Lukas Furtenbach
03 Juni 2016

Modeberg Everest

Mitte Mai standen an einem Tag über 150 Menschen auf dem Gipfel. Der Tiroler Expeditionsveranstalter Lukas Furtenbach war mit dabei und spricht über die Erfolgsfaktoren, Ethik und den Pistenbergsteiger Reinhold Messner…

Mitte Mai standen an einem Tag über 150 Menschen auf dem Gipfel. Der Tiroler Expeditionsveranstalter Lukas Furtenbach war mit dabei und spricht über die Erfolgsfaktoren, Ethik und den Pistenbergsteiger Reinhold Messner…

Nachdem fast zwei Jahre niemand auf dem Gipfel des Mount Everest stand, hatte Furtenbach Adventures das Glück eine der ersten Expeditionen zu sein, die den Gipfel des Mount Everests von Nepal aus erreichten. Am 19.5.2016 um 06:15 Uhr standen 5 von 6 Teilnehmern und ein Kamerateam am Gipfel.

Sie waren die erste kommerzielle Expedition überhaupt, die sich als geschlossenes Team in Höhenzelten 6 Wochen vor Expeditionsbeginn zu Hause vorakklimatisiert hatte. Dadurch hatten sie eine fast doppelt so lange Akklimatisationszeit wie andere Teams und waren am Gipfeltag sehr gut akklimatisiert, konnten schneller aufsteigen und nach dem Gipfel auch gleich wieder bis in das sichere Camp 2 absteigen (normal wird nach dem Gipfel nur bis in das exponierte Camp 4 abgestiegen). Wie die Ereignisse am Everest der nachfolgenden Tage gezeigt haben, war das der Schlüssel zu einem sicheren Auf- und Abstieg. Es gab 6 Tote und mehr als 80 Personen mit schweren Erfrierungen. Die Expeditionsdauer vor Ort lag durch die Vorakklimatisation weit unter der der meisten anderen Teams. Für Lukas Furtenbach ist das die Zukunft des kommerziellen Höhenbergsteigens, da es Sicherheit und Erfolgschancen erhöht.

Das Team hatte zwei Filmprojekte angeschlossen. Mit neuester Kameratechnik filmten sie bis zum Gipfel. Es wird die erste Full 4K Produktion vom Mount Everest. Insgesamt verbrachten sie mehr als 1,5h am Gipfel, um die verschiedenen Kamerasysteme (darunter 360° VR Kameras) für zwei Projekte eines deutschen Privatsenders und ein Kinoprojekt einzusetzen. Die Expedition hostete zudem das Mammut 360 Project.

Bergsteigen.com:Kommt es bei über 150 Personen auf dem Gipfelgrat nicht zu großglocknerähnlichen Zuständen und können Staus in dieser Höhe nicht ganz rasch zur tödlichen Falle werden?

Lukas Furtenbach: Ja es kommt zu Staus und ja, diese Staus sind gefährlich. Wenn ich anstatt geplanten 12 Stunden wegen Staus 18 Stunden für den Auf- und Abstieg am Gipfeltag benötige und nicht ausreichend Sauerstoff für 18 Stunden mitführe oder deponiert habe, wird die Situation sehr schnell lebensbedrohlich. Zudem steigt das Risiko von Erfrierungen beim Stehen im Stau signifikant an. Der Trick ist es, Staus durch antizyklisches Aufsteigen zu vermeiden. Uns ist das eigentlich immer gelungen. Und wir wollten das auch am Gipfeltag so machen und einen Tag vor den Masen aufsteigen. Leider hat aber der Wind entgegen aller Prognosen nicht genug nachgelassen. Aber wir Österreicher sind Stau am Grat ja ohnehin vom Glockner gewohnt und können damit umgehen ; - )

Das nepalesische Tourismusministerium jubelt über die vielen Gipfelsiege nach zwei Jahren ohne Gipfelerfolg (Lawinenunglück 2014 und Erbeben 2015), spürt man vor Ort noch etwas vom den Dramen oder ist man auf den Berg fokussiert?

Vor Ort hat man gerade zu Beginn der Saison sehr viel positive Stimmung und auch Anspannung unter den Veranstaltern und Guides gespürt, dass heuer eine „normale“ Saison werden „muss“. Die anfangs sehr warmen Temperaturen lagen da wie ein Damoklesschwert über dem Basecamp. Glücklicherweise ist es dann kälter geworden. Und wir blicken nun tatsächlich auf eine so „normale“ Saison wie schon lange nicht mehr zurück. 

Ihr habt euch sechs Wochen zu Hause in Hypoxiezelten vorakklimatisiert, dann habt den Everest aber mit Sauerstoffunterstützung gemacht. Bringt so eine aufwändige Vorakklimatisation dann überhaupt was?

Für Akklimatisation gilt eigentlich nur ein essentieller Grundsatz – je länger, desto besser. Unabhängig davon, ob man am Gipfeltag Sauerstoff verwendet oder nicht. Wir hatten eine um sechs Wochen längere Akklimatisationszeit und damit weniger Expositionszeit in der Höhe als alle anderen Teams. Das hat man gespürt. Wir waren das mit Abstand leistungsfähigste Team am Berg (und wir bestanden nicht aus Profibergsteigern). Aber die Vorakklimatisation hat mehrere Vorteile: Sie verkürzt die Dauer am Berg und der gesamten Expedition. Gerade in den ersten beiden Wochen der Expedition, in denen die Leute normal unter der Akklimatisation „leiden“, sind durch die Vorakklimatisation wesentlich angenehmer. Man schläft besser, hat kein Kopfweh etc. Zudem konnten wir sehr schnell zu unserem Akklimatisationsberg (Island Peak) aufsteigen, wo wir zwei Nächte auf 6000m verbrachten. Von Kathmandu bis zu unserer ersten Nacht auf 6000m brauchten wir weniger als 7 Tage. Und das bei vollkommener Beschwerdefreiheit. Danach am Everest angekommen konnten wir sehr schnell unsere erste und einzige Rotation am Berg machen. Ein Aufstieg bis ins Lager 2 auf 6500m, 3 Nächte dort, eine Nacht auf Camp 3 in 7200m und dann noch eine weitere Nacht auf 6500m. Damit war unsere Akklimatisation abgeschlossen. Wir mussten insgesamt nur zweimal durch den objektiv gefährlichen Eisbruch aufsteigen. Am Gipfeltag waren wir alle topfit, obwohl wir gerade 30h am Südsattel auf 8000m verbracht hatten und auf ein Abflauen des Windes gewartet hatten. Und nach dem Gipfel waren alle fit genug, um noch am selben Tag bis Camp 2 abzusteigen. Das konnte kein anderes Team machen. Ich bin überzeugt, das alles hat mit unserer sehr guten und langen (!) Akklimatisation zu tun. Alle Toten des heurigen Jahres waren nur bis Camp 2 akklimatisiert und alle Todesfälle stehen offenbar im Zusammenhang mit der Höhe.

Das Lager auf dem Southcol mit der Aufstiegsroute; Alle Fotos: Lukas Furtenbach -  www.furtenbachadventures.com
Lukas Furtenbach
Nächtlicher Aufbruch vom Southcol
Beim sog. Genfersporn.
Die Strecke zwischen Genfersporn und Genfersporn
Der Ausstieg aus dem Eisfall.
Lager 1
Der Hillary Step.
Der Südgipfel mit Blick zum Hauptgipfel.
Everest mit Windhaube.
Am Wandfuß des Lhotse-Face.
Western Cwm (Tal des Schweigens).
Blick aus dem Zelt von Camp 3
Die Aussicht vom Gipfel.
Das Basislager des Everest.
Das Camp 4.
Der Schatten des Everest.
Filmen auf dem Gipfel.
Das Gipfelteam.

Früher war die Sauerstoffunterstützung verpönt, vergleichbar mit dem hakentechnischen Klettern. Heute scheint es bis auf ganz wenige Ausnahmen keinen zu interessieren, in welchem Stil ich den höchsten Berg bezwungen habe?

Hier muss ich ausholen… Ganz früher war Sauerstoffunterstützung vollkommen normal und als einzig möglicher Weg angesehen. Dann kamen Messner und Habeler. Dazu muss man sich folgendes in Erinnerung rufen: Als Messner und Habeler 1978 Mitglieder der österreichischen Mount Everest Alpenvereinsexpedition unter der Leitung von Wolfgang Nairz waren und als erste Menschen den Gipfel ohne künstlichen Sauerstoff erreicht haben, waren sie auf einer von Sherpas präparierten Route auf dem bis zu diesem Zeitpunkt etliche Male begangenen Normalweg unterwegs. Neben anderen großen Teams, die zur gleichen Zeit am Berg unterwegs waren, haben 24 Sherpas der österreichischen Expedition hunderte Meter Fixseil installiert, etliche Aluleitern im Eisbruch und fünf Hochlager mit Zelten, Kochern und Essen eingerichtet. Außerdem haben sie über 120 Flaschen Sauerstoff für die restlichen Teilnehmer der Expedition auf dem Südsattel deponiert. Es hat sich zu heute nichts geändert. Damals schon wurde von Sherpas eine präparierte Route angelegt, auf der dann Messner und Habeler aufgestiegen sind. Nur eine Sache war anders - der Müll der Expedition, sei es am Berg wie im Basislager, wurde zurückgelassen. Am Südsattel, in Müllspalten und im Basislager. Obwohl bereits damals international ein Umdenken im Umgang mit dem Müll am Everest eingefordert wurde und die Errichtung eines Nationalparks angedacht wurde. Der Expeditionsleiter beschreibt in seinem Expeditionsbericht, wie diese Forderung ignoriert wurde. Heute wird penibel darauf geachtet, dass jede Expedition mehr Müll vom Berg mitbringt, als sie selbst erzeugt. Wir „bösen“ kommerziellen Veranstalter von heute, räumen den Müll von damals auf. Der einzige Unterschied zu 1978.      

Die zweifellos großartige Leistung von Messner und Habeler war zwar weit entfernt von „fair means“, dennoch griff Messner dann Mummery`s „fair means“ aus dem 19. Jahrhundert auf definierte sie für sich durch den Verzicht auf künstlichen Sauerstoff, nach seiner Teilnahme an der Everest Expedition 1978 dann auch durch den Verzicht auf Fixseile und Unterstützung durch Hochträger. Träger bis ins Basislager, die Anreise per Flugzeug oder Helikopter, die Verwendung von sonstigen technischen Hilfsmitteln sind für ihn aber legitim. Willkürlich ist auch immer wieder der Startpunkt, der eigentliche Beginn der Besteigung gewählt. Das bedeutet ab welchem Punkt, welcher Höhe muss die Besteigung aus eigener Kraft erfolgen, damit sie „zählt“. Für den einen beginnt der Everest beispielsweise im tibetischen „Chinese Fahrerlager“ auf 5500m (Reinhold Messner), für den anderen in Schweden auf Meereshöhe (Göran Kropp – die einzige echte „unsupported solo“ Besteigung des Everest. Er kam mit dem Fahrrad. Und fuhr nach seiner Besteigung auch wieder mit dem Fahrrad nach Schweden zurück). Man sieht, ein gar nicht so einfaches Thema...

Reinhold Messner`s Aussagen und Wertungen wurden von Medien und der restlichen Öffentlichkeit aber großteils unreflektiert übernommen. Dadurch wurde ihm die Rolle einer alpinmoralischen Instanz zugetragen, die er natürlich gerne eingenommen hat. Die kommerzielle Nutzung des Mount Everest hat durch die ersten britischen Versuche in den 1920er Jahren begonnen und wurde von Reinhold Messner auf ein neues Niveau angehoben. Letztlich lebt er davon noch heute gut. Seine Argumentationskette wie er seine kommerzielle Nutzung des Mount Everest als gerechtfertigt und wertvoll, jegliche andere aber als absolut inakzeptabel darzustellen versucht erscheint mir mehr als skurril.

Jeder Bergsteiger der den Wunsch verspürt, den höchsten Berg der Erde zu besteigen, jeder Mensch, der diesen Traum träumt, soll auch die Gelegenheit haben, sich diesen Traum zu erfüllen. Wie er das macht, also in welcher Form er die Besteigung durchführt, etwa mit Sauerstoff oder ohne, sollte jedem selbst überlassen sein. Solange dadurch keinem Schaden zugefügt wird. Ich tue mich einfach schwer mit dem Gedanken, dass da in Südtirol jemand sitzt, der dann die Besteigung von ihm wildfremden Menschen öffentlich abwertet, als Betrug bezeichnet oder sonst wie schlechtredet, weil sie nicht seinen eigenen Vorstellungen und Maßstäben gerecht wurde. Leben und Leben lassen sage ich dazu…

Worin liegen, abgesehen vom Wetter, die Erfolgskriterien für den Gipfelerfolg?

Bei den Teilnehmern: Akklimatisation, Gesundheit, körperliche Fitness, bergsteigerisches Können, mentale Stärke und eine gewisse Leidensfähigkeit.

Bei den Veranstaltern: Ausreichend Sauerstoff, ein modernes Sauerstoffsystem (leider nicht selbstverständlich), ein zahlmäßig ausreichendes, erfahrenes, gut bezahltes, gut ausgerüstetes und starkes Sherpateam, taktische Erfahrung an Achttausendern, Vernetzung und gutes Einvernehmen mit anderen Expeditionsleitern um Absprachen und Kooperationen treffen zu können, hoher Basecampkomfort mit sehr gutem Essen, damit sich die Teilnehmer schnell und gut regenerieren, eine optimale Akklimatisation.

Wenn ausreichender künstlicher Sauerstoff das Erfolgs- und Sicherheitskriterium schlechthin ist und auf präparierten, d.h. fixierten Routen zum Gipfel gestiegen wird, kann man dann überhaupt noch von Bergsteigen im eigentlichen Sinn sprechen?

Kann man beim Klettern im Klettergarten mit 1 m Bohrhakenabständen von Klettern sprechen oder ist nur Trad Klettern echtes Klettern? Ausreichend Sauerstoff sollte bei einem kommerziellen Veranstalter eine Selbstverständlichkeit sein. Bei einer Besteigung mit Sauerstoff macht es keinen Unterschied in der „Wertigkeit“ der Besteigung, ob man 1 oder 8 Flaschen verwendet hat. Es bleibt eine Besteigung mit Sauerstoff. Für die Sicherheit und die Erfolgschance macht es aber einen wesentlichen Unterschied. Sauerstoff und Sherpasupport machen den Everest nur leichter, aber noch lange nicht leicht. Ja, Everest ist echtes Bergsteigen!  Jeder, der anderer Meinung ist, ist herzlich eingeladen an unserer Everest Expedition 2017 teilzunehmen und sich selbst ein Bild zu machen. Eine Everestbesteigung ist wie auch jede andere Achttausenderbesteigung ein sehr anspruchsvolles, sehr anstrengendes und mental extrem forderndes Unterfangen. Auch mit Sherpa- und Sauerstoffunterstützung. Aussagen in Medien, jeder halbwegs fitte Mensch könne auf den Everest, sind absoluter Schwachsinn. Die Erfolgsquote bei sehr gut trainierten, erfahrenen Bergsteigern liegt bei 55%. Der Everest ist und bleibt eine große Herausforderung und eines der größten Abenteuer der Menschheit.   

Du schreibst auch, dass die Behörden ein Ganzkörper Gipfelfoto verlangen. Wofür genau? Spricht eine derartig formelle Registrierung des Gipfelerfolges nicht gegen das Bergsteiger Ethos/Wort?

Seit heuer wird dieses Ganzkörperfoto verlangt, sofern man ein „Summit Certificate“ vom Ministerium haben möchte. Selbstverständlich muss man das Foto nicht machen. Wie wir aber in der jüngeren Vergangenheit erlebt haben, kann ein Gipfelbeweis durchaus wichtig sein. Vor allem wenn man in irgendeiner Form finanziell oder durch Sponsoren von einer Besteigung profitiert. Man erinnere sich an Stangl am K2 oder Steck an der Annapurna Südwand. Das „Bergsteigerwort“ gilt gar nichts. Da wird offenbar schonungslos gelogen und betrogen. Zumindest bei Stangl ist die Sache klar. Er hat dem Bergsteigen extrem geschadet. Es müsste etwas wie kompensierenden Sozialdienst für so etwas geben ; - ) Selbst über das nicht vorhandene Gipfelfoto von Edmund Hillary gibt es bis heute Mutmaßungen und Spekulationen.  

Was kostet heute eine Besteigung des Everests und reicht es, dass man bei euch das Geld auf den Tisch legt, oder wird vor der Buchung auch gecheckt, ob die Teilnehmer fit genug für den Berg sind?

Bei uns kostet der Everest nächstes Jahr € 47.490 ALL-IN mit einem Siebentausender zur Vorakklimatisation. Wir achten sehr genau darauf, wen wir auf Expedition mitnehmen. Es sind zwei Komponenten – Höhenerfahrung und das technische Können. Beides muss in einem gewissen Maß vorhanden sein. Wir überprüfen das in persönlichen Gesprächen mit jedem Teilnehmer und wenn es notwendig ist auch in einer Probetour. Wir akzeptieren keine unerfahrenen Quereinsteiger auf Expeditionen. Solchen Leuten bieten wir ein individuelles Aufbauprogramm an. Das kann auch mehrere Jahre dauern. Für die heurige Everestexpedition habe ich sechs Interessenten abgesagt, weil sie zu unerfahren waren. Das ist ein Umsatzverzicht von einer Viertelmillion Euro. Ich möchte nie mit dem Vorwurf konfrontiert sein, Everestveranstalter machen alles und nehmen jeden mit für Geld.

Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin so viel Erfolg!

Web:  www.furtenbachadventures.com



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