City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
17 Dezember 2015

Schwerste Route am Dachstein

Flo Scheimpflug und Bernhard Fiedler gelingt mit City Slickers (8b/7c obl., 300m) die vielleicht härteste Dachsteintour - Flos Bericht, Routeninfos und Topo!

Als mein Freund und Vorbild, Bernhard Fiedler a.k.a. „Big B.“ a.k.a. „der „Bernhardiner“ und ich eines Spätnachmittags auf den Türlspitz blickten, war uns klar: „Da geht was“. Und zwar nicht irgendwas, sondern das Entscheidende – eine Erstbegehung erster Güte nämlich. Das Ganze war natürlich reine Spekulation, denn ehrlich gesagt hatten wir keine Ahnung, welche Routen sich in dieser Wand befanden und so etwas wie einen logischen Linienverlauf „unserer Linie“ konnten wir auch nicht ausmachen. Das Einzige, was wir sahen, war ein recht glatt aussehender Felspfeiler über den unser, vermutlich von zu vielen Stunden in zu starker Sonne am  „Kopp“ malträtiertes Hirn eine Linie für eine Erstbegehung projizierte. Das Gute am Bernhardiner ist, dass man ihn mit einigen Kraftausdrücken und markigen Sprüchen und Zitaten aus Trash-Filmen wie „Kungfury“ oder „Rambo“ für so ziemlich jede Aktion, egal wie absurd sie auch sein mag, bis in die letzte Haarspitze motivieren kann. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich für diese Eigenschaft bin, die in der heutigen, von Rationalität und Effektivität geprägten Zeit immer seltener wird.

Unser Plan sah vor, keine Zeit mit Plänen zu verschwenden und so starteten wir an einem der folgenden Wochenenden mit schweren Haulbags beladen auf die Wand zu. Wir fühlten uns stark und von Gott berufen. Kurz gesagt, wir waren eine Gefahr für uns selbst. Nicht, dass wir es dabei belassen hätten unsere „Linie“ zu beginnen, nein, wir entschieden uns dafür, das benachbarte „Lustgefühl“ (8a 350m) zu klettern, die Haulbags samt Bohrzeug bis zu einem querbaren Band mitzunehmen und dann nach Beendigung der 13-Seillängen-Tour unser ca. 150 Meter entferntes Projekt in Angriff zu nehmen. Nur Klaus Kinski in „Fitzcarraldo“ war von einer ähnlich realitätsfernen Idee getrieben. Es war gegen acht Uhr abends als wir nach 10 Stunden im „Lustgefühl“ dehydriert unsere Haulbags erreichten und auf gar nichts mehr Lust hatten außer auf nicht-Klettern und ein Bier im Hotel Dachstein. Das Projekt „Greatest Route on Earth“ wurde vorerst einmal vertagt und über Gottberufenheit sprach an diesem Abend auch keiner mehr.

Neues Wochenende, neue Bestzeit auf der Mautstraße und ebenfalls ein Novum: eine Art Plan, der vor allem vorsah, dass wir uns nicht von umliegenden Routen verführen lassen wollten. Nach einer schweren und einer weniger schweren Seillänge erreichten wir ein breites Band. Oberhalb von uns thronte der Pfeiler. Steil sah er aus und ziemlich grifflos obendrein. Es gab nur eins: Klettern, mutig sein und hoffen, dass wir die Positionen finden würden, aus denen sich ein Keil legen, ein Camalot platzieren oder zumindest freestyle cliffen lässt. Also kletterten wir. Und stürzten. Mal hier, mal dort, dann wieder woanders, wo wir es bis jetzt noch nicht geschafft hatten. Kletterische Sackgasse reihte sich an kletterische Sackgasse und so wurde die Länge, die noch keine war, zu einer außer Kontrolle geratenen Flugshow voll ungelenker Landungen. Sie auszufuchsen und einzurichten kostete uns zu zweit einen vollen Tag: Sechs Bolts (der dritte davon allerbestens auf seine Sturzfestigkeit geprüft) im Fels des Türlspitz waren das Ergebnis. Klingt nicht unbedingt produktiv, aber es war es trotzdem hart. So hart, dass wir geschundenen Seelen uns dringend ausruhen mussten. Den folgenden Tag verbrachten im Strandbad mit Twinni-Essen, Bikini-Girls schauen und dilettantischen Diskussionen über Dostojewski und Proust.

City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
City Slickers, 8b/7c obl., 300m (c) Jakob Schrödel
Topo City Slickers

Was wir begonnen hatten, galt es zu Ende zu führen und einige Wochen darauf saßen wir wieder im Auto wo wir über das bisher Geschaffte diskutierten. Es war nicht viel, doch immerhin: Es war schwer. „8b oder so“, deuchte uns die dritte Länge. In einem ähnlich harten, wenn auch nicht ganz so harten Stil ging es weiter:  Länge Nr. 4 entpuppte sich als ein unangenehmes 55m-Monstrum mit scharfen Leisten, wackeliger Traverse und einer knackigen Schlüsselstelle an kleinen Löchern. Die übernächste, letzte Länge, ein quer verlaufender Riss, den wir vorhatten unser Camalot-Arsenal mit all seiner Klemmkraft spüren zu lassen, war nur dem oberflächlichen Anschein einer. Zu klemmen gab es hier nicht einmal einen Nasenrammel. Die Grifflosigkeit trieb uns weit nach rechts, wo wir es mit prekärer Wandkletterei zu tun bekamen, die uns keine natürlichen Placements und nur selten Cliffpositionen bot und uns dank respektabler Bohrhakenabstände zum Schluss psychisch und kletterisch Einiges abverlangte. Wahrlich, eine der fiesesten 6c-plussen der jüngeren Dachstein-Geschichte.

Das bis dato namenlose Werk war bereits 2012 vollbracht, doch bis der Bernhardiner und ich unsere Terminpläne koordinieren konnten, verging noch Etliches an Zeit. An einem Tag im Frühjahr 2013 endete ein ernsthaft als solcher zu bezeichnender Versuch die einzelnen Längen zu punkten mit einem Gewitter und dem bis dato schnellsten Rückzug aus der Tour in einem Stroboskop wild vor sich hinzuckender Blitze. Immerhin: Die Schlüssellänge wurde vom Bernhardiner im brachialsten aller Stile und vor der Kulisse eines apokalyptisch schwarzen Himmels zeitgerecht einkassiert. Mit „schön steigen“ war nicht viel zu holen (das kann der Bernhardiner ohnehin nicht), mit „schirch blockieren“ - das kann er besonders gut - schon. „8b“ spuckte die Rotpunktmaschine aus dem Osten Österreichs dafür aus und das ist durchaus ernst zu nehmen. Die Schlüsselstelle kann wegen dem folgenden Fünf-Meter-Runout nicht technisch geklettert werden und dürfte sich im Bereich 7c obligat bewegen. Be strong or go home, sagt dazu die Bedienungsanleitung.  Im Juni war es endlich soweit und uns gelang es die restlichen Längen zu punkten.

Den Namen „City Slickers“ wurde unter größzügiger Missachtung aller Copyright-Rechte vom gleichnamigen Film geklaut, in dem ein paar Großstädter aufs Land fahren und dort versuchen sich als Cowboys zu verwirklichen. Logisch, dass so etwas nie und nimmer gut gehen kann. Während unserer Zeit am Türlspitz haben wir uns nicht nur einmal mit ihnen seelenverwandt gefühlt, auch wenn die Verwirklichung wenn schon nicht als echte Cowboys so doch zumindest als Erstbegeher im legendären Dachsteingebirge letzten Endes funktioniert hat. Mehr können wir uns nicht wünschen.
(Flo Scheimpflug)

City Slickers (8b/7c obl., 300m), Türlspitz/Toter Hund, Dachsteingebirge
• Bernhard Fiedler & Flo Scheimpflug 2012-2014
• Bewertungsvorschlag der Einzelseillängen: 7c, 6a+, 8b (7c obl.), 7b, 7c+, 7b, 6c+
• Die Tour wurde ground-up und ohne vorheriges Erkunden eingerichtet.
• Bohrhaken wurden ausschließlich aus der Kletterstellung und aus Cliffpositionen gesetzt.
• Das von den Erstbegehern verwendete Material ist im Topo verzeichnet.
• Über die Tour kann abgeseilt werden.
• Fragen, Anregungen, Drohungen usw. bitte an:  floATclimax-magazine.com

PS: Starke Männer und Frauen aufgepasst! Ein durchgehender Rotpunktdurchstieg an einen Tag steht noch aus. Dem/der Vollstrecker/-in winkt Ruhm und Ehre ein Leben lang und wichtiger noch: Ein Bier oder Vogelbeerschnaps beim Walcher Hans auf Kosten der Erstbegeher! Alles Gute und hoffentlich Prost!

Text: Flo Scheimpflug

Fotos: Jakob Schrödel 

Toureninfo mit Wandfoto, GPS und Topo gibt's hier


 



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