Die Klettersteigsets der Saison 2019
07 Juni 2019

Klettersteigset-Test 2019

Die aktuellen Klettersteigsets der Saison 2019 im Vergleich – Eckdaten und praktische Anwendung am Klettersteig

Auf was kommt es bei Klettersteigsets genau an, worauf muss ich achten und wie gut geht es sich mit welchem Klettersteigset wirklich auf der Tour. Zusammen mit dem bekannten Klettersteig-Blogger Daniel Rieser haben die Jentzsch-Zwillinge (Autoren der orangen Klettersteigführer) die aktuellen Ferrata-Sets ausführlich getestet und das Pro- und Kontra der Klettersteigsets herausgearbeitet.

Das „Testgebiet“ der zwei Testreihen waren der Talbach Wasserfall Klettersteig (Tirol) und die Klettersteige beim Weichtalhaus (Niederösterreich). Wir sind die Testrunde mit jedem Set geklettert und haben danach unsere Eindrücke in diesen Test eingearbeitet: Wie liegt der Karabiner in der Hand, wie gut und schnell lässt sich dieser umhängen, verdrehen sich die Elastikarme, wenn ja, wie stark und wie gut lassen sich diese dann wieder entwirren? Wie einfach lässt sich das Klettersteig-Set an den Klettergurt (ein)binden und wieder vom Gurt entfernen, wie groß ist der Bandfalldämpfer und wie schwer ist das komplette Klettersteigset? Fragen über Fragen – hier die Antworten.

Welche Klettersteigsets haben wir getestet

AustriAlpin Hydra.Evo

Camp Kinetic Gyro Rewind Pro

Edelrid Cable Comfort 5.0

Petzl Scorpio Eashook

Salewa Ergo Zip

Skylotec Rider 3.0

Stubai Summit Light X1

Einbindeverhalten – Einbinden in die Anseilschlaufe am Hüftgurt

Hier gab es schon gewaltige Unterschiede – trotz kleinstem Bandfalldämpfer lässt sich z.B. das Petzl Klettersteigset nicht gut einbinden und vom Gurt wieder entfernen. Ähnlich Rider 3.0 von Skylotec, da muss man beim Ein- und Ausbinden auch etwas murksen. Dass das Einbinden auch mit großem Bandfalldämpfer gut geht, zeigen Salewa und Camp, dank elastischem Einbindeband.

Karabiner-Handling – Umhängen der Karabiner am Klettersteig

Bei diesem Punkt bilden sich deutlich zwei Gruppen aus – die eine Gruppe (Camp, Edelrid, Salewa, Stubai) hat einen großen Klettersteig-Karabiner mit Handballenbedienung, die anderen (Petzl, AustriAlpin, Skylotec) haben einen kleineren Karabiner, der sich mit dem Handballen nicht so gut bedienen lässt. Die Blockierklemme des Rider 3 ist so oder so ein Sonderfall – super safe, in der Bedienung aber nicht wirklich gut.

Eindrehen der elastischen Arme

Überhaupt nur bei drei Herstellern (Petzl, Edelrid und Camp) gibt es einen beweglichen Ausdrehmechanismus (Spindel), wobei dieser nur beim Camp Klettersteigset wirklich einwandfrei funktioniert, da kann kein anderer Hersteller mithalten. Bei den Klettersteigsets ohne Entdrehspindel gibt es auch Unterschiede, oft ist es die grobe Bandkonstruktion oder der große Bandfalldämpfer, der mit für das Verdrehen der Arme verantwortlich ist. Die an sich gute Zip-Konstruktion des Salewa Klettersteig-Sets ist gemeinsam mit dem sehr großen Bandfalldämpfer für das "Nicht-Verdrehen" der Arme auch nicht ideal.

Die Klettersteigsets der Saison 2019
Die drei Sets mit Drehspindel (gegen das Verdrehen der Arme) - von links nach rechts: Camp Gyro Rewind Pro, Scorpio Eashook und Edelrid Cable Comfort 5.0
Spannweite - dabei war das Salewa Klettersteigset ganz vorne.
Die Weite der Karabineröffnung und der Abstand von Finger zu Stahlseil war auch ein Thema. Links oben der kleinste (Austrialpin) und der größte (Edelrid) von den Karabinern im Test).
Die beiden Sets mit Klemme - oben AustriAlpin Hydra.Evo und unten Skylotec Rider 3.0
Die drei Sets mit Drehspindel (Edelrid, Petzl und Camp) gegen das Verdrehen der Arme - die Spindel funktioniert nur bei einem Set (Camp) wirklich gut.
Neue Norm links, alte Norm rechts - bei einigen Herstellern fällt der Bandfalldämpfer deutlich größer aus (was sich leider auf das Handling negativ auswirkt).
Die Klemme (statt Karabiner) des Rider 3.0 - diese Probleme traten bei unserem Test auf....
Daniel Rieser unterwegs mit dem Rider 3.0 von Skylotec.
Bei einigen Klettersteigsets war das Einbinden an den Klettergurt nicht so einfach.
Klettersteigset Test 2019 - Camp Kinetic Gyro Rewind Pro
Klettersteigset Test 2019 - Edelrid Cable Comfort 5.0
Klettersteigset Test 2019 - Petzl Scorpio Eashook
Klettersteigset Test 2019 - Stubai Summit Light X1
Klettersteigset Test 2019 - Salewa Ergo Zip
Klettersteigset Test 2019 - AustriAlpin Hydra Evo
Klettersteigset Test 2019 - Skylotec Rider 3.0

Detailbeschreibung der getesteten Klettersteig-Sets.

AustriAlpin Hydra.Evo: Dieses Set ist wegen dem zusätzlich integrierten Ferrata Bloc ein super Sicherheitsset. Der Ferrata Bloc (den man auch einzeln kaufen und mit anderen Klettersteigsets verwenden kann) ist quasi wie eine Rastschlinge in das Klettersteigset integriert. Die Karabiner, welche einen Geräuschschutz (sehr positiv) haben, sind aber etwas klein und das Karabiner-Verschlusssystem ist etwas gewöhnungsbedürftig. Das Verdrehen der elastischen Arme ist wegen ihrer groben Konstruktion leider etwas störend.

Das Klettersteigset ist solide und hat das große Plus vor allem im integrierten Ferrata Bloc (mit dem man sich aber auch etwas beschäftigen muss, um sicher unterwegs zu sein), welcher bei schweren Passagen mehr Sicherheit bietet. Bei Sets mit Blockiersystem unsere Nummer 1, da es bei leichten Passagen wie ein normales Klettersteigset verwendet werden kann und es auch beim Bergabklettern keine Probleme gibt.

Camp Kinetic Gyro Rewind Pro: Die Italiener haben mit dem Gyro Rewind Pro wirklich ein tolles und auch schickes Set entwickelt. Herzstück ist die Drehspindel, die mit drei Drehgelenken ausgestattet ist. Das Gyro Rewind Pro ist das einzige Klettersteigset, dessen Arme sich wirklich nicht verdrehen. Die Karabiner sind schön groß und lassen sich leicht bedienen und finden dank ihrer schmalen Schnapper Konstruktion auch in engen Kettengliedern noch Halt (dort wo dicke Karabiner nicht mehr durch passen). 

Das Gyro Rewind Pro ist ein durchwegs solides Klettersteigset, im großen und ganzen sehr hochwertig ausgeführt und sehr gut zu Bedienen. Da bei diesem Set wirklich alles passt ist das Gyro Rewind Pro auch unser klarer Testsieger!

Edelrid Cable Comfort 5.0: Ein solides, qualitativ hochwertiges Set, welches vor allem durch seine Karabiner heraussticht. Wir waren uns schnell einig – der Edelrid Karabiner ist die Nummer 1 in unserem Test, kein anderer Karabiner lässt sich so gut, zügig und einfach bedienen. Wo extrem viel Licht ist, gibt es auch Schatten. Das zusätzliche Drehgelenk, welches das Verdrehen der Arme verhindern soll, funktioniert nicht gut – man kann die verdrehten Arme aber zumindest mit dem Drehgelenk etwas schneller wieder entwirren.

Spannweite, die Größe des Bandfalldämpfers, die elastischen Arme und auch der Rest ist gut gemacht. Das Klettersteigset gehört zu den besten Ferrata-Sets in unserem Praxistest.

Petzl Scorpio Eashook: Bei diesem Set ist die Einbindeschlaufe etwas zu kurz geraten – vor allem beim Entfernen (Ausbinden) des Klettersteigsets ist das trotz Öffnen des Bandfalldämpfer-Reißverschlusses (laut Gebrauchsanweisung ist das nötig) der "Mega Murks". Leute, die aber nur Klettersteige gehen und das Set immer am Klettergurt lassen, bleiben von dieser Tortur verschont. Der Karabiner ist kleiner, lässt sich aber trotzdem erstaunlich gut bedienen. Der Anti-Verdrehmechanismus funktioniert aber nicht gut.

Das Petzl-Set hat aber einen sehr großen Pluspunkt, es ist super leicht und das leichteste Klettersteigset in unserem Test! Alpinisten werden diesen Umstand positiv zu schätzen wissen, denn auf langen Klettersteigtouren tut man sich mit leichter Ausrüstung naturgemäß einfach etwas leichter.

Salewa Ergo Zip: Dieses Set war in der alten Normausführung unser Top- Favorit – unzählige Ferratas hat Axel Jentzsch-Rabl damit bezwungen und es gab nie was zu beanstanden. Der Zip-Mechanismus, der ähnlich funktioniert wie bei einem Autosicherheitsgurt, ist das Highlight des Ergo Zip Klettersteigsets, die Karabiner (die sich auch super bedienen lassen) werden viel höher mitgeführt und man muss vor dem Umhängen nicht tief unten nach ihnen angeln. Durchaus kindertauglich, da Kids ja viel kürzere Arme haben.

Der sehr große Bandfalldämpfer und die beiden Zip-Rollen sind aber ein kleiner Showstopper was das Verdrehen betrifft, da sind andere Sets einfach besser. Die elastische Einbindeschlaufe lässt sich aber gut über den sehr großen Bandfalldämpfer stülpen, da hat einer der Konstrukteure echt mitgedacht!

Skylotec Rider 3.0: Manche schwören darauf, andere finden es nicht wirklich sexy – wir gehören zur zweiten Fraktion und können uns mit diesem Set nur bedingt anfreunden. Sicher hat die Klettersteigklemme einen riesen Vorteil (sehr kurzer Fallweg), aber eben auch viele Nachteile. Die Klemme ist nur für eine gewisse Seilstärke verwendbar, ein Messgerät ist am Set fixiert. Wenn das Seil aber zu dick bzw. zu dünn oder statt dem Seil gar eine Kette montiert ist, kann man mit dem Rider wieder nach Hause gehen oder man hängt bei Ketten einen zusätzlichen Karabiner in den Rider 3.0 ein. Dieser Karabiner (Skylotec Pinch Lock II; Preis ca. 20 Euro) ist aber nicht beim Klettersteigset dabei, die Bedienung des Klettersteigsets ist damit aber noch umständlicher. Ein Absteigen am Steig – das kommt durchaus vor – erfordert extrem viel Konzentration, da man die Klemme nicht wie beim Aufstieg einfach am Seil schiebt, sondern jedes Mal leicht öffnen muss.

Der verbleibende Karabiner gehört auch nicht zu den größten. Auch kann man bei Unebenheiten und Beschädigungen am Stahlseil die Rider-Klemme nicht mehr weiterziehen. Der Rider 3.0 ist sicher eine große Innovation, keine Frage – der Blockier-Mechanismus wird von Skylotec auch stetig weiterentwickelt (aktuell Version 3.0).

Stubai Summit Light X1: Das Klettersteigset aus dem Supermarkt (Stubai vertreibt seine Bergsportausrüstung stark in den Tiroler M-Preis Märkten) war die positive Überraschung im Test. Leicht und ohne viel Schnick-Schnack und noch dazu sehr große Karabiner, welche sich gut bedienen lassen, man kann sogar zusätzlich einen Rastkarabiner in das Set an der Metallöse direkt integrieren.

Das Stubai-Set macht auf dem Klettersteig das, was es soll, ohne groß negativ aufzufallen absolviert das Set unsere Testrunde. Fazit: Das Stubai Set ist der Preis/Leistungs-Sieger – wer hätte das nach dem Ankunft des Postpaketes,  auf dem „Vorsicht empfindliche Ware - Bruchgefahr!" stand, gedacht!

Übersicht Klettersteigset-Test 2019

 Camp Gyro Kinetic Rewind ProEdelrid Cable Comfort 5.0Stubai Summit Light X1Petzl Scorpio EashookSalewa Ergo Zip AustriAlpin Hydra.EvoSkylotec Rider 3.0
Preis Hersteller (online, ca.)139,9 (100)124,9 (96)99,9 (71,9)129,9 (99,9)159,9 (109,5)144,9 (127,4)244,9 (198,9)
Gewicht Hersteller (g)675630550470680699810
Gewicht gemessen (g)663635510508686770817
Dämpfergrößemittelmittelkleinkleingroßgroßmittel
Hängelänge entlastet (cm)86978875568080
Hängelänge belastet (cm)124130119108130114111
Spannweite (cm)182175182178196170162
Karabineröffnung (cm)33,53231,52
        
Drehrolle (Drehspindel)jaja neinjaneinneinnein
Kurzfix-Karabiner möglichneinneinjajajaFerrata BlocRider-Klemme
Praxistest (1 = sehr gut 5 = schlecht)       
Bedienung Karabiner (1-5)1121134
Einbinden (1-5)2224223
Verdrehneigung der Arme (1-5)1232442
Gesamtranking1233456
 Testsieger Preis Leistungs TippGewichtstipp   

.

Noch ein Wort zur neuen Norm

Alle von uns getesteten Sets entsprechen der neuen Norm EN 958:2017. Diese ist neben einigen anderen Verbesserungen vor allem für sehr schwere und leichte Personen interessant (ab 40kg). Klettersteiggeher mit einem Körpergewicht zwischen 50 und 90 kg können auch die alte Norm verwenden.

Gut zu wissen, dass sich bei der neue Norm auch die statische Ansprechkraft des Bandfalldämpfers vor dem Aufriss von 1,2 auf über 1,3 kN (130 kg) erhöht hat, d.h. man kann sich ins Klettersteigset behutsam reinhängen und rasten, dennoch spricht der Bandfalldämpfer bei einem leichten Sturz oder zu raschem Reinhängen leichter an (was leider bei schweren Personen oft zum ungewollten, leichten Aufreißen des Bandfalldämpfers führt….).

Fazit bergsteigen.com: Ein kleiner Überblick über die verschiedenen Klettersteigsets der Saison 2019. Sicher wird der eine oder andere die Sache differenzierter sehen als wir. Wenn man mit einem Klettersteigset länger unterwegs ist, gewöhnt man sich in der Regel besser an dessen Eigenheiten und versteht es, mit kleinen Nachteilen (Eindrehen der Arme oder kleine Karabiner) besser umzugehen. Am Stahlseil hinauf klettern muss man am Ende immer noch selber und gerade dieser kleine Kick macht den Reiz bei den Klettersteigtouren doch eigentlich aus, oder?

Gewaltige Ferrata-Touren und tolle Erlebnisse an den Eisenwegen wünschen euch für die Klettersteigsaison 2019 Daniel Rieser, Andreas Jentzsch und Axel Jentzsch-Rabl



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