Plaisir = Freude
12 Mai 2003

Im Reich von "Mr. Plaisir"

Jürg von Känel ist der Mr. Plaisir schlechthin - ein paar Gedanken und Bilder aus der Schweiz.

Wasser - Metall - Kristall - Grimsel Das Grimselgebiet im Herzen der Schweiz hat sich in den letzten 20 Jahren enorm entwickelt: Zu-erst war es nur Klettergebiet für ein paar Dutzend Top-Sportkletterer, (z.B. "Fair Hands Line" in der Handegg die erste durch Jürg von Känel und Martin Stettler eingerichtete Sportkletterroute in der Schweiz); kurz darauf erlangten Routen wie "Motörhead" und "Septumania" der Gebrüder Rémy im Gebiet El Dorado weltweit Berühmtheit. Mit der Erschliessung von neuen Gebieten wie Ölberg, Mittagflue, Schwarzbrunnenfluh, dem Familienklettergarten Azalee Beach und eben dem Räterichsbodensee nahm auch der Bekanntheitsgrad zu. Dank den Bemühungen von Jürg von Känel und vielen anderen Sportkletterern und Bergführern wie : Rolf Sägesser, Theo Maurer, Walti Britschgi, Ernst Müller, Thomas Zwahlen, Roger Meier, Kilian Aellig u.a.m. und den Kraftwerken Oberhasli (KWO) ist nun ein Bijou von einem Freizeitpark inmitten einer phantastischen Kulisse entstanden, der ständig weiter ausgebaut wird . Das Gebiet bietet für alle etwas: Für Kletterer bleiben absolut keine Wünsche offen: Gut gesicherte Reibungskletterei vom Feinsten, entweder auf gelblichem glattpoliertem Granit oder auf wunderbar feingriffigen, rauhen, sich aufsteilenden Platten für Gleichgewichtsfanatiker oder solche auf dem Weg dazu, anspruchsvolle Gneiskletterei an der Mittagflue für Fortgeschrittene – die Route "Em Ueli sis Chueli" ist nicht nur für Melker oder Heuerinnen bestimmt – oder kindergerechte Routen in der Azalee Beach, wo nicht nur Namen wie "Nils Holgerson", sondern auch die Absicherung den Eltern erlauben, in Ruhe und mit verstecktem Stolz die Fortschritte ihrer Sprösslinge zu beobach-ten. Auch fühlen sich Eltern mit Abc-Schützen beim Buchstabenquiz auf dem Grims-Weg, einem Erlebnis-Pfad, wohl und staunen über die nachgebaute Kristallgrotte. Wem es in der Sonne zu hell ist, kann an einer geführten Führung mehrere km im Berg die grösste Kristallgrotte Europas be-sichtigen. Wanderlustige können eine beliebig lange Strecke entlang dem alten Saumpfad auf die Grimsel folgen, oder es locken attraktive Zustiege zur Bächlital -, Gelmer- oder Oberaarhütte, alles Unterkünfte des Schweizer Alpen-Club und Ausgangspunkt für Hochtouren. Die weite Platten im Grimselgebiet - auch viele Touren in den unteren Schwierigkeitsgraden.. Projekt im Jahr 2000 Wichtigstes Projekt im Jahr 2000 war die Sanierung der Routen unter der Federführung von Jürg von Känel, wo die schönsten Routen mit neuen Bohrhaken und Standplätzen versehen wurden und deshalb Aufnahme in der im Frühling 2001 erscheinenden Neuausgabe des Führers "Plaisir West" fanden. "Neuholz" oder alle Standplätze mit neuen Holzkeilen saniert So saniert Jürg von Känel am Grimselpass Text: Daniel Schicker Fotos: Jürg von Känel "Warum trägt dieser Typ so einen schweren Rucksack, wenn er sonst schon X-Beine hat?", haben sich einige Leute gefragt, als sie meinen Rucksack und ein paar Beine darunter hervorgu-cken sahen. Wenn sie gewusst hätten, was sich so alles in diesem Rucksack befand, hätten sie sich weniger gewundert: 100 Bohrhaken, 10 Standplatzplatten mit Karabiner, Akkus für die Bohr-maschine, Ersatzbohrer, Klettermaterial, Fotoapparat, Essen/Trinken und jahreszeitgemässe Klei-der ergeben dann schnell mal deutlich mehr als 20 kg. Der Gedanke, mit 20 kg Stahl im Rucksack den Blitzableiter zu spielen, taucht trotz dem strahlendem Wetter kurz auf, plagt mich aber nicht weiter. Im Oktober 2000 lud mich Jürg von Känel, der Guru für Plaisirklettereien in der Schweiz und der Autor der bekannten Plaisir-Führer, ein, ihn auf einer Erstbegehung zu begleiten. An einem wunderbar klaren und warmen Sonntag Ende Oktober lenkt Jürg seinen Bus und wir dann unsere Schritte Richtung Räterichsbodensee unterhalb des Grimselpasses: "Der Esel ist ein Lasttier", denke ich mir, und marschiere mit viel rostfreiem Stahl im Rucksack los; Jürg trägt die Bohrma-schine, zwei Seile, die Sonnenbrille und die Verantwortung. Bevor aber die Arbeit anfängt, müssen noch der Routenverlauf und die Standplätze provisorisch festgelegt werden. Ich wundere mich nicht wenig, als Jürg ein Ofenrohr ans Auge hält. Er behauptet zwar, es sei ein Feldstecher, aber ich glaube ihm erst, als ich auch ein Auge riskiere - die Wand ist so nah, dass ich fast meine Nase anschlage. So ein Spitzengerät der Optik holt alle Details zum Greifen nah und erleichtert das "Legen" der Route in den Felsen. Am Einstieg instruiert mich Jürg über das Vorgehen, um möglichst effizient zu arbeiten. Ich bin überrascht, wieviele Faktoren zu berücksichtigen sind. Zu Beginn des Bergsteigens dienten Haken als Sicherungs- und auch als Fortbewegungsmittel. In den 60-er Jahren, als die ersten Bohrhaken aufkamen, war die Freude darüber, nicht mehr Rissen, Kaminen und anderen natürlichen Fels-strukturen folgen zu müssen, so gross, dass zahllose Erstbegeher sich stur geradeaus alle möglichen Wände hochbohrten. Harmonische Linienführung Heute achtet Jürg nicht nur auf eine schöne und natürliche Linie, die sich von unten gesehen har-monisch nach oben zieht, sondern auch auf die Felsstruktur und –beschaffenheit. Vermieden wer-den allzu glatt polierte Platten, weil das Klettern hier zum Hochschleichen wird. Viel besser klettern lassen sich schwarze Stellen am Felsen, weil die wunderbar rau sind und nur die Schwerkraft dem Balancieren ein Ende setzt: Jedesmal, wenn sich mein Schwerpunkt nicht mehr über den Füssen befindet, erinnert mich mein schwerer Kollege am Rücken unsanft daran, dass er, der Natur ge-horchend, lieber ein paar 100 Meter weiter unten wäre. Wichtig sind die Stellen, wo genau die Bohrhaken gesetzt werden, und die Abstände müssen auch stimmen: Wenn sie zu weit auseinander liegen, braucht es ein sehr geschultes Auge, um den Rou-tenverlauf zu "lesen", und auch deutlich mehr Selbstvertrauen, um locker den nächsten Haken anzuklettern. Vernünftige Hakenabstände reduzieren einen allfälligen Sturz meistens auf ein paar blaue Flecken oder für Shortsträger den Verlust von ein paar Quadratzentimetern nachwachsender Tapete. Der Haken soll unterhalb einer schwierigen Stelle sein, ein Einhängen in exponierter Lage erhöht die Sturzgefahr. Feudal ist natürlich auch ein Haken oberhalb der Schwierigkeit, der an ei-ner grifflosen Stelle einen beruhigenden Griff in die Expressschlinge erlaubt. Aber dann ist die Stel-le natürlich nicht mehr frei geklettert ... Symmetrische Zick-Zack-Anordnung Übrigens hat die harmonische Linienführung nicht nur einen ästhetischen Zweck: Wer einmal in einer Route, deren Haken in symmetrischer Zick-Zack-Anordnung liegen, die letzten 10 Meter mit Zähnen und Klauen zum Stand gekrochen ist, weiss, wovon ich spreche. Deshalb dies ein weite-res Anliegen das ihm am Herzen liegt um eben diesen Tirage - so sagen es die Franzosen - zu verhindern. Dazu kommt noch natürlich die Homogenität der Route (Welcher Siebnerkletterer - oder -klettererin will schon zehn Seillängen klettern im unteren fünften Grad hinter sich bringen, um in der letzten Seillänge seine Siebnerstelle zu meisten) Spuren von Schmelzwasser raten vom Setzen eines Bohrhakens ab, da die Route wegen der Nässe unattraktiv ist und das Material durch Schnee- und Eisdruck platt gedrückt wird. Beim Einrichten der Standplätze beachtet man die Abstände. Oftmals können zwei Seillängen in einem Mal abgeseilt werden, dies erfordert jedoch bereits beim Einrichten die nötige Routenwahl... Da Jürg als guter Pädagoge wusste, dass alle Instruktionen, in einem Paket verabreicht, das Hirn auf dem schnellstmöglichen Weg wieder verlassen, liess er mich seines Wissens häppchenweise teilhaftig werden. Manchmal konnte ich zwar nicht so gut zuhören, wenn ich an einer anspruchsvolleren Stelle meine wegen dem schweren Rucksack 20cm kürzere Körperlänge durch dynamisches Verhalten zu kompensieren versuchte, aber meistens wartete er mit der Instruktion, bis ich am Stand war und seine Lautstärke mein durch Städteluft gestärktes Keuchen übertönte (übrigens: die schwarzen Spuren in der Route waren dann schon vorher da: ich trete den Gerüchten, dass sie von meiner Zunge stammen, energisch entgegen Zuerst klettert Jürg eine Seillänge aus, wobei er später zu setzende Bohrhaken mit einem Magne-siumpunkt markiert. Die Bohrhaken werden in einer gleichmässigen, den Schwierigkeiten und Gelände angepassten Reihenfolge platziert. (Als Faustregel rechnet man ca. 5-10 Bohrhaken pro Seillänge .....(diesen Satz weglassen). Um Zeit zu sparen, setzt er beim Aufstieg nur 1-2 Bohrha-ken als Zwischensicherungen. Da es ja nicht meine Nerven sind, kann ich ihm relaxed zuschauen und locker seine Zeit stoppen, die er zur Montage benötigt: Seine Bestzeit liegt um eine Minute. Mit einem Zitat des bekanntesten Berner Oberländers, nämlich mit "Fröide herrscht", folge ich ihm und deponiere an jedem Stand jeweils mehrere Bohrhaken und alle paar Stände einen Akku. Dies dankt mir nicht nur mein Rücken, sondern verschafft mir auch den Respekt Jürgs, der jeweils mit Staunen konstatiert, wie gross ich eigentlich ohne Rucksack bin. Die beiden letzten Seillängen geniesse ich total, weil mein Rucksack fast leer ist. Overdrive Nach 9 Seillängen Kletterei bin ich nicht unglücklich, als Jürg jetzt Arbeit im metallurgischen Be-reich ankündigt. Wir seilen uns die oberste Seillänge ab. Mit seiner grossen Erfahrung präpariert er geschickt bei den Magnesiumpunkten das Bohrloch, in das er den Dübel mit dem Stahlplättchen platziert. Nachdem ich Jürg ein paar Mal zugeschaut habe, kann ich nicht nur bohren, sondern auch die Dübel alleine montieren. Und jetzt schaltet Jürg in den Overdrive: Er seilt sich ab, bohrt fortlaufend und steckt den Dübel ein; ich folge ihm und montiere den Dübel fertig. Wir kreuzen ein paar alte Haken und ausgebleichte Reepschnüre, die wir aus Sicherheitsgründen entfernen. Er-staunlicherweise bereitet mir das Entfernen der geschlagenen Haken deutlich mehr Mühe als sehr solide aussehende Dübel - begreife ich nicht ganz, muss er jetzt die Dübel entfernen oder montie-ren; sind es gar alte Dübel von nicht mehr benötigten Bohrhaken? Auch Jürg beteiligt sich mit sol-chem Eifer an der "Demontage", dass nicht nur Muttern und Unterlagsscheiben in der Gegend herumfliegen, sondern auch seine Sonnenbrille bei mir vorbeischaut, ob alles in Ordnung ist. Akku und Bohrer wechseln, mit Dübeln "aufmunitionieren", zwischendurch den Fotoapparat her-ausklauben und auf den Auslöser drücken, alles läuft perfekt abgestimmt und wie am Schnürchen. Bevor wir uns versehen, ist es 16 Uhr, die Sonne und die meisten Bohrhaken sind weg und wir am Einstieg. Wie es sich gehört, überprüfen wir vom gegenüberliegenden Seeufer die Route. Der helle Bohrstaub macht es leicht, dem Routenverlauf zu folgen und die Bohrhaken zu zählen. Bei mir kommt das grosse Staunen, als wir erst bei 87 Stück halt machen! Die neue Route wird ironischerweise auf «Neuholz» getauft. Wer einmal an einem solchen Herbsttag im Grimselgebiet in einer top-ausgerüsteten Route klet-tern konnte, über sich den Himmel in Postkartenblau, unter sich den eidechsengrünen See, in dem sich die Schneeberge spiegeln, der kommt bestimmt wieder. So geschehen am 22.10.2000Das Ergebnis: Neuholz 4b-5b; 9 SL 87 BH (inkl. Stände) Granit WebtippFilidor - Plaisirklettern in der Schweiz

Plaisir  = Freude
Jürg von Känel beim Einbohren einer Plaisirroute
Beim Bohrhakenfestschrauben.
Perfekt gesicherte Plattenkletterei
Standplatz
Platten über dem Grimselstausee
Plaisirrouten - unbeschwertes Klettern und entspannen am Fels
Die weite Platten im Grimselgebiet - auch viele Touren in den unteren Schwierigkeitsgraden..
Er hat das Plaisirkletternzu dem gemachtwas es ist: "Klettern in gut abgesicherten Routen bleibt ein unvergessliches Erlebnis. Plaisir ist französisch und heißt Vergnügen, Freude, Lust, Spaß!"


Kommentare

Neuer Kommentar
Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren.