Ortler Nordwand; Fotos: Jonas Hainz Ortler Nordwand; Fotos: Jonas Hainz
12 Mai 2021

Ortler Nordwand - Start-Ziel Auto unter 4 Stunden

Die Geschichte einer Speed Solo Begehung der Ortler Nordwand von Jonas Hainz - inkl. Video

Der Ortler, einer der höchsten Berge der Ostalpen und zugleich der Berg mit der höchsten Eiswand der Ostalpen, hatte es mir schon lange angetan. Er thront wahrhaftig majestätisch oberhalb des Südtiroler Bergdorfes Sulden. Jeder, der schon mal nach Sulden gefahren ist weiß, welche Anziehungskraft und zugleich Furcht dieser Berg mit seiner 1200 Meter hohen, vom Tal aus gut sichtbaren Nordwand und den erdrückenden, niemals schlafenden Seracs auslöst.

Als ich den Ortler als 12-Jähriger im Jahre 2009 das erste Mal über den Normalweg besteigen durfte, faszinierte mich dieser Berg sofort und zog mich in seinen Bann. Er ließ mich bis dato nicht mehr los und es folgten weitere Besteigungen über den Normalweg, den Hintergrat und über die normale Skitourenroute aus Trafoi. Im Januar 2020 bestieg ich dann den Ortler zusammen mit dem guten Freund Samuel Holzknecht über die komplett blanke Nordwand in 9 Stunden von Sulden aus - einer ziemlich normalen Zeit. Abgefahren sind wir dann über die Skitourenroute nach Trafoi, wobei die Schneeverhältnisse sehr schlecht waren. Von Blankeis über Gletscherspalten bis zu Bruchharsch und Windfurchen war alles dabei, was die Abfahrt nur so trüben kann.

Die Kletterei in der Nordwand hat mir trotzdem sehr gut gefallen und ich nahm mir vor, die Nordwand nochmals zu durchsteigen und eine Abfahrt über die Minnigerode-Rinne zu versuchen, da ich diese noch nie befahren hatte. Zudem wollte ich in unter 3 Stunden den Gipfel erreichen.

Da die Durchsteigung der Nordwand nicht jeden Tag sinnvoll und die Kombination Nordwand-Minnigeroderinne dementsprechend noch seltener bei passablen Verhältnissen machbar ist, hieß es Abwarten und im richtigen Moment zuschlagen. Dieser richtige Moment sollte nach einiger Zeit der Beobachtung der Nordwand am Samstag, dem 8. Mai2021 gekommen sein.

Um 4:56 Uhr startete ich am Fernheizwerk in Sulden und stieg mit den Skiern in einer Stunde zum Einstieg der Nordwand auf. Dort wechselte ich sofort von den Skiern auf Steigeisen und Pickel und ging nach einer kurzen Trinkpause im kompakten Schnee weiter bis unterhalb der sog. Gurgel. Die sich 1000 Höhenmeter über mir befindlichen und furchteinflößend herabblickenden Seracs, welche der Wand ihren Charakter geben, verhielten sich zahm und auch Steinschlag gab es keinen.

Nach einer kurzen Pause ging es Vollgas weiter durch die Gurgel, die sich heuer von ihrer besten Seite zeigte und ohne größere Probleme direkt durchklettert werden konnte. Auch die steile Eisflanke im oberen Teil der Wand präsentierte sich pefekt und ließ eine schnelle Durchsteigung ohne größere Schwierigkeiten zu. Das einzige Hindernis war der eisig-kalte Wind, der mit voller Wucht auf meine rechte Wange blies und meine Hände kurzzeitig lahmlegte.

Ich konzentrierte mich jedoch weiterhin voll auf den Aufstieg und stand schließlich nach 2 Stunden und 50 Minuten um 7:46 Uhr überglücklich und voller Freude am Gipfel.

Während der kurzen Gipfelpause blickte ich neugierig, aber auch etwas besorgt die Minnigerode-Rinne hinab, in der sich während der Schneefälle in den vorherigen Tagen 30 cm feinster Pulverschnee angesammelt hatte, der auf eine erste Spur wartete.

Nachdem ich die ersten 20 Meter vorsichtig abrutschte, konnte ich bald beginnen, ein paar schöne Schwünge im unverspurten Schnee zu machen. Mit jedem Schwung fühlte ich mich sicherer und fing an, die Abfahrt in vollen Zügen zu genießen, die erst unterhalb der Mittelstation der Seilbahn enden sollte. Von dort aus musste ich dann den Großteil zu Fuß absteigen.

An der Talstation hatte ich am Morgen ein Fahrrad deponiert, mit dem ich zurück zum Ausgangspunkt fahren konnte. Diesen erreichte ich nach exakt 3 Stunden und 59 Minuten. Bei der Heimfahrt hielt ich in Außersulden nochmals kurz an, um die Wand, die ich soeben bezwungen hatte, nochmals zu bestaunen.

In meiner bisherigen Zeit als Bergsteiger habe ich beobachtet, dass das schnelle, einsame Unterwegssein am Berg mein Selbstvertrauen stetig nach oben verschoben hat und mich gelehrt hat einzuschätzen, wo meine Fähigkeiten und meine Grenzen liegen. Die Tour war für mich Herausforderung und Genuss zugleich. Ich finde, diese zwei Merkmale sind maßgebend für die Freude am Bergsteigen und sollten stets im Gleichgewicht zueinander stehen.

Alpinistische Unternehmungen dieser Kategorie brauchen eine gute Planung, Erfahrung, Können und vor allem viel Glück. All das hat an jenem Samstag perfekt harmoniert und diese Speed-Solo-Begehung der Ortler Nordwand möglich gemacht.


Text und Fotos: Jonas Hainz

Fakten Ortler Nordwand - Routeninfos bergstiegen.com

Einstieg: auf etwa 2700 m am Marletferner

Wandhöhe: 1200m

Gipfelhöhe: 3905m

Durchschnittsneigung: 50-55°, teilweise 60-70°

Erste Begehung: Am 22. Juni 1931 durch Hans Ertl und Franz Schmid




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