Oblinger Variante (c) Tobias Bailer
03 November 2017

Mittelpfeiler – die unbekannte zweite Schlüsselstelle…

Die logischere Freiklettervariante in der 3. Seillänge der berühmten Messnerführe am Heiligkreuzkofel

„Allein nach rechts blieb ein freier Weiterweg offen. Wir querten soweit es ging, schlugen einen Ringhaken und seilten uns pendelnd auf eine nach rechts ansteigende Rampe ab. Über sie erreichten wir eine kleine Kanzel an der senkrechten Pfeilerkante.“

„An einer feinen Ritze im Grunde einer seichten Verschneidung konnte ich mich in gewagter Freikletterei höherschwindeln, erreichte ein schmales Bändchen – gerade noch rechtzeitig. Hier war es endgültig aus. Eine glatte Platte, in der sich keine Ritze und kaum Griffe befanden, versperrte den weiterweg. 4 Meter weiter oben ein Riß; unter mir ein fußbreites Band, auf dem ich stand. Darunter viel Luft – ein überhängender Abbruch. Ein Weiterkommen schien unmöglich zu sein.“

aus: Reinhold Messner – Siebter Grad

Mittelpfeiler – die unbekannte zweite Schlüsselstelle…

Der Heiligkreuzkofel (2907 m) ist der große Blickfang hoch über dem Gadertal und über Alta Badia. In seiner imposanten Westwand wurde mehrfach Klettergeschichte geschrieben. Über den mittleren von drei prächtigen Pfeilern verläuft einer der absoluten Klassiker dieser Wand, der „Mittelpfeiler“. Erstbegangen von keinen geringeren als Reinhold und Günther Messner im Jahre 1968. Einen fast schon magischen ja legendenhaften Ruf hat die sogenannte „Messner-Platte“ und es ranken sich viele Geschichten und Vermutungen darum. Es wurde schon viel über diese 4 Meter geschrieben, gestritten und diskutiert. Insbesondere eine Rotpunkt-Begehung der heute mit VIII (Ivo Rabanser) bewerteten „Messner-Platte“ ist das große Ziel vieler guter Alpinkletterer. Früher wie heute! Auch in letzter Zeit gab es hierzu immer wieder Artikel in der deutschsprachigen Alpinliteratur zu lesen. Auch ein italienisches Video im Internet sorgte für Aufregung, denn darin ist quasi jeder Griff und jede Bewegung auf der „Messner-Platte“ zu sehen. Wodurch ein ehrliches OnSight, für diejenigen welche das Video gesehen haben, quasi nicht mehr möglich ist.

Was allerdings komischerweise keiner der heutigen und auch früheren Protagonisten so richtig erwähnt, ist das nicht viel kleinere Freikletterproblem des Messnerschen- Pendelquergangs eine Seillänge vorher in der 3. SL. Alle sprechen immer nur von der „Messner-Platte“ in der 4.SL. Was ist aber wirklich mit dem Pendelquergang und dem Hoch-Rüber-Runter der Originalführe in der 3. SL des Mittelpfeilers? Wer hat diesen ehrlicherweise schon frei ab geklettert? Gibt es nicht eine logischere, bessere Freikletter-Linie in diesem Bereich als diese glatte Pendelstelle ab zu klettern? Neben dem Ziel endlich einmal den Mittelpfeiler zum ersten Mal zu klettern wollten wir auch Antworten auf diese Fragen finden. So sind wir, Jürgen Oblinger und Tobias Bailer, am 17. Oktober 2017 mit einigen Friends, Normalhaken und Cliffs an den Heiligkreuzkofel gekommen. Dass es eine Lösung geben könnte, dass vermutete unserer gemeinsamer Freund Florian Hübschenberger. Er hatte somit die eigentliche Intuition für diese neue Variante und ermutigte uns einen Versuch zu starten wenn wir mal vor Ort sind.

Am Ende des Tages und am Ende dieser Suche nach Antworten steht die neue „Oblinger-Variante“ am Mittelpfeiler des Heiligkreuzkofel. Als Schwierigkeitsbewertung für diesen Quergang schlagen wir den VIII. Grad vor. Die Originalführe führt in dieser 3. SL vom Stand ein paar Meter nach oben, quert dann waagrecht nach rechts bis zu einem Haken. An diesem Haken erfolgt üblicherweise ein gegenseitiges Ablassen um 6-7 m nach unten. Derzeit (Oktober 2017) befinden sich übrigens überall diverse alte Fixseile in diesem Bereich (nicht nur auf den 6-7 vertikalen Metern). Nach dem Ablassen wird auf einer Art Steilplatten-Rampe in wieder grauem Fels weiter nach rechts gequert. Die nun neue „Oblinger-Variante“ stellt die eigentlich logische Linie in diesem Wandbereich dar, denn sie ist die natürliche Fortsetzung der eben erwähnten Steilplatten-Rampe nach Links. Vom Stand vor der 3. SL führt die neue Variante nun nicht nach oben wie die Originalführe sondern zunächst 1 m nach unten (ca. III. Schwierigkeitsgrad) und quert dann umgehend waagrecht nach rechts ins gnadenlos exponierte leicht überhängende Gelände hinaus. Zunächst geht es echt super und es gibt erstaunlich gute Griffe (max. VII+). Doch nicht zu früh freuen. Das dicke Ende und die VIII er Züge kommen zum Schluss, kurz bevor man wieder auf die Fixseile der Originalführe trifft. Zwei Normalhaken (belassen) und drei Friends dienten der Absicherung.

Heiligkreuzkofel (c) Tobias Bailer
Oblinger Variante (c) Tobias Bailer
Heiligkreuzkofel - Mittelpfeiler, Wandbild mit Route (c) Tobias Bailer
Oblinger Variante (c) Tobias Bailer
Die berühmte Messner Platte (c) Tobias Bailer
Ausstiegriss (c) Tobias Bailer
Abendstimmung (c) Tobias Bailer

Die Frage nach dem Abklettern des Original-Messnerschen-Pendelquergangs klärte sich im Nachgang unserer Begehung, bei diversen Telefonaten u.a. mit Heinz Mariacher, Christoph Hainz und Adam Holzknecht. Laut Aussage von Heinz Mariacher kletterte er diesen Messnerschen-Pendelquergang bereits bei der 2. Begehung der Tour 1978 quasi Toprope gesichert im Vorstieg frei ab!!! Christoph Hainz kletterte dies während einer Begehung Anfang der 90er Jahre ebenfalls frei ab und bewertete diese 6-7 m lange Abkletter-Passage mit ca. VIII-! Heinz Mariacher freute sich bei den Telefonaten sehr über die neue Variante. Insbesondere darüber dass diese in diesem Bereich logischere Freiklettervariante nun jemand geklettert hat. Auch er hatte diese Variante früher wohl immer schon im Hinterkopf und wollte sie einmal begehen, es kam nur nie zur Umsetzung.

Text: Tobias Bailer und Jürgen Oblinger

Tourenbeschreibung + Topo: Heigkreutzkofel Mittelpfeiler Messer + Varianten

Fotos: Tobias Bailer

P.S: Jürgen krönte sich den erfolgreichen Tag noch mit einem absolut sauberen, souveränen Flash der legendären „Messner Platte“ („Flash“ wegen dem Video, siehe oben). Ohne vorher je vor Ort gewesen zu sein oder sich wie viele andere die Platte vorher selber im Toprope angeschaut zu haben. Auch ohne jegliche weitere Absicherungsmaßnahmen an irgendwelchen komischen getapten Cliffs, oder fraglich haltenden zusätzlichen Klemmgeräten am fußbreiten Band unter der Messner-Platte, kletterte er ohne ein Zögern einfach gesichert über den letzten Normalhaken etwas unterhalb des Bandes über die legendäre Platte hinauf. Er hängte kurzerhand nur den Rucksack in den letzten Normalhaken, schaute sich kurz um und wenige Sekunden später war die Sache gegessen.

Unser Zustieg zum Mittelpfeiler erfolgte über den unteren Teil der Mayerl-Verschneidung. Im Ausstiegsriss der letzten Seillänge wurden noch zwei solide Normalhaken hinzugefügt. Im Laufschritt und teils joggend ging es nach kurzem Gipfelbesuch über den imposanten Normalweg hinunter, am Heiligkreuzhospiz vorbei und weiter talwärts zurück zum Auto und mit Volldampf zurück über den Brenner. Schließlich galt es an diesem Abend noch eine Geburtstagsparty im Allgäu zu besuchen…

Den Bericht und viele weitere Bilder findet ihr im neuen, alten Rocksports Forum (https://forum.rocksports.de/), dass nach längerer Offline-Zeit nun seit wenigen Wochen wieder Back on Stage ist. forum.rocksports.de/showthread.php



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