14 Dezember 2012

Kurztrip auf den Cerro Torre

Den beiden Österreichern Unterwurzacher/ Berger gelingt die Besteigung des Cerro Torre über die anspruchsvolle Westwand

Patagonien

November 2011. Zusammen mit dem Patagonien erfahrenen Max Berger (Petzl Österreich) bin ich das erste Mal unterwegs ins Land der Stürme und Türme. Max konnte bereits vor einigen Jahren den Cerro Torre via „Kompressor Route“ (R.I.P) und den Fitz Roy über die „Supercanaleta“ besteigen. Dass wir beide in Seilschaft gut miteinander können haben wir uns im Sommer bei diversen Aktionen bewiesen, wie zum Beispiel bei der Onsight Begehung des „Weg durch den Fisch“ 7b in 11,5h an der Marmolada oder in den „Pumprissen“ 7+ am Wilden Kaiser.

Nach der langen Anreise ging von Anfang an alles Schlag auf Schlag und wir konnten einige große Routen wie den Poincenot Klassiker „Whillans-Cochrane“ (550m, 5+, 70°, M4), den gewaltigen Eisschlauch „Exocet“ (500m, WI5+, 5+) auf den Cerro Standhardt innerhalb der ersten 3 Tage machen.

Beim Nächsten Schönwetterfenster gelang uns auch noch die „Franco-Argentina“ (650m, 55°, 6c) auf den Fitz Roy, bei grenzwertigen Verhältnissen. Das letzte Schönwetterfenster hat sich dann leider um einen Tag vor verschoben und so konnten wir nur noch einen beherzten Versuch, auf die Aguja St. Exupery, in einem Zug von El Chalten aus unternehmen, welcher ca. in Wandmitte sein Ende fand.

Neue Saison, neues Glück??

Patagonien ist wie Kartenspielen mit sich ständig ändernden Regeln, man kann nur grob planen und sollte besser improvisieren und nicht zu viel erwarten. Mit dieser Einstellung flogen wir auch heuer wieder runter. Erst ging es für zwei Wochen zum Sportklettern in die Wüste der Piedra Parada zum Petzl Roc Trip, dann hatten wir noch eine Woche Zeit um vielleicht in El Chalten was zu machen. „Eigentlich kenn ma glei wida Hoam fliagn!“, so der trockene Kommentar von Max nach dem ersten Wettercheck. Die ganze Woche schlechtes Wetter, es war auch nicht anders zu erwarten.

Als wir dann im Bus nach El Chalten kamen, präsentierten sich die Berge von ihrer schönsten Seite und im besten Wetter, eine nette Begrüßung und vielleicht sogar ein Zeichen, doch nicht gleich das Handtuch zu werfen.

„Für Mittwoch schauds guad aus und da hoiwe Donnerstag a!“, so der zweite Berger´sche Wetterkommentar. Dieses Fenster dürfen wir nicht verschenken, doch was machen. Torre Egger? Punta Heron? Der Schweizer Extrembergsteiger und beinahe Patagonien Local Michi Lerjen stand mit Rat und Tat zur Seite und empfahl uns auch die Cerro Torre Westwand nicht zu vergessen.

Die Cerro Torre Westwand auch bekannt als „Ragni“ oder „Ferrari“ Route wurde 1974 von Daniele Chiappa, Mario Conti, Casimiro Ferrari, und Pino Negri (Italy), erstbegangen, war die erste „ By Fair Means“ Linie auf den Cerro Torre. Sie zählte bis letztes Jahr (2011) gerade mal 13 Begehungen und ist mit eine der anspruchsvollsten Wände in Patagonien. Für uns ein absoluter bergsteigerischer Lebenstraum, doch die Chance auf Erfolg war durch die Top Bedingungen in der Wand und das Wetterfenster von eineinhalb Tagen absolut gegeben. Der Ball war also im Anflug, wir mussten ihn nur noch ins Tor schießen!

27.11.2012 - Aufbruch in El Chalten

Um 03:30 Uhr verlassen wir El Chalten, das Wetter ist zweifelhaft und sehr starker Wind begleitet uns. Nach 4,5 Stunden erreichen wir das sogenannte „Niponino“ Camp und wechseln von den Zustiegsschuhen in die Bergschuhe.

Der Wind wird teilweise so stark, dass wir wie Besoffene den Gletscher Richtung Col Standhardt hinauf wanken. Im Col Standhardt ist es eher ungemütlich, wir seilen ab auf die Westseite des Massivs und stehen bald unter der Cerro Torre Westwand bzw. unter den dicken Wolken der Cerro Torre Westwand. Wir müssen warten, denn sonst wissen wir ja nicht wo es hinaufgeht. Nach ca. 1,5 Stunden reißt die Wolkendecke auf und erstmals sehen wir die Westseite der Torres, ein gewaltiges Bild. Wir errichten unser Biwak kurz unterhalb der ersten Zustieg Mixed Passage.

28.11.2012 vom Biwak bis zum Gipfel

Der Wecker reißt uns um 02:30 Uhr aus dem leichten Schlaf, die Nacht über haben sich alle Wolken verzogen, sternenklar und Vollmond, ein kurzes Frühstück und um 03:30 Uhr sind wir auch schon unterwegs. Es läuft wie am Schnürchen und simultan Klettern wir bis ins Col of Hope.

Die Mixed Längen und den ersten Eistunnel bringen wir flott hinter uns, in der sogenannten „Headwall“ eine 90 Grad steile Eiswand, fängt der Wind ordentlich an zu blasen, Patagonien halt; dann geht es flott weiter und bald auch stehen wir unter der letzten und wohl anspruchsvollsten Seillänge. Der Amerikaner Colin Haley hat bei der Überschreitung aller Torres (Standhard, Heron, Egger, und Cerro Torre) für diese eine Seillänge 4 Stunden mit dem Anraum gekämpft und sich seinen Weg/Tunnel nach oben gegraben.

Wir haben es da weit besser erwischt, festes Eis mit teilweise Schneeeinlagerungen machten die Sache schon spannend aber bei weitem nicht so zeitintensiv und so erreichte ich nach ca. 20 Minuten den letzten Standplatz unterm Gipfel. Um kurz vor 13:00 Uhr standen Max und ich dann oben auf dem Gipfel des Cerro Torre und konnten uns überglücklich und beinahe fassungslos die Hände schütteln und dem wohl schönsten aller Berge auf den Kopf klopfen. Keine Wolke, kein Wind, T-Shirt Temperaturen, Bergsteigerherz was willst du mehr?…Unbeschreiblich ;-)

Nach kurzer Pause seilten wir über die Westwand ab, auch das Abseilen lief wie geschmiert nur die hohen Temperaturen wurden schön langsam zum Problem. Herabstürzende Schnee und Eismassen machten uns verständlich, dass wir jetzt besser mehr Gas geben, mein Knie musste sogar unsanfte Bekanntschaft mit einem herabfallenden, tellergroßen Stein machen und wieder wurde uns bewusst, das Bergsteigen in Patagonien einfach eine ernste Angelegenheit ist, denn auf schnelle Rettungsaktionen kann man sich nicht verlassen.

Zurück beim Biwakplatz stärkten wir uns kurz und machten uns dann gleich an den 45km! langen Marsch, Hirnausschalten und einfach gehen, zurück übers Inlandeis nach El Chalten. Wir schafften noch die 6-stündige Etappe übers Eis, dann mussten wir auf einer Moräne biwakieren.

29.11.2012 zurück in El Chalten

Wir sind ziemlich erledigt von den Strapazen und die schweren Rucksäcken tragen auch nicht gerade zur Erholung bei, starten aber um 08:00 Uhr Richtung Passo del Viento und erreichen schließlich um 18:00 Uhr El Chalten, gezeichnet, erledigt und überglücklich …

Info:

Markus Pucher, Toni Ponholzer und Lincoln Else kletterten 20.01.2012 über die Westwand (Ferrari-Route) auf den Gipfel des Cerro Torre. Markus Pucher gelang es diese Route komplett rotpunkt zu klettern und das ohne Handschlaufen und ohne Halteschlingen auf den Eisgeräten. Wahrscheinlich die erste durchgehende Rotpunktbegehung auf den Cerro Torre (aber "genau" weiß ich es natürlich auch nicht :-)

Pucher, Ponholzer und Else haben auf dem Gipfel übernachtet und sind am nächsten Tag über die Ostwand wieder abgeseilt, sie haben also auch noch eine Überschreitung des Torre gemacht.

Anmerkung: Pucher, Ponholzer und Else waren auch die ersten Alpinisten, die mit einem Hubschrauber die 45 km Anmarsch bewältigt haben. Die Frage wäre natürlich, wo sie gelandet sind, ob am Circo dellos Altares (Inlandeis unter der Wand) oder am "Elmo" (Schulter unter dem Beginn der eigentlichen Kletterei - was auch schon geflüstert wird). Viele Patagonien Experten wie Rolando Garibotti, Michi Lerjen usw. stehen dieser Begehung sehr kritisch gegenüber.

Guido Unterwurzacher ist vermutlich neben David Lama einer der wenigen Menschen, die in einem Jahr auf den beiden formschönsten, freistehenden Granitnadeln der Welt, dem „Nameless Tower 6251m in Pakistan und dem „Cerro Torre“ 3021m gestanden sind.

Wir danken unseren Sponsoren:

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Text Guido Unterwurzacher, Bilder Archiv Berger/ Unterwurzacher

Kochen am Abend beim Biwakplatz
Max Berger klettert im Eisschlauch
Max Berger an der Headwall
Guido Unterwurzacher kurz unterhalb des Gipfels
Blick auf das Inlandeis
Guido Unterwurzacher und Max Berger auf dem Gipfel des Cerro Torre
Die Torres mit ihren steilen Eiskronen


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