Schach matt © Eduardo Gellner
01 Mai 2010

Schach matt

Martin und Florian Riegler gingen im Winter 2010 bei einer extremen Erstbegehung (1000m M10+ WI5 55°) an der Königspitze Nordwand an ihre Grenzen….

Winter 2010 / Königspitze Nordwand (Ortlergruppe/Südtirol)

Schon länger hatten Martin und Florian Riegler ein Auge auf die „Königin der Ostalpen“ geworfen. Diesen Winter war es endlich soweit und sie richteten eine Neutour an der Nordwand ein. Der untere Mixed - Teil wurde in mehreren Etappen bewerkstelligt, der Durchstieg erfolgte am 7. Januar dieses Jahres. Die beiden wurden dabei von der Kamera begleitet. (Infos weiter unten)

Ein Bericht von Florian Riegler.

7.00Uhr Die überhängende Einstiegswand schützt uns gut vor Lawinen und wir sortieren unser Material. Aufgrund der erneut schlechten Wetterbedingungen hatten wir uns entschieden nur im unteren, technisch sehr schwierigen Wandteil zu klettern. Doch plötzlich reißen die Wolken auf. Ich schaue meinen Bruder an und weiß, dass er genau dasselbe denkt wie ich: Rock&Roll Baby - heute fällt der König! Wir sind guter Dinge und überzeugt es heute bis zum Gipfel zu schaffen, wenn wir uns beeilen und die ersten Meter an unseren fixierten Seilen hochklettern. 1.200 Meter Fels, Eis, Schnee und einer der schwierigsten Anstiege der Ostalpen liegen vor uns.

Nach der fünften Seillänge stehen wir auf einer Art Balkon und beraten ob wir weiter klettern sollen, oder doch besser umdrehen? Hier könnte man noch abseilen, doch wenn wir uns entschließen weiterzugehen ist ein Rückzug nur mehr sehr schwer möglich und wir haben keine Biwak Ausrüstung dabei. Wir gehen weiter.

13.00Uhr

Wir sind jetzt mitten in der Wand. Die anhaltende Kälte macht mich fertig. Die obere Hälfte der Wand dürfte nicht mehr so steil sein und wir klettern wieder seilfrei um schneller zu sein. Der Neuschnee bremst uns enorm. Alle 10 Schritte muss ich stehenbleiben und nach Atem ringen. Das Wetter wird schlechter und der Ortler ist bereits in Wolken gehüllt. Es weht nun starker Wind und es beginnt erneut zu schneien. Wir sehen keine 100 Meter mehr und ich hoffe, dass uns oben keine schweren Felspassagen erwarten und wir in keine Sackgasse geraten.

15.00Uhr Wir erreichen den Gipfelgrat auf ca. 3.650 Meter. Es fällt Eisregen und der Wind wirft mich beinahe um. Wir wollen irgendwie nach links queren um dort einen sicheren Abstieg zu suchen. Der Gipfel steht nicht zur Diskussion. Schnee und Eis klebt in unseren Gesichtern. Wegen des Sturmes müssen wir uns anschreien um zu kommunizieren und die Zeit drängt, wenn wir noch vor Einbruch der Dunkelheit aus der Wand verschwinden möchten. Meine Hände sind beinahe taub. Ich versuche immer wieder die Arme zu kreisen und die Fingen zu bewegen. Ich spüre wie die Kälte über meine Stirn in meinen Kopf eindringt und ihn versucht lahmzulegen.

Eine präzise Orientierung ist unmöglich. Ich navigiere mittels siebten Sinn. Fünf mal gehe ich soweit bis das Seil zu Ende ist. Dann gehen mein Bruder und ich synchron. Es wird immer finsterer und aussichtsloser und die Kälte ist fast nicht mehr auszuhalten. Wir zittern am ganzen Leibe. Die Füße fühlen sich an wie Fremdkörper und jegliches Gefühl in den Zehenspitzen ist schon längst Vergangenheit.

Allmählich glauben wir die Ostrinne zu erkennen. Es sind zwar nur Umrisse von Felsen und Schneeflanken zu sehen, aber trotzdem sollte das der Ausweg aus unserer Misere sein. Instinktiv setzen wir einen Fuß vor den anderen. Dass es lawinengefährlich sein könnte in den Kanal abzusteigen blenden wir in diesem Moment aus.

16.30Uhr Es ist schon fast dunkel und der Sturm peitscht unbarmherzig in unser Gesicht. Wir bleiben durch das Seil verbunden, damit wir uns nicht verlieren. Im Schein unserer Stirnlampen stolpern wir durch Rinnen, Schneehänge und kurze Felspassagen. Immer wieder stellen wir uns die Frage ob das wohl der richtige Weg ist?

Als wir den Ferner erreichen bleiben wir kurz stehen. Wir fühlen uns in Sicherheit obwohl wir wissen, dass hier irgendwo der Gletscherabbruch und einige Spalten sein müssen. Der letzte Gegenanstieg zum Einstieg der Route beginnt. Wir sind beide am Ende unserer Kräfte. Jeder spurt 20 Schritte - dann macht der andere weiter.

19.00Uhr

Wir erreichen total ausgelaugt unsere Skier. Es schneit noch immer sehr stark und man kann jetzt gar nichts mehr sehen, doch irgendwie müssen wir die fast tausend Höhenmeter zurück nach Sulden zum Auto. Immer wieder bleiben wir stehen um mit unseren Stirnlampen die Gegend abzuleuchten und den richtigen Hang abzufahren.

20.00Uhr Ich ziehe meine Handschuhe aus und erschrecke. Meine Finger sind hartgefroren, schneeweiß und brennen furchtbar. Nachdem auch zwei Aspirin Tabletten nichts nützen fahren wir sofort ins nächste Krankenhaus. In der Ersten Hilfe in Schlanders werde ich erstversorgt.

Die Diagnose der Ärzte lautet Erfrierungen am linken großen Zeh, an beiden kleinen Fingern und am rechten Mittelfinger, 2.-3. Grades! Die folgende Woche verbringe ich im Krankenhaus.

Unserer Erstbegehung an der Nordwand der Königspitze geben wir den Namen „Schach matt“. Gewonnen haben wir dieses Spiel nicht. Aber überlebt!

Zwei Monate später kehren die Brüder in ihre Route zurück und klettern alle ausstehenden Seillängen Rotpunkt. Martin springt aus der 85m hohen Einstiegswand und realisiert somit den ersten Basejump an der Königspitze.

Routeninfo:

„Schachmatt“ Königspitze (3.851m) Nordwand

Erstbegehung im Winter 2010 durch Florian und Martin Riegler

1000m M10+ WI5 55°

www.rieglerbrothers.com

Infos zum FILM:

Schon Monate vorher und auch währenddessen, wurden die 2 Brüder von der Kamera begleitet. Das Ergebnis ist ein einfühlsames, ca. 26 - minütiges Portrait der beiden unterschiedlichen Charaktere mit Fokus auf die spektakuläre Erstbegehung an der Königsspitze.

Weitere Infos & Trailer auf www.eduardogellner.de

Premiere: 24.08.2010 Bergfilmfestival | St. Anton am Arlberg; wo die Rieglerbrothers auch persönlich Rede & Antwort stehen werden. filmfest-stanton.at

TV – Premiere am 29.08.2010 auf ServusTV (www.servustv.at)

Sponsoren:

SalewaLa SportivaSportlerGrivelBio SüdtirolCAMParcteryx

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Schach matt © Eduardo Gellner
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Detailübersicht Schach matt © Eduardo Gellner
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