In der Route Plattensprint (c) Benedikt Karner In der Route Plattensprint (c) Benedikt Karner
06 November 2023

Nordwandtrilogie im Gesäuse

Mario Rohrhofer berichtet über sein Projekt, drei Nordwände im Gesäuse en suite free solo zu klettern.

Es ist Mai 2020 und ich steige gerade den Höllersteig zur Nordwestwand der Planspitze im Gesäuse zu. Zwei äußerst eigenartige Monate des Eingesperrtseins gehen zu Ende. Heute findet eine Art Befreiungsschlag für mich statt. Wenn ich solo am Berg war, habe ich immer schon ein Maß an Freiheit gespürt, das ich sonst in meinem Leben nicht kannte. Vor elf Monaten war ich den Plattensprint (370Hm, VI+) erstmals mit einem Partner geklettert und schon während der Begehung dachte ich mir, dass ich diesen auch ohne Seil schaffen sollte. Ganz klar ist es mir jetzt gerade noch nicht, ob ich tatsächlich in den Plattensprint einsteigen werde, oder lieber die leichtere, klassische Nordwestwand (IV+) wähle. Als ich die Abzweigung nach der ersten Verschneidung der klassischen Nordwestwand erreiche, gibt es keine Bedenken mehr und nach insgesamt 1h45min stehe ich am Ausstieg des Plattensprint. 

Im Mai macht sich der Frühling meist schon in den Bergen bemerkbar, doch liegt in der Regel noch Schnee auf den Zu- und Abstiegen. Als ich den Peternpfad mit Steigeisen und Eispickel absteige, kommt mir eine Idee für ein Enchainment - wie es die Franzosen nennen würden - eine Aneinanderreihung mehrerer Routen an einem Tag, da es sich durch den Peternpfad gut und schnell ab- und in weitere Nordwandrouten einsteigen lässt. Ist man allein unterwegs, ist die Kletterzeit normalerweise recht kurz - demnach sollten zwei Touren an einem Tag zeitlich und energietechnisch machbar sein. Ich bewältigte ja auch den Steinerweg (V+) in der 800m hohen Dachstein Südwand free solo in 2h26min. Aber wie sieht es mit drei Routen aus? Plattensprint (370Hm, VI+), direkte Nordverschneidung der Rosskuppe (350Hm, VI) und Rosskuppenkante (480Hm, VI+)? Insgesamt käme man auf 1300m Wandhöhe und 50 Seillängen - 1000Hm Zustieg, Übergang zwischen den Routen und 1500Hm Abstieg würden das Programm noch abrunden. Geht das auch? Für mich?

Die Jahre vergehen, aber diese Idee bleibt in meinem Kopf. Heuer - wir schreiben 2023 - habe ich das Gefühl, dass ich mich an ein Projekt solcher Dimension heranwagen könnte. Ich klettere im Juni zur Vorbereitung die Rosskuppenkante free solo. In der Schlüsselpassage ist der Heinriss nass. Ein Zurück gibt es jedoch nicht. Trotzdem gelingt mir eine freie Begehung, aber mit der Konsequenz, dass ich zwei Seillängen brauche, um mich mental davon zu erholen und nachträglich meine Solokarriere hinterfrage und sogar ans Aufhören denke.

Mitte August statte ich Chamonix einen Besuch ab. Mein Kletterpartner und ich erwischen ein langes Schönwetterfenster. Ohne zu zögern nutzen wir die Gelegenheit und klettern die Nordwand der Grandes Jorasses (4208m) über den Walkerpfeiler (1200Hm, ED-). Von Chamonix startend brauchen wir 2 Tage bzw. 36 Stunden um Plampincieux im Aostatal zu erreichen - biwakiert haben wir in der Wandmitte. Drei Tage später geht es bei nicht enden wollendem Sonnenschein an die längste Tour der Alpen - das Peuterey-Integral - um den höchsten Berg der Alpen zu erreichen. Nach dem 1000Hm Zustieg zum Selbstversorger-Rifugio Borelli am ersten Tag, erreichen wir 38 Stunden nach Aufbruch vom Rifugio den Mont Blanc (4808m) am Abend des dritten Tages, nachdem wir diverse Gipfel zuvor erklommen und im Biwak Craveri eine Nacht verbracht hatten. In diesen drei Tagen bewältigen wir laut Topo 4500Hm, Kletterschwierigkeiten bis zum VI. Grad, sowie Eis- und Schneepassagen bis 50°. Die ersten Gedanken an mein Trilogie-Projekt im Gesäuse kommen mir während der Fahrt zurück nach Österreich und werden nicht weniger, umso länger ich zuhause - in der Steiermark - bin. 

Im September habe ich den Schock der Rosskuppenkante auch verdaut. Als letzte Vorbereitung klettere ich Mitte September noch einmal den Plattensprint in der Nordwestwand der Planspitze alleine und bin über meine Zeiten verwundert: Zustieg über den Höllersteig (1000Hm, 1h07min), Plattensprint (370Hm, 1h24min), Abstieg über den Peternpfad bis zum Parkplatz Haindlkarhütte (1400Hm, 1h19min). Insgesamt brauchte ich also nur 3h50min für die gesamte Tour. Die Akklimatisation und das "Training" in den Westalpen dürften noch ihre Wirkung zeigen. Für mich war klar, dass ich mein Projekt - die Nordwandtrilogie - in naher Zukunft versuchen muss, denn wann werde ich das nächste Mal in so einem Fitnesszustand sein?

Zwei Wochen sollen vergehen, da stehe ich um sechs Uhr morgens im Dunklen am Parkplatz Buchsteinhaus - wir schreiben den 6. Oktober 2023. Die Dunkelheit während des Zustiegs bereitet mir keine Gedanken, jedoch die Temperatur von nur 6°C, denn ich möchte nicht mit eiskalten Fingern im VI. Grad ohne Seil klettern. Also warte ich noch eine gute dreiviertel Stunde, bevor ich aufbreche - mit minimalem Gewicht im Rucksack: Kletterschuhe, Chalkbag, 650ml Wasser, Ein Brot mit Käse und Eiaufstrich, 3 Snickers und ein zweites Leiberl.

Heute gehe ich den Zustieg ein klein wenig gemächlicher an, da ich nicht zu viel Energie liegen lassen möchte. Pause gönne ich mir danach keine, klettere den Vorbau noch mit Zustiegsschuhen, ziehe mir am Ende des Vorbaus die Kletterschuhe an und starte in den Plattensprint. Mit kurzem Leiberl ist es trotz durchgehender Bewegung ein wenig zu kalt, da öfters ein kleines Lüfterl weht. Meine Finger kühlen immer wieder sehr aus und ich muss sie zurück auf Betriebstemperatur bringen. Also entscheide ich, nach vier Seillängen das Fleece wieder anzuziehen. Der Fels scheint förmlich zu kleben und ich komme schnell voran. Drei Stunden nach Aufbruch erreiche ich den Ausstieg der Planspitze Nordwestwand und die Sonne.

Auch hier verzichte ich auf eine Pause, wechsle wieder die Schuhe, marschiere zur Peternscharte und steige den oberen Teil des Peternpfads bis zum Einstieg der direkten Nordverschneidung der Rosskuppe ab. Zwanzig Minuten vergehen, bis ich wieder in die Kletterschuhe schlüpfe. Die nächste Route, die direkte Nordverschneidung der Rosskuppe, war die erste, die ich jemals im Gesäuse geklettert bin - vor acht Jahren - und ich wiederholte sie nicht vor dem Projekt. Dies bedeutet für mich, dass ich die Route quasi onsight bewältigen muss. Die Seillängen sind homogen im oberen V. Schwierigkeitsgrad angesiedelt und zwei davon im VI. Grad. Die Kletterei ist recht steil, der Fels gut strukturiert; manchmal etwas brüchig; es lassen sich aber immer feste Griffe zum Klettern finden. In der Schlüsselseillänge wartet sogar eine überhängende Passage mit ca 200m Luft unter den Sohlen. Nach anderthalb Stunden erreiche ich den Ausstieg. Es ist kurz vor Mittag, also genehmige ich mir eine zehnminütige Pause um die Hälfte meines Brots und ein Snickers zu essen und etwas zu trinken.

Hinunter geht es ein zweites Mal den Peternpfad und eine halbe Stunde später erreiche ich den Einstieg der Rosskuppenkante. Ganz frisch fühle ich mich nicht mehr und so genehmige ich mir ein zweites Snickers. Eine Seillänge vor der Schlüsselpassage schießt die Energie so richtig ein. Ich vergesse sogar, dass ich am Stand davor nochmal meine Schuhe kurz ausziehen wollte, so fokussiert bin ich. Dieses Mal ist die Schlüsselseillänge ganz trocken und ich komme viel leichter durch als im Juni - welch schöne Wiedergutmachung - so kann ich auch die nächsten beiden, sehr steilen Seillängen genießen. Als ich den Absatz danach erreiche, beginne ich innerlich schon zu jubeln, denn das Projekt sollte geschafft sein. Jetzt darf ich in den letzten zehn Seillängen nichts ausbrechen oder unachtsam sein und abstürzen. Um 14 Uhr erreiche ich den Gipfel der Rosskuppe - mein Jubelschrei halt vom Hochtor zurück - 7 Stunden und 12 Minuten habe ich bis hierher gebraucht. Reine Kletterzeit: 4 Stunden 30 Minuten. 

Unglaublich - einfach schön - ganz alleine bin ich hier heroben, sitze in der Sonne und genieße - ich kann es noch nicht ganz fassen. Ich gönne mir eine gute halbe Stunde Pause um zu essen, die Ruhe und den Moment aufzusaugen. Danach steige ich ein drittes Mal den Peternpfad ab und erreiche 9 Stunden und 17 Minuten nach Aufbruch den Parkplatz der Haindlkarhütte. Das anschließende Eisbad in der Enns kostet mich zwar Überwindung, tut aber äußerst gut. Es ist geschafft! 

Stille stellt sich ein in meinem Kopf. Ich bin zufrieden, frei, glücklich und angekommen. Angekommen an einem Ort, den ich mir vor dreieinhalb Jahren erdacht habe. Was wird wohl als nächstes passieren? Ich weiß es nicht und es hat gerade auch keine Bedeutung. Im Winter habe ich bestimmt wieder Zeit das Jahr Revue passieren zu lassen und mir neue Projekte zu suchen - mit einem warmen Tee in der Hand - es mir auf der Couch gemütlich machend. Und es wäre nicht ich, wenn ich nicht schon vorab an die Zukunft gedacht hätte, denn: Jede Tour ist die Vorbereitung auf die nächste.



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