Walter Laserer
11 Mai 2009

Lawinenunfall am Everest

Walter Laserer mit dem Bericht zu seinem Lawinenunfall am Everest

Diesmal hat es uns erwischt. Vor einer Woche hatten wir noch mehr Glück, als eine Riesenlawine von der Westschulter des Everest hier herunter ins BC gerast kam und an den Zelten rüttelte, sonst jedoch keinerlei Schaden anrichtete.

Wir konnten die 2. Rotation mit Aufstieg ins Camp 3 in der Lhotseflanke bei wunderschönem Wetter vollenden, wobei Tomsky die gesamte Foto- und Filmausrüstung hoch schleppte und im Camp 3 geschlafen hat, während wir anderen nach rund 5 Stunden Aufenthalt wieder ins Camp 2 abgestiegen sind.

Nach einem Rasttag im Camp 2 mussten wir durch den gefährlichen Khumbueisbruch wieder hinunter. Dieses Jahr waren wir uns alle einig, die Eisfall-Doktors (Sherpas, die die Route durch den Eisfall legen) sowie Bergführerkollegen aus der ganzen Welt, dass der Eisfall weniger gefährlich als in den letzten Jahren sei. Durch den Klimawandel hat sich aber die Lawinengefahr von der Westschulter des Everest massiv verstärkt und es gehen in regelmäßigen Abständen auch größere Eislawinen ab.

Unser Zeitplan war in Ordnung, gegen 8 Uhr früh waren wir schon unten im Camp 1 und begannen bei herrlichem Wetter, aber starkem Höhensturm den Abstieg durch den Eisfall. Zügig kamen wir voran, obwohl ich zahlreiche Filmaufnahmen von spektakulären Eistürmen und Gletscherspalten gemacht habe. Zwei kleinere Lawinen beunruhigten uns jedoch so, dass wir immer schneller abstiegen.

Gerade als wir die letzte Leiter passiert hatten, hörte ich ein besonders lautes Rumpeln, drehte mich um – Scheiße, dass ist eine große, konnte ich noch rufen.

„Unser“ Sherpa Lhakpa Nuru rief noch, „there is an overhang“, so rasch wir konnten, versuchten wir uns unter einem Eisblock in Sicherheit zu bringen. Bernice rechts von mir, Lhakpa links. Ich versuchte noch Lhakpa zu helfen seinen Rucksack als Schutz über seinen Kopf zu bringen, als uns die Eislawine traf. Der Oberkörper war vom Eisblock Überhang genug geschützt, die Füße jedoch voll dem Druck der Eisstaubs und der Eisblöcke ausgesetzt. Keine Chance zum halten, schlagartig ging es bergab, rückwärts Kopf voraus in eine Spalte zusammen mit einer Riesenladung Eisstaub und Eisblöcken von Faust- bis Kindskopfgröße.

Während des Falles versuchte ich mit den Händen immer wieder den Schnee aus meinem Gesicht und von Mund und Nase zu bekommen, um wieder einige Atemzüge machen zu können. Plötzlich blieb ich stecken, kopfüber, mit dem Gesicht nach unten. Wenige Atemzüge später konnte ich Bernices Rucksack direkt vor mir ausmachen. „Are you hurt?“, nicht einmal ich selber konnte meine Worte verstehen, soviel Schnee war trotz allem in meinem Mund. Nach einigen Versuchen gelang es mir, eine Kommunikation herzustellen. „Bernice, you have to remove your Rucksack, you have to climb up.” Ich konnte nur meine Hände und Füße bewegen, war aber wie ein Marienkäfer auf dem Rücken blockiert.

Nach einigen Minuten gelang Bernice das Kunststück sich zu befreien und langsam aus der Spalte zu klettern. Meine Freude und Erleichterung währte indessen nur kurz.. Ich hatte so kräftig ich konnte ihren Rucksack nach oben geschoben, damit sie sich befreien konnte, damit aber gleichzeitig mich selbst noch fester im eisigen - Gefängnis fixiert. Kaum war Bernice außer Sichtweite, rutschte ich im Eis der Spalte tiefer, nach wie vor kopfüber, diesmal aber wurde mein Oberkörper ganz fest fixiert und damit meine Atmung enorm eingeschränkt. „Was habe ich angestellt, dass ich so elendig krepieren muss?“ Es half alles rütteln nichts, Kämpfe, schoss es mir durch den Kopf. Verzweifelt versuchte ich noch einen Klimmzug an den Schistöcken von Bernices eingeklemmten Rucksack über mir zu machen. Keine Chance, dafür konnte ich meine Beine seitwärts etwas tiefer bringen und damit die Belastung auf den Oberkörper reduzieren. Von oben ist bei dieser Lawine keine Hilfe zu erwarten, und bis vom BC jemand da ist, vergeht mindestens eine Stunde – eine Stunde zu lange.....“tell my girls, that I love them“, schrie ich zu Bernice hinauf, die mittlerweile vom oberen Rand der Spalte gellend um Hilfe rief.

Ich schloss die Augen – das war’s. Im Khumbueisbruch des Everest elendiglich kopfüber in einer Spalte krepiert. Kämpfe bis zu Letzt, schoss es mir durch den Kopf. Noch einmal ein kräftiger Zug am Rucksack, keinen Millimeter zu bewegen, keine Change zu meinem Taschenmesser im Hosensack zu kommen, um den Trageriemen durch zu schneiden. Mit den Fingernägeln versuchte ich mich im Eis zu halten, immer wieder rutschte ich ab, wobei die Fingernägel der Reihe nach abbrachen. Zum Verzweifeln. Wieder schloss ich die Augen, was kann ich nur tun??

Nach einer Ewigkeit kam plötzlich ein Seil von oben herunter. Keine Chance es an meinem Gurt zu fixieren, ich konnte einfach nicht an meine Hüfte herankommen. Ich wickelte das Seil daher so fest es mir möglich war um meine rechte Hand. Pull, pull, schrie ich verzweifelt und musste mit ansehen, wie sich das Seil Windung um Windung mit etwas Haut von meinem rechten Arm herunterwand. Keine Chance?

Plötzlich realisierte ich, dass ein Messer an einem Seil herunter gelassen wurde. Meine Hände waren mittlerweile weiß gefroren. Verzweifelt nahm ich das Messer in beide Fäuste und versuchte irgendwie meinen Rucksackriemen zu durchschneiden. Deutsche Qualitätsarbeit durchschneidet man aber nicht so leicht. Verflucht das wird knapp, schoss es mir durch den Kopf, bevor ich das Bewusstsein verlor.

Als ich wieder zu mir kam, war plötzlich jemand neben mir. „Please cut the Rucksack” mit einem Ruck kam ich etwas frei, an der Hand zog mich „mein guter Geist“ etwas höher, bevor ich wieder mein Bewusstsein verlor.

Plötzlich ging es im Eilzugtempo nach oben. So ein Mannschaftszug kann aber ganz schön fatal sein. Meist werden die dabei entstehenden Kräfte total unterschätzt. Ich schlug mit dem Kopf und dem Oberkörper irgendwo an und blieb stecken. „Stopp, Stopp“.....dann wurde ich wieder bewusstlos.

Zwei Stunden später blicke ich direkt in Dave Hahns Augen. Dagmar konnte von der Basecamp Klinik Infusionen besorgen, die Dave im Eilzugtempo herauf getragen hat, wo sie mir Felix angehängt hat. Nach entsprechender Schocktherapie und Stabilisierung durch Felix vor Ort haben Damian Benegas und Sherpas vom Team der Indian Army sowie IMG perfekt zusammen gearbeitet um mich durch den unteren Teil des Eisfalles zu bringen. Zuerst am Rücken, später in einer Rettungstrage wurde ich tiefer befördert, wobei der Schüttelfrost von Unterkühlung und Schock immer mehr abnahm.

Irgendwann wurde mir das Ganze dann doch zu unangenehm und ich verlangte resolut von meinen „Fesseln“ befreit zu werden. Meine Freunde Phunuru und Danuru von IMG halfen mir mit Sauerstoff und so konnte ich den Rest der Strecke selbst zu Fuß zurücklegen.

Was war mit unserem immer freundlich lachenden Sherpa Lhakpa passiert? Leider ist für ihn der Unfall nicht so glimpflich ausgegangen. Ein Schuh und sein Rucksack ist alles, was man nach einer neuerlichen Suchaktion von ihm gefunden hat. Er dürfte in dem Chaos der Eislawine mitgerissen worden sein und keine Überlebenschance gehabt haben. Meine Verletzungen sind nicht besonders schlimm. Am ganzen Körper Prellungen, besonders meine Beine sind total blau geschlagen und an den Hüften bin ich etwas lädiert. In einigen Tagen sollte ich wieder am Damm sein ,.......

Tomsky und Felix waren einige Minuten hinter uns, als die Lawine abging. Felix konnte im Schatten einer Eiswand und Tomsky an einer Eisschraube gesichert den enormen Druck der Lawine unbeschadet überstehen.

Es ist sicher im Sinne Lhakpas, dass wir die Expedition fortsetzen. Außerdem haben wir bereits angedacht für die Ausbildung seiner zwei kleinen Kinder Spenden aufzutreiben.

Walter Laserer Donnerstag, 07. Mai 2009

Webtipp:Laserer Alpin

Walter Laserer
Lhapka Nuru Sherpa
Lawine am Everest


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