Andreas Bindhammer in PuntX 9a+ © Philippe Maurel - www.nice-climb.com
18 Oktober 2008

Schrei aus Stein - PuntX 9a+

Andreas Bindhammer holt sich die erste Wiederholung von „PuntX 9a+“.....

Die ultraresistente Route im Sektor Deversé bei Nizza (F) mit ihren 40 Zügen stellt nicht nur hohe Anforderungen an die physische Stärke, sondern auch an die Schmerztoleranz der Aspiranten. - Enge Fingerlöcher und scharfe Unter- und Seitgriffe in wasserzer-fressenem Fels erfordern eine radikale Einstellung zu den natürlichen Warnsignalen des Körpers - und einen kompromisslosen Kletterstil. Die Erstbegehung des französi-schen Spitzenkletterers Alexandre Chabot aus dem Jahr 2007 stellt derzeit das ultimative Testpiece im Süden Frankreichs dar – eine Herausforderung, der sich schon einige namhafte Größen der Kletterwelt geschlagen geben und unverrichteter Dinge wieder von Dannen ziehen mussten…

Jahr der harten Erstbegehungen

Nach einem „Jahr der harten Erstbegehungen“, wie Andreas die Saison 2008 mit seinen beiden Erstbegehungen „St. Anger 9a“ (Arco/I) und „Hades 9a“ (Nassereith/A) bezeichnet, macht er sich Mitte September Richtung Nizza auf, um sich gezielt an der spektakulär strukturlos erscheinenden, auf 20m Höhe etwa 10m überhängenden Linie zu versuchen.

Bei einem intensiven Check der Route direkt nach der Begehung von „Abysse 9a/a+“ vor zwei Jahren erschien ein Durchstieg noch in weiter Ferne: „Die Züge fielen mir damals einfach zu schwer, ich konnte kaum die Zwischensicherungen einhängen…“ erinnert sich Andreas.

Doch diesmal standen die Vorzeichen besser: zum einen war da die monatelange Boulder-Vorbereitung. „Bis auf die Versuche in meinen Routenprojekten beschränkte sich mein Training dieses Jahr rein auf´s Bouldern. Ein absolutes Novum für mich…“ Zum anderen gab es eine Strategie, die es ermöglichen sollte, die Finger nach der extremen Belastung zu schonen, ohne durch zu viele Ruhetage die Form zu verlieren: „Mein Plan sah vor, am ersten Tag bis zu vier Versuche in der Route zu machen, den folgenden Tag im nahegelegenen, eher fingerschonenden Sandstein-Bouldergebiet Annot zu verbringen um dann nach einem Ruhetag wieder Versuche in der Route zu machen.“

Experiment

Der erste Teil des Experiments schien zu funktionieren: Die Passagen waren von Beginn an ohne größere Probleme möglich. Jedoch war die Haut den enormen Belastungen durch die scharfen Ränder der Fingerlöcher nicht gewachsen. So kamen nach jedem Tag in der Route zwei weitere, mit Tape umwickelte Finger hinzu, bis es nach zwei Wochen bei eher feuchtwarmer Witterung - und damit effektiv nur fünf Tagen in der Route - nicht mehr möglich war die schmerzenden und ange-schwollenen Finger abzuwinkeln, geschweige denn mit ihnen in die Löcher zu treffen. Die Fortschritte fielen zunehmend dürftig aus, während der Quälfaktor exponentiell anstieg...

Der einwöchige Vaude-Teamtrip nach Oltre Finale versprach etwas Linderung – und onsight- als auch fingerfreundlicheres Gelände…

Schlucht der Schmerzen

Eine Woche später - Anfang Oktober - ist Andreas zurück in der Schlucht der Schmerzen. Die Bedingungen sind besser als zuletzt, es ist windig und kühl. Gleich der zweite Versuch des Tages setzt eine neue Höchstmarke, der dritte Versuch endet unter den Anfeuerungs-rufen der anwesenden Kletterer schließlich mit einem gellenden Schrei: der rechte Fuß schießt bei voller Belastung aus der Wand - die rettende Leiste liegt schon in der Hand, ist jedoch zu klein, um den aprupten Körperschwung noch abzufangen. Ein vierter Versuch reicht weit nach oben, scheitert aber an der inzwischen eingeschränkten Maximalkraftaus-dauer. Fazit des Tages: mit den richtigen Bedingungen und etwas Glück ist ein Durchstieg in greifbarer Nähe!

Die Euphorie hält nur bis zum nächsten Tag: Es wird wärmer, die Luft feuchter und der Wind lässt nach. Mit einer Pause ist die Route noch möglich. Aber die Finger leiden unter der verminderten Reibung.

Keine Gnade

Erst am Wochenende darauf, es ist bereits der 11. Oktober, ist die Sonne zurück. Nur der Wind lässt noch auf sich warten. Bei 23°C ist es zudem sehr warm für die Jahreszeit. Ohne die Möglichkeit in den Chalkbag zu greifen, beginnen die Finger immer mehr zu rutschen – ein Wettlauf mit der Haltezeit. Die letzte Zwischensicherung bedeutet zwei Mal das Aus: Ein paar Sekunden zu lange am Griff…

Kurz bevor die Sonne die Route erreicht kommt endlich Wind auf. Andreas blendet den Schmerz aus, mobilisiert noch einmal all seine Kräfte. Ein letztes Mal für diesen Tag.

Er erreicht kontrollierter als die Male zuvor die verhängnisvolle letzte Zwischensicherung, hängt ein. Der Zug in das Zwei-Finger-Untergriffloch - das Ende des vorherigen Versuches – gelingt. Vor dem berüchtigten, V-förmigen Einfingerloch vor der letzten Kante nimmt er sich die Zeit um noch einmal nachzuchalken. Das Gesicht ist schmerzver-zerrt. - Dieses Mal gibt es keine Gnade! Das Fingerloch wird durchgezogen. Von unten kommen die Anfeuerungsrufe: „Alé!“, „Come on!“. Dieses Mal hält der Fuß – die Leiste mit rechts - der rettende Seitgriff… Geschafft!

Ein befreiender Schrei - der Lohn für die Mühe der letzten Wochen: Die erste Wiederholung von „PuntX“, der „mutmaßlich schärfsten 9a+ aller Zeiten…“

Interview mit Andreas Bindhammer:

Warum „PuntX“? Was hat dich an dieser Tour so fasziniert?

Als ich vor zwei Jahren nach der erfolgreichen Begehung von „Abysse“ das erste Mal in der Route war und mir nicht vorstellen konnte, die Passagen zu klettern und auch noch die Zwischensicherungen einzuhängen und mit total lädierten Fingern abziehen musste, war mir klar, dass ich mich der Herausforderung zu gegebener Zeit stellen würde. Die Versuche von Alexandre Cabot in der kompromisslosen Linie sahen wirklich spektakulär und ultrahart aus – nachdem er die Route dann vergangenes Jahr knacken konnte, wollte ich einfach wissen, ob ich auch zu so einer Leistung imstande bin… Er hatte nach seiner Begehung keine konkrete Bewertung abgegeben – er sprach nur von seiner deutlich härtesten Route bisher… Durch das boulderlastige Training in dieser Saison hatte ich den Eindruck, dass es nun - mit deutlich mehr Maximalkraft - vielleicht klappen konnte.

Worin liegen die Schwierigkeiten von „PuntX“?

40 Züge ohne Ruhepunkt, von Beginn an volle Konzentration… Um bei jedem Versuch wieder die scharfen Unter-, Seitgriffe und engen Fingerlöcher durchzureißen ist eine kompromisslose Einstellung und eine hohe Schmerztoleranz nötig. - Speziell das V-förmige Einfingerloch kurz vor Ende kann man nur ein- bis zweimal am Tag ertragen. Bei feuchten oder warmen Bedingungen ist dieser Zug fast unmöglich…

Du hast schon einige schwere Touren in deiner Kletterkarriere hinter dich gebracht. Ist „PuntX“ auch Deine härteste Route?

Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht, da man keinen direkten Vergleich hat. Die Begehung von „La Rambla“ beispielsweise liegt schon 1 ½ Jahre zurück. Dieses Jahr sind mir zwei Erstbegehungen gelungen, die beide im Bereich 9a liegen und mir ein Jahr zuvor noch unmöglich erschienen. Bei der Begehung von „PuntX“ hatte ich sehr gute Bedingungen, war absolut fokussiert auf die Route. Sie hat einen Charakter, der mir sehr liegt – 40 Züge ohne Pause, kleingriffig und steil… Möglicherweise ist es meine schwerste Route, garantiert aber die schmerzhafteste…

Wie würdest du „PuntX“ bewerten? 9a+?

Ich würde mich der Meinung von Alex Chabot anschließen: es handelt sich um die schwerste Route im Deversé und damit dürfte es sich auch um eine 9a+ handeln. Um die Route schaffen zu können erfordert ein deutlich taktischeres Vorgehen als „KinematiX“ oder „Abysse“, da Versuche nur jeden dritten oder vierten Tag Sinn machen und die Haut die Zeit zur Regeneration benötigt. Täglich Versuche starten zu wollen führt physisch in eine Sackgasse. Man muss sich also anderweitig für die Route fit halten - bei den beiden anderen hingegen kann man direkt in der Route trainieren.

Wie kann man sich auf so eine Tour vorbereiten? Bist du bei deinem Training sehr diszipliniert oder kletterst du nur nach Lust und Laune?

Mir war klar, dass ich in der Route nur mit einer guten Maximalkraftausdauer Erfolg haben würde. Meine Vorbereitung fand also – wie schon gesagt – ausschließlich beim Bouldern statt. Schwerpunkt waren dabei weite Züge an kleinen Griffen – und das ließ sich in den Boulderprojekten im Allgäu und im Averstal perfekt trainieren. Trotz des reichlich feuchten Sommers gelangen mir dabei Boulder bis 8b+ fb – davon hoffte ich dann bei meinen Routenprojekten im Herbst zu profitieren.

Grundsätzlich versuche ich immer zielgerichtet zu trainieren, bin aber recht flexibel, was das Wann und Wo anbelangt. Es gibt keinen vorher festgelegten Trainingsplan – ich mache einfach das Beste aus der momentanen Situation – ohne dabei mein Ziel aus den Augen zu verlieren.

Woran denkst du, wenn Du beim Klettern einer Route die Schlüsselstelle dann endlich mal passiert hast?

Das hängt stark vom Charakter der Route ab – wenn es nach der Schlüsselpassage immer noch anhaltend schwer ist, werden alle Kräfte mobilisiert und man ist voll konzentriert, gibt noch einmal alles. Das geschieht alles intuitiv – zum Nachdenken bleibt da wenig Zeit. Scheitert man dennoch nach der härtesten Passage ist man garantiert physisch und mental so ausgebrannt, dass man am gleichen Tag erst gar keinen Versuch mehr zu starten braucht.

Du bist ja einige Tage vor deinem erfolgreichen Durchstieg am letzten schweren Zug aus der Wand geflogen und um Haaresbreite gescheitert. - Wie schaffst du es, dich nach einem erfolglosen Versuch wieder zu motivieren?

So ein Versuch ist natürlich hart – man ist völlig ausgepowert, körperlich und mental… Aber es ist ein Zeichen, dass es möglich ist. Mit etwas mehr Glück, bei besseren Bedingungen… Dann nicht aufzugeben, weiterhin alles zu geben und in Kauf zu nehmen, bei schlechteren Bedingungen auch wieder deutlich weiter unten zu fallen, ist eine echte Herausforderung, vor allem in Anbetracht der schmerzhaften Griffe.

Wenn du an einem Zug immer wieder scheiterst, gibt es dann Momente, in denen du denkst, die Route schaffe ich nie?

Ich versuche die schwersten Züge in einer Route immer innerhalb der Passage zu klettern – starte also vom letzten halbwegs guten Griff aus. Wenn das gelingt, wird auch die Route irgendwann klappen - auch wenn man im Durch-stiegsversuch immer am gleichen Zug scheitern sollte. Bisher gab´s aber im Verlauf meiner Versuche zum Glück immer wieder kleine Fortschritte, die mich ermutigten, es wieder zu probieren…

Und ist das dann schnell wieder vorbei oder gibst du ein Projekt schon einmal ganz auf?

Aufgeben gibt´s selten – Ausnahme sind Einzelzüge, die ich mir wegen mangelnder Reichweite nicht vorstellen kann… Oder, wenn die Route wegen dauerhaft schlechter Witterung unter Wasser steht…

Du warst ja schon fast überall. Gibt es noch Routen auf deiner Kletter-Weltkarte, die dich interessieren? Welche Ziele hast du für die Saison 2009?

Es kommen ja ständig neue Herausforderungen hinzu. Meistens mangelt es mir leider an der Zeit, gleich ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, aber noch ist die Saison 2008 nicht vorbei und ich habe noch ein paar Ideen. - „Realization“ muss aber wohl bis nächstes Jahr warten… Sie wäre eines meiner Ziele für 2009. Und dann gäbe es da noch eine Route, der noch eine erste Begehung fehlt…

Fotos: Philippe Maurel / www.nice-climb.com

Andreas und Chirstian Bindhammer are powered by:

www.masterrange.de

www.edelrid.de

www.vaude.de

www.powerbar-europe.com

www.outdoorworld24.de

Webtipps:

www.andreas-bindhammer.de

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