NIN, einer der anspruchsvollsten Eisfälle der Schweiz
01 März 2011

Michi Wohlleben - Eisiger Start ins neue Jahr

Michi Wohlleben klettert schwierige Eis- und Mixedrouten rund um Kandersteg, läuft durch die Eiger Nordwand und flasht eine M12+ …

Die Vorbereitung für die Eissaison lief super, nach einem Ringbandriss am 29.Oktober in einem Projekt im Frankenjura, konnte ich mich notgedrungen voll auf die Wintervorbereitung konzentrieren. Ein Monat Muskelaufbau im Fitnesstudio und dann Ausdauertraining an den Eisgeräten im Drytooling Boulderraum brachten den erwünschten Erfolg. Ende Dezember war ich für 2 Wochen in Kandersteg, um dort mit meiner Freundin „Urlaub“ zu machen. Neben vielen Eisrouten im Oeschinenwald konnte ich im Mixedgebiet Ueschinen unter anderem „Matador“ (M11) im 1.Versuch klettern, nachdem ich die Züge ausgecheckt hatte. Bei einem späteren Besuch flashte ich die Route „Twin Towers“ (M10+, die Towers waren schon gefallen).

NIN (WI6+/7-, A2+,205m) – ein alter Traum

Hoch über dem Oeschinensee, exponiert und scheinbar unnahbar, verläuft eine auffällige Eisspur. Eiskletterer kennen sie seit der Erstbegehung vor 1o Jahren unter dem Namen „NIN“. NIN, Kurzform von Nine Inch Nails.

Seit ich Fritz kenne, redet er schon von NIN.

Nach langen Diskussionen, ob „Mach3“ an der Breitwandflue oder NIN, entschieden wir uns für NIN. Wir starteten am 2. Januar früh morgens mit Tourenski zum Öschinensee. Unser Plan sah vor, den Einstieg über die Untere Fründenschnur (das Schneeband in Wandmitte) zu erreichen. Die erste Seillänge (A2+) technische Kletterei im überhängenden Fels sah nicht gerade einladend aus. Ein paar kurze Gewindestifte und 5 immer wieder rettende Bohrhaken machten es nicht zum Genuss aber kletterbar. Die zweite Länge begann mit ein paar Drytoolingzügen, ehe wir ins Eis starten konnten. Die folgenden Längen haben uns schwer beeindruckt und gehören definitiv zum Anspruchsvollsten, was wir im Eis geklettert sind. Das spannendste war sicher die Seillänge mit dem zwei Meter ausladenden „Space Funghi“ in der 4. Seillänge. Abgesehen von der Dusche ließen sich aber auch die letzten beiden Seillängen gut klettern. Das Problem bei der ganzen Route war definitiv nicht die Kletterei, sondern die riesigen Eiszapfen, die wir immer über Kopf wegschlagen mussten. Insgesamt hatten wir aber trotzdem gute Verhältnisse, die es uns möglich gemacht haben, diesen kleinen Traum von Fritz zu wiederholen. Und wir möchten uns noch bei allen Fischen und Eisanglern für die anhaltende Ruhestörung am 2.Januar durch den Eisschlag entschuldigen.

„Tension“ M12+ -Flash

Nach Kandersteg war „Illuminati“ eine Mehrseillängenmixedroute (M11+/WI6+, 150m ) in den Dolomiten mein eigentliches Projekt, welches allerdings durch die warmen Temperaturen Anfang Januar fast vollständig zerstört wurde. Deswegen suchte ich mir ein neues Projekt. Ich wälzte die Internet Plattformen und stieß auf einen Bericht von Benedikt Purner über Begehungen im Dryland – ein renommiertes Mixedklettergebiet bei Innsbruck. Bei dem Bericht war ein Video von einer Begehung der Route „Tension“ dabei, ich schaute es mir an und dachte: Michi, das kannst du flashen. Da war das neue Projekt. 3 Tage später stand ich zusammen mit meinem Trainingspartner, Chauffeur, Motivator, starker Hund und guter Freund Laszlo Toth am Einstieg von Tension. Laszlo war auch an der Route interessiert und checkte sie aus, erklärte mir die Züge und ich musste nur noch klettern…

Gesagt getan, ich stieg ein. An der Schlüsselstelle musste ich nochmal ein Stückchen zurück klettern, da sich mein Fuß in einem Loch verklemmt hatte, nach kurzem Erholen in flacherem Gelände lies ich mir den Durchstieg nicht mehr nehmen. Ich klippte den letzten Haken vor dem normalerweise vorhandenen Eis und setzte mich überglücklich ins Seil. Durch den Föhneinbruch litt auch das Eis in Tension, genauer gesagt war keins mehr vorhanden. Deswegen konnte ich die letzten 3 m Eis leider nicht mehr klettern - ob das jetzt eine richtige Begehung war oder nicht, sollte jeder für sich entscheiden, ich bin happy diesen sehr anstrengenden und steilen 20 m Fels geflasht zu haben.

Eiger Nordwand im Zeitraffer

Eiger Nordwand ist in aller Munde, der Speedrekord von Ueli Steck ist extrem schnell! Seit unserem letzten Mal am Eiger (Februar 2009) redeten Fritz und ich immer wieder darüber, dass wir die Wand auch mal ein bisschen schneller versuchen wollen.

So standen wir nun zum 3. Mal am 10. Februar 2011 am Fuß des Eigers. Diesmal war unser Ziel die klassische Heckmair-Route in ca. 7-8 Stunden zu klettern. Um Punkt sieben Uhr starteten wir mit leichtem Gepäck in die Wand. Wir trafen nahezu perfekte Verhältnisse an und unser Team funktionierte wie so oft. Nach 50 min erreichten wir den Schwierigen Riss. Nach ca. 2h30min waren wir im Todesbiwak und merkten, dass wir ganz gut voran kamen. Aber die schweren Stellen Wasserfallkamin, Brüchiger Riss und Quarzriss folgten noch. Wir kletterten schnell und konzentriert und waren nach 3h30min am Anfang des Götterquergangs. Wir wussten, wenn unsere Reserven reichen, könnten wir schnell sein. So kletterten wir dann weiter, unsere Reserven reichten wohl und wir konnten um 12.10 Uhr am Gipfel des Eigers auf die Uhr schauen. Wir haben unseren Zeitplan eingehalten, keine Verletzungen davon getragen und einfach einen super Tag gehabt, was fehlt? Der Dank an die 19 Menschen in der Wand, die uns wirklich ohne Probleme vorbei gelassen haben!!! Hätten wir lange warten müssen, wäre diese Zeit nicht möglich gewesen.

Die mit großem Abstand schnellste Begehung der Eiger Nordwand glückte im Jahr 2008 dem Schweizer Ausnahmealpinisten Ueli Steck. Vom Einstieg zum Gipfel brauchte er nur 2h47min. Im Team waren bisher Roger Schäli und Simon Gietl (4h25) sowie Ueli Steck und Bruno Schläppi (5h03min) schneller.

Michi Wohlleben, Jahrgang 1990, wohnt in Künzelsau bei Heilbronn und ist Profibergsteiger und Bergführeranwärter

www.michaelwohlleben.blogspot.com

Fritz Miller, Jahrgang 1984, wohnt in Reutlingen und ist Bergführeranwärter.

www.bergfreunde.de/basislager

Fotos: Miller/Wohlleben

NIN, einer der anspruchsvollsten Eisfälle der Schweiz
NIN Übersicht
Fritz Miller in der 1. SL von NIN
Michi Wohlleben in Tension M12+ @ Hansi Heckmair
Michi Wohlleben in Tension M12+ @ Hansi Heckmair
Michi  Wohlleben in der Eiger Nordwand
Fritz Miller und Michi Wohlleben am Gipfel
Die Zeit stimmt!
Winterliche Eiger Nordwand mit Heckmairroute
Michi beim flash von „Twin Towers“ M10+
Michi im Matador M11
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