum sich oft auch Durchschnittsbergsteiger oder Wanderer durch ein ob mangelnder Steigtechnik Zuviel an Armarbeit überfordern.

Als abschließendes Resümee sind sich sowohl Diskussionsteilnehmer als auch Zuhörer einig, dass eine wohl überlegte, sensible und vor allem natürliche Wegführung ein wichtiges Kriterium für einen Klettersteig ist. Die Errichtung von Steiganlagen gehört zumindest professionell begleitet und fachmännisch überprüft. Die Schwierigkeit wird mit C und D als ausreichend erachtet. Schwierigere Anlagen mögen als Sportparcours in einzelnen, leicht zugänglichen, eventuell professionell betriebenen „Arenen“ Sinn machen, nicht aber im frei zugänglichen alpinen Gelände.

Bergrettung und Bergführerschaft werden sich mit Unterstützung der Medien weiterhin bemühen, die Notwendigkeit einer vernünftigen Sicherheitsausrüstung und Ausbildung zu verbreiten.

Webtipp:

Alpstation

Alpinverlag - Klettersteigführer

Bergführer und Landesgeologe von Salzburg, Gerald Valentin
Gerald Valentin unterwegs im von Hans Gassner initiierten Drachenwand Klettersteig
Alpstation
Moderator Heinrich Lechner führte durch diese interessante Diskussion


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