Kurz vor der Abfahrt
04 Februar 2009

Ski extrem - La Tour Ronde North Face

„Was bedeuten 55 Grad?" Das fragten sich die drei Dynafit Teammitglieder Benedikt Böhm, Sebastian Haag und Thomas Steiner am Mont Blanc Massiv...

Die subjektive Wahrnehmung der Neigung eines Hanges ist völlig abhängig von der Kondition. Eine vereiste lange Flanke in einer hochalpinen Region kann schon mit 35 Grad furchteinflößend sein. Mit gut gepresstem Pulverschnee oder bestem Firn wird auch eine 50 Grad Passage zum reinen Genuss.

Diesmal ging es uns um eine knapp 400 Meter lange 53-55° steile Flanke im Mt. Blanc Gebiet. Wir waren schon oft in Chamonix immer auf der Suche nach wunderbaren Couloirs, immer in der Hoffnung die perfekten Konditionen zu haben, um die Couloirsse mit Skiern abzufahren. Wenn dieses Vorhaben möglich ist, dann in Chamonix, denn hier sind die Rinnen und Flanken einfach länger, steiler und vor allem höher als im restlichen Alpengebiet.

Über diesen Bergen liegt ein eigener Zauber. Sie sind furchteinflößend und dunkel, wahnsinnig steil und natürlich wahnsinnig hoch. Knapp 4.000 Höhenmeter sind es von Chamonix (1000m) bis zum Gipfel des höchsten Bergs der Alpen, dem Mt. Blanc (4800m).

Die 50° steile Nordwand der Tour Ronde

Wir hatten ein klares Ziel vor Auge: Das North Face der Tour Ronde. Ein 3792m hoher Felsturm gegenüber des Mt. Blancs. Knapp unterhalb des Gipfels beginnt die Flanke, die in konvexer Form immer steiler wird, im Mittelteil 55 Grad. Dann folgt ein Felsband mit einem 60 Grad steilen Eiskamin und zum Ausschwingen noch mal ein 50 Grad Steilhang mit Bergschrund. Wir haben Glück, denn das Wetter ist perfekt, sonnig und fast ohne Niederschlagsrisiko für die kommenden zwei Tage.

Das sollte reichen. So geht es erst mal mit der Gondel hoch zur Aiguille du Midi. So sind wir in zehn Minuten 3000m höher und können den riesigen Glacier du Géant queren und Bedingungen in den Rinnen inspizieren. Als wir das Cervasutti und Jäger Couloir sehen, herrscht Enttäuschung.

Pures Blankeis in der Steilflanke

Die Bedingungen sind mies, überall brechen wegen der großen Hitze Seracs und Lawinen runter. Es kracht nonstop. Zusätzlich sind durch den abrutschenden Schnee große und tiefe Rinnen in den Steilflanken entstanden.

An einigen Stellen sehen wir pures Blankeis. Wir lassen uns aber nicht entmutigen und ziehen weiter zur Tour Ronde. Die Bedingungen sind hier eindeutig besser. Nur in der Mitte im Felsband ist Blankeis.

Wir beschließen die Normalroute im Südosten aufzusteigen und von oben in die Flanke zu schauen, denn für einen Einstieg in die Wand ist es schon zu spät. Auch die Normalroute ist knackig aber noch okay zum akklimatisieren.

Am Gipfel steht eine schwarze Madonna, wunderschön aber auch dunkel wie einer der schwarzen Reiter aus Herr der Ringe. Unser Plan ist es, die Nacht auf der Heilbronner Hütte zu schlafen und am nächsten Tag früh in die Wand einzusteigen.

Früher Start zur Tour Ronde

Am nächsten Tag geht es um fünf Uhr morgens los wieder Richtung Tour Ronde. Wir haben alle nicht besonders geschlafen und ziehen etwas steif bei Sonnenaufgang los. Nach einer halben Stunde Laufen wird der Körper wieder geschmeidig und die Sonne brennt auch schon gnadenlos auf uns nieder. Jetzt kann es endlich losgehen. Die Steigeisen angeschnallt, die Eispickel raus.

Die ersten Schritte sind noch etwas staksig, aber es dauert nicht lange und wir sind im Rhythmus und in der Steilflanke. Jeder bewegt sich schnell und konzentriert. Nach der dritten Seillänge können wir ungesichert weiter.

Wenig später stehen wir an der Einstiegstelle, die wir vom Vortag her bereits kannten. Jetzt müssen wir nur noch abfahren, ein Kinderspiel. Wir schnallen uns die Skier an.

Xandi Kreuzeder, unser Fotograf, steht super auf dem Ski und postiert sich schon mal für die ersten Aufnahmen. Alle konzentrieren sich. Es geht los.

Die ersten Schwünge in der Flanke

Thomas macht die ersten Schwünge hinunter in Richtung Abgrund. Die Flanke nimmt kontinuierlich an Steilheit zu. Das ist sehr unangenehm den man sieht immer nur einen kleinen Teil ein. Ganz locker und geschmeidig zieht er runter und lässt noch einen Jodler raus. Jetzt komme ich. Der erste Schwung ist am schlimmsten, solange bis man wieder dem Schnee und seinen Kanten vertraut. Der Blick nach unten bereitet mir Schwindel und ich muss mich zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren und mich nicht von meiner Angst überwältigen zu lassen. Es klappt, ich bleibe ruhig und bewege mich rund und geschmeidig nach unten.

Mit jedem Schwung wird es noch steiler. Warum machen wir das, werde ich mich später fragen, denn jetzt kann ich nicht denken. Jetzt kommt Beni. Ich merke, wie auch er mit dem Tiefenblick kämpft. Die ersten Schwünge sind noch zart, aber dann wird er wird er ruhiger und es läuft alles wie von selbst.

In diesen Momenten gibt es nichts mehr. Keine Schmerzen, keine Gedanken und vor allem kein Zurück mehr. Nur die Situation, in der man steckt. Man entkommt ihr nicht. Alles fokussiert sich auf diesen Moment: Die steile Flanke, der Schnee, die Skikanten und die Oberschenkel. Alles läuft automatisch, nichts wird bewusst gesteuert. Wir erreichen das Felsband am Ende der oberen Flanke und sichern uns an einem Felsnagel.

Abseilen durch den Eiskamin

Wir seilen uns nacheinander durch den Eiskamin ab. Die untere Flanke ist fast schon ein Genuss und einer nach dem anderem zieht seine Schwünge hinunter und springt über den Bergschrund. Noch ein paar Big Turns im etwas flacheren Wandfuß und wir haben es gemacht. Yoh! Die Frage nach dem WARUM stellt sich nicht mehr. Nach ein paar Minuten sehen wir uns schon nach neuen Herausforderungen um. Es ist ein riesiger Abenteuerspielplatz für Erwachsene hier. Wahnsinn!

Jetzt heißt es „nur noch“ den Gletscher überqueren und unter der Saharasonne aufsteigen zur Aiguille du Midi um dann unten im Chambre Neuf erst einmal Flüssignahrung zu tanken. Am Abend mischen wir uns mit leichten Sonnenbränden in die Menge eines großen Straßenfestes in den kleinen Gassen von Chamonix. Wir merken mal wieder dass dieser kleine Ort voll von Leuten ist, die immer wieder die Herausforderungen suchen um immer wieder dieses Glücksgefühl zu haben sich lebendiger zu fühlen als vorher!

Beni, Tomi und Basti

Fotos: Xandi Kreuzeder

Webtipp:Dynafit

Kurz vor der Abfahrt
Blick hinunter in die Wand.
In der steilen, engen Rinne.
Und ab geht's...
In der steilen Nordwand
Im oberen Teil der Wand.
Unten bei der Seilbahn
Die Gruppe unter der Wand.
Die Tour Ronde Nordwand, im Hintergrund der Mont Blanc
Dynafit
Beim Aufstieg auf dem Grat.


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