Ein Normaler Fuß
03 August 2004

Chronische Fußbeschwerden beim Klettern oder Hallux & Co

Der Teamarzt der deutschen Kletternationalmannschft und Spitzenkletter, Dr. Volker Schöffl, gibt einen kurzen Überblick über Fußbeschwerden beim Kletteren und fachmännische Tipps, wie man sie vermeiden kann.

Die Finger sind das Heiligtum des modernen Felsathleten. Sie werden gefeilt, gedehnt, massiert und mit geheimen "Anti-Cut"-Wundermitteln behandelt. Salben und Flüssigkeiten werden vor und nach dem Klettern aufgetragen damit sich die Hornhaut schneller regeneriert. Allerdings hat der Mensch, als "Vierbeiner" an sich, ja noch zwei Extremitäten, die Beine, im speziellen die Füße. Mit denen handelt der Kletter genau entgegengesetzt. Sie werden mit aller Gewalt und teils Minuten andauernder Anstrengung in die engsten Kletterschuhe gezwengt. Dabei dann die Zehennägel so kurz wie möglich geschnitten um den doch zu großen Fuß den kleinen Schuhen anzupassen. Manch einer ist gar der Meinung waschen schadet den Füßen und somit bildet sich ein tagelang wachsendes Feuchtbiotop im Kletterschuh. "Der Fuß ist ein komisches Ding" philosophierte bereits Goethe und mit komischen Dingen beschäftigt man sich halt ungerne. Wenn dann allerdings mit der Zeit Probleme auftreten wird's doch wieder interessant. Allen olfaktorischen (=Geruchsempfindung) Gefahren zum Trotz haben wir uns die Füße von 30 Leistungskletterern (Schwierigkeitsniveau RP: MW= 10-) genauer angeschaut um die Sache näher zu beleuchten. Eine Geruchsbewertung wurde aus Selbstschutzgründen nicht durchgeführt.

Um die Problematik besser zu verstehen muß man sich zunächst die Entstehung und Entwicklung von Kletterschuhen näher verdeutlichen.

Entwicklung von Kletterschuhen...

In den Anfängen des Kletterns wurde im alpinen Gelände sowie im Klettergarten ausschließlich mit klassischen schweren Bergstiefeln geklettert. Speziellere Kletterschuhe (Kletterpatschen) waren meist Eigenentwicklungen; so wurden beispielsweise dicke Walksocken mit mehreren Lagen Stoff an der Fußsohle verstärkt um einen weicheren und besseren-Felskontakt-vermittelnden Kletterschuh zu ergeben. Schuhe dieser Art waren meist nach nur einem Klettertag wieder reparaturbedürftig. Andere verzichteten ganz auf ein Schuhwerk und kletterten barfuß. Erst in den frühen 80iger Jahren kam mit dem Schuhmodell "EB" der erste richtige Kletterschuh mit einer Reibungssohle auf den Markt. Dadurch wurde eine neue Ära von Höchstleistungen im Sportklettern eingeleitet, Marksteine wie z.B. "Magnet", Schwierigkeitsgrad 9 nach UIAA, konnten erstbegangen werden.

Die Entwicklung immer besserer Schuhe mit größerer Haftreibung der Schuhsohle hat seit damals entscheidend zur Weiterentwicklung des Schwierigkeitsniveaus beigetragen. Bei den jetzigen Schuhmodellen beherschen Merkmale wie "Downturn" (konkave Vorspannung der Schuhsohle zur Erhöhung des Anpressdruckes der Zehenspitzen) sowie "Assymetrie" (Schnittführung mit Konzentration der Schuhspitze auf die Großzehe) das Design.

Während der ganzen Entwicklung ist ein Merkmal der Kletterschuhe im wesentlichen jedoch gleich geblieben. Um einen optimalen Druck auf die teils sehr kleinen Tritte zu erreichen muß der Schuh eine sehr enge Paßform garantieren. Dabei sind im Schuh die Zehengelenke nicht gestreckt, sondern aufgestellt (siehe Bild 1); nur dadurch kann eine gute Druckübertragung auf den Tritt stattfinden. Da sich jeder Schuh im Laufe seiner Zeit jedoch etwas weitet werden die Schuhe zu Beginn maximal eng gekauft und können erst nach einer schmerzhaften Eingewöhnungszeit getragen werden. Durch die beschriebenen Effekte resultieren Vorfußprobleme, auf die im weiteren eingegangen wird.

Von den untersuchten 30 Leistungskletterern nahmen 87% der Kletterer bewußt Schmerzen der Füße in Kauf um ein besseres Trittniveau im Schuh zu erreichen. Dabei waren die Kletterschuhe durchschnittlich 2,3 Größen kleiner als die normale Schuhgröße.

Die auftretenden Probleme im einzelnen...

Schwielen und Druckstellen

Alle Kletterer hatten Schwielen und Druckstellen auf der Zehenoberseite(Bild2). Diese Druckstellen an sich sind harmlos, können jedoch immer wieder Schmerzen verursachen. Gelegentlich kommt es auch zu Einrissen der Schwielen und Infekten. Falls Schwielen chronische Schmerzen verursachen sollten sie vorsichtig mit einer Fußfeile oder Bimsstein abgetragen werden und weitere Schuhe oder ein anderes Modell bevorzugt werden. Wenn sie sich entzünden muß der Arzt aufgesucht werden, verschleppte Infekte können sich bis auf den Knochen ausdehnen und dann muß er leider weg, der Zeh!

Nagelbettinfekte

Gerade durch das sehr starke Kürzen der Zehennägel, um den Fuß dem engen Schuh möglichst anzupassen, kommt es leicht zu Infektionen des Nagelbettes, welche, wenn sie verschleppt werden, teils auch chirurgisch behandelt werden müssen. Bei Schmerzen kann man zunächst Kamille-Bäder und antibiotische Salbenbehandlungen probieren, ausgedehntere Infekte, vor allem mit Eiterfluß, bedürfen ärztlicher Behandlung. Wichtig ist es die Zehennägel möglichst gerade zu schneiden. Durch das seitlich bogenförmig abgerundete Schneiden schafft man selbst die "feucht Kammer" damit sich Keime tummeln und hemmungslos "paaren" und vermehren können.

Subunguale Hämatome (Blutergüße unter den Zehennägeln)

Durch den permanenten hohen Druck auf die Zehennägel selbst entstehen Einblutungen (Hämatome) unter die Nägel welche zum Ablösen des Nagels führen können. Diese müssen zwar nur selten chirurgisch behandelt (trepaniert) werden, sind allerdings schmerzhaft und bereiten, vor allem nach Nagelverlußt, öfters langfristig Probleme. Insgesamt fanden sich bei mehr als 30% der Kletterer solche Befunde.

Hallux Valgus

Ein weiteres Problem durch das dauerhafte Tragen sehr enger Kletterschuhe ist die mögliche Entstehung eines Hallux Valgus. Hierbei komm es zum Abknicken der Großzehe im Großzehengrundgelenk zur Kleinzehenseite hin. Dies bereitet auf die Dauer Schmerzen (Knorpeldruckschaden mit nachfolgender Arthrose), führt zu Hornhautschwielen und Infektionen. Es ist medizinisch bekannt daß der Hauptwegbereiter eines Hallux Valgus das Tragen sehr enger Schuhe ist. So findet sich dieser vor allem bei Frauen (Schuhe mit hohen Absätzen) und Tänzerinnen (Zehenspitzenstand). Vergleicht man die Röntgenbilder eines Fußes ohne und mit Kletterschuh so zeigt sich deutlich wie der Kletterschuh den Fuß in eine Hallux Valgus Fehlstellung hineindrückt (siehe Bild3,4). Ein wesentlicher Unterschied zwischen einem assymetrischen und einem symmetrischen Kletterschuh findet sich nicht. Auch im assymetrischen Schuh zeigt sich eine ausgeprägte Hallux Valgus Stellung.

Bei der eigenen Untersuchung zeigte sich bei 53% der Kletterer ein Hallux Valgus. In der gleichen Altersgruppe im Bevölkerungsdurchschnitt findet sich dieser nur bei 4,3%. Auch wenn der so entstandene Hallux Valgus vielleicht in den jungen Jahren noch kaum Probleme macht so werden die Beschwerden mit zunehmendem Alter deutlich ausgeprägter. Die Therapie eines bereits bestehenden Hallux Valgus ist dann meist die chirurgische, konservative Methoden führen nicht zum Erfolg.

Hallux Rigidus

Hierunter versteht man die Teilversteifung des Großzehengrundgelenkes auf dem Boden einer Arthrose bei Überbelastung. Durch die hohen Drücke in den Kletterschuhen welche auf das Großzehengrundgelenk einwirken kann eine solche Deformität ausgelöst werden. Es sind Fälle von Kletterern bekannt, welche bereits in jungen Jahren, eine solche Deformität entwickelten und bereits operativ versorgt werden mußten.

Dermatomykosen (Fußpilz)

Wegbereitend ist meist mangelnde Hygiene, ist ein Pilz erst einmal da, mag er nur ungerne wieder weg. Hier hilft nur eine gute Hygiene sowie eine entsprechende Salbenbehandlung. Nachdem die Kletterschuhe in der Regel ohne Socken getragen werden ist es schwierig den Übeltäter aus den Schuhen herauszulocken, Pilzsporen setzten sich dort hartnäckig fest. Ein gute Methode ist es mit dem Pilz "Titanic" zu spielen und die Schuhe in die Waschmaschiene zu stecken.

Ausblick:

Mit etwas Vernunft lassen sich faßt alle der oben genannten Probleme vermeiden. Auch wenn in extrem schweren Trittklettereien enge Schuh entscheident sind, so spielt bei dem Großteil der Routen dies keine so große Rolle. Daß der Schuh nur gut sitzt wenn er schmerzt ist ein weitverbreitetes Vorurteil, aber bekanntlicherweise sind Vorurteile ja nicht immer wahr. Es bietet sich somit an, zumindest ein zweites Paar Kletterschuhe zu benutzten welches etwas weniger eng sitzt und es bedarfsgerecht einzusetzen. Vor allem in der Hallensaison ist ein bequemer Trainingsschuh von großem Nutzen.

Doch auch die Industrie ist gefragt, konstruktionstechnische Merkmale der Schuhe sowie die verwendeten Materialien (nicht weitendes Kunstleder) müssen weiter verbessert werden. Hierzu zeigen sich in den letzten Jahren jedoch schon deutliche Verbesserungen um den "Schraubstockeffekt" zu verhindern. Gerade neuere Entwicklungen im Schuhbereich unter Einbeziehung orthopädischer Gesichtspunkte (siehe Bild), wie z.B. der Firma Roc`teryx, versuchen den bekannten Problemen

entgegen zu gehen.

Möglichkeiten zur Vermeidung von Vorfußproblemen:

- Vernunft (Schuhgröße)

- Trainingsschuh

- Hygiene

- Konstruktionstechnische Verbesserungen

Siehe auch:

Fußdeformitäten bei Sportkletterern, V.Schöffl, H.-P.Winkelmann, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, Jahrgang 50, Nr.3, 1999, S.73 - 76

Dr.Volker Schöffl

Marienplatz 4

96050 Bamberg

Tel.0951-2081229 / 0171-5198174

Buchtipp:

Soweit die Hände greifen - Sportklettern

Ein medizinischer Ratgeber (von der medizinischen Komission der UIAA empfohlen)von Thomas Hochholzer u. Volker Schöffl

ISBN-Nr. 3-928026-19-4 erschienen im Lochner-Verlag erhältlich im guten Buchhandel

Webtipp:Dr. med. Thomas Hochholzer

Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie mit Spezialgebiet Sportmedizin und Handchirurgie Jahrelang Leistungssportler in Leichtathletik, Basketball und Klettern; Expeditionsarzt auf mehreren Expeditionen (Shivling, Shisha Pangma, Cho Oyu, Mt. McKinley); Betreuer der deutschen Kletternationalmannschaft

Orthopädische Einlagen für Kletterschuhe:Gerhard Obermeissner

Der Spezialist für orthopädische Maßnahmen bei Kletterschuhen, egal ob Modelleinlagen oder Schuzurichtung. Wien, Stockerau, Tulln ....alles geht.

Ein Normaler Fuß
Fußdeformitäten beim Sportkletterern(aus Fußdeformitäten beim Sportkletterern,  V.Schöffl, H.-P.Winkelmann, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, Jahrgang 50, Nr.3, 1999, S.73 - 76)
Kletterschuh der unter Einbeziehung orthopädischer Gesichtspunkte entwickelt wurde.
Buchtipp: Soweit die Hände greifen (Sportklettern - Ein medizinischer Ratgeber)
Orthopädie - Gerhard Obermeissner
Hallux Valgus
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