10 November 2012

Achtung Seilriss!

Seile können unter gewissen Umständen reißen – z. B. wenn sie über eine scharfe Karabinerkante laufen.

Die Unfälle Im April 2008 stürzte in einer Prager Kletterhalle der Vorsteiger kurz oberhalb der ersten Zwischensicherung, worauf das Seil komplett durchriss.

Im September 2010 stürzte ein Vorsteiger in Red River Gorge/USA nachdem er den ersten Haken geklippt hatte, worauf das Seil riss, er auf den Boden abstürzte und sich schwer verletzte. Im September 2012 stürzte im Klettergarten Magletsch/CH ein Vorsteiger, worauf das Seil riss und er sich tödliche Verletzungen zu zog.

Neben diesen drei dokumentierten Unfällen gibt es mehrere Berichte von aufgerissenen Seilmänteln nach Stürzen in belassene Expressschlingen (d.h. in Expresschlingen, welche nicht vom Vorsteiger selbst angebracht, sondern bereits in der Route vorgefunden wurden).

Die Unfallursache

Die tatsächliche Ursache des tödlichen Unfalls in der Schweiz ist noch nicht geklärt, die behördlichen Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Da dieser Unfall von seinem Muster her zu den anderen beiden passen könnte und der mögliche Grund des Seilrisses vielen Kletterern nicht bekannt ist, möchten wir auf diese Gefahr hinweisen:

Vor allem in überhängenden Kletterrouten ist es durchaus üblich, die Expressschlingen hängen zu lassen. Bei solchen Expressschlingen kann das Seil in Abhängigkeit von mehreren Faktoren mit der Zeit eine Kerbe in den seilseitigen Karabiner schleifen. Dies geht um so schneller, je häufiger die Route geklettert wird, je mehr das Seil im Karabiner abgelenkt wird und je schmutziger das Seil ist.

Solche Einschleifungs-Kerben sind vielen Kletterern von Umlenkkarabinern her bekannt: Untersuchungen an solchen eingeschliffenen Umlenkern haben noch erstaunlich gute Bruchwerte ergeben – selbst wenn das Material fast bis zur Hälfte abgetragen war.

Allerdings gibt es einen eklatanten Unterschied zwischen einem eingeschliffenen Umlenk-Karabiner und einem eingeschliffenen Expressschlingen-Karabiner:

Lässt man eine Person über einen fixen Karabiner ab, so wird das Seil an diesem um 180 Grad umgelenkt und schleift so Material ab. Dies verursacht am Karabiner eine runde Kerbe ohne scharfe Kanten.

Bei belassenen Expressschlingen läuft - je nach Routenverlauf - das Seil nicht immer „gerade“ in die Expressschlinge bzw. den seilseitigen Karabiner ein und aus. Läuft z. B. das Seil bei überhängen- den Routen nach außen weiter, kann es beim Ablassen den Karabiner einer Expressschlinge anders belasten - und damit einschleifen - als bei einem Sturz: Während bei einem Sturz das Seil in einem spitzen Winkel aus dem Karabiner ausläuft, kann es hier in einem flachen Winkel Material abtragen.

So kann mit der Zeit eine scharfe Metallkante entstehen, über welche das Seil bei einem Sturz umgelenkt wird. Selbst neue Seile können auf diese Weise beschädigt bzw. durchtrennt werden.

Gleiches kann passieren, wenn das Seil in der ersten Expressschlinge stark umgelenkt wird, weil der Sichernde weit von der Wand weg steht - dies dürfte die Erklärung für die Seilrisse an der ersten Zwischensicherung sein.

Diese potentielle Gefahr durch eingeschliffene Karabiner in belassenen Expressschlingen ist nicht neu (bereits 2009 testete Black Diamond solche Szenarien und auch die DAV-Sicherheitsforschung hat einige Feldversuche unternommen), bei uns aber nahezu unbekannt. In der einschlägigen deutschsprachigen Literatur gibt es nahezu keine Hinweise auf dieses Unfallmuster bzw. wurden diese nicht ernst genommen.

Die Konsequenzen für die Praxis

Allgemein:

Ein Klettergarten ist keine Kletterhalle. Während in der Halle der Betreiber für den einwandfreien Zustand der Verankerungen, Expressschlingen und Karabiner zuständig ist, muss im Freien jeder Kletterer selbst einschätzen und eigenverantwortlich entscheiden, ober er dem vorhandenen Material vertraut. Im Zweifelsfall gilt es auf eine Route zu verzichten bzw. das Material auszutauschen. Handelt es sich um einen gewarteten Klettergarten bitte die entsprechenden Informationen über Materialverschleiß an den Halter weitergeben!

Konkret zu Routen mit belassenen Expressschlingen:

• Jede Expressschlinge kritisch begutachten (beide Karabiner & Bandmaterial) und gegeben falls durch eine eigene ersetzen (auch die Qualität des Bohrhakens möchte beurteilt werden!).

• Für einen reibungsarmen Seilverlauf sorgen, d.h. Expressschlingen bei Bedarf mit eigenem Material verlängern.

• Die erste Expressschlinge scheint besonders beansprucht zu werden. Steht der Sichernde v.a.

beim Ablassen nahe bei der Wand wird diese weniger eingekerbt.

Einige Gedanken für alle, die fixe Expressschlingen anbringen:

• Expressschlingen bitte nur in Routen belassen, wo dies auch Sinn macht.

• Stahlkarabiner werden weniger stark eingekerbt als Aluminiumkarabiner und sind deshalb für fixe Expressschlingen empfehlenswert.

• Generell sollte überlegt werden, die erste Expressschlinge nicht zu belassen, sodass hier jeder sein eigenes Material verwenden muss.

• Länge der Expressschlingen so wählen, dass der Seilverlauf so reibungsarm als möglich ist.

• Nicht nur der seilseitige Karabiner, sondern auch der hakenseitige bzw. die Bandschlinge werden abgenützt und können unfallkausal werden. Bitte auch hier entsprechendes Material verwenden.

Quelle: ÖAV

Beim Umlenker läuft das Seil immer in der Belastungsrichtung
Die Expressschlinge richtet sich dem Seilzug entsprechend zur Seite hin aus (scharfe Kante)
Die Einkerbungen an den seilseitigen Karabinern mit unterschiedlich stark ausgeprägten Metall-Kanten sind deutlich erkennbar. (Alle Karabiner vom Schleier-Wasserfall)
Umlenker mit "runder" Kante links und Expresskarabiner mit "scharfer" Kante rechts.


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