05 April 2008

„St Anger“ (8c+/9a) - neue High-End Route in Arco von Andreas Bindhammer

Dem deutschen Topkletterer gelingt das Langzeitprojekt im Sektor San Ermo + Interview

Fünf Jahre liegen die Erstbegehung der Route „Zauberfee 8c+“ durch Christian Bindhammer und die erste Wiederholung durch seinen Bruder Andreas nun zurück. Ab diesem Zeitpunkt war es dann eher ruhig im norditalienischen Klettergebiet Arco – jedenfalls was neue Routen im High-End-Bereich anbelangt.

Zwar gaben sich die Hammerbrothers in den vergangenen Jahren größte Mühe, bei ihren kurzfristigen Aufenthalten das von Francois Legrand eingerichtete, noch offene Projekt rechts der „Zauberfee“ zu knacken, aber die Route hielt all ihren Bemühungen stand. Durch ihren enormen Maximalkraftausdauer-Charakter – 28 Züge sind hier ohne Ruhepunkt zu absolv-ieren – stellte das neue Testpiece ganz andere Anforderungen an die beiden als alle bisher gekletterten Routen.

Die etwa 20 Meter lange Route startet mit einer Abfolge von athletischen Zügen, die ein hohes Maß an Körperspannung erfordern, vergleichbar mit der Schlüsselpassage einer 8b+-Route.

Danach folgt der direkte Übergang in den extrem schwer zu koordinierender Sprung am vierzehnten Zug in eine seichte, nicht sichtbare Schale, der bei allen Versuchen immer den Knackpunkt dargestellt hatte. - Den Sprung innerhalb der Gesamtpassage erfolgreich zu absolvieren erschien für lange Zeit unmöglich, da er aus einer sehr instabilen Position an zwei kleinen Griffen angesetzt werden musste, von denen der höhere nur seitlich belastet werden konnte. Der Schwung musste also rein über die nur spärlich vorhandenen, abschüssigen Tritte eingeleitet werden.

Danach setzt sich die athletische Kletterei wie zu Beginn der Route fort und mündet direkt in die zweite Schlüsselstelle, eine fußtechnisch anspruchsvolle Sequenz aus Schulter- und Untergriffen bis zur Umlenkung nach etwa 28 Zügen.

Boulder- und Campustraining

Nach einem höchst intensiven Winter mit den Schwerpunkten Boulder- und Campustraining kehrte Andreas Mitte März 2008 in den Sektor mit der malerischen Kapelle zurück, um zwei Tage lang in der Route zu bouldern. Trotz der noch feuchten Tritte in der Schlüsselsequenz gelang der Sprung schon nach wenigen Versuchen und er konnte die Route mehrmals auf zwei Etappen klettern. Das Resümee des Wochenendes: der Erfolg in der Route lag nun im Bereich des Möglichen – eine solide Maximalkraftausdauer und gute Bedingungen vorausgesetzt…

Nur noch eine Frage der Zeit

Eine Woche später – über die Osterfeiertage – war Andreas zurück im Sektor San Eremo. Die für die Jahreszeit zu kühlen Temperaturen kamen gerade gelegen. Der Fels war deutlich trockener als beim letzten Aufenthalt. Erstmals gelang es ihm, aus dem Ruhen die vollständige Passage mit dem Sprung bis zur Umlenkung zu durchsteigen. Es war also möglich die Route zu klettern!

Am nächsten Tag schien endlich wieder die Sonne. Auf mehr als 11°C sollte das Quecksilber trotzdem nicht steigen. Der erste Versuch mit einmaligem Ruhen. Im zweiten Versuch gelingt der Sprung sogar auf Anhieb aus dem Ruhen. Der beste Versuch bisher! Beide Male mit nur einer kurzen Pause bis zum Top. – Es ist also nur noch eine Frage der Zeit…

Die zunehmende Kälte erforderte eine längere Pause an der Sonne. Mehr als drei sinnvolle Versuche pro Tag waren bisher ohnehin nicht machbar. Also noch einmal alles geben!

Die Einstiegspassage gelingt perfekt. Die Füße blieben auf ihren Tritten. Der Startgriff für den Sprung liegt diesmal perfekt in der Hand. Ohne zu zögern kommt der Sprung. Treffer! Nun noch dranbleiben. Volle Konzentration. Kurz Nachchalken. Die Ausstiegspassage gelingt. Zwar knapper, als es die anwesenden Zuschauer vermuten – aber sie gelingt. Ein Jubelschrei vollendet die erste Begehung des neuen Arco-Testpieces. Mit einem Paukenschlag hat Andreas soeben die Saison 2008 eröffnet.

Text: Andreas Bindhammer

Interview mit Andreas Bindhammer

Gratulation zur Erstbegehung von „St. Anger“. Die Züge sehen wirklich spektakulär aus! Weshalb hat die erste Begehung der Route so lange auf sich warten lassen? – Was ist die Besonderheit an „St. Anger“?

Danke. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass die Route dieses Jahr schon am vierten Tag geht. Als Christian und ich „Zauberfee“ geklettert hatten, machten uns die Einzelzüge noch enorme Probleme. Vor dem Sprung war ich schon immer völlig erledigt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, ihn anzusetzen – geschweige denn, ihn so zu kontrollieren, um dann noch in eine Delle zu treffen. Der Einzelzug ging in den letzten Jahren vielleicht mit einer Erfolgsquote von 10%. Die gesamte Passage zu klettern war schlicht unmöglich. Christian versuchte sich an einer Lösung mit einem Zwischengriff, um die Distanz des Sprunges zu verringern, was den Zug aber nicht leichter machte, sondern nur einen weiteren schweren hinzufügte. Ich blieb daher lieber bei der brachialen Variante… Grundsätzlich ist es die Maximalkraftaus-dauerbelastung in Kombination mit extrem schweren Passagen, was die Route so anspruchs-voll macht. Man bewegt sich konstant im oberen 8b-Bereich, mit zwei Passagen, die aus meiner Sicht im achten Grad der Boulder-Bewertungsskala liegen dürften.

Du hast für die Route einen Bewertungs-vorschlag von 8c+/9a abgegeben – also nur geringfügig schwerer als die benachbarte

„Zauberfee“, die mit 8c+ bewertet ist. Glaubst du nicht, die Route könnte in Anbetracht der langjährigen vergeblichen Versuche verschied-ener Spitzenkletterer auch schwerer sein?

Ich wurde während meiner Versuche immer wieder nach der Bewertung der Route gefragt. Meine Antwort war: ‚Für kleinere Kletterer 9a, für größere wahrscheinlich 8c+…‘

Für mich – und ich denke, da wird mir Christian, der die Route in den vergangenen Jahren auch intensiv probiert hatte, zustimmen - sehe ich die Route als 9a. Gleichzeitig könnte ich mir aber vorstellen, dass der Sprung und auch die obere Passage ab einer gewissen Körpergröße deutlich leichter sein könnten. Deshalb die Einschränkung. Ich überlasse es also den Wiederholern, in welche Richtung sich mein Bewertungsvorschlag in Zukunft bewegen wird.

Deine persönliche Bewertung lautet also 9a… Ist sie damit die schwerste Route in Arco? Wie siehst du die Schwierigkeiten im Vergleich zu „Underground“, die ja eine ähnliche Bewertung hat?

Ich finde, „Underground“ und „St. Anger“ kann man nicht vergleichen. Im Vergleich zu „Zauberfee“ -die ja inzwischen als eher harte 8c+ gilt - beispielsweise erschien mir „St. Anger“ immer deutlich schwerer – vielleicht ist das eher ein geeigneter Maßstab. „Underground“ ist sehr speziell: gute Ruhepunkte und extrem schweren Boulderpassagen in einem gewaltigen Dach. – Das gibt´s nur einmal. Und wie „Action Directe“ lässt sich die Route daher kaum mit anderen vergleichen…

Warum warst du dieses Jahr endlich erfolgreich in deinem Projekt und nicht schon die Jahre zuvor? Was war anders dieses Jahr? – Hast du dich speziell auf die Route vorbereitet?

Ab Mitte 2007 bestand mein Training fast ausschließlich aus Bouldern am Fels und dem Projektieren schwerer Routen. Letzten Sommer und Herbst konnte ich fast alle schweren Boulder und Traversen im Allgäu wiederholen. Im Winter habe ich die schönen Tage genutzt und zusammen mit Christian an einigen neuen Boulderprojekten gearbeitet und zusätzlich noch ein sehr intensives Campus- und Bouldertraining an der Kunstwand absolviert. Durch ein spezifisches Krafttraining für Oberkörper und Körperspannung konnte ich auch in diesem Bereich mehr Konstanz erreichen. Vielleicht liegt´s daran. An der generellen Steigerung der Maximalwerte im Finger- und Körperkraftbereich.

Hat es einen besonderen Hintergrund, dass der Route den Namen „St. Anger“ gegeben hast?

Der Name soll natürlich ein Bezug zur Band Metallica sein, die mich mit ihrer Musik sozusagen durch mein gesamtes klettersportliches Leben begleitet haben. Trotz der langen Zeit in ihrem Metier und allen Höhen und Tiefen haben sie den Spaß an der Musik und den Live-Acts nicht verloren. Ihre Musik hat die gleiche Energie wie vor zwanzig Jahren. Genau das gleiche entdecke ich bei mir in Bezug auf den Klettersport. Ich habe den gleichen Spaß an der Herausforderung wie früher.

Zudem fand ich den Namen auch sonst recht passend: die Route hat mich über Jahre hinweg beschäftigt - wie einen Pilger, der Jahr für Jahr einen heiligen Ort besucht. – Und schließlich war dann nur mit einem gewaltigen Maß an kontrolliertem Zorn zur richtigen Zeit der Durchstieg möglich… Ich hoffe, das erklärt die Wahl des Namens. ;-)

Was sind nun – nach diesem erfolgreichen Auftakt am Fels – deine weiteren Ziele für diese Saison? – Dürfen wir deine Teilnahme an Wettkämpfen erwarten?

Grundsätzlich möchte ich das tun, was mir immer am meisten Spaß gemacht hat: das Klettern am Fels. Es gibt einige schwere Routen, an denen ich mich noch versuchen möchte. Die Auswahl muss ich meinem Terminkalender überlassen – nicht immer kann ich all das verwirklichen, was ich gerne möchte. Aber irgendwas geht immer!

Was die Wettkämpfe betrifft: Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr wieder alle nationalen (Difficulty-)Wettkämpfe mit-zumachen – nachdem ich dort letztes Jahr nur einmal angetreten bin. Und werde versuchen, mich für die EM in Paris zu qualifizieren, was die Teilnahme an den vorhergehenden Weltcups bedeutet. Ich hoffe auf jeden Fall, dass es mir gelingt, Beruf und Sport weiterhin unter einen Hut zu bringen…

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die weitere Saison!

Fotos: Pfanzelt www.christian-pfanzelt.de

Andreas Bindhammer is powered by:

www.edelrid.de

www.masterrange.de

Webtipps:

www.andreas-bindhammer.de - die Seite von Andreas Bindhammer

LA RAMBLA 9a+ -Flaniermeile der Freaks

Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a bei einem Versuch am 4.11.2007 © Andreas Jentzsch
Andi Bindhammer in St.Anger 8c+/-9a © Christan Pfanzelt


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