27 April 2009

Interview mit Edurne Pasaban

Von den Trümmern am K2 in die 14x8000er Spitzengruppe....

Man sagt, was uns nicht umbringt macht uns nur härter. Als junge Bergsteigerin wollte sie nur Klettern und Freude dabei haben. Der K2 hat bei Edurne alles verändert. Der Gipfel hat sie zwei Zehen, Wochen im Krankenhaus und ein Jahr Depressionen gekostet.

Edurne ging in ihr tiefstes Inneres und kam zurück, reifer und klüger und mit einem klaren Ziel: Sie möchte die erste Frau sein, die auf allen 14 Achttausendern steht.

So wie Gerlinde Kaltenbrunner und Nives Meori stand sie bereits auf 11 Achttausendern. Kurz bevor sie Ende März zu ihrem zwölften, den Kangchendzönga aufgebrochen ist, hat ExplorersWeb: mit ihr folgendes Gespräch geführt:

ExplorersWeb: Gerlinde, Nives und du haben alle 11 Gipfel, aber du bist die einzige, die offen sagt, dass sie alle 14 besteigen möchte?

Edurne: Ja, so ist es. Mein Projekt ist, alle 14 Achttausender zu besteigen und das so schnell wie möglich. Wieso sollte ich das leugnen. Gerlinde und Nives sprechen es vielleicht nicht offen aus, aber sie haben das gleiche Ziel wie ich. Man muss nur auf ihre Pläne schauen: Nives hat diesen Frühling ein Permit für den Kangchendzönga und die Annapurna, während Gerlinde den Lhotse und vielleicht im Sommer den K2 versuchen wird.

ExplorersWeb: Seit wann stand für dich fest, dass du alle 14 Achttausender machen möchtest?

Edurne: Das ist noch gar nicht so lange her. Es war 2007 nach dem Gipfelerfolg am Broad Peak, als ich die Planung für 2008 gemacht habe, hatte ich nur noch fünf fehlende 8000er. Da wurde mir erstmals bewusst, dass ich es schaffen kann – und dass ich es schaffen will. Letztes Jahre habe ich dann den Dhaula und Manaslu bestiegen, was mich sehr weiter brachte.

ExplorersWeb: Dein nächstes Ziel ist der Kangchendzönga. Wie schätzt du diesen Berg ein?

Edurne: Es wird eine wirklich lange Tour. Besondere Sorgen macht mir der Gipfeltag. Jeden, den ich nach Details gefragt habe, meinte, dass er sehr anstrengend sei.

Es sind 1000 senkrechte Meter vom letzten Lager bis zum Gipfel. Ich habe letzte Woche Gerlinde in München getroffen und sie hat mich gewarnt: „Wenn du die Felsnase erreicht hat, wo der Hang sich zurückzulehnen scheint, wirst du noch mindestens zwei Stunden zum Gipfel brauchen. Also bereite deinen Kopf darauf vor und glaube ja nicht, dass du den Gipfel bereits in der Tasche hast.“

ExplorersWeb: Demnach bis du mit Gerlinde in Kontakt?

Edurne: Natürlich. Wir sind gute Freunde und rufen uns aus unterschiedlichsten Gründen an. Es ist komisch, weil wir auf der einen Seite sehr ähnlich und dann wieder völlig unterschiedlich sind. Gerlinde ist eine großartige Bergsteigerin, smart und stark - aber sie ist auch ein wunderbarer Mensch.

Ihre österreichische Mentalität unterscheidet sich so stark von dem spanischen Temperament , was häufig zu komischen Situationen führt – insbesondere, weil wir so viel scherzen und sie mir alles abkauft – wir lachen sehr viel an jedem gemeinsamen Berg. Letztes Jahr wollte jeder in unserem Team sie auf dem Rückweg nach Kathmandu betrunken machen, aber wir hatten keine Chance. Diese Frau trinkt überhaupt keinen Tropfen.

ExplorersWeb: Manche haben deinen Expeditionsstil kritisiert, weil ihr eine Dokumentation filmt. Was sagst du dazu?

Edurne: Es ist schwierig zu erklären, was es heißt gleichzeitig expeditionsbergzusteigen und zu filmen, oft in extremem Höhen. Du kannst nicht einfach auf den Gipfel laufen. Wir werden vom Fernsehen dafür bezahlt eine Doku zu filmen und nicht den Gipfel zu erreichen und sie werden keine Entschuldigung akzeptieren, wenn wir nicht mit ausreichend Material nach Hause kommen. Es ist eine große Verantwortung.

ExplorersWeb: Kletterst du anders, wenn du nicht gefilmt wirst?

Edurne: Ich musst einige Dinge ändern. Wenn man nicht filmt, kann man mit viel kleineren Teams und weniger Ausrüstung aufsteigen. Wie Gerlindes Expedition mit zwei bis vier Bergsteigern und einen Fotographen der Bilder macht, sonst nichts. Solche Expeditionen sind auch leicht zu leiten und zu organisieren. Große Teams erfordern vor dem Start viel mehr Arbeit und speziell das Basecamp Management ist echt stressig, immer muss man Entscheidungen treffen und Probleme lösen.

ExplorersWeb: Bis du die Expeditonsleiterin?

Edurne: Ja, ich kümmere mich um alles: Das Ziel und die Strategie festlegen, die finanziellen Mittel und die Ausrüstung aufstellen. Mit den Sportfirmen Deals machen, den ganzen Papierkram, das BC Management, die Teilschritte der Expediton festlegen und die Wettervorhersage.

ExplorersWeb: Triffst du auch oben am Berg die Entscheidungen?

Edurne: Ja, wobei ich natürlich meine Gedanken mit dem restlichen Team teile. Sie sind alle sehr erfahren.

ExplorersWeb: Wie hast du dich vom einfachen Expeditionsmitglied zur Leiterin entwickelt?

Edurne: Es waren die Umstände, glaube ich. Auf den ersten Al Filo Expeditionen, als Juanito Oiarzabal noch teilnahm, traf er die Entscheidungen. Er ist eine geborene Führungspersönlichkeit. Doch dann verließ er uns und ich wurde zur Leiterin ernannt, nicht weil ich die beste Bergsteigerin bin (die ich ohnehin nicht bin), aber vielleicht, weil ich einfach schon auf vielen Expeditionen war und wusste wie die Dinge laufen.

ExplorersWeb: Und wie fühlst du dich als Boss?

Edurne: Ha, ha – ich mag es. Nein, ich nehme die Dinge lieber selber in die Hand, als alles organisiert zu bekommen.

ExplorersWeb: Was war letztes Jahr am Shisha los?

Edurne: Wir hatten eine knappe Deadline und ein Permit für die Shisha. Also rannten wir nach dem Gipfelsieg am Manaslu buchstäblich nach Tibet. Vielleicht waren wir etwas zu zuversichtlich. Es war so kalt als wir das BC erreichten und erst hier merkte ich, wie müde ich war. Meine Füße waren in einem schlechten Zustand und ich zögerte. Das Team war großartig und wir entschieden gemeinsam, um zudrehen und eine Lektion klüger nach Hause zu fahren.

ExplorersWeb: An der Annapurna vor zwei Jahren zwangen dich (und andere wie z.B. Iñaki Ochoa) schwierige Bedingungen vor dem Gipfel unzudrehen, während Iván Vallejo, Andrew Lock und Serguey Bogomolov weiter zum Gipfel gingen. Wie war es für dich abzusteigen und auf Neuigkeiten zu warten.

Edurne: Wie es war? Fürchterlich. Ich war so besorgt, wie ich es mir kaum vorstellen konnte – und es war auch eine neue Erfahrung. Wenn du am Berg bist und den Gipfel vor dir hast, bist zu so fokussiert, dass du den Rest der Welt einfach vergisst. Du denkst nicht an jene die sich um dich kümmern und Sorgen machen. Manchmal vergisst man sogar die Crew im Basecamp anzurufen. Aber unten im Annapurna BC als ich Ivan und die anderen angefunkt habe und immer auf den Berg hinauf sah, hoffend, dass es ihnen gut geht, da habe ich gemerkt,wie hart es ist. Etwas was ich nie vergessen werde.

ExplorersWeb: Wenn man so viel erreicht hat, wie denkst du über andere, die über deinen Expeditionsstil debattieren?

Edurne: Vorschläge sind stets willkommen – aber böse Kritiken schmerzen. Ehrlich, ich klettere das, was ich klettern kann. Manche meinen ich solle im alpinen Stil neue Routen im Himalaya eröffnen, aber ich kann es einfach nicht. Ich bin einfach nicht gut genug.

Dorthin zu kommen, wo ich jetzt bin, war ein langer, schwieriger Weg. Jetzt, wo ich mich und meine Ziele kenne, fühle ich mich besser denn je. Ich besteige Berge auf meine Art und das genieße ich wirklich.

Dennoch war ich nicht immer so. Nachdem ich den Everest gemacht hatte, habe ich mich gehen lassen – Leute haben mich eingeladen bei ihrer Expedition dabei zu sein und ich konnte diesen coolen Angeboten nicht widerstehen.

Aber es war nicht ich, der entschied welchen Berg ich machen wollte. Ich schloss mich einfach den Plänen anderer Bergsteiger an. Meine Frage am Saisonende war nicht „Welche Berge möchte ich als nächstes machen“ sondern „mit wem kann ich nächstes Jahr wieder ins Himalaya fahren."

So habe ich die 8000er gesammelt, als mir der K2 angeboten wurde – ein Berg für den ich noch nicht bereit war. Natürlich würde ich Teil eines tollen Teams und die erste Spanierin auf dem Gipfel sein, und die Expedition war gut finanziert…. Ich konnte nicht nein sagen, ging mit, erreichte den Gipfel – und bezahlte einen hohes Lehrgeld.

Und die gesamt Welt zerfiel um mich herum. Es war die schwierigste Zeit in meinem Leben. Aber ich habe sie überstanden. Ich bin zurück und weiß, was ich will: Alle 14 8000er besteigen. Noch mehr, ich weiß, dass ich es schaffen kann.

Edurne Pasaban wurde 1973 in Tolosa (im spanischen Baskenland) geboren. Ihr fehlen nur nur noch Kangchendzönga, Annapurna und die Shisha Pagma auf ihr Ziel alle 14 8000er zu besteigen – etwas, was noch keine Frau erreicht hat.

Am 30.3. ist zu zum Kangchendzönga aufgebrochen. Sie möchte den Gipfel von Süden ohne Sauerstoff erreichen. Mit ihr im Team sind Juanito Oiarzabal, Ferrán Latorre, Jorge Egocheaga, Alex Chicon und Asier Izaguirre. Im Herbst möchte sie die Shisha Pangma versuchen.

Webtipps:

www.edurnepasaban.net

www.mounteverest.net

Heute leitet sie ihre eigene Expedition, doch das war nicht immer so. Das Bild zeigt Edurne letztes Jahr beim Funken in einem Hochlager am Manaslu. © Arch. Edurne Pasaban
Eines von Edurnes 11 Gipfelfotos © Arch. Edurne Pasaban
Edurne und ihre Kangchendzönga Teamkollegen. Sie sind Ende März aufgebrochen. .team mates. Alle Bilder © Arch. Edurne Pasaban
Edurne Pasaban mit einem Tibetischen Mönch im Himalaya © Arch. Edurne Pasaban
Edurne Pasaban bei einer Pressekonferenz in Spanien, bevor sie zum Kangchendzönga aufbrach. Foto: Igancio Delgado
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