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21 Januar 2012

Nachbericht Lawinenkolloquium Salzburg

Im Fokus stand in diesem Jahr der Lawinenlagebericht – eine Erfolgsstory ...

„Mach keinen Abgang“ hieß es erneut am 12. Jänner für 250 Teilnehmer beim jährlich stattfindenden Lawinenkolloquium an der Universität Salzburg. Im Fokus stand diesmal der Lawinenlagebericht – eine Erfolgsstory. Die Organisatoren Peter Schatzl, Markus Keuschnig und Bernhard Niedermoser luden Macher und Anwender ein, um Wissen von den historischen Anfängen, heutigen Standards bis hin zu zukünftigen Möglichkeiten des Lawinenlageberichts zu vermitteln.

Seit 1993 gibt es eine einheitliche Europäische Gefahrenstufenskala als wichtiger Baustein und Informationsträger des Lageberichts. Die international abgestimmte Struktur des Lageberichts wird auf den jeweiligen Webauftritten der Lawinenwarndienste in unterschiedlicher Form nutzergerecht aufbereitet. Vor allem in den letzten Jahren gab es zahlreiche Verbesserungen wie zum Beispiel die Einführung von Piktogrammen, Mehrsprachigkeit und unterschiedlichste graphische Darstellungen.

Besonders die Etablierung von strategischen Entscheidungsmethoden wie der „Reduktionsmethode“ nach Munter oder „Stop or Go“ verstärkte die Bedeutung des Lawinenlageberichts, weil er einen fixer Bestandteil der Tourenplanung darstellt. Inhaltlich wird dabei das vorherrschende Gefahrenpotential beurteilt, die angegebene Gefahrenstufe deckt dabei eine Fläche von mindestens 100 km² ab.

Weitere Inhalte sind eine Beschreibung ungünstiger Bereiche im Gelände nach Höhe und Exposition mit potentiell gefährlichen Gefahrenstellen. Diese nehmen mit steigender Gefahrenstufe exponentiell zu! Die Beschreibung ungünstiger Bereiche im Gelände nach Höhe und Exposition mit potentiell gefährlichen Gefahrenstellen, sowie die Beschreibung des relevanten Lawinenmusters komplettieren das Informationspaket. Aufgrund dieser regionalen Betrachtungsebene kann und darf ein Lawinenlagebericht nicht für Einzelhangbeurteilungen verwendet werden. Der Lawinenlagebericht beschreibt ausschließlich das Gefahrenpotential. Das bei Touren im Gelände vorherrschende Risikopotential entsteht erst durch unsere Entscheidungen und Handlungen vor Ort.

Die drei Vortragenden gaben dem Lawinenlagebericht ein Gesicht: Bernhard Zenke der Leiter der Bayerischen Lawinenwarnzentrale und dienstältester Lawinenwarner in Europa blickte hinter die Kulissen des Lawinenlageberichts. Er stellte die fünf Europäischen Gefahrenstufen sowie gemeinsamen Instrumente wie die Bayern Matrix vor.

Die Anfänge der Lawinenwarnung in Österreich und Deutschland liegen in den 1960er Jahren. Aber jahrzehntelang hatte jedes Land im Alpenraum seine eigene Gefahrenskala, die nicht vergleichbar war. Erst 1993 einigte sich die Arbeitsgruppe Lawinenwarndienste auf eine einheitliche Europäische Gefahrenskala, definiert nach Schneedeckenstabilität, Anzahl der Gefahrenstellen und Auslösewahrscheinlichkeit.

Letztere hängt u.a. von der Zusatzbelastung ab, die für eine Lawinenauslösung erforderlich ist. Als geringe Zusatzbelastung gilt ein einzelner Schifahrer, sanft schwingend, nicht stürzend, oder eine Gruppe mit Entlastungsabständen. Aber immer noch wenig bekannt ist die Tatsache, dass ein einzelner Fußgänger tiefer im Schnee einsinkt, punktuell mehr Druck auf die Schneedecke bringt und daher eine große Zusatzbelastung darstellt. Ein wichtiger Fakt ist des Weiteren, dass sich eine ausgegebene Gefahrenstufe im Lawinenlagebericht auf eine Fläche größer gleich 100 km² bezieht. Eine kleinräumigere Auflösung - oder gar Einzelhangbewertung - ist aus dem Lawinenlagebericht nicht abzuleiten.

Bernhard Niedermoser, der Leiter der Salzburger Lawinenwarnzentrale verglich die amtlichen Lawinenlageberichte im Alpenraum. Er ging auf Gemeinsamkeiten und Eigenheiten Österreichs, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Sloweniens und der Schweiz ein und sprach über die Herausforderung komplexe Inhalte kompakt, sprachneutral und allgemeinverständlich darzustellen.

Neben einer Beschreibung der Inhalte in Textform (oft nur in der Landessprache) erlangen Symbole, Piktogramme und eine kartographische Darstellung zunehmende Bedeutung. Auch die neuen Medien (Internet und Smartphone Applikationen) kommen dem sehr entgegen! Zahlreiche Lawinenwarndienste bieten darüber hinaus umfangreiche Informationen wie Mess- und Beobachtungsdaten, Schneedeckenberichte, aktuelle Szenarien und Muster, Unfallberichte, oder ein Tourenforum mit Fotos, Kurzberichten und Rückmeldungen von Aktiven - letzteres eine Salzburger Spezialität!

Dennoch bleibt (abgesehen von der gemeinsamen Gefahrenskala und der gemeinsamen Grundstruktur) ein differenzierter Zugang mit verschiedenartiger Bearbeitungstiefe und Darstellung. Das zeigt sich am deutlichsten an der Aktualisierung und dem Ausgabezeitpunkt der Lawinenlagerberichte. So erscheinen die meisten italienischen und der slowenische Lagebericht nur 3x pro Woche, während die anderen Alpenländer täglich bzw. sogar zweimal täglich aktualisieren. Dem Nachmittagsbericht (siehe Frankreich und Schweiz) kommt hierbei besondere Bedeutung zu, da er als Grundlage für die Tourenplanung des nächsten Tages herangezogen wird.

Thomas Wiesinger vom Institut für Alpine Naturgefahren an der Boku Wien vermittelte wie

man die Informationen aus dem Lawinenlagebericht nutzen kann, ins Gelände übertragen kann, also Möglichkeiten und Anwendungsgrenzen an der Schnittstelle zum Benutzer.

Als ein zentraler Begriff im Lagebericht wird immer wieder frischer Triebschnee genannt. Diesen zu erkennen und einzuschätzen braucht Wissen und Erfahrung. Zum Beispiel müssen Windzeichen richtig gedeutet werden um Bereiche mit erhöhter Triebschneeansammlung erkennen zu können. Des Weiteren sind Gefahrenzeichen wie Setzungsgeräusche und Rissbildungen (typisch für Stufe 3) sowie Fernauslösungen und spontane Lawinen (typisch für Stufe 4) klare Hinweise erhöhter Gefahr. In der Beschreibung des Lawinenlageberichts werden oft nähere Angaben zu Schwachschichten (z.B. eingeschneiter Oberflächenreif) und speziellem Gelände (z.B. Kammlagen) gegeben. Aber spätestens hier stößt man auf die Grenzen des Lawinenlageberichts: Er kann uns nicht sagen welche Hänge tatsächlich gefährlich sind. Er nennt überblicksmäßig ungünstiges Gelände mit potentiellen Gefahrenstellen. Und letztere nehmen mit steigender Gefahrenstufe exponentiell zu!

Der Lawinenlagebericht beschreibt nur das Gefahrenpotential. Erst durch unsere Entscheidungen bzw. Handlungen entsteht das Risiko. Um dieses Risiko besser handhaben zu können wurden strategische Methoden etabliert. Durch diese Methoden hat der Lawinenlagebericht im letzten Jahrzehnt deutlich an Gewicht gewonnen! Als Eingangswert werden immer die Gefahrenstufe (bzw. das Risikopotential) herangezogen und dann weitere Variablen einbezogen.

Das Lawinenkolloquium versteht sich als Plattform für alle die sich mit Prävention und Intervention bei Lawinenereignissen befassen. Die Universität Salzburger fungiert als Bühne für ein Netzwerk aus Lawinenwarnern, Bergführern, Bergrettern, Schilehrern, Alpenverein sowie Kooperationspartnern aus der Industrie (Arc’teryx, Kitzsteinhorn, Pieps, Icebreaker, Martini).

Ziel des Lawinenkolloquiums ist es das wechselseitige Verhältnis von Theorie und Praxis zu erklären. Das vermittelte Wissen drinnen, soll draußen zielgerichtet angewendet werden. Umgekehrt bringt die praktische Anwendung auch neue Erkenntnisse, die möglicherweise dazu führen, dass die Theorie ergänzt werden muss. Daher folg(t)en an zwei Wochenenden im Jänner Praxistage mit 12 Schitourengruppen unter Anleitung von staatl. gepr. Berg- und Schiführern am Kitzsteinhorn (Kaprun) und in der Osterhorngruppe (Hintersee).

Webtipp:www.lawinenkolloquium.at

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Bernhard Niedermoser
Bernhard Zenke
Die Diskussionskarte
Thomas Wiesinger bei seinem Vortrag


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