Bergsteigen wie vor 60-80 Jahren? Ein Trend, der jedoch harmlos ist, solange er keine Sicherheits-Aspekte berührt. (c) fotolia.com / Chlorophylle
18 Januar 2017

Oldschool am Berg: Retro oder gefährlich?

Verborgener Trend oder eine riskante Nostalgie, die im Ernstfall sogar Leben kosten könnte. Ein Kommentar.

Oldschool am Berg: Retro oder gefährlich?

Als Heinrich Harrer 1938 zusammen mit Kasparek, Heckmair und Vörg die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand gelang, tat er das mit einem Ausrüstungsstück, oder besser ohne, das heute die meisten Bergsteiger die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen würde – Harrer trug keine Steigeisen, was seine Seilschaft mit Kasparek mächtig ausbremste. So mächtig, dass Heckmair und Vörg aufholen konnten. Szenewechsel. Als Sir Edmund Hillary 1953 auf den Everest stieg, trug er einen Anorak aus Ventile – einem speziell gewebten Baumwollgewebe. Und nicht erst, seit 2002, als die Eiger-Nordwand mit alter Ausrüstung aus den 30ern erneut bestiegen wurde, mehrt sich die Zahl derer, die am Berg kein Goretex und keine High-Tech-Materialien tragen wollen, sondern das, was die Idole früherer Tage am Leib hatten – Retro macht eben auch vor dem Bergsteigen nicht halt. Doch stellt sich natürlich die Frage, ob sich dahinter ein akzeptabler – und vor allem harmloser – Trend verbirgt, oder eine riskante Nostalgie, die im Ernstfall sogar Leben kosten könnte.  Ein Kommentar.

Immer am Puls der Zeit

Alpinisten gehören zu der Sorte Mensch, die offen für Neues sind. Denn jede gute Neuerung erhöht in der Regel nicht nur den persönlichen Komfort, sondern vor allem auch die Sicherheit am Berg. Keine Frage, würde man Reinhold Messner vor seiner 1970er Erstbesteigung des Nanga Parbat einen der neuen Ortovox-Rucksäcke anbieten, würde der Südtiroler wohl begeistert zugreifen und sein zeitgenössisches Equipment liegen lassen – gleiches gilt für Seile, Haken, eben die ganze Ausrüstung.

Bergsteigen hat viele Beweggründe – nostalgische Gefühle gehören nicht unbedingt dazu. Das zeigt sich auch darin, dass alle großen Kletterer bei praktisch jeder wichtigen Besteigung immer das trugen, was gerade „top notch“ also das modernste vom Modernen war. Etwa das bei Edmund Hillary angesprochene Ventile. Das Baumwollgewebe wurde Mitte der 1940er von der britischen Luftwaffe entwickelt, um Piloten und Crews ein Material an die Hand zu geben, dass ohne Beschichtungen sowohl wind- und wasserdicht war, als auch atmungsaktiv –der Uropa heutiger Membran-Materialien und 1953 brandneu. Was Ventile so besonders macht, ist seine Struktur. Es kann nur aus extrem langfaserigen Baumwollfasern hergestellt werden – und die finden sich bei nur wenigen Prozent der Weltproduktion. Dadurch, dass der Stoff auch noch dicht gewebt ist, quellen die Fäden bei Wasserkontakt einfach auf und schließen sämtliche Lücken.

Damals war Ausrüstung aus diesem Stoff up-to-date, weshalb Bergprofis darauf zurückgriffen – und niemand wäre auf die Idee gekommen, absichtlich Jahrzehnte alte Ausrüstung zu verwenden, nur um der Nostalgie willen.

Akt der Verzweiflung?

Doch damals war die Bergwelt auch noch kleiner und es gab eine Menge unbestiegener Gipfel. Doch mit jeder neuen Erstbesteigung schrumpfte diese Zahl. Wenn wir heute vermelden, dass Adam Ondra die Dawn Wall bezwungen hat, dann ist das für Eingeweihte immer noch spektakulär – als aber ein Harrer, ein Hillary, ein Messner ihre Erstbegehungen durchzogen, fieberte die ganze Welt mit. Heute rast ein Ueli Steck den Eiger in 2 Stunden 23 Minuten hinauf, wo mehrere Seilschaften scheiterten und selbst die Erstbegeher noch drei Tage benötigten.

Routen werden schneller, werden mit Fixseilen gesichert und damit für einen immer breiteren Personenkreis möglich, auf den Spuren legendärer Bergsteiger zu wandeln – bei viel weniger Anstrengung und persönlichem Risiko. Gleichsam steigt auch die Zahl der Sportler allgemein – früher war Bergsteigen etwas für Expeditions-Charaktere, für Abenteurer – von denen es nur wenige gab. Heute kann der „Bankkaufmann von Nebenan“ dieselben Routen quasi im Touristenmodus erklimmen. Selbst am Everest gibt es alljährlich Staus auf dem Weg zum Gipfel – Bergsteigen, auch auf den höchsten Graden, wurde also zum Allgemeingut.  

Und genau hinter diesen Tatsachen liegt auch der Grund, warum es im Bergsteigen überhaupt einen Retro-Trend gibt. Denn es ist eine Kombination aus:

·         Immer weniger verbliebenen, unbestiegenen Gipfeln

·         Einer Ausrüstungsindustrie, die kaum noch Wünsche offenlässt

·         Der Wandlung des Bergsteigens hin zum Breitensport

Die Technik hat gewissermaßen den Berg in die Knie gezwungen – der Everest gilt als Touristengipfel. Und hier ist es verständlich, dass einige zurückwollen zu den Zeiten, in denen Bergsteigen weit weniger technisch war. Man könnte tatsächlich von einem (kleinen) Akt der Verzweiflung sprechen, bei dem man sich alte oder zumindest nach altem Stil gefertigte Ausrüstung schnappt und einfach so tut, als gäbe es kein Nylon, kein Fleece, keine Synthetik. Eine Welt aus Wolle und Leder.

Bergsteigen wie vor 60-80 Jahren? Ein Trend, der jedoch harmlos ist, solange er keine Sicherheits-Aspekte berührt. (c) fotolia.com / Chlorophylle
Bergsteiger trugen zu jeder Epoche schon immer das mondernst-verfügbare – auch Hanfseile und Baumwolle waren einst das Beste, was es gab (c) (c) fotolia.com / Olivier
In Zeiten, in denen das Everest-Basecamp fast Stadtcharakter hat, wollen einige durch Retro-Ausrüstung weg von diesem Trend (c) fotolia.com / Daniel Prudek
Nordwand Zeitenwende (c) fotolia.com / Dagmar Richardt
Bei der Sicherheit ist Retro absolut falsch – zwischen Seil und Haken darf es nur das Modernste geben – Punkt! © fotolia.com / Remains

Wo hört der Spaß auf?

 Damit ist Retro-Bergsteigen ein durchaus erklärbares Phänomen. Aber kurzgesagt sollte es dort aufhören, wo die Sicherheit berührt wird. Nun könnte man argumentieren, dass es am Berg keinen Ausrüstungs-Aspekt gibt, der nicht sicherheitsrelevant ist. Natürlich ist dem so, aber es gibt Dinge, die können gefahrlos durch „Altmaterialien“ ersetzt werden und ebenso solche, wo die gleiche Vorgehensweise schlicht fahrlässig wäre:

·         Risikoreich wäre es, beim Thema Seile auf ursprüngliche Materialien wie Hanf zu setzen. Zwar funktionierte das Material in der Vergangenheit, aber oft genug auch nicht. Außerdem werden Hanfseile bei Nässe extrem steif und somit zur echten Gefahr – abgesehen davon, dass Naturfasern immer weniger konsistente Qualität haben werden als Synthetik.

·         Bei Zelten wäre die Verwendung von Baumwolle zumindest fragwürdig. Zwar hat der Stoff der Außenzelt-Materialien immer noch einen, wenngleich kleinen, Platz, aber seine Eigenschaften machen ihn schlicht unkomfortabel. Denn Baumwolle muss regelmäßig imprägniert werden, ist viel schwerer als jede moderne Faser und kann zu allem Überfluss auch noch verrotten.

·         Bei der Bekleidung ist Retro noch am ehesten risikolos durchführbar und hat eine breite Anhängerschar. Ob nun Wolle, Loden, oder Ventile, so lange man diese Materialien bei stabil-guten Wetterverhältnissen trägt, muss man nur damit leben, dass diese in der Regel schwerer sind, als Gewohntes. Gleichsam gibt es hier auch die breiteste Auswahl an Stücken – vom Loden-Anorak bis zur Cord-Kniebund-Kletterhose kann man sich heuer „standesgemäß“ ausstatten.

·         Bei Bergschuhen ist Leder sowieso heute immer noch eine Option. Steigeisenfeste Schuhe aus dem Naturmaterial gibt es en Masse – darunter auch solche, die von Schnitt und Optik auch aus einem 30er-Jahre Bergsteigerkatalog stammen könnten. Was Retro hier besonders gefahrlos möglich macht, sind moderne Imprägnierungen, die selbst Retro-Schuhe auf moderne Werte bringen, was Wasserdichtigkeit und Co. anbelangt.

Damit halten wir also fest, dass Retro so lange geht, solange es nicht um explizit sicherheitsrelevante Merkmale wie Seile, Steigeisen, oder alte Felsnägel geht – hier sollte immer auf nach aktuellen Standards zertifiziertes Material zurückgegriffen werden. Wer aber plant, im 1930er-Look auf einen Berg zu gehen und dort auch noch sein Nachtlager aufzuschlagen, sollte in seinem Retro-Rucksack zumindest etwas Platz lassen, um dort Überhose und –anorak aus High-Tech-Materialien unterzubringen, sonst könnte es bei Wetterumschwüngen gefährlich werden.

Wie Retro angehen?

Natürlich ist klar, dass viele Bergfreunde sich in genau dem Moment mit dem Retro-Virus infizieren, in dem sie so etwas mit den eigenen Augen sehen. Jedes Mal, wenn im Fernsehen eine Wiederholung von „Sieben Jahre in Tibet“ läuft, sind die Kleidungs-Unterseiten der einschlägigen Webforen voll mit Anfragen á la „Wo finde ich einen solchen Anorak?“. Da auch dieser Artikel eine ähnliche Wirkung haben könnte, hier ein kleiner Einsteiger-Leitfaden, der es ermöglicht, sowohl zu checken, ob Retro überhaupt für einen geeignet ist, als auch, wie man die ersten Schritte tun kann, ohne überflüssiges Geld auszugeben – denn auch das ist eine Retro-Tatsache, die Naturmaterialien geben sich preislich nichts gegenüber Modernem und sind oftmals - weil in Kleinserie und aufwändig gefertigt - sogar noch ein gutes Stück teurer.

·         Ein erster Schritt kann es sein, sich einen alten Rucksack aus Leinen zu kaufen. Diesen klassischen Schnitt findet man oft bei Jagdausrüstern. Auch Geschäfte mit alter Militärausrüstung führen so etwas häufig. Kostenpunkt ca. 20-50 Euro. Mit diesem Rucksack wird nun einfach eine normale Bergwanderung durchgeführt und geprüft, wie gut man sich damit fühlt.

·         Der nächste Schritt kann sein, sich eine Ski-, Berg,- oder Baschlikmütze aus Wollstoff zuzulegen. Diese Mützen sind ein österreichischer Klassiker, denn sie wurden bereits im 19. Jahrhundert für Alpin-Truppen eingeführt. Ob der Tatsache, dass die österreichischen Gebirgstruppen untrennbar mit der Entwicklung des zivilen Bergsteigens verbunden sind, ist auch die Bergmütze ein Klassiker beider Welten. Die Mützen, bei denen sich gegen Kälte und Wind ein Nacken- und Ohrenschutz herunterfalten lässt, gibt es ebenfalls im Jagdbedarf aber auch in guten Outdoorläden für maximal 50 Euro.

·         Wenn mit diesen beiden Ausrüstungsstücken Touren ohne Probleme absolviert wurden, kann man sich einen Anorak besorgen, der zwar im hohen Preissegment angesiedelt, dafür aber ziemlich haltbar ist.

Wichtig ist vor allem, dass man sich am Berg in jeder Situation mit dem oldschool Material genauso wohlfühlt, wie in modernen Soft- und Hardshell-Stücken. Und erst, wenn das sichergestellt ist, sollte man den nächsten Schritt wagen und ein neues Kleidungsstück aus diesem Bereich kaufen. Und sollte man partout nicht mit Cord, Leder oder Baumwolle zurechtkommen, so ist das auch kein Beinbruch – denn sich nach dem Abstieg oder in der Freizeit so wie die großen bergbezwingenden Vorbilder der vergangenen Zeiten zu kleiden, ist ebenfalls eine Form von Retro-Alpinismus – und vielleicht nicht einmal die schlechteste.

Fazit

Dass es immer mehr Menschen gibt, die in Sachen Ausrüstung auf der Retro-Welle schwimmen, ist so erklärbar wie verständlich. Denn in einer Zeit, in der Bergsteigen immer mehr Massensport wird und alte Ideale dank neuer Entwicklungen und Materialien viel von ihrem Nimbus der Schwierigkeit einbüßen, gibt es viele, die ein wenig von diesen großen Tagen des Bergsports zurückwollen – und sei es nur, indem sie das Fleece-Beanie gegen eine wollene Bergmütze eintauschen. Und solange damit keine Sicherheitsregeln missachtet werden, ist dagegen nichts einzuwenden – die Materialien haben früher funktioniert und tun es auch heute noch. Und so divers und weltoffen wie Bergsteigen ist, wird es auch die Kletterer aushalten, die nicht wie Leichtfried und Mair gewandet auf den Berg wollen, sondern wie Hillary und Co. 

Text: Benedikt Ruschel 



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