27 September 2013

MARMOT LIFE Interview mit Markus Bock

Markus Bock über das Klettern, seine Philosophie und seine Begeisterung für den Heavy Metal

Markus Bock über das Klettern, seine Philosophie und seine Begeisterung für den Heavy Metal

Fränkisch, eigenwillig und wortkarg  – Markus Bock hat sich im Lauf seiner Kletterkarriere den Ruf einer streitbaren Persönlichkeit erworben. Wer ihn jedoch näher kennt, der weiß, dass hinter dem polarisierenden Charakter ein wacher und nachdenklicher Geist steckt, der konsequent seinen Weg geht und damit das Klettern in den obersten Schwierigkeitsgraden im Frankenjura so sehr geprägt hat wie niemand anders. Knapp 80 der 100 schwersten Touren wurden von Markus erstbegangen, nahezu alle Routen ab 8b hat er wiederholt (und das sind immerhin knapp 200 Stück).

Wir haben Markus in einer seiner fränkischen Stammkneipen, dem „Heldbräu“ in Oberailsfeld, auf ein Bier getroffen und ihm Fragen zu seiner Kletterbiographie, seiner Motivation und seinem Leben abseits des Kletterns gestellt.

Und dabei viel über seine Philosophie, seine Konsequenz  – und seine Begeisterung für den Heavy Metal erfahren. 

Du kommst gerade vom Einrichten einer neuen Tour. Hast Du überhaupt noch einen Überblick über die Anzahl der von Dir erstbegangenen Touren?

Da muss ich erst ein wenig überlegen – vielleicht 150 alleine in Franken? In anderen Gebieten wie Rofan, Arco oder Margalef kommen etwa noch 20 weitere Erstbegehungen dazu. Die meisten davon liegen im Bereich ab 8b+ aufwärts. Darunter fallen sowohl „echte“ Erstbegehungen, die ich selbst komplett eingerichtet habe, als auch Touren, die andere gefunden und mir nach dem Einbohren überlassen haben.

Was macht für Dich eine gute Erstbegehung aus?

Es ist auf keinen Fall nur die Schwierigkeit. Es muss eine gute Linie mit guter Felsqualität sein, die länge ist gar nicht unbedingt entscheidend. Einige meiner besten Erstbegehungen sind für mich Touren wie Heiliger Gral (9a), Corona (9a+) oder Elder Statesman (9a) (alle im Frankenjura, Anm. d. Red.).

Was macht für Dich den Reiz beim Erstbegehen im Vergleich zum Wiederholen aus?

Mir geht es beim Erstbegehen um den ganzen Weg, den man zurücklegt. Es geht mir darum, Zeit in eine Sache zu investieren, die mir gefällt. Es geht darum, etwas aufzubauen. Ich habe eine Idee im Kopf und möchte herausfinden, ob ich sie realisieren kann. Man setzt die ersten Haken, putzt die Griffe, versucht die Züge und kann die Tour schließlich irgendwann durchsteigen. Das kann einen Tag oder auch Monate dauern. Wenn ich ehrlich bin, bin ich manchmal sogar enttäuscht, wenn ich die Tour dann irgendwann klettere. Das bedeutet schließlich, dass das Auseinandersetzen damit definitiv vorbei ist. Das Erstbegehen ist mir sehr wichtig, daher liegt mir auch daran, dass meine Touren wiederholt werden. Nur so bekomme ich ein Gefühl dafür, ob der bewertungsvorschlag passt oder ob ich daneben liege. Letztlich geht es dabei auch um Anerkennung, wenn jemand sagt: Coole Erstbegehung, super Tour! Schwere Sachen anderer zu wiederholen, ist mir zumindest in der Fränkischen heute nicht mehr wichtig. Natürlich klettere ich auch die ein oder andere fremde Tour. Wenn ich jedoch ein eigenes Projekt habe, liegt mein Fokus ganz klar darauf.

Mit diesem Erstbegehungsdrang hast Du das schwere Klettern in der Fränkischen geprägt wie kein anderer. Was bedeutet dieses Gebiet für Dich?

Es bedeutet für mich alles. Es ist Heimat und ich kann mir nicht vorstellen, in einem anderen Klettergebiet zu wohnen. Ich hatte das Glück, in einer Zeit mit dem Klettern anzufangen, in der es zum einen noch genug Potenzial für neue Touren gab. Zum anderen habe ich sehr von befreundeten Erschließern profitiert, die ihre eingerichteten Touren nicht klettern konnten und an mich abgegeben haben. Diese Kletterer – z.b. Milan Sykora –  haben mich angeleitet und weitergebracht. Es ist sehr schwer, heute noch eine gute, nicht eingebohrte Linie zu finden. Für mich ist die Fränkische in dieser Hinsicht ein riesen Glücksfall gewesen und es wird niemanden nach mir geben, der dieses Neutourenpotenzial hat.

Welche Stationen Deiner Kletterbiographie sind Dir besonders wichtig?

Über meine Eltern hatte ich bereits sehr früh Kontakt zu den Bergen. Im Sommer gings zum Wandern, im Winter zum Skifahren. Zusammen mit einigen Freunden aus der DAV-Jugendgruppe begann ich mit zehn Jahren mit dem Sportklettern. Mit dem Bau einer kleinen Boulderhalle in Bamberg gab es dann zum ersten Mal eine richtige Trainingsmöglichkeit. Nach dem ersten Trainingswinter hatte ich mich im Frühjahr von 8- auf 8+ gesteigert. Noch im gleichen Jahr kletterte ich im Herbst mit Witchcraft und kurz darauf Center Court meine ersten beiden 10-. Ich orientierte mich sehr stark an besseren Kletterern, wie zum Beispiel Werner Thon, und versuchte, möglichst viel von ihnen zu lernen. Mit 16 kletterte ich meine erste 10+ (Headcrash), ein Jahr später meine erste 11- (Burn  4  U). Bald begann ich auch mit dem Erschließen eigener Routen, wie z.b. Dr. Jekyll/Mr. Hyde (11-) im Jahr 1998. Noch vor meiner ersten 11-/11 konnte ich Unplugged (9a) erstbegehen. Die für mich nach wie vor wichtigste Tour ist Corona (9a+), die ich 2006 klettern konnte. Zum damaligen Zeitpunkt gab es erst wenige vergleichbar schwere Touren, zudem ist sie einfach eine geniale Linie in sehr gutem Fels.

Gab es in all den Jahren auch mal Motivationstiefs? Und falls ja, wie gehst Du damit um?

Die gibt es immer wieder. Wenn die Motivation weg ist, gehe ich nicht klettern, da bin ich mittlerweile konsequent. Solche Phasen können bis zu zwei Monate dauern. Dann habe ich überhaupt keine Lust, an den Fels zu fahren, das Klettern an sich wird uninteressant. Diese Phasen treten meist nach einem langen Kletterjahr ein, wenn sowohl Körper als auch Kopf ausgebrannt sind. Bislang haben diese Abschnitte immer damit geendet, dass die Idee einer weiteren Erstbegehung in meinem Kopf gereift ist.

Spielen Vorbilder eine Rolle für Deine Motivation?

Damals, Ende der 90er, gab es große Persönlichkeiten, die mich motiviert haben. Eine davon ist Jerry Moffat, den ich sehr bewundert habe. Spindeldürr wie er war, hat er alles niedergerissen, egal wo. Dass er ein Vorbild war, liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir uns privat gut kennen und ich weiß, was das Klettern für ihn bedeutet hat. Heute habe ich keine Vorbilder mehr. Die Motivation für mein Klettern kommt eher von den Menschen, mit denen ich zum Klettern gehe. Das sind ein paar sehr gute Freunde, mit denen ich auch abseits des Kletterns Spaß haben kann.

Mittlerweile hast Du selbst für viele Kletterer eine Vorbildrolle erlangt. Wie gehst Du damit um?

Echt? Mich sollte niemand zum Vorbild nehmen (lacht)! Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mich selbst noch nie als Star gesehen habe. Ich finde es befremdlich, wenn ich als solcher wahrgenommen und angesprochen werde. Ich bin kein besserer Mensch, nur weil ich schwer klettere. Dass mir manche Menschen lediglich aufgrund meiner Kletterleistung so positiv begegnen, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich könnte ich mit solchen Erwartungen viel mehr spielen und dies auch in der Öffentlichkeit besser einsetzen. Ich bin jedoch niemand, der sich in den Vordergrund drängt. Ich möchte mir selbst nicht untreu werden. Wenn sich jemand mit einer Frage an mich wendet – sei es zum Einbohren von Touren oder zu anderen Themen – , bekommt er eine anständige Antwort. Aber ich dränge mich nicht auf.

Anders als viele andere Kletterer, die ähnliche Leistungen bringen, hast Du Dich nicht komplett dem Profisport verschrieben, Du arbeitest bei Marmot. Warum hast Du Dich für diesen Weg entschieden?

Für eine kurze Zeit habe ich das Profi-Dasein ausprobiert. Dabei habe ich jedoch festgestellt, dass ich auch nicht mehr Zeit fürs Klettern investiere als mit Arbeit. Zudem ist meine Motivation gesunken, schließlich hätte ich an jedem beliebigen Tag an den Fels fahren können. Wenn man arbeitet, ist der Druck, in der freien Zeit rauszufahren, viel größer, damit ist auch die Motivation höher. Und nicht zuletzt finde ich es gut,  auch Nicht-kletterer um mich zu haben. Marmot bietet mir die Möglichkeit, neben der Arbeit ausreichend Marmot bietet mir die Möglichkeit, neben der Arbeit ausreichend Zeit für meinen Sport zu haben, ich habe aufgrund dieses Entgegenkommens ideale Trainingsbedingungen.

Seit gut einem Jahr bist Du Vater. Welche Veränderungen haben Dein Leben und Dein Klettern dadurch erfahren?

Ehrlich gesagt hat sich mit Blick auf mein Klettern gar nicht so viel verändert. Dies liegt an mehreren Faktoren. Zum einen ist Noah ein absolut unkompliziertes Kind, das man überall mitnehmen kann. Der zweite Grund ist, dass mir meine Partnerin einen großen Freiraum lässt. Sie weiß, was mir das Klettern bedeutet und hält mir den Rücken frei. Das ist ein echter Glücksfall. Geändert hat sich jedoch meine Einstellung. Früher war ich sehr ehrgeizig hinter meinen Projekten her, auch bei den schlechtesten Bedingungen bin ich raus an den Fels gefahren. Das lässt mich inzwischen kalt. Mich setzt es auch nicht unter Druck, dass die jüngere Generation die schweren Touren inzwischen in viel kürzerer Zeit klettert. Ich finde es gut, was beispielsweise Alex Megos in der letzten Zeit auch hier in Franken geklettert hat. Neben dem Klettern ist die Familie inzwischen das wichtigste Standbein. Noah ist so, wie man sich ein Kind nur wünschen kann. Wenn ich nach einem schlechten Tag heim komme und er grinst mich an, dann ist einfach alles wieder in Ordnung. Ein Kind verändert sehr viel, das habe ich nun selbst erfahren.

Was möchtest Du Deinem Sohn mit auf seinen Weg ins Leben geben?

Das wichtigste ist, dass man nicht viel benötigt, um ein glückliches Leben zu führen. Es muss weder ein Schrank voller Klamotten sein noch muss man ein tolles Auto fahren. Das oberste Gebot ist, dass es einem selbst gut geht. Außerdem wünsche ich ihm, dass er ebenfalls eine Leidenschaft für sich entdeckt, sei es im Sport oder anderswo. Ich bin sehr dankbar, so etwas zu haben, nicht zuletzt meinen Eltern, die dies positiv beeinflusst haben. Es ist großartig, wenn man etwas hat, was einen durchs Leben trägt. Ich denke aber, dass ich ihm nicht überall ein Vorbild sein kann. Ich bin ein durchaus egoistischer und konsequenter Mensch, der immer wieder aneckt. Dennoch wünsche ich ihm, dass er sein eigenes Leben lebt und sich nicht reinreden lässt.

Neben dem Klettern und der Familie hast Du noch eine weitere große Leidenschaft: die Musik. Was fasziniert Dich daran?

Die Musik – härtere Musik, vor allem Heavy Metal in den verschiedensten Formen – ist extrem wichtig für mich. Im Prinzip beschäftigt mit Heavy Metal, seit ich 14 Jahre alt bin. Seitdem ist das meine Musik und das Schöne ist, dass ich ein paar Freunde habe, die die gleiche Leidenschaft teilen und wir immer wieder gemeinsam auf Konzerte fahren. hier kann ich Dampf ablassen, wenn sich etwas aufgestaut hat. An Heavy Metal fasziniert mich, dass er viele Facetten hat, die sich erst zeigen, wenn man sich intensiv damit beschäftigt. In diesem Musik-Stil gibt es viele Charaktere, die sehr tief im Sumpf saßen und sich mit Hilfe der Musik selbst wieder herausgezogen haben. Möglicherweise gibt es das auch in anderen Musikrichtungen. Aber Justin Bieber mag ich einfach nicht hören.

Die Tattoos auf Deinem Körper sind stark vom Heavy Metal inspiriert. Erzähl uns, was es damit auf sich hat!

Wenn man sich viel mit Heavy Metal beschäftigt, wird man automatisch mit Tattoos konfrontiert, viele Musiker sind komplett zugestochen. Das Interessante für mich ist, dass die Tattoos nie wahllos angebracht sind, sie haben immer eine Geschichte zu erzählen. Man bringt etwas unter die Haut, was man in der Vergangenheit erlebt hat oder was einen weiterhin beschäftigt. Es ist wie ein Aktenordner, in den man sein Leben ablegt. Jeder hat in seinem Leben irgendwann mit kleineren oder größeren Dämonen zu kämpfen. Im Heavy Metal wird dies mit Tattoos verarbeitet, meist in einem recht dunklen Stil. Für mich war ziemlich schnell klar, dass auch ich Tattoos haben möchte – und zwar wenn, dann richtig. Inzwischen ist ein großer Teil meines Körpers tätowiert. An den Beinen ist noch ein wenig Platz, da kommt möglicherweise noch das ein oder andere dazu.

Familie, Arbeit, Musik, Klettern – welche Ziele hast Du für die Zukunft?

Natürlich hat jeder Kletterer Ziele im Kopf, auch ich. Im Moment möchte ich dazu allerdings nichts weiter sagen. Grundsätzlich möchte ich weiter hier in der Fränkischen neue Routen erstbegehen und ab und zu in andere Gebiete fahren. Dann bin ich eigentlich schon zufrieden!

Top 5 Erstbegehungen:

Corona (9a+)
Heiliger Gral (9a)
Unplugged (9a)
The Essential (9a)
Three Suns and One Star (8c+)

Top 5 Songs:

Becoming (Pantera, 1994)
Temptation’s wings (Down, 1995)
Angel of Death (Slayer, 1986)
Iron & Stone (The Obsessed, 1999)
Sabbra Cadabra (black Sabbath, 1973)

Mehr Informationen unter: www.markusbock.com

Quelle: MARMOT LIFE #5, wo es noch weitere gute Storys von und mit z.B. Matilda Söderlund, Robert Jasper, Alix von Melle, Luis Stitzinger, Dodo kopold und Jack Geldard gibt.

Corona (9a+), Markus‘ wichtigste Erstbegehung, 2006 (c) Marmot/Hannes Huch
Markus Bock in Minimum, 8c, Buoux (2000) (c) Marmot/Markus Bock
Peter Steel, 8a+, Frankenjura (1998) (c) Marmot/Markus Bock
Markus Bock mit seinem Sohn Noah (c) Marmot/Jochen Meyer
Markus Bock (c) Marmot/Jochen Meyer
Markus mit Kirk Windstein (c) Marmot/Markus Bock
Crowbar on Stage (c) Marmot/Markus Bock
Markus Bock (c) Marmot/Reinhard Fichtinger
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