Am 12. September kehrt der Wahl-Stubaier für seinen zweiten Start beim Kaçkar by UTMB in die Region zurück.
Ayder, Türkei. Es war zunächst keine Rekordidee, sondern eine einfache Frage: Ist dieser Berg überhaupt laufbar? Zwei Jahre lang ließ Philipp Ausserhofer der Kaçkar Dağı im Nordosten der Türkei nicht los. Nun hat der 33-jährige Wahltiroler die Antwort geliefert: Auf der Route von Ayder auf den Gipfel des 3.937 Meter hohen Kaçkar Dağı und zurück setzte er über 38,86 Kilometer und 2.682 Höhenmeter eine erste dokumentierte Richtzeit. Die Uhr blieb nach 5 Stunden und 21 Minuten stehen – eine Fastest Known Time (FKT) auf dieser bislang nicht dokumentierten Linie.
„Seit meinem ersten Besuch in der Region hat mich dieser Berg nicht mehr losgelassen. Ich habe ihn gesehen und mich sofort gefragt, ob dieser Berg überhaupt laufbar ist“, erzählt Ausserhofer. „Sein Gletscher, der schmale Grat, die knapp 4.000 Meter Höhe – er sah aus wie der perfekte Spielplatz für die Art von Trailrunning, die ich liebe: technisch, hochalpin und herausfordernd.“
Vom Expeditionsgedanken zur ersten Referenzzeit
Der Kaçkar Dağı ist mit 3.937 Metern der höchste Gipfel des Ostpontischen Gebirges. Die Route verbindet auf kurzer Distanz völlig unterschiedliche Landschaftsräume: Der Start erfolgt in Ayder, einem Plataeu (türkisch: yayla) auf rund 1.300 Metern, von dort führt die Linie durch grüne Almlandschaften und hochalpine Geländeabschnitte bis zum Gipfel und anschließend zurück ins Tal. Gerade diese Kombination aus Höhe, technischem Gelände und der unmittelbaren Nähe zum Schwarzen Meer macht den Berg für Ausserhofer besonders interessant.
Dabei unterscheidet sich das Projekt bewusst von klassischen FKT-Versuchen. Während bei einem etablierten FKT eine bestehende Bestzeit geschlagen wird, ging es am Kaçkar zunächst darum, überhaupt eine belastbare Referenz zu schaffen. „Am Stubai-Höhenweg kenne ich jeden Stein. Das ist meine Heimat, mein Spielplatz. Dort ging es darum, eine starke Zeit zu schlagen. Am Kaçkar war alles anders. Dort ging es darum, eine Linie zu entdecken, herauszufinden, ob sie überhaupt laufbar ist, und eine erste Richtzeit zu setzen.“
Der Rekord selbst sei deshalb eher ein Nebenprodukt des Projekts. „Der Rekord war am Ende vielleicht so etwas wie die Haselnüsse auf dem Sütlaç. Irgendwann wird diese Zeit gebrochen. Die Geschichten bleiben.“
Technischer als erwartet
Dass die Route tatsächlich laufbar ist, musste der gebürtige Ahrntaler allerdings zunächst selbst herausfinden. Aufgrund der laufenden Wettkampfsaison stand nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung. Vor dem Versuch absolvierte er gemeinsam mit seinem Team einen Streckencheck, um Schneelage, technische Passagen und objektive Gefahren einschätzen zu können.
Vor allem der Gipfelgrat erwies sich als anspruchsvoll. Brüchiger Fels, harte Schneefelder und Steinschlag durch die Schneeschmelze verlangten auch auf dem Abstieg volle Konzentration. „Ehrlich gesagt war der Berg anspruchsvoller als erwartet“, sagt Ausserhofer. „Der Gipfelgrat war ziemlich brüchig, dazu kamen harte Schneefelder und viel Steinschlag.“
Auch die Höhe machte sich bemerkbar. Obwohl der Südtiroler bereits in Ecuador in deutlich größeren Höhen unterwegs war, fühlten sich die knapp 4.000 Meter am Kaçkar besonders fordernd an.
„Vielleicht liegt es daran, dass man innerhalb kürzester Distanz vom Schwarzen Meer fast bis auf 4.000 Meter aufsteigt.“
Ein Sturz im Abstieg unterstrich zusätzlich den alpinen Charakter des Projekts: Unter Ausserhofers Füßen brachen plötzlich Steine weg. „Das kam völlig unerwartet und hat mich richtig erschreckt. In solchen Momenten fragst du dich natürlich kurz, warum du das überhaupt machst.“
„Wenn der Berg bereit ist, musst du bereit sein“
Entscheidend war auch das Wetterfenster. Nach dem Streckencheck zeichnete sich für den folgenden Tag noch eine Möglichkeit für den Versuch ab, bevor Gewitter angekündigt waren. „Ich war müde von der Reise und vom Streckencheck. Aber manchmal geht es nicht darum, Ausreden zu suchen. Wenn der Berg bereit ist, musst du bereit sein.“
Am nächsten Morgen stand Ausserhofer in Ayder am Start. Die Unsicherheit, die das Projekt von Beginn an geprägt hatte, blieb bis zum Schluss Teil des Abenteuers. Genau das sei es, was ihn an solchen Projekten fasziniere: „Ich wusste ungefähr, was mich erwartet. Und gleichzeitig wusste ich eigentlich gar nichts. Genau dieses Gefühl liebe ich.“
Auf dem Gipfel nahm er sich trotz des laufenden Rekordversuchs fünf Minuten Zeit. Der Blick reichte vom Schwarzen Meer über Georgien bis tief ins türkische Hinterland. „Natürlich war es ein Rekordlauf. Aber solche Momente läuft man nicht einfach durch.“
Nach 38,86 Kilometern und 2.682 Höhenmetern kehrte Ausserhofer nach 5:21 Stunden nach Ayder zurück. Damit steht erstmals eine dokumentierte Zeit für die Route Ayder – Kaçkar Dağı – Ayder.
Für den studierten Pharmazeuten ist diese Zeit jedoch vor allem der Ausgangspunkt für weitere Versuche. „Ein Rekord ist irgendwann nur noch eine Zahl. Die Geschichten bleiben. Die Menschen. Die Landschaft. Die Begegnungen. Das Abenteuer.“
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung dieses FKTs. „Ich wünsche mir nicht, dass jeder auf einen fast 4.000 Meter hohen Berg läuft. Aber ich wünsche mir, dass jeder seinen eigenen Kaçkar findet. Dieses eine Abenteuer, das einen nicht loslässt. Diese Idee, bei der man nicht weiß, ob sie funktioniert – und den Mut, irgendwann einfach loszugehen.“
Vom FKT direkt zum Kaçkar by UTMB
Das Abenteuer Kaçkar ist für Ausserhofer damit noch nicht abgeschlossen. Am 12. September steht er beim Kaçkar by UTMB am Start. Das Rennen führt über 81 Kilometer und 5.400 Höhenmeter durch die anspruchsvolle Bergwelt des Kaçkar-Gebirges. Nach der Premiere im Vorjahr (wetterbedingt verküzt) ist es für Ausserhofer der zweite Start bei der Veranstaltung.
Dass er wenige Wochen vor dem Rennen noch einen FKT auf dem Kaçkar Dağı absolviert, ist dabei kein Zufall. Die Region kennt Ausserhofer mittlerweile aus mehreren Perspektiven: als Athlet, als Teil der Entwicklung des Rennens und nun auch über die neu erschlossene FKT-Route. Während der FKT die technische und alpine Seite des Gebirges auf einer eigenständig gewählten Linie in den Mittelpunkt stellt, wartet beim Rennen eine klar definierte Wettkampfstrecke.
„Der Kaçkar hat mich von Anfang an fasziniert. Ich wollte wissen, ob dieser Berg laufbar ist – und jetzt weiß ich es“, sagt Ausserhofer. „Aber eigentlich ist das erst der Anfang. Ich komme jetzt zum zweiten Mal zum Kaçkar by UTMB, und ich freue mich darauf, den Berg wieder im Wettkampf zu erleben.“
Projekt Factbox
Athlet: Philipp Ausserhofer
Projekt: Kaçkar Dağı FKT – erste dokumentierte Richtzeit
Region: Ostpontisches Gebirge, Nordosttürkei
Route: Ayder – Kaçkar Dağı – Ayder
Distanz: 38,86 km Höhenmeter: 2.682 hm Start: ca. 1.312 m Gipfel: 3.937 m
Zeit: 5:21 Stunden
Charakter: hochalpin, technisch anspruchsvoll, Gletscher- und Schneepassagen, brüchiger Fels
Nächster Wettkampf: Kaçkar by UTMB®
Datum: 12. September 2026
Distanz: 81 km
Höhenmeter: 5.400 hm
Für Ausserhofer: zweiter Start, zweite Austragung
Biografische Informationen
Geburtsjahr: 1992
Geburtsort: Bruneck, Südtirol, Italien Wohnort: Telfes im Stubaital, Tirol, Österreich Ausbildung: Pharmaziestudium
Beruflicher Werdegang: Ehemaliger Apotheker, heute professioneller Ultra-Trailrunner
Motto: „Dream and dare“
Weitere Rekorde & Projekte
FKT Stubaier Höhenweg: 2023 stellte Philipp einen neuen Rekord auf dem 78 km langen Stubaier Höhenweg auf und unterbot die bisherige Bestzeit um 54 Minuten.
Projekt „HOMERUN“: Ein 160 km langer Lauf mit 11.000 Höhenmetern rund um das Ahrntal, seine Heimatregion.
Sportliche Erfolge (Auswahl)
2026
1. Platz Stubai Ultratrail (57 km)
2025
Finisher UTMB Chamonix
1. Platz UTVV Slovenia (60 km)
6. Platz Lavaredo Ultra Trail by UTMB (120 km)
2024
1. Platz Ultra-Trail Snowdonia by UTMB (103 km)
2023
3. Platz Nice Côte d’Azur by UTMB (115 km)
2022
2. Platz Val d’Aran by UTMB (100 km, UTMB World Series Major Europe)
2021
1. Platz Mozart 100 (100 km, Ultra Trail World Tour)
2020
1. Platz Innsbruck Alpine Trailrun Festival (85 km)
Website: theflyingflip.com
Instagram: @theflyingflip
YouTube: Philipp Ausserhofer Trailrunner

Philipp Ausserhofer setzt erste FKT am Kaçkar Dağı: 38,86 Kilometer und 2.682 Höhenmeter in 5:21 Stunden


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