22 Februar 2010

Fühle dich stark aber nicht unsterblich

Roger Schäli und Simon Gietl schaffen neue Route am Poincenot in Patagonien - 600m, A3+, 6c, M5 - im Alpinstil

Roger und Simon - eines der Traum Teams im Alpinen Gelände. Was die beiden auszeichnet ist nicht nur die Fähigkeit in extrem Situationen das Ruder im Griff zu haben und dabei noch zu Gas geben, sondern auch ihr tiefer alpiner Spirit: "Der beste Bergsteiger ist nicht nur der, der die schwierigsten Routen klettert, sondern auch der, der am meisten Gaudi dabei hat." So lautet das Motto der beiden SALEWA alpineXtrem Teammitglieder.

Am 11.11.2009 landen die beiden Alpinisten voller Tatendrang, jedoch ohne zwei von Simons Gepäckstücken in Patagonien. Davon lassen sie sich jedoch nicht aufhalten, Simon leiht sich Schuhe und das Abenteuer kann beginnen. Mit ehrgeizigem Ziel sind die beiden nach Südamerika aufgebrochen: zwei Begehungen des Cerro Fitz Roy (3406m), einmal möglichst schnell, und einmal möglichst schwer mit mehrtätigem Aufenthalt in der Wand.

Sechs Tage später stehen sie zum ersten Mal auf dem Gipfel des Poincenot. Über die "Whillans/Cochrane"-Route - 650m, 5+, 60°. Unterwegs lässt der Bergschrund zur Poincenot der SALEWA-Seilschaft das Adrenalin durch den Körper schießen: Bereits ein kleiner Schneerutscher hätte verheerende Folgen, und würde zu einem Sturz von über 300m führen. Erleichtert legt Roger den ersten Fels frei und befestigt das Seil.

Dann geht es weiter durch tiefen Schnee bis zum Kamin, wo Simon alles geben muss. Je höher, desto schlimmer werden die Witteringsbedingungen. Das besondere an Patagonien: unberechenbares Wetter, plötzlich auftretender Sturm und höchste klettertechnische Ansprüche. Die beiden kämpfen bis zum Schluss: Endlich auf dem Gipfel! Oben zeigt sich das patagonische Wetter dann von seiner schlimmsten Seite - es stürmte.

Deswegen heißt es schnell absteigen. Nach einer "wilden Abseilerei", laut Roger, kommen die beiden nach 20h erschöpft aber glücklich im Tal an. Der erste Gipfelerfolg ist erreicht! Das Wetter verfolgt die beiden bis ins Tal, an den nächsten Aufstieg ist so schnell nicht zu denken. Das konnte der guten Laune der beiden jedoch nichts anhaben: Backen, Bouldern, Fischen und ein Besuch in der Chocolateria sorgen für Abwechslung und Spaß.

Am Dienstag, den 24. öffnet sich dann unerwartet ein 2-tägiges Wetterfenster. Diese Chance nutzen die beiden sofort und machen sich auf, den 3.406m hohen Granitkoloss zu besteigen. Schon zu Beginn ist Flexibilität gefragt - 50cm Neuschnee und die Einschätzung erfahrener Einheimischer geben dem Duo nur eine Möglichkeit: die "Californier-Route" zu gehen - eine lange, kraftraubende Tour, die durch Ihre unbeschreiblich wilde Kulisse dem Bergsteiger auch noch zusätzlich den Atem raubt.

Gewarnt von einer erfolglosen Schweizer Gruppe, aber doch recht unbeeindruckt, biwakt das alpineXtrem Team ohne Uhr - mit der Hoffnung, um drei aufzuwachen. Gesagt getan, um drei Uhr wird gestartet. An der Stelle, wo der die Seilschaft am Tag zuvor aufgegeben hat, wird es spannend. In einen schwierigen Linksquergang hinein, schaffen sie es weiter nach oben.

Sechs Seillängen später, kommen sie auf dem Grat an. Und werden von der Sonne begrüßt. Dann nach zehn weiteren, fordernde Seillängen und drei Eistowern - endlich das Gipfeleisfeld. Wobei der Begriff Gipfeleisfeld ist hier relativ. Es handelt sich eher um ein Schneefeld, das durch seinen festen Schnee und akuter Lawinengefahr den Männern alles abfordert. Erschöpft, aber stolz und glücklich erreichen die beiden SALEWA Athleten um vier den höchsten Punkt des Fitz Roy.

Der Abstieg bietet noch einmal einiges an Spannung, da die unbekannte "Franco Argentina" Route viele Tücken bereit hält. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen sie das Biwak. Am nächsten Morgen schafften sie noch fast einen Speedrekord im Absteigen. Nicht aus Motivation oder Ehrgeiz. Wieder einmal gejagt durch das Wetter.

Nach ein paar entspannten Tagen im Tal, haben die beiden Extrembergsteiger schon den nächsten Plan ins Auge gefasst: Sie wollen mehr und sie wollen die Ersten sein. Und sie sind die Ersten! Roger Schäli und Simon Gietl realisieren nur wenige Wochen nach dem Erfolg am Fitz Roy eine eindrucksvolle Erstbegehung an der Poincenot Nordwand in Patagonien. Die beiden Athleten taufen die neue Route FÜHLE DICH STARK ABER NICHT UNSTERBLICH. Die Fakten: 600m in vier Tagen - Alpinstil durch die immense Bigwall, bewertet A3+, 6c, M5.

Die extrem anspruchsvolle Route folgt am Anfang der Williams Rampe bis sie dann senkrecht in die große Wand der Poincenot führt. Drei kombinierte Seillängen führen auf die exponierte Kanzel, wo das Zelt der beiden Athleten gerade so Platz findet. Für den Schweizer Roger der schönste, aber auch windigste Biwakplatz seines Lebens.

Von da an gilt es den 30m hohen und risslosen Plattenpanzer in heikler Cliff-Kletterei zu überwinden. Allein dafür benötigen Roger und Simon 15 Stunden: Kraft und Anstrengung pur. Endlich im Riss angekommen, wird zwischen gesichert, bevor ein 10m hoher Pendelquergang in ein zunehmend vereistes Risssystem führt. Raus aus der luftigen Headwall hinein es in kombiniertes Gelände.

Nach vier Tagen in der Senkrechten und Ungewissheit, ob der Plan glückt, weht dann plötzlich Gipfelwind um die Nasen der beiden Extrembergsteiger. Die letzten Seillängen sind schnell geschafft und dann kommt der überwältigende Moment auf der Poincenot.

Sponsoren:

Salewa

Sportler

Adidas Eyewear

Zustieg zur Whillans-Rampe
Bei winterlichen Verhältnissen in der Whillans-Route
Am Gipfel vom Aguja Poincenot
Aguja Poincenot mit der neuen Linie
In der A-Seilänge
Hotel Chaos
Die steile Headwall
Offwidth-Kletterei
Simon und Roger
Blick zum Aguja Poincenot und Fitz Roy


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