Royal Robbins (c) Tom Frost; CC BY-SA 3.0
18 März 2017

Royal Robbins (1935–2017) – eine Legende

Ein Nachruf auf den amerikanischen Big Wall Pionier von Walter Laserer

Ein Nachruf auf den amerikanischen Big Wall Pionier von Walter Laserer

Es ist gerade hell geworden. Mit Harry Höll bin ich schon in aller Frühe die Fixseile zu den „Heart Ledges“ hinauf gejümart, nachdem wir gestern die ersten elf Seillängen in der Südwestwand (Salathe) des El Capitans im Yosemite geklettert sind. Nach einigen Seillängen stehen wir nun unter einem weit ausladenden, überhängenden, nach unten schräg offenen Felsspalt: The Ear. Wir schauen uns an und jeder hofft, dass der andere diese extreme, kaum absicherbare Seillänge vorsteigt. Wir haben Angst und Respekt, großen Respekt vor den Erstbegehern, Royal Robbins und seinen Freunden.

Royal Robbins war der Kopf einer Gruppe von Kletterern in den 1950er und 1960er Jahren im kalifornischen Yosemite Valley. Wie so oft in der Sportgeschichte gab es auch bei Robbins einen großen „Gegenspieler“. Wie etwa Franz Klammer und Bernhard Russi beim Skifahren, Muhammed Ali und Joe Frazier beim Boxen, Alain Prost und Niki Lauda in der Formel 1, so gab es damals beim Klettern Royal Robbins und Warren Harding.

Mit der Route „Nutcracker“ an den Five Open Books im Yosemite konnte der junge Royal Robbins die erste vollständig clean gesicherte Route im Yosemite begehen. Gesichert wurde nur an Klemmkeilen. Auch heute ist diese Route mit dem Grad 5.9, also einem klassischen 6er, bewertet. Mit seinem Stil und seiner Kletterethik war Royal Robbins einer der maßgeblichen Wegbereiter des Freikletterns und vor allem des „clean“ Stiles.

Royal Robbins gelang es mit Freunden an der NW-Wand des Half Domes, neben dem El Capitan das Wahrzeichen des Yosemite Valleys, die erste Route im „Big Wall“ Stil und damit überhaupt die erste Big Wall Route im Yosemite, zu eröffnen. Die Half Dome NW hat sich natürlich zum Klassiker unter den Big Walls entwickelt.

Warren Harding, der Gegenspieler, war ein Draufgänger und sehr ehrgeizig. Für ihn war jedes Mittel recht um zum Gipfel zu gelangen. Die „Linie“ im Valley, wenn nicht überhaupt weltweit die nur denkbar eleganteste Kletterroute, ist die Nose am El Capitan. Sie trennt die riesige SE-Wand von der noch größeren SW-Wand und sieht aus wie ein riesiger 1000 m hoher Schiffsbug, gebildet von den unendlichen Granitplatten und Rissen zu beiden Seiten. Insgesamt benötigte Warren Harding für diese Route 45 Tage und 128 Bohrhaken. Robbins und Freunde machten die zweite Begehung in nur sieben Tagen.

„Style matters“ war einer der Grundsätze von Royal Robbins. Für ihn war es enorm wichtig nur an den allernötigsten Stellen Bohrhaken zu verwenden und möglichst clean, also ohne Spuren am Berg zu hinterlassen, zu klettern. Als „Gegenmodell“ zur Nose kletterte er durch die riesige, gelbe und im obersten Drittel auch wild überhängende SW-Wand des El Capitans – und verwendete nur äußerst sparsam Bohrhaken. Benannt wurde die Route nach dem Schweizer Schmied und Kletterpionier im Yosemite, John Salathe.

Der Wettstreit von Harding und Robbins mündete schließlich in einer umstrittenen Aktion. Robbins erklärte die Dawn Wall am El Cap für nicht zu besteigen, da diese viel zu glatt und risslos zum Klettern sei. Harding bohrte sich in seinem Stil mit über 300 Bohrhaken hinauf. Robbins machte dann die erste Solobegehung der Dawn Wall, der ersten Big Wall überhaupt, und entfernte dabei einen Großteil der Haken. Diese Route ist übrigens ein Teil der Routenkombination, die Tommy Caldwell vor nicht allzu langer Zeit frei klettern konnte und damit die „schwierigste Kletterroute der Welt“ eröffnete.

Royal Robbins (c) Tom Frost; CC BY-SA 3.0
Half Dome, links NW Wand (c) Walter Laserer
Oberer Teil Nutcracker, Yosemite (c) Walter Laserer
El Cap, Nose an der Kante, Salathe durchs Herz  (c) Walter Laserer

Royal Robbins nächste Erstbegehung am El Capitan im Yosemite widmete sich nun der SE-Wand. Dort gibt es eine Färbung im Fels, die wie Nordamerika auf der Landkarte aussieht. Die Kletterroute durch diesen Bereich – die North America Wall – war damals die schwierigste Big Wall überhaupt.

Mit seiner Frau Liz kletterte Robbins durch seine Route an der NW-Wand des Half Domes - Liz war die erste Frau in einer Big Walls.

Der nächste logische Schritt war dann die entwickelte „Big Wall“ Technik auch in entlegenen Regionen anzuwenden. Auch dieser Schritt wurde von Robbins mit seinen Partnern gemacht. Im kanadischen „Cirque of Unclimbables“ bestiegen sie eine Route am Mount Proboscis, einem Gipfel, der dem Half Dome im Yosemite ähnlich sieht. Heute ist der Lotus Flower Tower der bekannteste Gipfel dieser Region.

Auch in den Alpen hinterließ Royal Robbins seine Spuren. 1965 ging er für einige Zeit mit seiner Frau Liz ins Schweizer Leysin, um den Sportzweig der amerikanischen High School im Leysin zu leiten. Später arbeitete er dort mit dem legendären John Harlin zusammen in einer der ersten „Alpinschulen“ der Welt.

Royal Robbins erkletterte gemeinsam mit Garry Hamming die „Amerikanische Direkte“ am Petit Dru in Chamonix. Diese Route gehörte damals zu den schwierigsten in den Alpen und ist heute noch eine der ganz großen Klassiker, die man als Kletterer und Bergsteiger „gemacht haben muss“. Leider wurde der oberste Teil der Route durch einen Felssturz mittlerweile zerstört. Man kann aber heute, an den Bohrhaken einer Rettungsaktion, im oberen Teil in die N-Wand ausweichen.

Bei uns in Europa ist Yvon Chuinard mit seinen Firmen Black Diamond und Patagonia der bekannteste Yosemite Pionier, der eine Bergsport Firma gründete. Auch Royal Robbins gründete mit seiner Frau eine Firma, die sich später nur auf Bekleidung spezialisierte und „Royal Robbins“ hieß.

Nach seinen Pioniertaten im Bergsport widmete sich Royal Robbins dem Kajaksport und es gelangen ihm auch dort viele abenteuerliche Touren sowie auch Erstbefahrungen.

Am 14. März 2017 ist Royal Robbins mit 82 Jahren verstorben. Der Bergsport verliert mit ihm eine weit über die amerikanischen Grenzen hinaus bekannte und auch prägende Persönlichkeit.

…..und Harry Höll und ich sind nicht verdurstet oder verhungert. Wir knobelten und die Wahl traf mich wenigstens einen Versuch am „The Ear“ zu machen, bevor wir umkehren würden. Aber, kaum war ich einige Meter vom Standplatz hinaus in die nach unten hin offene Schuppe geklettert, konnte ich sowieso nicht mehr umdrehen. Es gab keine Zwischensicherungsmöglichkeit und nach einem weiteren Meter konnte ich einen richtigen Griff erreichen. Gerettet - wir konnten unsere Tour fortsetzen.

Richtig eindrucksvoll sind in der Salathe nach dem Biwak am El Cap Spire die Seillängen in der enorm ausgesetzten und überhängenden Headwall - bekannt vor allem durch die Bilder von Reinhard Karl.   



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