Lebensdauer Bandschlingen (c) Andreas Jentzsch
18 Juni 2020

Lebensdauer von Bandschlingen

Wie lange halten Bandschlingen, worauf ist zu achten und wo lauern Gefahren

Die Bandschlinge gehört wie Gurt, Helm, Seil und Karabinern zur Grundausrüstung beim Mehrseillängenklettern und zählt in diesem Fall auch zur “Persönlichen Schutzausrüstung (PSA)“, auf die wir uns 100%ig verlassen. Bandschlingen findet sich aber auch fix installiert  in Kletterrouten an Standplätzen und als Zwischensicherungen in Sanduhren.

So wie Kletterseile werden auch sie aus Polyamid (Kunststoff oder Plastik) gefertigt und verursachen beim Ausmustern Plastikmüll. Wie lange hält eine Bandschlinge und welche Faktoren beeinflussen ihre Lebensdauer?

Der Wiener Walter Siebert beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dieser Frage der Lebensdauer von Seilen, Gurten und Bandschlingen und ist in seinem professionellen Labor den Einflüssen auf den Grund gegangen. Nach seinem viel beachteten Bericht über die Lebensdauer von Kletterseilen analysiert er nun die Ablegereife von Bandschlingen:

Wann muss ich eine Bandschlinge wegwerfen bzw. wie lange hält sie?

Wie schon in meiner Analyse zu Kletterseilen dargelegt, konnte ich bei Seilen keinen einzigen Unfall finden, der passiert wäre, weil ein Seil einige Jahre draußen hängt und dann ohne sichtbaren Schaden versagt. Bei Bandschlingen ist das ganz anders. Ich habe ich einige dokumentierte Unfälle mit Bandschlingen gefunden, die alarmierend sind: Ohne, dass ein deutlich sichtbarer Schaden aufgetreten wäre, sind die Bandschlingen bei niedrigen Belastungen, beim Abseilen oder toprope Runterlassen, gerissen.

Welche Fälle waren das zum Beispiel?

Bei einem Fall hat ein Kletterer eine in einer Felswand vorgefundene Schlinge als Umlenkpunkt benutzt, um sich wieder runterzulassen. Sie ist nach ein paar Metern gerissen. In einem anderen Fall ist in einem Hochseilgarten die Verbindungsschlinge zu einem Höhensicherungsgerät gerissen.

Alle diese Unfälle verliefen glücklicherweise nicht tödlich, aber mit schweren Verletzungen.

Kann mir das mit neuen Bandschlingen auch passieren?

Glaube ich nicht. Bisher sind mir nur Unfälle mit Schlingen bekannt, die jahrelang im Freien hingen. Mit Schlingen, die man am Gurt hängen hat und nur zum Standplatzbau verwendet, ist mir so etwas nicht bekannt.

Wieso passiert so etwas mit Schlingen, aber nicht mit alten Seilen?

Meine Erklärung liegt in der Konstruktion: Bei Seilen mit Kernmantelkonstruktion schützt der Mantel den Kern vor UV und Abnützung. Anders bei Schlingen, hier liegen sämtliche Fasern irgendwo „außen“, ungeschützt. Wenn man ein Seil, das jahrzehntelang in einer Südwand hing, testet, versagt im Zugversuch zuerst der UV-geschädigte Mantel Der Kern hält aber noch mehr als ausreichend (mehr als 9 kN im Knoten).

Bei Schlingen habe ich welche getestet, die im Einzelstrang keine 3 kN anstelle von 15 kN hielten.

Lebensdauer Bandschlingen (c) Andreas Jentzsch
Bandschlinge, die unter 6 kN im Ring versagt hat (= 3 kN im Einzelstrang anstatt 15 kN.) (c) Walter Siebert
Eine alte geknotete Expresschlinge (c) Water Siebert
Bandschlinge, die unter 6 kN im Ring versagt hat (= 3 kN im Einzelstrang anstatt 15 kN.) (c) Walter Siebert
Schnitt durch die Edelrid-Schlinge mit Dyneemakern und Polyamidmantel (c) Walter Siebert
Walter Siebert mit den ersten Bandschlingen in den 1970er Jahren (c) Walter Siebert
Eine beschädigte (verbrannte) Bandschlinge die auszuscheiden ist (c) Andreas Jentzsch
Einer vergilbte Bandschlinge, die lange draußen hing, sollte man nicht mehr trauen (c) Andreas Jentzsch
Dyneemaschlinge als Express (c) Andreas Jentzsch

Gibt es für dieses Problem eine Lösung und was kann ich als Kletterer tun?

Ich halte folgende Vorgehensweise für sinnvoll:

  1. Wenn du draußen eine Bandschlinge findest, vertraue ihr nicht Dein Leben an. Nimm eine Reepschnur als Backup und knüpfe sie dazu.
  2. Wenn jemand vorhat, etwas dauerhaft draußen zu lassen, wäre es sehr sozial, dafür ein Kernmantelseil zu nehmen, weil das hält „ewig“– solange kein sichtbarer Schaden ist, also es z.B. bis auf den Kern durchgewetzt ist.
  3. Es gibt schon Bandschlingen aus Kernmantelmaterial, z.B. von Edelrid oder Mammut. Der Mantel ist aus Polyamid (zum besseren Verknoten), der Kern aus hochfesten Fasern. Die Edelridschlinge ist genauso flexibel wie eine „alte“ Schlinge. Da habe ich gute Hoffnung, dass man damit die traditionellen Schlingen ersetzt – hier braucht man noch Langzeiterfahrungen. Ich führe gerade eine Kernmantelbandschlinge außen auf meinem Wohnmobil spazieren – die seit mehreren Jahren Schadstoffen und UV ausgesetzt wird. Bei dieser werde ich in der nächsten Zeit mal testen. (Ich teile dann gerne die Ergebnisse mit euch.)

Wann sollte ich meine Bandschlingen am Gurt tauschen?

Generell nach Kontakt mit Batteriesäure, ansonsten wenn die Bandschlinge sichtbare Beschädigungen aufweist zum Plastikmüll. Aus aktuellem Anlass (Covid 19) gilt auch große Vorsicht bei Desinfektionsmitteln, können die Lebensdauer und Haltbarkeit von Bandschlingen stark verkürzen. Waschen wirkt genauso und schädigt die Bandschlinge nicht.

Wie sieht das mit den unterschiedlichen Bandschlingen Materialien und deren Festigkeit aus?

Hier muss man zwischen Zugfestigkeit und Elastizität unterscheiden. Klassische Polyamid Schlingen habe eine zwar eine weit geringere Zugfestigkeit als Dyneema- und Kevlar Schlingen, dafür ist die Elastizität (Bruchdehnung) höher. Auf keinen Fall sollte man nur mit einer Bandschlinge selbst gesichert am Standplatz herumturnen, da schon geringe Sturzhöhen zum Reißen der Schlinge führen können.

Wie sieht das aus, wenn ich mit einer Bandschlinge eine Sanduhr fädle, oder die Bandschlinge eine Express-Schlinge ist und ich Stürze?

Da wird die Sturzenergie ja vom Seil und beim dynamischen Sicheren vom Sicherungsgerät aufgenommen. Wichtig ist, wie bereits gesagt, bei Sanduhren seine eigene Schlinge zu verwenden.

Herzlichen Dank, Walter. Im nächsten Beitrag schauen wir uns mit Walter Siebert die Klettergurte an, denn auch sie bestehen aus dem gleichen Bandmaterial.



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