Ueli Steck in "Rocket Baby" © Ueli Steck
15 November 2007

Perfekte Tage in den Rockys

Die starken Schweizer Uli Steck und Simon Anthamatten klettern harte Mixed Touren in den Rocky Mountains

Der Empfang in den Kanadischen Rocky Mountains war nicht besonders freundlich: Schneefall, heftige Winde und bereits empfindlich kühle Temperaturen wehten ihnen um die Ohren. Uli ist mit Simon Anthamatten, einem jungen und sehr talentierten Bergsteiger aus Zermatt unterwegs. Ihr Vorhaben ist ganz simpel: Eisklettern und Bergsteigen, soviel es geht und hoffentlich so wenig wie möglich – oder am besten eigentlich gar nicht - herumzusitzen.

Und so sollte es auch sein.

„Polarity“ Mount Andromeda (3450m) - Freitag, 18. Oktober

„Gleich nach unserer Ankunft hören wir von einer Route benannt „Polarity“ am Snowdome-Peak. Drei Kanadische Bergsteiger, Dana Ruddy, Cory Richards und Ian Welsted klettern in zwei Tagen diese neue Alpinroute zur rechten Seite von „Slipstream“. Länge der Eislinie: ca. 800 Meter. Allerdings klettert das Team nur bis zum Ende des Eiswasserfalls. Danach folgt eine äusserst spektakuläre Passage über den Serac, worauf sie beschliessen, umzukehren. Sie zeigen uns Bilder der Route sowie der letzten Seillänge.

Simon und ich sind sofort Feuer und Flamme und beschließen, diese Linie gleich am folgenden Tag zu probieren. Noch nie zuvor bin ich eine so lange Eislinie geklettert. „

Es ist 9 Uhr als wir den unteren Abschnitt der Route erreichen. Die ersten 500 Meter entpuppen sich als einfaches Eisgelände, was uns veranlasst „solo“ zu gehen. Es schneit heftig, doch wir sind beide so motiviert, dass uns dieses Wetter und die leicht sinkenden Temperaturen nicht aus dem Konzept bringen. Nach zwei Seillängen sind wir trotz „Gore Tex“ völlig durchnässt.

Um zwei Uhr nachmittags stehen wir bereits ganz oben in der letzten Seillänge, dort wo die drei Kanadischen Bergsteiger die Route beendeten. Ich muss zugeben: das Eisdach über der mir bevorstehenden Seillänge sieht alles andere als einladend aus. Ich kann gut verstehen, dass die drei Kanadier da nicht hinauf wollten. Als Simon zu mir aufschließt, sagt er mir, er wolle diese Seillänge nicht vorsteigen.

Das Eis splittert ununterbrochen. „Endlich richtiges Eisklettern“, denke ich mir unentwegt und meine Euphorie ist nicht zu stoppen. Simon sichert geduldig. So beenden wir die Route unmittelbar unter der riesigen Schneewächte; 50 Meter weiter oben als die Erstbegeher."

Rocket Baby - 26. Oktober

Am 22.10. verbrachten sie 11 Stunden mit dem Einrichten einer neuen Line rechts vom Rocketman, die sie sechs Tage später schließlich frei klettern konnten. Uli meint nur zur zweiten Seillänge (Crux) „ Was ich mit Sicherheit weiss, ist, dass die „Hooks“ sehr schlecht sind, abschüssig. Die ersten Meter gehen ganz gut über das grosse Dach. Spätestens jetzt bin auch ich wach und ich klettere Zug um Zug, Meter um Meter zum nächsten Standplatz. Ich benötige 40 Minuten, um mich in diesem sehr unübersichtlichen Gelände zu orientieren, aber ich komme sturzfrei am Standplatz an. Die erste Hürde ist genommen.“ Übermotiviert klettern die beiden Weiter weiter. „Es gibt keine Seillänge in dieser Route die einfach zu klettern ist. Die 59 Meter lange Eisseillänge mausert sich zum Test für die Psyche. Das Eis ist dünn, sehr dünn sogar und es ist nicht möglich, eine verlässliche Zwischensicherung anzubringen. Um 16.30 sind wir am Ausstieg.

350 Meter sensationelle Kletterei liegen hinter uns. „ – Rocket Baby (350m, M8+, WI 5+)

Keine Chance am Howse Peak – dafür klettern wir „Sea of Vapors“ - Dienstag, 30. Oktober

Nachdem Ueli und Simon am Howse Peak im Schee erstickt sind, fahren sie zurück nach Canmore und am Namittag zum Mount Rundle.

"Es ist zwar schon spät, aber für uns reicht das schon. Ganz so sicher bin ich dann doch nicht, aber wir fahren trotzdem los nach Banff . Ziel: der Mount Rundle.

Den zweieinhalb stündige Anmarsch zum Berg bringen wir in 45 Minuten hinter uns.

Um 13.15 Uhr steigen wir in die Route „Sea of Vapors“ ein. Eine Eisroute, die den Grad Wi7 bekam. Es ist früh in der Saison und das Eis demzufolge noch ziemlich dünn. Die Seillängen sind zwar nicht extrem steil, aber absichern lässt sich das Ganze kaum. Die kurzen Eisschrauben stehen schon nach wenigen Zentimetern auf dem Fels auf. Der angeklebte Eispanzer zieht sich 165 Meter in den Himmel. Eine fast schon majestätische Linie.

Pünktlich zum Abendessen sind wir wieder in Canmore. Ein langer, langer Tag geht mit Bier und Pizza zu Ende. Danke Will für die tolle Idee.

Ten years after“ – Mount Rundle

Zuerst klettern Uli und Simon Route (ca. WI5+ M5) . „Das Eis ist wirklich dünn, aber solid und gut angeklebt an den Fels. Einzig die Zwischensicherungen fallen spärlich aus. Es ist eine Route wie aus dem Bilderbuch. Sie befinden sich beide wieder am Einstieg und es ist noch nicht sehr spät am Nachmittag.

Dann steigt Uli noch einmal Solo in die Tour ein „Ich beschließe, noch einmal in die Route einzusteigen. Diesmal klettere ich ohne Simon und das Seil habe ich auf den Rücken gebunden.

Es ist das erste Mal seit meinem Unfall (Anm.: In der Annapurna Südwand), dass ich wieder ohne Seil klettere. Und es ist ein gutes Gefühl. Meine innere Ruhe kehrt langsam wieder zurück!“

Not Flying is not Trying

Am 3. Nov gelingt ihnen zum Abschluss noch eine tolle Erstbegehung.

„Die Absicherung fällt spartanisch aus. Das Ziel ist: keine Bohrhaken. Zwei Stunden später befindet sich Simon am Eiszapfen. Endlich, aber wir sind zufrieden. Der Aufwand hat sich gelohnt: eine geniale Seillänge ohne Bohrhaken mit sehr anspruchsvoller Absicherung. Jetzt bin ich dran, es zu versuchen. Die Seillänge muss noch frei geklettert werden.

Leicht „steif gefroren“, hänge ich die erste Zwischensicherung ein. Kurz vor einem Normalhaken hat Simon eine Schlinge um einen kleinen Eiszapfen gelegt. Ich habe gesagt, dass alles was ein Sturz nicht auffängt, bremst zumindest das Tempo…"

Dann kommt Ueli zu aber zu Sturz. "Gerade realisiere ich noch wie der Haken ausreisst und ich bereite mich auf einen langen Flug vor. Doch dann kann der Eiszapfen mit der Schlinge meinen Sturz bremsen. Wie man sich doch täuschen kann!...

Danach können beide die Länge frei klettern.

Der Tag geht zu Ende und die geniale Route, die wir geklettert haben taufen wir „Not Flying is not Trying“, M8/Wi6. Eine interessante Route eindeutig zum wiederholen!“

Text: Ueli Steck/AJ

Webtipps:

www.uelisteck.ch - Uelis Hompage

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Ueli Steck in "Rocket Baby"  © Ueli Steck
Simon Anthamatten im oberen Teil von Rocket Baby © Ueli Steck
Rocket Baby (350 m (M8+, WI 5+) © Ueli Steck
Simon Anthamatten auf dünnem Eis in „Sea of Vapors“ WI 7  © Ueli Steck
Ueli Steck (links oben) solo in „Ten years after“ © Simon Anthamatten
Ueli Steck beim 2. Versuch in der Crux von „Not Flying is not Trying“ nachdem sein Stürz von der Sanduhr am Eis (mitte unten) gehalten wurde © Simon Anthamatten
Simon Anthamatten und Ueli Steck © Ueli Steck
Ueli Steck in den Seracs von "Polarity" © Ueli Steck
Simon Anthamatten in einer der schwierigen Mixedlängen von Rocket Baby © Ueli Steck


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