Simon Bauer in "The Face" (10-) an der Schellneckwand im Altmühltal.
12 Oktober 2020

The Face (10-/8a+) - Video und History

Die erste Route im zehnten Grad in Deutschland, eine der ersten in Europa - Simon Bauer erklärt in seiner erfrischenden bayrischen Art, auf was es bei „The Face“ ankommt, inkl. Video!

Erstbegangen 1983 vom britischen Kletterer Jerry Moffat, ist „The Face“ die erste Route im zehnten Grad in Deutschland und eine der ersten in Europa.

Fährt man von Kelheim ins Altmühltal, fällt einem kurz nach Ortsende Kelheim unweigerlich die imposante Schellneckwand an der gegenüberliegenden Seite des Rhein-Main-Donau-Kanals auf. Der Anblick dieser etwa 45 Meter hohen Wand lässt jedes Kletterherz schneller schlagen.

Auch mir erging und ergeht es heute noch so, wenn ich von meinem Studienort Regensburg, zum Klettern ins „Valley“ fahre. Stets darauf bedacht, bei dem Anblick der Wand nicht von der Straße abzukommen, denke ich an die vielen „weltklasse“ Routen, die es an der Wand noch zu klettern gibt.

„Catch 22“ von Wolfgang Güllich, „Mosaik“ von Stefan Glowacz, oder „Zenith“ von Hans Brunner sind nur ein Bruchteil der vielen lohnenden Routen an der Wand.

Und dann ist da noch das „Face“…

Bei einem von Jerry Moffats vielen Besuchen im Frankenjura (wo er oft Gast in der legendären Kletterer-WG von Kurt Albert und Wolfgang Güllich in Oberschöllenbach war) wurde Jerry von Wolfgang „Flipper“ Fietz auf ein interessantes Projekt im Altmühltal aufmerksam gemacht. „Flipper“ hatte die Route am Schellneckkopf bereits im Toprope ausgebouldert und alle Züge als möglich eingestuft.

Jerry versuchte die Tour im damals noch üblichen „Jojo-Stil“: Nach einem Sturz wurde der Kletterer sofort wieder abgelassen und hatte somit keine Chance, die Züge einzuüben. Das Seil verblieb für den nächsten Versuch in der letzten eingehängten Zwischensicherung.

Nach wenigen Versuchen und einer Verletzung, bei der Jerry sich an den messerscharfen Griffen der Route einen Finger aufriss, gelang ihm das Meisterwerk in einem Zug:

The Face“ eine der ersten Zehnerrouten der Welt.

Die Route verläuft entlang einer teils senkrecht, teils leicht überhängenden Platte. Allerdings kann hier von einer reinen Plattenkletterei kaum die Rede sein, denn die athletischen Anforderungen sind einfach zu hoch. Besonders um den namensgebenden Griff, dessen Form einem Gesicht ähnelt, erreichen die Schwierigkeiten ihr Maximum. Und danach ist es längst nicht vorbei…

Als erste Route im unteren zehnten Schwierigkeitsgrad zog „The Face“ schnell die Aufmerksamkeit der damaligen Kletterszene auf sich. Noch im gleichen Jahr konnte sich Stefan Glowacz die erste Wiederholung sichern. Zu weiteren frühen Wiederholern zählen außerdem Kletterlegenden wie Wolfgang Güllich und Sepp Gschwendtner.

Die Tatsache, dass es ein Engländer war, dem die schwerste Route in Deutschland gelang, blieb von der deutschen Kletterelite nicht lange unkommentiert - Im Winter wurde in den Trainingskellern so hart trainiert, dass die Resultate nicht lange auf sich warten ließen: An seinem vierzigsten Geburtstag gelang Sepp Gschwendtner die Route „Zombie“(9+/10-) eine weitere Route im unteren Zehnten Grad. Wolfgang Güllich legte einen Monat später mit „Kanal im Rücken“, dem ersten glatten Zehner, noch eine Schippe drauf.

Simon Bauer in "The Face" (10-) an der Schellneckwand im Altmühltal.
Simon Bauer in "The Face" (10-) an der Schellneckwand im Altmühltal.
Die Schellneckwand im Altmühltal
Simon Bauer in "The Face" (10-) an der Schellneckwand im Altmühltal.

Im August 2020 begann ich mit meinen ersten richtigen Versuchen im „Face“ und konnte schnell alle Einzelzüge machen und schon kurze Passagen am Stück klettern. Doch aufgrund der hohen Temperaturen in Kombination mit den messerscharfen Griffen der Route war mir eine Begehung ohne Sturz (noch!) nicht möglich.

Die Route fordert vom ersten Zug an vollen Einsatz an kleinen Seitgriffen und schlechten Tritten. Nach dem zweiten Bühler folgt eine technisch extrem anspruchsvolle Querung nach rechts, die mit einem weiten Blockierzug in einen Henkel endet. Nach diesem Rastpunkt folgt die eigentliche Crux der Route: von einem scharfen Zweifingerloch überkreuzt man mit der linken Hand auf eine weit entfernte Dreifingerleiste und zieht von dort mit zwei Fingern in die Augen des „Face“. Dann folgen noch zwei weite Blockierzüge und man erreicht einen dürftigen Rastpunkt, bestehend aus einem Einfingerloch für rechts und einem Zweifingerloch für links.

Wer hier ankommt hat das schlimmste bereits geschafft, sollte aber danach nochmal alle Fugen verdichten, um die wackelige „8+ Platte“ und den Rissausstieg bis zum Umlenker nicht mehr zu versemmeln.

Als die ersten kühlen Tage des Septembers vor der Tür standen, stand auch ich wieder am Einstieg des „Face“ und nach drei bis vier ernsthaften Versuchen hatte ich mir die Rotpunktbegehung geholt.

Auch heute gilt das „Gesicht“ noch als Messlatte für den unteren Zehnten Grad. Rohe Kraft reicht hier nur selten für eine erfolgreiche Rotpunktbegehung. Wer schonmal im Altmühltal geklettert ist weiß: eine saubere Fußtechnik ist hier mindestens so entscheidend wie die Kraft und Psyche – Darin stellt auch das „Face“ keine Ausnahme dar.

Das „Valley“ zählt zwar längst nicht mehr zu den Gebieten mit den weltschwersten Routen und lockt auch wie einst keine Kletterer-Massen mehr. Dennoch bleibt es für den, der sich darauf einlässt ein kleines Eldorado mit vielen Routen, die den Status „Klassiker“ redlich verdient haben.

An dieser Stelle noch vielen Dank an Lando Peters fürs Filmen und Schneiden, und an Nati Baumann fürs geduldige Sichern!


Text: Simon Bauer

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