Ski Mountaineering am Glacier de la Noire (c) Salewa
14 März 2022

Welche Skitourenski und Bindung braucht es für welche Skitourenart - ein Überblick

Klassisches Skitourengehen, Skimo, Freeriding, Freetouring und Skibergsteigen brauchen jeweils die passenden Ski, Skilänge, Skibreite, Radius und Bindung. Bergführer und Freerider Hannes Haberl erklärt euch den Unterschied.

 

Bei der Frage nach dem richtigen Skitourenski und der dazu passenden Bindung ist es wie im echten Leben- man fragt 5 Leute und erhält 5 komplett unterschiedliche Antworten. Ja, und warum ist das so? Relativ leichte Antwort,  weil jeder immer von seinen eigenen Bedürfnissen ausgeht.

Die unterschiedlichen Zugänge zu diesem großartigen Sport finden sich in der riesigen Produktpalette der unterschiedlichen Hersteller wieder. Deshalb ist es für Einsteiger, aber auch für Fortgeschrittene oft schwierig, das richtige Skitouren-Setup zu finden. Unter dem Setup versteht man üblicherweise die Kombination Ski-Bindung und Schuh.

Wer mit offenen Augen auf die Ausrüstung anderer Skitourengeher schaut, wird oftmals feststellen, dass das Setup willkürlich zusammengestellt ist. Paradebeispiel: Ultaleichter Rennski mit Rahmenbindung und abfahrtsorientiertem Schuh. Das wäre dann ungefähr so, als würde man sich einen Porsche zum Jagen kaufen, mit dem man über Schottenstraßen fährt.

Um bei der Wahl einer neuen Skitourenausrüstung einem Griff ins Klo vorzubeugen, sollte man sich zunächst bewußt werden, welcher Spielart des Skialpinismus man eigentlich nachgehen möchte. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen aufstiegs- und abfahrtssorientierten Skitourengehern, hier ein Überblick

 Klassisches
Skitourengehen
SKIMOFreeridingFreetouringSkibergsteigen
EinsatzgebietLeichte bis schwere Touren im freien Gelände; PistenskitourenWettkampf; Training;
Pistenskitouren
Abseits der Pisten;
Nähe zum Skigebiet
Gesamtes freies GeländeGesamtes freies Gelände, hauptsächlich schwere Touren; Rinnen, Flanken,…
Eigenschaften
der Ski
Ausgewogener Ski, was Gewicht und Breite angeht. Allrounder ohne große Stäken und Schwächen.
Vielfach Tip-Tail-Rocker-Konstruktuionen. Dadurch drehen die Ski leicht im Gelände, die Camber-Konstruktion in der Skimitte lässt einen auf der Piste auch nicht schlecht ausschauen. Beinahe jede Skifirma hat eine eigene Bezeichnung für das grundsätzlich selbe Skiprofil.
Leute, die nur Pisten gehen und eine halbwegs gute Abfahrtsperformance wollen, sollten einen etwas schwereren Ski nehmen mit genügend Kante zum schleifen!
Superleichte, kurze, gewichtsoptimierte Ski;
Einsatz von speziellen Materialien; Mix aus Leichtbauwerkstoffen, wie Holz, Karbon, Fiberglas etc.
Die meisten Hersteller produzieren Tip-Rocker Ski. Überwiegender Teil der Ski Camber-Konstruktion, nur Schaufel Rocker.
Stabiler, meist in Sandwich-Bauweise gebauter Ski.
Da Gewicht nicht die zentrale Rolle spielt, wird beim Material nicht gespart. Kanten sind z.B. massiver, was die Langlebigkeit fördert.
Viele Zugänge beim Skibau, was den Shape angeht.
Gewicht steht im Mittelpunkt! Durch den Einsatz von Leichtbauwerkstoffen (Karbon, Glasfaser, etc.) und sehr leichtem Holz (Paulowina) erhält man breite, aber turboleichte Skier. Kanten sind oftmals dünner und nicht bis ganz vorne und hinten durchgezogen.
Resultat sind Ski, die maximale Fläche bei minimalem Gewicht haben.
Vielfach Tip-Tail-Rocker mit Flat-Camber-Konstruktion. So wird der Ski einerseits spielerisch (langer Tip-Rocker) und gleichzeitig stabil für höhere Geschwindigkeiten.
Tendenziell kurze Skier, die leicht zu drehen sind bzw. mit denen man in Rinnen oder steilen Flanken „umspringen“ kann.
Ebenfalls leichte Skier, da die Gesamtausrüstung leichte gehalten werden sollte.
Keine starke Taillierung, da man den Kantengriff unter dem Schuh spüren muss.
Ski nicht zu breit, da bei Querungen sonst zu viel Muskelarbeit für Stabilisierung verrichtet werden muss.
Längere effektive Kantenlänge ist bei dieser Spielarte von Vorteil.
OrientierungAusgewogenAufstiegsorientierungAbfahrtsorientierungAbfahrtsorientierungAusgewogen
Stärken/Schwächen
Vorteil/Nachteil
Weder, noch! Die Hersteller produzieren ausgezeichnete eierlegende Wollmilchsäue.
Da diese Kategorie sehr breit gefächert ist und es viele Anbieter gibt, die spezielle Features und Technologien anbieten, ist es für Käufer schwer, einen Überblick zu haben. Gute Nachricht: Es gibt keine schlechten Ski!

Entscheidend sind Körpergröße, Gewicht und skifahrerisches Eigenkönnen. Den Rest macht der gute Fachhandel!
Der Vorteil liegt eindeutig im Aufstieg, da man quasi ein Nichts an den Füßen hat.
Der Nachteil liegt eindeutig in der Abfahrt. Vor allem auf eisigen Kunstschneepisten ist oft nicht mehr als rutschen drinnen.
Beste Abfahrtsperformance!

Stabilität der Skier lässt sie zu „Schienen“ werden, was bei Bruchharsch und andern schlechten Schneearten von Vorteil ist. Außerdem kann man höhere Geschwindigkeiten fahren.
Großes Minus in Bezug auf das Gewicht. Schränkt die Reichweite massiv ein.
Eingeschränkter Einsatzbereich, da es Pulverschnee und Liftinfrastruktur braucht.
Bei gutem Schnee das optimale Gerät für sehr viel Spaß. Surffeeling!
Gegenüber „normalen“ Tourenskiern sind viel höhere Geschwindigkeiten aufgrund des größeren Auftriebs möglich.
Eingeschränkter Einsatzbereich: Lohnen sich nur an Tagen mit Pulverschnee.
Freetouring Ski sinken beim Spuren im Aufstieg weniger ein, was Kraft spart. Jedoch haben sie bei harten Querungen den Nachteil, dass man den Ski aktiv stabilisieren muss, was auf Dauer sehr anstrengend sein kann. Aufgrund der Leichtbauweise „flattern“ sie bei Bruchharsch.
Eingeschränkte Nutzung von bereits vorhandenen Spuren im Aufstieg: Spur muss mit einem Ski verbreitert werden.
Vorteile im Aufstieg, da der Ski leicht ist. Wegen der geringen Taillierung der Ski hat man den Vorteil, dass man besseres Gespür für den Schnee hat (besserer Kontakt) und damit Sicherheit gewinnt.
Mit den kurzen Skiern ist man wendiger, kann im steilen und engen Gelände „umhüpfen“.
Nachteile in der Abfahrt aufgrund des verminderten Auftriebs der kurzen Ski.
AdressatenAlle, die sich im Winter gerne im Schnee und auf Skiern bewegen.Wettkampfsportler,
Kondischweine
Alle Powdersüchtigen, die permanent vor Webcams und Wetterberichten sitzen und den Sommer nicht aushalten.Alle Powdersüchtigen, die permanent vor Webcams und Wetterberichten sitzen und den Sommer nicht aushalten. Zusatz: Diejenigen, die den Wahnsinn an Powdertagen im Skigebiet nicht mehr aushalten und in die Wildnis flüchten.Alle, für die „normales“ Skitourengehen zu langweilig ist und die nach neuen Linien suchen. Zusatz: Eine Skitour ohne psychisch bedingten Schweissausbruch bleibt selten im Gedächtnis.
SkilängenJe nach Fahrkönnen Körperlänge plus/minus 5-10cmMindestlänge ♀151cm
Mindestlänge ♂161cm
Körperlänge plus 10 cm oder mehrKörperlänge plus 5 - 10cmAbhängig vom Gelände; Körperlänge minus 20 - minus 10cm
Skibreiten Mitte70 - 100 mmrund 65 mm100 mm - ∞100 - 120mmIndividuell; um 85mm; abhängig von Gelände und Schnee
Gewicht
(Einzelski in kg bei ca.188cm)
1,3 - 1,5kg/Ski
Länge 185cm
700g/Ski
Länge 160cm
2-2,2 kg/Ski
Länge 185cm
1,6-1,8kg/Ski
Länge 185cm
Eher leichte Ski
BindungKlassische Pin-Bindungen
z.B. Fritschi Vipec Evo
1160g als Paar + Stopper
Wettkampfbindungen:
z.B. ATK Revolution WC 2021
210g als Paar ohne Stopper
Bindungen ohne Gehmechanismus:
z.B. Marker Jester 18 Pro ID
Bindungen mit Gehmechanismus:
z.B. Marker Duke PT 16
Pinbindungen mit erhöhter Kraftübertragung
z.B. Fritschi Tecton12
Gewichtsreduzierte Pin-Bindungen
z.B. Fritschi Xenic 10
Radius < 25m
Meist unter 20m
24m
Skilänge 161cm
20 - 30m20-25mIndividuell

Text: Hannes Haberl, IVBV Berg- und Skiführer/bergsteigen.com

Ski Mountaineering am Glacier de la Noire (c) Salewa
Skimo bei der Dachstein Extreme (c) Markus Kreiner
Am Ski Olymp in Griechenland (c) bergsteigen.com
Das klassische Skitourengehen (c) Hannes Haberl
Beim Pistengehen auf der Wurzer-Alm
Freeriding in San Martina di Castrozza (c) Salewa
Skibergsteigen am Schneeberg (c) Michael Kräftner


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