Zdeněk Hák und Marek Holeček völlig erschöpft am Gipfel des Gasherbrum I, 2017 (c) Marek Holeček
06 März 2019

Der wichtigste Teil des Erfolgs ist die Geduld

Ein Portrait und Interview mit dem tschechischen Piolet d’Or Gewinner Marek Holeček

1. Marek, du hast die SW-Wand des Gasherbrums fünfmal versucht und bei einem dieser erfolglosen Versuchen sogar deinen Kletterpartner verloren, was fasziniert dich so an dieser Wand? 

Ich fand den Berg schon beim ersten Anblick wunderschön. Als ich dann herausfand, dass die dominante Wand, auf die man schaut, sobald man vom Baltoro Gletscher auf den Abruzzi Gletscher wechselt, noch nie geklettert wurde, schlug mein Herz vor Glück und Aufregung schneller. Für mich war gleich klar, wie es weitergehen soll. Mir war klar, dass ich bei den Versuchen an meine Grenzen stoßen werde, aber die Wand faszinierte mich. Es war nur eine Frage der Zeit und dem, was ich für diesen Traum zu opfern bereit war.  Selbst als mein Partner starb, hörte ich nicht auf, an meinen Traum zu glauben. Die Welt drehte sich weiter und das Ziel war noch das gleiche. Wenn wir akzeptieren, dass wir geboren werden und irgendwann in die Ewigkeit übergehen, ist es letztlich nur die Anerkennung der Sterblichkeit. Derjenige, der noch am Leben ist, muss weiter machen, um zu leben und den Wind in den Haaren zu spüren.

2. Worin bestanden die Schwierigkeiten bei der Route  “Satisfaction” und was war schließlich das Erfolgsgeheimnis?

Die Antwort fällt mir schwer, da alle meine Versuche gedanklich in einem einzigen Bild zusammenfließen. Wir kennen das Ergebnis, den erfolgreichen Abschluss des Aufstiegs. Wir hatten steiles Eis sowie schwere Mixed-Passagen und mussten uns lange in großer Höhe bewegen. Es ist jedoch gar nicht so leicht, Details herauszugreifen, die letztlich zum Erfolg geführt haben. Bei jedem Versuch hatten wir zu Beginn eine echte Chance, den Aufstieg zu beenden. Mal stand dies, mal das im Weg. Wenn ich es zusammenfassen würde, waren wir immer optimal vorbereitet, körperlich, mental und organisatorisch. Gestärkt waren wir durch unsere Erfahrungen aus früheren Begehungen, die uns eine mentale Widerstandsfähigkeit aufbauen ließen, die auch dann standhält, wenn es hart auf hart kommt oder man scheitert. Wir behielten stets im Kopf, weshalb wir hier waren und was wir erreichen wollten. Unter widrigen Bedingungen löst sich alles auf. Dann ist der Glaube an das Ziel, das nicht nur der Gipfel, sondern auch die Rettung sein kann, der wichtigste Teil des Erfolgs. Wenn ich die Essenz aus all meinen alpinistischen Erfolge ziehe, ist das Ergebnis auch für mich überraschend. Es ist Geduld.

3. Ist das Risiko – z.B. im Falle eines Unfalls nicht mehr runter zu kommen – in so einem schwierigen Terrain auf dieser Höhe überhaupt noch kalkulierbar?

In solchen Höhen hat jedes scheinbar winzige Problem eine echte Chance, zu riesigen Dimensionen anzuwachsen. Zum Beispiel können kurzzeitige Übelkeit, Wetterwechsel oder der Verlust eines Steigeisens fatal enden. Der Grund ist einfach, denn selbst die Flucht zurück bedeutet oft mehr als zwei Tage hartes Abklettern und Abseilen.

4. Du legst neben dem Gipfelsieg bei deinen Routen fast mehr Wert auf die Schwierigkeit und den Begehungsstil. Wie siehst du die aktuelle Stil-Entwicklung beim Expeditionsbergsteigen? 

Für mich ist das klassische Expeditionskonzept uninteressant und gehört ins Museum der Klettergeschichte. Dennoch sind die Berge nicht durch verschiedene Herangehensweisen begrenzt – der Alpin-Stil ist Fortschritt, Expeditionskonzepte und kommerzielle Expeditionen sind absolut nichts für mich. Mit anderen Worten, jeder von uns hat ein Recht auf seine eigene Sichtweise, seine Vorstellung, welchen Weg er für seine Erfahrung wählen möchte. Das einzige, worauf ich bestehen würde, ist ein Kodex, der auch im Alltag gültig ist: Anstand, Empathie und die Bemühung den Raum, den ich nutze, unverändert weiterzugeben. Leider ist dies bei großen kommerziellen Expeditionen nicht immer der Fall.

Zdeněk Hák  und Marek Holeček völlig erschöpft am Gipfel des Gasherbrum I, 2017 (c) Marek Holeček
Die Route "Satasfaction" am Gasherbrum I, 2017 (c) Marek Holeček
(c) Marek Holeček
Gashabrum 2016, die ersten 150 Meter des gefährlichen Couloirs (c) Marek Holeček
Die erste Crux der Wand, ist den Sattel auf 7400 m zu erreichen (c) Marek Holeček
(c) Marek Holeček
(c) Marek Holeček
Marek Holeček (c) Marek Holeček

5. Wie siehst du die Speed Begehungen von Kilian Jornet und anderen an den höchsten Bergen der Welt. Ist das noch Bergsteigen oder eher eine Extremform des Trailrunnings?

Mit der Idee des Kletterns hat es für mich nichts zu tun. Dort spielt die Zeit nur in Bezug auf die Sicherheit eine Rolle, das heißt, der Aufstieg wird so durchgeführt, dass man möglichst kurz einer objektiven Gefahr ausgesetzt ist. Auch die vielfach bewunderten Speed-Begehungen traditioneller Routen wie Eiger, El Cap und so weiter, lassen mich völlig kalt. Für mich geht es beim Bergsteigen nicht um den Wegfall der Vernunft um besonders schnell zu sein. Stattdessen um verantwortungsvolles und bewusstes Handeln. Und um die große Erfahrung, die die Tatsache eines erhöhten Risikos akzeptiert.

6. Du bist ein Profibergsteiger, der sich auf das Höhenbergsteigen konzentriert. Nachdem ja alle 14 8000er bereits auf den wichtigsten Routen gemacht und auch die meisten bereits mit Skiern befahren wurden, gibt es da überhaupt noch was, mit dem man die Öffentlichkeit so faszinieren kann, das es zum Leben reicht?

Die vierzehn höchsten Berge zu besteigen ist noch lange nicht die Spitze aller bergsteigerischen Anstrengungen – Im Gegenteil, es war nur einer der ersten Schritte, der Alpinisten andere Möglichkeiten eröffnete. Allein in Pakistan gibt es siebzig 7000er, die meisten davon unbeachtet. Und dann gibt es noch viele andere, niedrigere und trotzdem prächtige Gipfel. Immer die gleiche Sicht anzubieten ist daher eine sichere Wette. Eine neue Geschichte zu bieten, ist nicht nur für die Entwicklung wichtig, sondern auch für die Nachhaltigkeit des Interesses. Ich nenne es eine Entdeckungsreise, wie für Magellan vor fünfhundert Jahren. Er segelte damals durch unbekannte Wasser bis zum Ende der Welt, wo er direkt in den Höllenfeuerkessel fallen sollte. Hand aufs Herz: Wer war der zweite, dritte und der zehnte? Ich nehme an, die meisten wissen es nicht und es ist kein Wunder. So ist es mit den Bergen, wir kennen die ersten, die auf den Everest geklettert sind, dann den, der den Stil verbessert hat oder einen neuen Weg geschaffen hat. Es geht also um neue Geschichten, die erzählt werden sollen. Basis bildet das Können sowie ein spannendes Ziel auszusuchen und die Fähigkeit, sein Team und das Umfeld zu begeistern.

7. Was ist dein Lieblingsgebiet in deiner Heimat und gibt es in Tschechien auch gute Gebiete für Bergsteiger?

Die Tschechische Republik hat viele Naturschönheiten und es ist ein großartiges Land zum Leben. Wir haben eine große Anzahl von Sportklettergebieten mit Sandsteinfelsen, Granit- und Karstgebieten. Es gibt eine Reihe künstlicher Wände und im Winter auch gefrorene Wasserfälle. Wichtig für uns ist die reiche Geschichte unserer Väter, Großväter und Urahnen, welche die Felsen bestiegen hatten, aber auch die Berge während der goldenen Zeit des Alpinismus. Damit hat jede Generation eine Botschaft mit einem Kodex übergeben. Wir haben passende Berge für alle outdoor-Aktivitäten, außer einer und das ist der Alpinismus. Wir müssen immer aufbrechen um Alpinismus zu betreiben. Dieses natürliche „Handicap“ hat auch Polen oder Großbritannien. Trotzdem stammen viele Ausnahme-Bergsteiger aus diesen Ländern. Vielleicht ist es gleichzeitig ein Vorteil. Denn wenn wir schon aufbrechen, haben wir die Motivation, erfolgreich zu sein und das Unmögliche möglich zu machen.

8. Was sind nach dem Abschluss des großen Gasherbrum Projekt deine nächsten Ziele? 

Die Ziele reichen für mehrere Leben, das einzige Problem ist, wie man sie alle in einem unterbringt. Für die nächste Saison will ich noch ein Projekt in Pakistan fertigstellen und ein neues Projekt im zentralen nepalesischen Himalaya angehen. Wir werden sehen, wie es läuft.

Vielen Dank für das Interview - und ich grüße alle Kletterer.

Steckbrief Marek Holeček

Marek, genannt Mára, wurde in Prag geboren. Schon als Vierjähriger kam er über seinen Vater zum Klettern. Heute ist der Sport sein Ventil, sein Weg zum Glück. Mehr Lebensstil als Sport. Seine Kletterpartner wurden ihm wichtige Freunde und Begleiter. «Ich hatte sehr viel Glück mit den Menschen, die ich beim Klettern traf», sagt  Marek. Um mehr Freizeit zu haben, gab Marek seinen sicheren Posten als Geschäftsführer auf und gründete selbst eine kleine Firma. Er schreibt, filmt und hält Vorträge. Er lebt gemeinsam mit seiner Frau Klára und der Tochter Viktorka in Prag. «Meine Kletterpläne könnten drei Leben füllen», sagt er. «Die Schwierigkeit ist, sie alle in eins zu packen – meins.»

Jahrgang 1974

Nationalität Tschechien

Zivilstand verheiratet

Beruf Profi-Alpinist, Filmemacher, Fotograf, Schriftsteller

Web marekholecek.cz

Mammut Pro Team Mountaineering Athlet seit 2018

Alpinistische Erfolge

• 2018: «Lapse of reason», Kyazo RI (6186 m), Nepal. M6 / WI 4+, 3+UIAA, ED+, 1600 m.

• 2018: «Bloody Nose», Monte Pizduch (1000 m), Antarktis. ED+ (M4 / WI5+), 850 m

• 2017: «Satisfaction!», Gasherbrum I (8080 m), Pakistan. ED+(M7 / WI5+), 3000 m.

• 2014: «Abdulʼs Blazing Calves», Monte Samila (1500 m), Antarktis.WI5, 1700 m.

• 2013: «Thumba Party», Talung (7343 m), Nepal. M6 / WI6, 2100 m

• 2008 «Sweet 65», Kohe Uparisina (6260 m), Afghanistan. WI5, 1600 m

• 2008: «Wild Wings», Kapura Peak (6200 m), Pakistan. WI5+ / M7,1300 m

• 2006: «Filkaʼs Heavenly Laugh», Mt. Meru (6310 m), 7a / M5, 2000 m

• 2005: «Ramro Chaina», Kyashar (6750 m), Nepal. M6+ / WI6, 1900 m

• 2003 «Otikʼs Victory», Pamir-Alay (3850 m), Kirgistan. 7b / A4, 750 m

• 2002 «Otikʼs Wet Dream», Pamir-Alay, PIK 4,810 (4810 m), Kirgistan. 7b+ / 7c, 1200 m

• 2000 «Macaroni Porridge Junction», Cerro Paine Grande (2460 m), Chile. 7a / A3+, 1300 m

Auszeichnungen

• 2018: Piolet dʼOr zusammen mit Zdeněk Hák für «Satisfaction», Gasherbrum I (8080 m), China.

• 2017: Czech Mountaineering Association: «Best Ascent of 2017» für die Erstbesteigung im Alpinstil mit Zdeněk Hák, Gasherbrum I (8080 m), China.

• 2014: Nominierung für den Piolet dʼOr zusammen mit Zdeněk Hrubý für die Erstbesteigung des Talung (7348 m), Nepal.

• 2006: Golden Piton Awards: «Honorable Recognition» für die Erstbesteigung Meru Central (6310 m), Indien.

• 2014, 2012, 2001, 1999, 1997: Czech Mountaineering Association: «Honorable Recognition»

• 2013, 2008, 2006, 2003, 2002, 2000: Czech Mountaineering Association: «Best Ascent»

Weitere Geschichten zu Marek unter: https://at.mammut.com/stories/#Marek%20Hole%C4%8Dek

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